Jahreskonferenz netzwerk recherche
Die Rede zur Lage des Journalismus
Jedes Jahr lädt das Netzwerk Recherche einen Journalisten ein, eine Rede zur Lage des Journalismus zu halten. Mit Carolin Emcke (freie Publizistin, unter anderem für die ZEIT) sprach in diesem Jahr zum ersten Mal eine Frau. Emcke klagte, der Journalismus sehe die Welt nur noch als Material für seine Berichte. Deshalb wolle sie nicht über die Lage des Journalismus sprechen, sondern darüber, welchen Journalismus es in der heutigen Zeit braucht. Der Medien Monitor fasst zusammen.

Hamburg. Wegen der zunehmenden Globalisierung sei nichts mehr klar und einfach, nichts könne mehr eindeutig analysiert werden. Stattdessen müssten Journalisten präziser, kleinteiliger und lokaler denken. Der Konzeptjournalismus mit seinen Kategorien Gewinner und Verlierer sei in der heutigen Zeit zu grobkörnig. Authentizität sei Vergangenheit: Heute gebe es keine echten Schwaben, Muslime oder Afghanen mehr, die man in Talkshows vorführen könne. Kein Muslim könne für den gesamten Islam sprechen, Medien sollten statt einzelner Beispiele lieber die Widersprüche darstellen, das eigene Unvermögen, das Thema zu fassen. Es dürfe keine Schubladen mehr geben. In der Fixierung übersähen Journalisten die Differenzen und stellten nicht die richtigen Fragen.
Kritische, unabhängige Öffentlichkeit
Die Finanzkrise habe gezeigt, dass es in der Berichterstattung kein Außen und Innen, keine unwichtigen Länder mehr gebe. Stattdessen bestehe eine wechselseitige Verwundbarkeit. Journalisten müssten - auch das eine Lehre der Finanzkrise - rechtzeitig Zweifel und Ideologiekritik äußern. "Ich denke, es bräuchte einen Journalismus, der sich nicht grundlos eine Ideologie zueigen macht, nur weil sie sich gerade durchsetzt. Philosophen nennen das einen naturalistischen Fehlschluss, nur weil etwas ist, heißt das nicht, dass es gut ist, wie es ist", so Emcke.
Eine kritische, unabhängige Öffentlichkeit sei durch die zunehmende Vernetzung nötiger denn je. Durch die Globalisierung seien viel mehr Menschen von Entscheidungen betroffen, als daran beteiligt sind. Viele Menschen seien nicht einmal über die Entscheidungen informiert, die international getroffen werden und letztlich mit voller Wucht auch lokal wirken. Der Grundgedanke der Demokratie, der Volksherrschaft, sei dadurch gefährdet. Die moderne Auslandsberichterstattung müsse diese Verwobenheit abbilden und "die Anderen als Eigene" thematisieren.
Es brauche in der heutigen Welt einen Journalismus, der misstrauisch und zweifelnd sei, ambivalent und offen, fragend, leidenschaftlich und nachdenkend, der dichte Beschreibungen liefert und Räume erobert, wo es nötig ist. "In diesem Sinne wünsche ich mir einen Journalismus, der weniger am Eiligen als am Wichtigen sich orientiert."
Die komplette Rede findet sich auf der Webseite des netzwerk recherche.
Text: Daniel Drepper
Foto: Carolin Emcke
