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Interview

"Die Rolle des Internets wurde überschätzt"

Wer ein Foto von Esra'a Al Shafei veröffentlichen will, bekommt einen Comic. Das ist sicherer. Denn die Studentin aus Bahrain betreibt ein Portal, bei dem kritische Stimmen aus Ländern wie Libyen oder Ägypten zu Wort kommen dürfen.

Era'a Al Shafeis Comic-Gesicht: "Aus Sicherheitsgründen"

Comics gegen Homophobie, Gedichte, in denen schonungslos die Gewalt gegen Frauen dargestellt wird, oder Artikel, die direkt von Häftlingen aus dem Militärgefängnis stammen. Die Seite Mideast Youth bündelt jede Art von kritischen Stimmen, die sich für sozialen Wandel im Mittleren Osten oder Nordafrika einsetzen. Veröffentlichen kann jeder, der etwas beizutragen hat. Gegründet wurde die Seite vor fünf Jahren von der Studentin Esra'a Al Shafei, die zum Zeitpunkt der Gründung gerade 19 Jahre alt war. Mit Medien Monitor sprach die Internet-Aktivistin unter anderem über die Macht des Internets und die Angst vor Verfolgung.

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Medien Monitor: Was glauben Sie, wird die Rolle des Internets in den Revolutionsbewegungen im Mittleren Osten über- oder unterschätzt?

Esra'a Al Shafei: Ich denke, in den aktuellen Revolutionen wurde die Rolle des Internets überschätzt und aufgeblasen. Mainstream-Medien sind auf den Zug aufgesprungen und haben die Bewegungen aufgebauscht, indem sie den Fokus besonders auf den Einsatz von Twitter und Facebook gelegt haben. Von den wirklichen Gründen, warum die Leute auf die Straße gegangen sind, haben sie abgelenkt. Diese Revolutionen "Facebook-Revolutionen", "Twitter-Revolutionen" oder sogar "Internet-Revolutionen" zu nennen, ist genauso, als wenn man sie "Schuh-Revolutionen" nennen würde, nur weil alle Protest-Teilnehmer während der Proteste Schuhe getragen haben. Das Internet ist ein Werkzeug, nichts weiter. Man kann damit Wandel entfachen und man kann es nutzen, um Propaganda und Rassismus zu verbreiten. Den einzigen Unterschied macht nur die Entscheidung aus, wie man es nutzen will. Das Internet hat es aber möglich gemacht, dass Menschen diese Proteste verfolgen konnten, die sonst nicht dazu in der Lage gewesen wären.

Nach welchen Kriterien veröffentlichen Sie eigentlich die Artikel auf Ihrer Seite?

Die Artikel können offen eingestellt werden, ohne Moderation. Das Einzige, was wir machen, ist rassistische, propagandistische oder gewaltverherrlichende Artikel zu löschen. Ansonsten ist alles willkommen.

"Es geht nicht um den Umsturz von Regimen"

Esra'a Al Shafei...

...ist 25 Jahre alt und lebt in Bahrain. Mit 19 gründete die Studentin die Seite "Mideast Youth", die ihre "Lebensmission" geworden ist, wie sie selbst sagt. Ihre unterschiedlichen Projekte fanden auch in der westlichen Presse Anerkennung, angesehene Medien wie CNN berichteten über sie und ihre Mitstreiter. Auf dem diesjährigen Medienforum in Köln war Al Shafei als Referentin zum Thema "Digitaler Aktivismus im Nahen und Mittleren Osten" eingeladen.

Angenommen, jemand möchte eine Revolution starten. Welchen Tipp würden Sie ihm geben?

Na ja, ich bin wirklich nicht in der Position, dieser Person einen Ratschlag zu geben. Also würde ich es lassen.

Trotzdem ist es ein interessanter Ansatz, junge Menschen mit kreativen Mitteln für revolutionäre Bewegungen zu begeistern.

Bei Mideast Youth geht es eigentlich nicht um "Revolutionäre Bewegungen" oder den Umsturz von Regimen. Wir benutzen kreative Methoden, um soziale Themen in den Vordergrund zu rücken. Zum Beispiel Rassismus gegen Arbeiter mit Migrationshintergrund oder die Unterdrückung von ethnischen und religiösen Minderheiten. Wir wollen die Menschen nicht zu Revolutionären machen, sondern das Mainstream-Publikum für Themen sensibilisieren, über die in unserer Region kaum oder gar nicht berichtet wird.

Kritisch und kreativ: Beiträge von Mideast Youth

In der Schusslinie: Satiren sind ein wichtiges Mittel der Seite, um auf Missstände aufmerksam zu machen.
Blaues Auge? Auch Info-Plakate finden sich auf der Seite.
Doppelmoral bei Homosexuellen: Eine von Esra'as Lieblingssatiren.

