Die Zukunft liegt im Internet
Vor sechs Wochen hat Monika Piel den Job von Fritz Pleitgen als neue Intendantin des Westdeutschen Rundfunks übernommen. Im Gespräch mit dem Medien Monitor erklärt die 56-Jährige, wie sich der WDR in Zukunft auch im Internet etablieren und so ein neues Publikum gewinnen möchte.
Frau Piel, welchen Herausforderungen muss sich der WDR in Zukunft stellen?
Monika Piel: Die größte Herausforderung für den WDR – genauso wie für alle anderen Radio- und Fernsehanbieter auch – ist die Konvergenz der Technikplattformen. Dabei handelt es sich in erster Linie um Techniken, die internetbasiert sind, wie IP-TV und weitere Zusatzdienste im Internet. Ich sehe die Entwicklung aber nicht dahin gehend, dass die Inhalte zusammenwachsen oder dass das Internet die klassischen Medien ablösen wird. Radio und Fernsehen werden noch eine lange Zukunft haben und weiterhin unsere Hauptangebote bleiben, in die wir die größten Kapazitäten und auch den Großteil unseres Budgets stecken werden. Aber durch die neuen Techniken wird es viele neue Zusatzangebote zu den klassischen Medien geben.
Was werden das für Zusatzangebote sein?
Piel: Das werden zum einen Programminhalte sein, die man zeitunabhängig nutzen kann, wie Video-On-Demand oder Podcast. Daneben wird es mobile Angebote wie Handy-TV geben. Wobei man realistisch sagen muss, dass sich niemand einen Spielfilm auf dem Handy ansehen wird. Das können immer nur sehr kurze Häppchen sein. Die Entwicklung zu ortsunabhängigen Inhalten wird sich eher auf das Radio beziehen, das eben ein typisch mobiles Medium ist, mit einer gewissen visuellen Begleitung. Eine weitere Herausforderung ist, dass es durch die internetbasierten Techniken eine Explosion von Anbietern auf dem Markt geben wird. Im Bereich Internetradio ist dies jetzt schon der Fall.
Wie will sich der WDR gegen diese Anzahl von Anbietern in Zukunft behaupten?
Piel: Ich sehe die Fülle von neuen Anbietern nicht als Bedrohung, sondern in erster Linie als eine große Chance für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die neuen Anbieter sind kommerzielle Anbieter. Es wird nicht mehr lange dauern, bis man für alles, was man im Internet ansehen oder downloaden möchte, bezahlen muss. Das ist auch verständlich, denn kommerzielle Anbieter wollen und müssen Geld verdienen. Es wird aber viele Menschen geben, die diese Angebote nicht nutzen können, weil sie nicht so viel Geld zur Verfügung haben. Bei uns dagegen zahlen die Menschen über die Rundfunkgebühr die digitalen Zusatzangebote mit. Gleichzeitig wissen unsere Nutzer, dass wir unabhängige und glaubwürdige Informationen bieten. Ich sehe es auch als gesellschaftliche Aufgabe an, dass alle an diesen neuen Entwicklungen teilhaben können.
Weiteres Engagement bei Second Life nicht vorgesehen
Vor kurzem hat der WDR die Sendung Echt Böhmermann vorab in Second Life ausgestrahlt. Ist das nur ein einmaliges Projekt gewesen? Oder werden Sendungen, die eigentlich für das Fernsehen produziert sind, jetzt immer zuerst auf einer Online-Plattform präsentiert?
Piel: Wir werden auch in Zukunft vorab Sendungen im Internet ausstrahlen. Uns geht es dabei darum, ein neues Publikum zu erschließen. Über das Netz wollen wir ein junges Publikum auf uns aufmerksam machen, das nicht mehr von allein das WDR-Programm einschaltet. Im Fall von Echt Böhmermann war das ein interessantes Experiment. Wir wollen das jetzt aber erst einmal auswerten. Ein weiteres Engagement bei Second Life ist zurzeit nicht vorgesehen, aber grundsätzlich nicht ausgeschlossen.
