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Die Sucht des Bergsteigens - Interview mit Frank Meutzner

Frank Meutzner

Frank Meutzner, 41 Jahre, geboren in Freiberg bei Dresden, ist Alpinist. Sein Leben ist dem Bergsteigen ge- widmet. Nicht nur als bloßes Hobby, sondern auch beruflich beschäftigt er sich mit Bergen, auf die ein oder andere Weise. "Es hängt zum größ- ten Teil fast alles mit Bergen zusam- men. Ich bin nebenbei Kameramann und drehe Bergfilme und habe aus dem Wissen heraus vor vier Jahren ein Bergfilmfestival in Dresden gegründet."

Das Bergsteigen

Außerdem organisiert er Expeditionen zu schwierigen Bergen und Trekkingtouren. "Wenn ich eine Bergtour plane, dann geht das schon lange vorher los. Das fängt an mit einer Recherche über den Berg. Man versucht sich Informationen zu beschaffen, natürlich auch über die Schwierigkeit, über den derzeitigen Zustand der Route, des Berges. Wann ist die beste Zeit? Dann kommt natürlich dazu, was brauche ich an Ausrüstung, was kostet das Ganze auch? Es ist schon eine recht umfangreiche Planung. Aber wenn man viel erreichen will, was auch schwer ist oder kompliziert, muss man sich halt darauf einstellen."

Trainiert man vorher, um richtig fit zu sein?
Also, man trainiert schon. Aber wenn man das Bergsteigen zu seinem Leben gemacht hat, ist man eh immer im Training. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass man das ganze Jahr im Büro sitzt und dann einmal im Jahr vier oder sechs Wochen auf Expedition geht. Sondern man ist das ganze Jahr über im sportlichen Ablauf. Man geht jedes Wochenende klettern, man fährt Rad und geht im Winter Skifahren. Das heißt, man ist im Normalfall eh schon fit.

Sind die Gefahren beim Bergsteigen groß?
Das ist so eine Frage. Ich sag mal so, auch Bergsteiger sind keine Selbstmörder.
Oder man kann auch anders anfangen. Es gibt genauso Gefahren, wie im öffentlichen Straßenverkehr. Aber wenn man gewisse Sachen beachtet, wenn man sich die Zeit nimmt, sich damit zu beschäftigen, sind die Gefahren für mich keinesfalls höher, als wenn ich jeden Tag auf der Autobahn 200km zur Arbeit fahren müsste. Mein Einfluss am Berg ist auf jeden Fall um einiges höher, als einfach zu sagen, heute ist es nicht gut, der Schnee sieht für mich nicht gut aus, für mich selbst sieht es nicht gut aus.

Das Gefühl

Worum geht es Ihnen beim Bergsteigen?
Das ist gewachsen über die vielen Jahre. Ich bin zu DDR-Zeiten groß geworden. Und da waren die Möglichkeiten nicht so groß, irgendwelche Abenteuer zu erleben. Das Entscheidenste war einfach der Freundes- kreis. Man hat zu gewissen Zeiten Leute kennen gelernt, die etwas Besonderes gemacht haben. Etwas, das einen auch selbst begeistert hat. Bergsteigen war damals, als ich damit begonnen hab, auch ausschließlich noch ein Teamsport, bei dem nicht immer die sportliche Leistung im Vordergrund stand. Anfangs ging es nicht darum hohe Berge zu erreichen, sondern darum gemeinsam am Wochenende zu klettern. Zum Anfang ganz leichte Wege, aber jeden Abend mit Lagerfeuer und mit Gesang. Und wir waren auch im privaten Leben, außerhalb der Wochenenden, immer ein Team.

Dresden Mountain, Coast Mountains, Canada

Sie sagten gerade, da waren Menschen, die machten etwas Anderes, etwas Besonderes. Ist Bergsteigen für sie eine Art Ausbruch aus dem Alltag?
Ja, das auf jeden Fall! Das war auch ein Grund, das mitzumachen. Man fühlt sich am Wochenende frei. Man hat Pläne, man hat Ziele und vergisst dann auch gewisse Sachen. Man ärgert sich nicht den ganzen Tag über etwas, das nicht funktioniert oder einen unendlich nervt.
Das ist heute noch genauso. Wenn ich keine Pläne hätte und keine Ziele, würde ich in diesem Staat kaputt gehen, mit seinen ganzen Vorschriften und bürokratistischen Geschichten. Das macht alles keinen Spaß. Da muss man sich irgendwas suchen, um auszu- brechen, um wirklich für sich selber auch ein Ziel zu haben.

Ich lebe seit vielen Jahren ein Leben, das mir gefällt. Ich hab viele Freunde und Bekannte. Und ich versuche, das so weiter zu treiben, dass ich wenigstens am Wochenende geistig loslassen kann von der ganzen Arbeit, Klettern gehen kann und Spaß mit den Leuten hab.

Wenn man allerdings größere Expeditionen machen will, bedeutet das schon Verzicht im Luxusbereich, im normalen Lebensbereich. Das ist aber auch das, was mir selbst überhaupt nicht schwer fällt. Es ist nie so, dass man sagt, jetzt muss ich ja auf das neue Auto verzichten, damit ich eine Bergwanderung machen kann. Es ist im Bewusstsein hinterlegt, dass es angenehmer ist, auf das neue Auto zu verzichten und ich das Geld lieber für die Bergbesteigung ausgebe.

Die sehnSUCHT

Das Ziel einer Tour ist es, den Gipfel zu erreichen. Aber geht das überhaupt? Kann man den einen Gipfel erreichen oder steht immer schon der nächste parat?
Dadurch dass es eine Lebensform ist, ist es schon so, dass das Besteigen des Gipfels untergeht. Wenn ich zu einer Expedition fahre, will ich natürlich den Gipfel erreichen. Deswegen fahr ich ja dahin. Aber es ist nicht annähernd so, dass ich tot unglücklich bin, wenn das nicht gelingt. Ich hab mein Leben so gebaut, dass ich es noch einmal versuchen kann. Und es gibt auch unendlich viele Pläne. In so einer Geschichte hat man weltweit verschiedenste Projekte. Man hat verschiedene Ideen, Sachen, die einen ganz einfach reizen. Deshalb ist es nicht so, dass man frustriert das Handtuch wirft, wenn irgendwo mal was schief geht.

Macht Bergsteigen süchtig?
Mit Sicherheit!
Man macht immer weiter, weil es einem eben gefällt. Gerade durch die Gruppendynamik, lebt sich das eben so ein und man würde dann schon etwas vermissen, wenn man es nicht kann.

Könnten sie von heute auf morgen damit aufhören?
Nein. Nein. Das geht eigentlich gar nicht. Es kann schon sein, dass man mal ein bisschen die Richtung ändert. Dass man mal von Höhenbergsteigen lieber ins normale geht, oder dass man sagt, okay, man fährt einfach bloß zum Trekking oder man fährt jetzt einfach mal wieder in die Alpen, weil man da zehn Jahre nicht war. Aber es hat letztlich alles irgendwas mit Bergen zu tun.

Text: Katrin Obenauf

Fotos: Frank Meutzner

Veröffentlicht: 22.09.2008
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