"Die deutsche Brille absetzen"
Unter welchen Bedingungen arbeitet ein deutscher Auslandskorrespondent in den Vereinigten Staaten? Was macht die Arbeit eines amerikanischen Journalisten in Deutschland aus? Wie hat sich die deutsch-amerikanische Berichterstattung seit dem 11. September 2001 verändert? Diese und andere Fragen beantwortet "Transatlantic Reporting" – ein neues Arbeitsheft der Reihe "Internationaler Journalismus", die an der Universität Dortmund erscheint.
Dortmund. "Transatlantic Reporting", ein Arbeitsheft in englischer Sprache, richtet sich an Korrespondenten und all jene Journalisten, die sich überlegen, eines Tages für ihre Heimatredaktion aus dem Ausland berichten zu wollen. Das Autorenteam bilden Julia Lönnendonker, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Journalistik der Universität Dortmund und am Erich-Brost-Institut, sowie Pia Nitz und Sonja Stamm, beide Journalistik-Absolventinnen der Universität Dortmund.
Transatlantische Besonderheiten
Das Bemühen, bei allen Aspekten sowohl die europäische als auch die amerikanische Perspektive zu berücksichtigen, zieht sich wie ein roter Faden durch die Publikation. Das neue Heft will Arbeitsmethoden und Routinen von Auslandskorrespondenten untersuchen. Dies geschieht mit Hilfe von Interviewfeldstudien, die mit amerikanischen Auslandskorrespondenten in Europa sowie mit ihren deutschen Kollegen in Amerika betrieben wurden. Dadurch ist es den drei Autorinnen möglich, einen Vergleich zwischen den Arbeitsbedingungen diesseits und jenseits des Atlantiks zu ziehen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der jeweiligen landestypischen Gegebenheiten herauszufinden und präzise darzustellen.
Julia Lönnendonker über die Kosten von Korrespondenten (28 Sek., 445 KB)
Selbsteinschätzung der Auslandsjournalisten
Bei den Analysen geben Lönnendonker, Nitz und Stamm einen guten Überblick: Sie stellen jeweils Interviews mit amerikanischen und deutschen Korrespondenten gegenüber und analysieren sie unter einem gemeinsamen Kriterium. Dabei vermittelt sich dem Leser auch das Bild, das sich Korrespondenten von ihrer Arbeit machen. Es zeigt sich, dass die Selbsteinschätzung amerikanischer Journalisten von der ihrer deutschen Kollegen erheblich abweicht. Während die Amerikaner ihre Arbeit vor allem nach aktuellen Brennpunkten der Weltpolitik ausrichten, bemühen sich ihre europäischen Kollegen zumeist um eine kontinuierliche Berichterstattung über den politischen Alltag in ihrem Gastland. Aspekte des Journalistenhandwerks wie "Themenfindung" oder "Recherche" kommen dabei ebenso zur Sprache wie diplomatische Irritationen, von denen nicht nur Außenpolitiker, sondern auch Korrespondenten betroffen sind. So ist es für deutsche Journalisten seit der Präsidentschaft von George W. Bush deutlich schwieriger geworden, zu einer Pressekonferenz im Weißen Haus zugelassen zu werden.
Immer noch von Männern dominiert
"Der typische Auslandskorrespondent ist männlich, Mitte 40 und hat etwa zehn bis zwanzig Jahre Berufserfahrung", sagt Julia Lönnendonker. "Wenn ein deutscher Korrespondent die Chance hat, nach Amerika zu gehen, so bedeutet das für ihn einen großen Karrieresprung. Für seine amerikanischen Kollegen gilt jedoch das Gegenteil. Die meisten von ihnen finden Europa eher uninteressant. Zurzeit sind die Kriegsschauplätze im Irak und in Afghanistan einfach interessanter."
Julia Lönnendonker über den Vorteil von Auslandskorrespondenten (38 Sek., 602 KB)
Perspektivwechsel
Das Arbeitsheft "Transatlantic Reporting" wurde von der Humboldt-Stiftung Berlin im Rahmen des Forschungsprojektes "Transatlantic Foreign Correspondents" gefördert. Auf deutscher Seite wurde die Dortmunder Studie von Gerd G. Kopper, emeritierter Professor für Internationalen Journalismus an der Universität Dortmund, betreut. Kopper veröffentlichte auch das Buch "How are you, Mr. President?" (Link) – die zweite Publikation, die neben dem Arbeitsheft "Transatlantic Reporting" im Rahmen des Projektes der Humboldt-Stiftung erschienen ist.
