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Internet-Offensive

Die "Youtube-Kanzlerin" und die neuen Medien

Das Internet gilt als Medienlandschaft der unbegrenzten Möglichkeiten. Da liegt es nahe, dass insbesondere Politiker das Potenzial des neuen Mediums voll ausschöpfen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Youtube-Aktion sind das jüngste Paradebeispiel. Politiker online - sieht so die Politikvermittlung der Zukunft aus? Medien Monitor sprach mit Kathrin Rucktäschel, Politik- und Medienwissenschaftlerin an der TU-Dortmund.

Sieht in neuen Medien eine Bereicherung für den politischen Diskurs: Kathrin Rucktäschel, Politik- und Medienwissenschaftlerin der TU-Dortmund.

Viele User waren enttäuscht von der Youtube-Aktion. Sind Online-Portale wirklich das neue Erfolgsrezept der Politiker?

Es gibt kein Erfolgsrezept für Politiker, weil Politik sich an Zielgruppen richtet. Die ist beim Youtube-Nutzer eine ganz andere als bei den klassischen Zeitungslesern. Der Youtube-Nutzer ist nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerungsstruktur. Statistiken gehen davon aus, dass der klassische Youtube-Nutzer zwischen 16 und 24 Jahren alt ist. Das ist die Generation der Erstwähler. Man hat sich daher schon etwas dabei gedacht, wenn man versucht, an diese heranzukommen. Vom Ansatz her ist das eine sehr gute Idee. Eines der großen Schlagwörter war die Bürgernähe. Hinsichtlich der Enttäuschung, die von den Nutzern ausgedrückt wurde, muss man hier auch die unterschiedlichen Erwartungshaltungen sehen. Das war von Seiten der Initiatoren eine ganz andere als von den Nutzern. Das Konzept, dass man sich direkt an den Bürger wendet und dieser sofort Zwischenfragen stellen kann, hatte die Youtube-Aktion der Bundeskanzlerin nicht. Es waren vorgefertigte Antworten. Der Nutzer konnte nicht in eben dem Moment der Kanzlerin sagen, dass sie doch bitte mal etwas präziser antworten soll. Der Nutzerkreis war zudem sehr gering. Knapp 30.000 Nutzer sind nicht viel, verglichen mit 30 Millionen deutschen Youtube-Nutzern. Online-Portale sind eine neue Möglichkeit, sich im Rahmen der politischen PR zu präsentieren und eine gewisse Interaktivität zu erreichen.

Merkels konservative CDU gilt traditionell als wenig "netzaffin". Die Partei wolle mit ihrer Internet-Offensive ihr Image aufpolieren, heißt es in vielen Foren. Wer profitiert letztlich von dem Frage-Antwort-Spiel, der Medien nutzende Bürger oder die CDU selbst?

Das ist ein gegenseitiger Nutzen. Man muss stark unterscheiden zwischen Angela Merkel und der CDU. Merkel gilt als bekennende I-Pad-Userin und sehr netzerfahren. Merkel selbst hatte nie dieses konservative "Nicht-Internet"-Image. Grundsätzlich kann man aber sagen: Natürlich wollte sie damit eine neue Zielgruppe ansprechen und vielleicht auch ihr Image etwas moderner gestalten. Man kann andererseits nicht schließen, dass nur die CDU oder die Bundesregierung in diesem Fall von der Aktion profitiert. Frau Merkel kann mit diesem Auftritt keine Werbung für ihre Partei machen, weil er aus Staatsmitteln finanziert ist. Es ist vielmehr ein öffentlichkeitswirksamer Auftritt für die Regierung, nicht aber für die CDU an sich. Im Übrigen entscheidet der Nutzer selbst, ob er sich das anschaut oder nicht. Die Bundeskanzlerin nutzt seit 2006 Podcasts - trotzdem ist das bis jetzt nicht besonders populär.

Es ist nur schwer zu überprüfen, ob die Macher das Voting verändert haben - etwa zugunsten "angenehmerer" Fragen. Wie transparent und ehrlich ist die Vermittlung von Politik und Bürgernähe dann noch?

Letztendlich hat die Regierung versichert, dass ein Google-Service die Fragen ausgewählt hat. Es standen keine Menschen dahinter, sondern eine Maschine. Wie die Vorauswahl an Fragen getroffen wurde, die dann öffentlich gemacht wurden, das ist ein wenig intransparent gewesen für den einzelnen Nutzer. Andererseits ist nachvollziehbar: Je nachdem, wie viele Leute für eine Frage gevotet haben, hat diese Frage sich nach oben gearbeitet. An den Fragen sieht man, dass das, was für einen persönlich entscheidend ist, nicht für den politischen Bereich entscheidend sein muss. Unter Bürgernähe versteht zudem jeder etwas anderes.

Das Format ist im Aufbau so angelegt wie eine Chart-Show. Die zehn Fragen werden von hinten nach vorne beantwortet. Zusätzlich sorgen heikle Themen für einen gewissen Unterhaltungswert. Lässt sich Politik durch das Internet besser vermitteln als durch Tageszeitungen?

