Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters
In Krisengebieten wie dem Mittleren Osten wird Journalismus zur kulturellen und ethischen Herausforderung. Alle Betroffenen haben eigene Interessen, eigene Ziele, eigene Überzeugungen. Objektiv zu sein ist schwierig - und manchmal auch lebensgefährlich.

- Standbild aus dem Video: Mohammed al-Durrah und sein Vater suchen Deckung
Die Bilder aus dem Jahre 2000 gingen um die Welt: Ein Vater, Jamal al-Durrah, mit seinem Sohn Muhammad, zusammengekauert hinter einem Zementblock, mit dem Rücken gegen eine Mauer gelehnt. Sie versuchen verzweifelt, sich vor den Kugeln zu schützen, die man auf sie feuert. Plötzlich verdeckt eine Staubwolke die Sicht. Als das Bild wieder klar wird, liegt der Junge bewegungslos in den Armen seines Vaters – offenbar tot.
Die Aufnahmen des palästinensischen Kameramanns für den französischen Sender France 2 lösten weltweit Entsetzen aus, zeigten sie doch offensichtlich, wie israelische Truppen kaltblütig auf palästinensische Zivilisten feuerten. Das Video machte den Jungen in den Augen der arabischen Islamisten zum Märtyrer im Kampf der Palästinenser gegen die israelischen Besatzer. Aber schon nach kurzer Zeit wurden Zweifel an der Echtheit des Videos laut. Nachforschungen ergaben, dass die Israelis Vater und Sohn von ihrer Stellung aus eigentlich nicht hätten treffen können. Diese und andere Widersprüche werten Kritiker als Beweis dafür, dass die Szene von den Palästinensern inszeniert worden war.
Objektivität oder Gemeinschaftssinn?
Ein gestelltes Video, um die Welt auf das Leid des eigenen Volkes aufmerksam zu machen? Ein unentschuldbarer, ja krimineller Verstoß gegen die Regeln journalistischen Handelns? Oder ein verständlicher Akt der Widerstandes? In vielen Ländern gelten Objektivität und Genauigkeit als oberste Gebote der Berichterstattung. Aber wie lassen sich diese Ansprüche einhalten, wenn der Krieg nicht viele tausend Kilometer entfernt, sondern vor der eigenen Haustür ist? Wie neutral kann ein Journalist berichten, wenn sein eigenes Volk in einen Konflikt verwickelt ist?
"Wir berichten aus einer Gemeinschaft für eine Gemeinschaft", sagt David Witzthum, Chefradakteur des israelischen Fernsehsenders Channel 1. Dabei sei es wichtiger, auf die Bedürfnisse der Gesellschaft einzugehen, als so präzise wie möglich zu berichten. Auch Witzthums palästinensischer Kollege betont, sein Sender sei daran interessiert, die Probleme seiner Gemeinschaft anzusprechen. Offenbar verschieben sich die Prioritäten, je direkter die Journalisten von einem Konflikt betroffen sind. "Zeugenschaft bezogen auf Ereignisse wird umso schwieriger, je mehr ich als Berichterstatter Teil des kulturellen Systems bin, über das ich berichte", sagt auch Claus Eurich, Professor am Institut für Journalistik der TU Dortmund. "Vor allem dann, wenn es um Krisen geht, die ein Land, eine Region existenziell und im kulturellen Selbstverständnis betreffen." Dass dieses Problem nicht nur Regionen wie den Mittleren Osten betreffe, zeige sich unter anderem an der Kriegsberichterstattung der US-Medien. Diese hatten sich besonders während des Irak-Kriegs eher als glühende Patrioten denn als kritische Berichterstatter hervorgetan.