In den Interviews äußern sich die Journalisten aber auch über neu entwickelte Kommunikationstechniken wie das Internet oder das Handy und deren Konsequenzen für ihre alltägliche Arbeit. Als entscheidend für ihre Korrespondententätigkeit empfinden die meisten der Befragten, dass ein allgemeines öffentliches Interesse an ihrer Arbeit besteht. Ferner spielt die politische Großwetterlage eine wichtige Rolle. So spürt es der Auslandskorrespondent meist als erster, wenn sich zwischen Heimat- und Gastland diplomatische Irritationen anbahnen.
Wie eigene Einstellungen beeinflusst werden können, wenn man längere Zeit im Ausland lebt, das weiß auch Julia Lönnendonker: "Das nennt sich ,going native’. Irgendwann hat der Journalist nicht mehr diese ,deutsche Brille’ auf, sondern wird selbst zum Amerikaner." Das wirkt sich auch auf die objektive Berichterstattung aus, denn "irgendwann findet man das gut, wie die Amerikaner leben. Ich habe mich selbst dabei ertappt, dass ich ihre Gewohnheiten bei meinen deutschen Freunden verteidigt habe. Das war fast wie eine Art Gehirnwäsche", erinnert sich Julia Lönnendonker an ihre Studienzeit in den Vereinigten Staaten.
"Bruno, der Bär" und andere Alltagsgeschichten
Die amerikanischen Korrespondenten berichteten, dass bei US-Medien seit 09/11 die Motivation deutlich gestiegen ist, auch einen Blick über die Grenzen des eigenen Landes zu werfen. Das neu erwachte Interesse gilt nicht nur aktuellen Kriegsschauplätzen, sondern generell fremden Kulturen und Religionen. So sind etwa muslimische Gemeinden innerhalb der EU für Amerikaner inzwischen ein spannendes Medienthema, seien es nordafrikanische Muslime in Frankreich oder türkische Einwanderer in Deutschland.
Julia Lönnendonker ergänzt: "Die EU-Politik ist für Amerika nicht so interessant, daher weichen viele Medien auf softere Themen aus – so genannte ,human interest stories’. Das können irgendwelche Fashion-Shows sein oder auch das tragische Ende von Bruno, dem Braunbären."
Eine Forschungslücke wird geschlossen
Neben solchen Analysen bietet das Arbeitsheft interessante Einblicke in den Beruf des Auslandskorrespondenten. "Damit bearbeiten wir ein Feld, das schon allzu lange brach liegt, denn die letzten Studien zu diesem Thema stammen aus den 1970er Jahren", sagt Julia Lönnendonker. Sie zeigt sich zufrieden mit den Ergebnissen ihrer Forschung: "Was die amerikanische Recherche betrifft, haben wir eine nahezu vollständige Erhebung erreicht. Mehr als 80 Prozent der zurzeit in den USA tätigen Korrespondenten konnten in unserer Studie berücksichtigt werden", freut sich die Wissenschaftlerin. "Sie fanden sich übrigens nach eigener Aussage durchaus treffend portraitiert. Das zeigen die vielen positiven Rückmeldungen, die wir von den Kollegen nach der Lektüre des Arbeitsheftes bekommen haben."
Im Erich-Brost-Haus hofft man auf weitere Anschlussprojekte dieser Qualität. In nahezu allen Ländern der Erde arbeiten Auslandskorrespondenten, die entscheidend dazu beitragen, unser Weltbild zu prägen – nur hat ihnen die Wissenschaft bislang kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Julia Lönnendonker und ihre Kolleginnen haben mit "Transatlantic Reporting" einen ersten Schritt dazu getan, dass dies nicht so bleibt.
Projekt "Transatlantic Reporting"
"Adequate Information Management in Europe" (AIM), ein Anschlussprojekt im Erich-Brost-Haus
Text und Fotos: Cora Theobalt