Nein. Ich würde sogar behaupten, dass das grundsätzlich gar nicht vergleichbar ist. Hier kommt wieder die Rückorientierung auf die Zielgruppen ins Spiel. Es sind zwei komplett unterschiedliche Arten der Vermittlung. Die Tageszeitung hat eine umfassende Recherche von Journalisten im Hintergrund. Diese ordnen das Ganze dann gleich thematisch für den Leser ein, während das Youtube-Format die thematische Einordnung nicht vornimmt. Frau Merkel hat selbst die Antworten gegeben. Es gab keine Vermittlungsinstanz wie den Journalisten. Das erzeugt einerseits ein Gefühl der Nähe, andererseits sind Journalisten eine Instanz, die kritisch reflektiert und einordnet. Das fehlt hier, der Bürger muss sich selbst eine Meinung bilden. Das Internet ist definitiv nicht das Allheilmittel. Es wird Zeitungen in der Bedeutung der Berichterstattung so schnell nicht verdrängen.

Youtube-Aktion

Die Bundesregierung hatte unter dem Motto: "Sie fragen, die Kanzlerin antwortet" Bürger aufgerufen, Fragen an Kanzlerin Angela Merkel zu stellen. Die User stellten mehr als 1800 Fragen und ordneten sie nach ihrer Wichtigkeit. Die zehn populärsten Fragen beantwortete die Kanzlerin in drei Blöcken - von hinten nach vorne, wie in einer Chart-Show. Das letzte der drei Youtube-Videos ging am 23. November 2011 online.

Merkel beantwortet die Fragen sehr knapp, höchstens 2:10 Minuten im Durchschnitt. Ist das genug?

Das ist natürlich nicht genug Zeit. Da gilt ungefähr dasselbe, wie für eine Berichterstattung im Fernsehen: Der begrenzte Zeitrahmen ist ein Problem. Es kann nicht deutlich gemacht werden, was der ganze Hintergrund von einem Thema ist. Wenn man sich die Fragen und Antworten genau anschaut, geht sie nur auf Teilaspekte der Fragen ein. Das ist eine bewusste Entscheidung und hat mit einem gewissen Selektionsprozess seitens Angela Merkels zu tun, das ist ein Instrument, das Politiker grundsätzlich nutzen. Es ist legitim, stößt aber in so einem Fall extrem ins Auge, weil jeder vorher die Fragen lesen konnte und merken kann, dass Merkel sie jetzt nicht so beantwortet hat, wie man es erwarten würde. Das ist etwas unglücklich gewesen, da es die hintergründigen Entscheidungsprozesse deutlich macht, wenn man nicht auf eine Frage eingeht.

Die Reichweite des Internets ist enorm. Parteien haben gerade erst angefangen neue Zielgruppen zu erschließen. Sehen Sie den Trend, sich in neuen Medien zu präsentieren, als eine Bereicherung für den politischen Diskurs?

Ja, ich sehe es als eine Bereicherung. Das ist so, weil von Generation zu Generation der Trend zum Internet als alltägliches Medium zunehmen wird. Die jüngeren Generationen wachsen bewusst damit auf, dass Informationsbeschaffung über das Internet möglich ist. Man sieht andererseits aber auch, dass - obwohl ein größerer Teil der Bevölkerung online ist - nur ein kleiner Teil der Bevölkerung explizit über das Internet von der Aktion erfahren hat und bewusst dort rezipiert hat. Die Reichweite, die die Aktion jetzt in der Öffentlichkeit hat, ist vor allem der Berichterstattung der klassischen Medien zu verdanken.

Sie haben Politik- und Medienwissenschaften studiert. War das Internet als Politikvermittler da auch schon Thema?

Es war ein Thema in meinem Studium, wenn auch kein Hauptschwerpunkt. Als ich angefangen habe zu studieren war die Bedeutung noch nicht so abschätzbar wie heute. Deutschland hinkt den USA in der Entwicklung immer ein wenig hinterher. Die USA waren zu dem Zeitpunkt sicherlich schon weiter mit der Nutzung der Interaktivität und den Möglichkeiten. Die Parteien nutzen das Internet heute und versuchen sich auch stärker darin einzubringen, selbst zu präsentieren. Es wird aber noch ein langer Weg sein, bis man etwas weiter und offener ist gegenüber dem Netz.

Auf welche Frage hätten Sie sich von der Kanzlerin eine Antwort gewünscht?

Es ist interessant, dass die ausgewählten Fragen alle innenpolitisch ausgerichtet waren. Die Euro-Krise hat keine Rolle gespielt, andere internationale Entwicklungen haben keine Rolle gespielt. Ich würde aus der Perspektive einer Politikwissenschaftlerin die großen Zusammenhänge wie die Euro-Krise spannender in der Beantwortung finden. Was den Bürger interessiert hat, war das, was für ihn im Alltag nachvollziehbar ist. Da merkt man die unterschiedlichen Prioritäten: Die politische Ebene, die das große Ganze im Blick haben muss und der Bürger, der für sich selbst Anspruch erhebt. Politik kann heute gar nicht mehr rein national argumentieren und agieren. Vor allem das Internet, das viele von uns nutzen und als angenehm für unseren Alltag definieren, ist ein gutes Beispiel für diese Globalität. Vielen Leuten ist nicht bewusst, dass neben dem positiv assoziierten Internet Globalisierung noch in anderen Bereichen eine Rolle spielt. Das ist die Diskrepanz zwischen dem, was der Bürger erwartet und dem, was die Politik leisten kann.

Externe Links

Die Youtube-Aktion im Spiegel

Die Youtube-Aktion im Focus

Text: Lena Beneke
Bilder: Lena Beneke - Teaserfoto: Carl-Ernst Stahnke / pixelio.de

Veröffentlicht: 07.12.2011
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