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Die WAZ auf Shoppingtour

Wachstumschancen für Verlage gibt es nur noch im Ausland und im Internet, sagt der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger. Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung ist in beiden Feldern aktiv, doch dem Essener Medienkonzern gelingt es auch, im Inland Marktanteile zu gewinnen.

Essen. Mit dem Braunschweiger Zeitungsverlag hat die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) nach langjähriger Shoppingtour in Südosteuropa erstmals wieder ein deutsches Medium übernommen. Ende Januar kaufte der Medienkonzern zunächst 75 Prozent des Verlages von der Eigentümerfamilie Voigt, wenige Tage später gab die Norddeutsche Landesbank (NordLB) ihre Beteiligung von 25 Prozent an die WAZ-Gruppe ab. Europas größter Regionalzeitungsverlag setzte sich damit nach langen Verhandlungen und mit rund 210 Millionen Euro im Gepäck gegen Springer, den Kölner Verlag M. Dumont Schauberg und den britischen Finanzinvestor David Montgomery durch, berichtete das Branchenblatt Werben und Verkaufen.

Die WAZ kauft den Braunschweiger Zeitungsverlag.

Noch ist nichts endgültig. Das Bundeskartellamt prüft derzeit, ob durch den Kauf des Braunschweiger Verlages eine marktbeherrschende Stellung entsteht oder verstärkt werde. Spätestens am 23. Mai wolle man entscheiden, sagte eine Sprecherin des Kartellamtes gegenüber dem Medien Monitor. Eine Prognose könne sie nicht abgeben, da es sich um ein laufendes Verfahren handele. Befürchtet das Amt eine marktbeherrschende Stellung, ist der Kauf geplatzt. Denn ein Sanierungsfall, in dem Sonderregeln greifen können, ist der norddeutsche Verlag keinesfalls.

Etwa 175.000 Exemplare der Braunschweiger Zeitung, der Wolfsburger Nachrichten und der Salzgitter Zeitung werden täglich verkauft, darunter fast 156.000 an Abonnenten. Die Rendite werde auf etwa 14 Prozent geschätzt, berichtete die Süddeutsche Zeitung. Werben und Verkaufen nannte die Braunschweiger Zeitung gar "eines der profitabelsten Blätter des Landes". Dieser Adelung zum Goldesel will sich der Dortmunder Medienexperte Horst Röper vom Formatt-Institut nicht anschließen. Der Verlag habe in den 1970er Jahren "den Anzeigenblattmarkt verschlafen", sei aber vor allem wegen seiner starken Stellung in den regionalen Märkten ein lohnendes Objekt. Der größte Teil der Auflage dürfte in Monopolgebieten erscheinen, schätzt Röper.

Großeinkauf in Osteuropa

Sollte das Bundeskartellamt dem Kauf zustimmen, kann die WAZ ihre Position als Deutschlands führender Abonnement-Zeitungsverlag weiter ausbauen. In anderen Ländern ist dem Essener Konzern dies längst gelungen.

Marktanteile der WAZ in Südosteuropa

Mazedonien: 75 Prozent
Bulgarien: 70 Prozent
Kroatien: 53 Prozent
Serbien: 47 Prozent
Ungarn: 45 Prozent
Montenegro: 40 Prozent
Rumänien: 5 Prozent

Quelle: WAZ (Stand Jan. 2007)

In Bulgarien und Mazedonien kontrolliert die WAZ Medien Gruppe mehr als 70 Prozent des Zeitungsmarktes – und somit zehn Mal soviel wie in Deutschland. Kartellrechtliche Regelungen für die Presse, wie sie 1976 im deutschen Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) niedergeschrieben wurden, gibt es in osteuropäischen Ländern noch nicht. Bewusst versuche man darum, Verlage zu kaufen, bevor derartige Hürden aufgebaut würden, bestätigt Andreas Ferlings, WAZ-Controller und bis vor kurzem für die Beteiligungen in Südosteuropa zuständig.

Somit werden in den neuen osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten bereits jetzt 85 Prozent des Medienmarktes von ausländischem Kapital kontrolliert, drei Viertel dieses Geldes kommt aus Deutschland. Doch anders als beispielsweise die Axel Springer AG, die mit neuen Zeitungen und Zeitschriften den Markt zu erobern versucht und sich ansonsten mit Minderheitenbeteiligungen an osteuropäischen Verlagshäusern begnügt, legt die WAZ Medien Gruppe nur dann Geld auf den Tisch, wenn sie die Richtung von Verlag und Zeitung bestimmen kann. An Beteiligungen unter 50 Prozent habe man kein Interesse, erklärt Andreas Ferlings. (Lesen Sie hier das vollständige Interview mit Andreas Ferlings.)

Andreas Ferlings, Controller bei der WAZ, erklärt die Einkaufsstrategie des Medienkonzerns. (1,23 MB, 0:26 Min.)

Europas Institutionen sind gefordert

In Südosteuropa engagiert sich die WAZ besonders stark.

Einem derartigen Kaufrausch steht vor allem der Europäische Journalistenverband (EFJ) skeptisch gegenüber. Bereits 2003 beklagte er in einem Bericht die mangelnde Qualität der häufig zentral und damit kostensparend produzierten Zeitungen. Zudem nehme die Presse in deutschem Besitz ihre Kontrollfunktion nicht wahr, weil sie keine Kontroversen durch investigative Recherche auslösen will. Immer lauter wird daher die Forderung, die Europäische Kommission solle sich der Pluralismusfrage im Mediensektor stärker annehmen, auch wenn die Europäische Union grundsätzlich nicht für die Sicherung der Meinungsvielfalt zuständig ist.
Erstmals wurde der EU-Kommission im Januar ein Arbeitspapier vorgelegt, welches die bestehenden Medienregulierungen in Europa auflistet. Auffällig: Von den neuen EU-Mitgliedern können lediglich Polen und Slowenien mit speziellen Paragrafen für den Pressemarkt punkten. Andere Staaten mischen sich höchstens in das Rundfunkgeschäft ein. Einschränkungen für ausländisches Kapital aus EU-Mitgliedsstaaten gibt es nirgends.

Dem Zeitplan der Kommission folgend soll noch in diesem Jahr der Pluralismusfrage mit einer unabhängigen Studie weiter nachgegangen werden. Denn die Vielfalt an Eigentümern garantiert nach Ansicht der Kommission keinesfalls eine Vielfalt an Meinungen. Erst wenn die einzelnen Gesetze der Mitgliedsstaaten, die Reichweite der Medien und die ökonomische Abhängigkeit in einen Zusammenhang gesetzt würden, könnten sowohl die europäischen Institutionen als auch Nicht-Regierungsorganisationen weitere Konsequenzen vorschlagen. Bis dahin beteuert Brüssel: Europäische Regulierungen der Medien seien nicht geplant.

Text: Benedikt Reichel und Malte Wicking
Fotos: DerStephan/jugendfotos.de, b-r, WAZ Medien Gruppe

Veröffentlicht: 07.02.2007
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