Um auch jüngere Leute wieder für das WDR-Programm zu begeistern, startet der WDR in diesen Tagen einige neue Fernseh-Projekte. Die neuen Sendungen haben alle das Wort "Echt" im Titel. Echt Böhmermann ist eine Comedy, die gesellschaftlich relevante Themen diskutiert (freitags, 23.05 Uhr). Die Reportagereihe Echt im Leben begleitet junge Leute an einem wichtigen Tag in ihrem Leben (mittwochs, 23.15 Uhr). Die Talkshow 100% gefühlsecht beschäftigt sich mit den Themen Liebe, Lust und Freundschaft (ab 16. Mai, 23.15 Uhr). In der Dating-Show Echt verliebt suchen drei Freunde für einen Freund einen Partner (ab 25. Mai, 23.00 Uhr). Am 11. Juni startet außerdem mit echtzeit ein neues Politikformat. Probleme aus Politik und Gesellschaft, die junge Leute betreffen, werden aus deren Perspektive erzählt.
Wie erfolgreich sind denn die Webchannels Eins Live Kunst und Kiraka, die vor etwa einem Jahr im Internet gestartet sind?
Piel: Zur Nutzung der Webchannels liegen uns noch keine Zahlen vor. Wir können die Akzeptanz dieser Webchannels nur über Anrufe der Hotline und Rückmeldungen der Hörer messen. An der Resonanz merken wir, dass die Angebote von einem speziellen Publikum sehr geschätzt werden. Eins Live Kunst zum Beispiel ist einmalig in Deutschland. Es gibt viele junge Leute, die sich für Kunst interessieren. Die finden es toll, wenn sie das Kulturprogramm mit Popmusik hören können und die Beiträge nicht nach der eisernen Regel "Kultur muss mit klassischer Musik laufen" gestaltet sind.
Werden die Webchannels in Zukunft die klassischen Radiosender ablösen?
Piel: Die Webchannels konkurrieren nicht mit den klassischen Radioprogrammen, sondern ergänzen sie. Alle Beiträge dort sind zuvor schon im klassischen Radio gelaufen. Ich finde das eine großartige Möglichkeit, diese oft sehr aufwändigen Produktionen im Netz noch einmal neu zu bündeln und unserem Publikum anbieten zu können.
Erstes trimediales Regionalstudio eröffnet
In Siegen haben Sie Mitte April das erste trimediale Regionalstudio eröffnet. Was bedeutet das für die Arbeit der Redakteure?
Piel: Siegen ist unser Musterstudio. Ein Beispiel dafür, dass die Technik zusammenwächst und nicht die Inhalte. Jeder Redakteur kann an seinem Arbeitsplatz für alle drei Medien arbeiten. Er kann Videos und Töne schneiden und Beiträge ins Internet einstellen. Diese Technik wird auch in den anderen Landesstudios Standard werden.
Sind die Redakteure dazu angehalten, für alle drei Medien zu arbeiten?
Piel: Wir haben auch weiterhin Redakteure, die für Fernsehen oder Hörfunk zuständig sind. Und fürs Internet arbeiten sowieso immer alle. Unsere Hauptwege sind immer noch die klassischen, linearen Programme. Um dort höchste Qualität bieten zu können, muss sich der Redakteur mit dem Medium identifizieren und sich dort zu Hause fühlen. Bei aktuellen Ereignissen ist es notwendig, jedes Medium schnell und in bester Qualität zu bedienen. Deshalb arbeiten in dem Fall immer mehrere Redakteure an dem Thema. Wenn es sich allerdings um ein Thema handelt, bei dem der Redakteur ausreichend Zeit hat, steht einer Bearbeitung für alle drei Medien nichts im Wege. Das geht dann nicht auf Kosten der Qualität.
Die Politische mit der Handtasche - Ein Portrait über Monika Piel
DAB - War das was?!
WDR-Pressemitteilung über das trimediale Studio Siegen
Kiraka – WDR-Webchannel für Kinder
Eins Live Kunst – WDR-Webchannel
Das "Echt-im-Netz-Forum" des WDR
Text: Kerstin Lottritz
Fotos: WDR


