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Die Schreiber von Göttingen

Bernhard Weißbecker (vorne) lauscht der Textkritik seiner Mitstreiter. Im Hintergrund: Eiko Lajcsak. Foto: Katja Reich
Weißbecker (vorne) und Lajcsak. Foto: Katja Reich

Trotz aller Fantasie: Realistisch muss sie sein, die phantastische Literatur. Kann ein Hund einen Mörder wiedererkennen? Welche Kleidung trugen französische Soldaten im 18. Jahrhundert? Mit solchen Fragen setzt sich die SciFan Writer’s Group in Göttingen auseinander. Und entwirft für ihren zweiten Roman ein Göttingen von 1760, mit düsteren Rächern und heiteren Burschen.

Christian steht unter Mordverdacht. Der Student soll einen Gärtner erstochen haben. Er flieht vor den französischen Soldaten, die ihn für einen Mörder halten. Es ist 1760, Siebenjähriger Krieg, die Franzosen halten die Universitätsstadt Göttingen besetzt. Und gehen mit Verdächtigen nicht gerade zimperlich um. Helfen kann da nur Hund Hektor. Denn er war dabei, als sein Herrchen tödlich verwundet wurde. Ein Hund als Zeuge. Und mysteriöse Katzen, die Zettel in der Schnauze tragen. Ob da Hexen am Werk sind?

Fast 250 Jahre später, Mai 2008, Hospitalstraße, mitten in Göttingen. Die Schöpfer von Christian und Hektor treffen sich zur Textbesprechung. Eiko Lajcsak, Gründer der SciFan Writer’s Group, steht vor dem Kulturzentrum KAZ und wartet auf seine Schreiberkollegen. Die Abendsonne ist heiß, nebenan auf dem Platz sitzen die Göttinger Studenten des 21. Jahrhunderts unter Sonnenschirmen und trinken etwas Kühles. Es ist kurz nach 17 Uhr. "Wir können ja schon mal runtergehen", sagt Lajcsak. Runter, in die Katakomben Göttingens, in den Keller des KAZ. Der Roman der Gruppe, der gerade im Entstehen ist, spielt im 18. Jahrhundert. Eine Textbesprechung im Keller scheint da genau das Richtige. Auerbachs Göttinger Keller. Es geht eine Treppe hinunter. Dann Ernüchterung: Ein Flipperautomat. Und ein paar Meter weiter: Der Raum, den die Gruppe gemietet hat. Eine weiße Decke, weiße Wände mit einem beißend orangefarbenen Streifen in der Horizontalen, Schließschränke, ein Mülleimer. Wir nehmen Platz an kleinen, schwarzen Tischen, die zu einem großen zusammengeschoben worden sind. Rote Plastikstühle. Ein Göttinger Keller im 21. Jahrhundert.

Das U-La-Ta-Satzbau-Problem

Die SciFan Writer's Group trifft sich im Keller des KAZ in Göttingen. Foto vom Kellerraum: Katja Reich
Foto: Katja Reich

Nach ein paar Minuten sind fast alle da: Eiko Lajcsak, Selbständiger, Journalist Ulrich Drees, Universitäts-Mitarbeiter Bernhard Weißbecker, Student Markus Ritter und das neue Mitglied der Gruppe, Lehrerin Marianne Schmidt. Volkhart Wagner, ebenfalls Lehrer, fehlt heute. Alle haben 14 DIN-A4-Seiten vor sich liegen. Bernhard Weißbeckers Text wird besprochen, der Arbeitstitel: Tod im Garten. Der Text ist Teil des Romans der Gruppe, der Ende des Jahres erscheinen soll. Ein historischer Roman soll es werden, gespickt mit Fantasy- und Science-Fiction-Elementen. Jeder der Autoren schreibt ein Kapitel. Und jeder kritisiert. "Wir haben nur eine Liste zum Kritisieren", sagt Gruppen-Gründer Eiko Lajcsak. "Nämlich meine." Er schiebt den Zettel zu Ulrich Drees hinüber. Der beginnt mit der Kritik. "Das Kapitel fängt gut an", sagt Drees. "Man bekommt sofort ein Bild vom damaligen Göttingen. Aber da ist ein Satz, der mich stört: ‚U-La-Ta nennen die Cherokee diese Pflanze.’ Das ist zwar subjektiv, aber ich würde schreiben: ‚Die Cherokee nennen diese Pflanze U-La-Ta.’" "Also, ich finde den Satz gerade so gut, wie er ist", sagt Marianne Schmidt. "Aber ich darf dich nicht unterbrechen laut dieser Liste." Lachen.

Alle zusammen feilen sie am Text, denn das neue Buch soll ihr gemeinsamer Roman werden. Da muss alles zusammenpassen, inhaltlich und sprachlich. Bei "Die Wächter von Göttingen", erschienen im Februar, war das anders: Es war eine Anthologie, jedes Mitglied der Gruppe schrieb für sich, nur das Thema war vorgegeben. Jetzt wird es ein wenig komplizierter für die SciFan Writer’s Group. Weiter

Veröffentlicht: 14.06.2008
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