Kritik kann tödlich sein
Doch gerade im Nahen und Mittleren Osten sind die Umstände der Berichterstattung besonders heikel. Nicht nur die Journalisten tragen kulturelle Scheuklappen. "Die meisten arabischen Medien sind unter Kontrolle der Regierung, und die hat eine klare politische Aussage: ‚Demokratie ist tödlich’ ", erklärt der jordanische Journalist Salameh Nematt. Dementsprechend würden Fakten verzerrt oder verschwiegen und manche Themen gar nicht erst angesprochen. Sich nicht an die Vorgaben der Regierung zu halten, sei gefährlich: "In einigen Ländern kann kritischer Journalismus dich umbringen". Obwohl die Pressefreiheit in manchen arabischen Staaten im Gesetz verankert ist, sieht die Realität einem Bericht der Heinrich-Böll-Stiftung zufolge meist ganz anders aus. Immer wieder werden Journalisten verhaftet, gefoltert, umgebracht. Lediglich die relativ neuen, länderübergreifend berichtenden Satellitensender wie Al Jazeera und Al Arabia können es sich leisten, Tabuthemen offen anzusprechen und sich an unabhängiger Berichterstattung zu versuchen.
Doch selbst für sie sind, ebenso wie für westliche Medien, die hehren Ziele der Objektivität und Genauigkeit nicht immer einfach zu erreichen. Viele Journalisten sind von Informanten abhängig, die selten vollkommen neutral sind. Victor Kocher, Korrespondent für den Mittleren Osten bei der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), nennt deshalb den "gesunden Menschenverstand" sein wichtigstes Hilfsmittel bei der Einordnung von Informationen. Ansonsten solle sich ein Journalist in jeder Lage bemühen, den Sachverhalt so klar und genau wie möglich darzustellen.
Berichterstatter, aber keine Prediger
Trotzdem ist es schwierig, sich nicht für politische oder religiöse Zwecke einspannen zu lassen. Ein Beispiel ist der Terrorismus. Er wird erst durch die Berichterstattung der Medien im großen Maßstab möglich. "Ein Terroranschlag, über den keiner berichtet, ist ein Schlag ins Wasser", so Victor Kocher. Könnten und sollten die Medien dem Terror also den Nährboden entziehen, indem sie ihm kein Forum mehr bieten? Für Claus Eurich ist das keine Alternative: "Wir dürfen Ereignisse nicht totschweigen. Aber es ist immer eine Frage des Wie und der Intensität der Berichterstattung. Wie viel Forum biete ich, wie nah gehe ich an die Ereignisse heran, wie viel Blut zeige ich, wie oft wiederhole ich die Bilder… Seriöser Journalismus heißt: Verhältnismäßigkeit."
Wenn es den Medien gelingen würde, objektiv und genau zu berichten, Ereignisse in einen größeren Zusammenhang zu stellen und die Sichtweise aller Beteiligten zu zeigen, könnten sie damit sogar zur Deeskalation des Konfliktes beitragen. Einmischen sollten sie sich allerdings nicht, darin sind sich alle Zitierten einig. "Ich bin kein Prediger, sondern Journalist", sagt David Witzthum, und Victor Kocher erklärt: "Meine tiefe Überzeugung ist es, dass die Politiker den Frieden stiften und erhalten müssen." Wenn Institutionen wie die Deutsche Welle in dem Zusammenhang die Rolle der Medien thematisieren würden, so läge das eher daran, dass sie mit den Politikern nicht ins Gespräch kämen.
Die Vertreter der Medien haben manchen Politikern zumindest eines voraus: den Willen zur Wahrheit. Wie diese Wahrheit aber aussieht, hängt in Krisensituationen mehr denn je von der Wahrnehmung des Einzelnen ab. Auch die Wahrnehmung eines Journalisten kann durch kulturelle, politische und soziale Faktoren verzerrt sein. Trotzdem sollte er versuchen, die Wahrheiten aller Betroffenen möglichst objektiv darzustellen. Dann hat der Leser die Chance, mit Hilfe seines gesunden Menschenverstandes seine ganz persönliche Sicht der Wahrheit zu entwickeln.
Wikipedia-Eintrag zu Muhammad al-Durrah (englisch)
BBC-Video von Muhammad al-Durrah
Bericht der Heinrich-Böll-Stiftung über Medien im Mittleren Osten
Globale journalistische Verunsicherung:
zurück zur Spezial Startseite
Kampf gegen Windmühlen
Kultur der Angst und Ignoranz stoppen
Text: Nora Schlüter
Fotos: Birte Penshorn
Teaserfoto:Flickr/dAVIDb1