"Ich hatte genug davon, mich machtlos zu fühlen"

Auf Ihrer Seite Mideast Tunes kann man sich Songs von kritischen Bands anhören. Warum ist zum Beispiel Musik so wichtig für den sozialen Wandel?

Musik ist eine andere Möglichkeit, um Leute zu inspirieren, sich zu involvieren, und sie zu ermuntern, sich mehr gegen Unterdrückung und Gewalt auszusprechen.

Der Name "Mideast Youth" lässt darauf schließen, dass diese Seite für Jugendliche gedacht ist. Gibt es nicht auch ältere Menschen, die sich mit der Seite identifizieren?

Wir waren selbst Jugendliche, als wir die Seite gegründet haben, deshalb haben wir den Namen gewählt. Außerdem leben wir in einer Region, wo die Jugendlichen in der Mehrheit sind. Wir machen die Beteiligung an der Seite aber nicht vom Alter abhängig, manche unserer Autoren sind über 60. Jugendliche sind aber schon unsere Hauptzielgruppe.

Sie haben Mideast Youth mit 19 gestartet. Wie wurden Sie zur Aktivistin?

Ich habe die Seite gegründet, weil ich genug davon hatte, mir Ungerechtigkeit mitansehen zu müssen und mich machtlos zu fühlen.

Wie viel Zeit investieren Sie in die Seite?

Wir haben jetzt zwölf Seiten und ich nutze jede freie Minute dafür, sie auszubauen. Jetzt, wo wir eine gewissen Stetigkeit in Sachen Größe aufgebaut haben, bekomme ich die Balance zwischen Arbeit und Privatleben besser hin.

Mideast Youth und weitere Projekte:

  • Bei Mideast Youth geht es darum, Kritik äußern zu dürfen. Von jedem und über alles, was Regierungskritik oder soziale Missstände im Mittleren Osten und Nordafrika betrifft. Ein Kernkonzept der Seite ist die leserfreundliche und jugendaffine Aufbereitung der Themen. Von Comics über Gedichte, Podcasts, Videos, Plakate oder offene Briefe.
  • Eine weiteres Projekt von Al Shafei und ihren Mitstreitern ist die Seite Crowd Voice. Bei Crowd Voice geht es darum, Augenzeugenberichte von Ererignissen (zum Beispiel von libyschen Rebellen, die gegen das Qaddafi-Regime protestieren). Via Video werden die Erlebnisse mit der Außenwelt geteilt. Die Idee ist, der anonymen Masse von Protestanten ein Gesicht zu geben.
  • Rap-Combos aus Ägypten, Heavy-Metal-Bands aus dem Iran und Electro aus Palästina finden sich bei Mideast Tunes. Dort laden alternativ-denkende Untergrund-Musiker aus dem Mittleren Osten ihre Songs hoch, um so die Jugend der Region zu ermuntern und mit ihrer künstlerischen Energie anzustecken.

Warum Milchshakes wichtig sind

Wie schaffen Sie es denn, von Ihrer Arbeit abzuschalten?

Manchmal gehe ich zu Konzerten oder ich treffe mich mit Freunden. Trotzdem hat meine Arbeit erste Priorität. Ich kann mich wirklich nicht entspannen, wenn ich weiß, dass ich meine Arbeit noch nicht ganz erledigt habe und ich mein Bestes gegeben habe. Mir ist das, was ich tue, sehr wichtig. Wichtiger als persönliche Belange.

Müssen Sie wegen der Seite Angst vor Verfolgung haben?

Ja, sogar wegen mehrerer Seiten. Aber ich versuche, mir deswegen nicht zu viele Sorgen zu machen. Wenn etwas passiert, passiert es und ich setze mich dann damit auseinander. Ich muss einfach weiter wachsam bleiben, wenn es darum geht, mich und andere Mitwirkenden zu schützen.

Auf Mideast Youth gibt es eine Seite, auf der Sie sich vorstellen. Dort ist zu lesen, dass Sie den Unterschied zwischen Milchshakes und Flavoured Milk verstanden haben. Warum ist das wichtig für die Welt?

Ich nehme meine Biographie nicht ernst und glaube, dass man sich immer einen gewissen Sinn für Humor bewahren sollte, egal was man tut. Meine Arbeit ist deprimierend und ich sage diese Dinge, um eine lockerere Atmosphäre bei Mideast Youth zu bewahren, damit diese Depression uns nicht fertig macht.

Weiterführende Links

Mideast Youth

Mideast Youth bei Twitter

Mideast Youth in der englischsprachigen Wikipedia

Eigener Artikel von Mideast Youth zum fünfjährigen Bestehen der Seite

Spezial vom Bayerischen Rundfunk über Mideast Youth

Text: Sabine Geschwinder
Bilder: Mideast Youth

Veröffentlicht: 04.07.2011
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