Interview mit Vera Schroeder
"Die Null-Bock-Generation gibt es nicht"
Sie ist gerade in die Chefredaktion von NEON und Nido aufgestiegen. Im Interview spricht Vera Schroeder über Lebensgefühljournalismus, eigene Horror-Praktika und verrät, warum beim Mittagessen die besten Geschichten entstehen.

- Vera Schroeder ist seit kurzem stellvertretende Chefredakteurin bei den Magazinen "Nido" und "NEON".
Medien Monitor: Hallo Frau Schroeder. Letzte Woche wollte ich am Dortmunder Hauptbahnhof eine Nido kaufen, da waren alle 220 Stück schon weg. Das hat mich schon etwas überrascht…
Vera Schroeder: Ach, das freut mich. Dass das Magazin gekauft wird, ist natürlich toll und eine Bestätigung für unsere Arbeit.
Auf der Zeitschrift steht "Wir sind eine Familie". Was verbirgt sich denn jetzt wirklich hinter dem Heft?
Nido ist ein Lifestylemagazin für Menschen, die kleine Kinder haben. Der größte Unterschied zu anderen Elternmagazinen liegt wahrscheinlich darin, dass es sich aus der Eltern-Perspektive an seine Leser richtet - also nicht nur oder vor allem über Kinder berichtet, sondern über das, was Kinder haben mit Eltern macht.
Themen wie "Müssen wir jetzt heiraten?" oder "Guter Sex trotz kleiner Kinder" klingen vor allem nach Eltern-Frust…
Frust würde ich nicht sagen, eher Anpassung. Denn ein Kind zu bekommen ist natürlich vor allem ein riesengroßes Glück. Aber es ändert sich damit auch viel im Leben, an das man sich erst mal gewöhnen muss. Dieses Gefühl kommt in Nido durchaus vor.
Was viele Leser wahrscheinlich nicht wissen, ist, dass Nido ganz eng mit der Erfolgszeitschrift NEON verzahnt ist. Arbeitet ihr auch in einer großen Redaktion?
Wir sitzen zusammen in einem Haus, auf demselben Flur und haben die gleiche Führungsebene und ein paar sinnvolle Schnittstellen für beide Hefte. Redaktionen, Bildredaktionen und Grafik sind eigenständig, helfen sich aber gegenseitig aus. Und natürlich kennen wir uns alle gut, mögen uns gern und gehen zusammen Mittagessen.

- Themen wie die Titelgeschichte "Jetzt küss mich endlich!" entwickeln die Redakteure oft beim gemeinsamen Mittagessen.
Warum sind gemeinsame Mittagspausen so wichtig?
Viele unserer Themenideen entstehen beim Mittagessen. In der Pause quatscht man ganz unbefangen einfach so drauf los und da, wo man hängen bleibt und diskutiert, ist oft auch eine Geschichte. Das kann eine Titelgeschichte für NEON sein, wie sie zum Beispiel letztens aus der Diskussion heraus entstand, wie wichtig viel Sex nun eigentlich wirklich für eine gute Beziehung ist (Anm.: Titel: Jetzt küss mich endlich! NEON Juli/2010). Oder wenn man mit Nido-Kollegen darüber spricht, was sie für kleine geheime Elterntricks zu Hause anwenden, um sich ihren Alltag zu erleichtern (Anm.: Titel: Zeit sparen, Nerven sparen. Nido Juni/2010).
Sie sind letzten Monat als Stellvertreterin in die Chefredaktion aufgestiegen, herzlichen Glückwunsch. Ihre Stelle wurde neu geschaffen, wie sehen jetzt ihre Aufgaben aus?
Für zwei Hefte gibt es natürlich einiges zu tun. Es wird ein bisschen weniger redaktionelles Arbeiten sein und dafür kommen mehr konzeptionelle Aufgaben hinzu.
Sollen Sie die "Mamas" in der Chefredaktion vertreten?
Ach nein, alle Mamas bestimmt nicht. Aber natürlich ist Nido ein Heft, das bislang eher von Frauen als von Männern gekauft wird. Und da macht es natürlich Sinn, dass auch Frauen das Heft mitgestalten.
Was wäre denn ein Thema, egal ob Mama- oder Papa-freundlich, das unbedingt noch geschrieben werden muss?
Das verrate ich jetzt natürlich nicht, weil was unbedingt geschrieben werden muss, wird gerade geschrieben - oder es muss uns ganz schnell noch einfallen.
Wie sind Sie eigentlich da hingekommen, wo Sie heute sind?
Ich habe Kommunikationswissenschaften studiert, war auf der Journalistenschule in München und habe dann nach dem Studium unter anderem frei bei NEON angefangen.
…ganz ohne Tauben- und Kaninchenzüchter?
Oh doch, viele Tauben- und Kaninchenzüchter. Sehr viele sogar. Und viele Praktika und viele Jahre, in denen ich langsam hochgerutscht bin. Bei NEON habe ich über viele Jahre als Freie die Ehrlichen Kontaktanzeigen betreut.

- Als freie Mitarbeiterin hat Vera Schroeder jahrelang für "NEON" die Rubrik der "Ehrlichen Kontaktanzeigen" betreut.
Ein paar Schritte weiter sind Sie 33, leben in München, sind beruflich erfolgreich und selbst Mama: Wie wichtig ist Mutter zu sein für die Arbeit bei Nido?
Jemand, der hier arbeitet, muss keine Kinder haben. Aber die Elternperspektive ist natürlich hilfreich für die Themenauswahl, weil man auf viele Dinge einfach leichter stößt. Bei NEON wäre es wahrscheinlich auch nicht leicht, für jemanden, der 65 ist und gern Beethoven hört. Es macht bei unseren Heften schon Sinn, wenn die Redakteure einen guten Bezug zur Welt der Leser haben.
Wie können Sie das vereinbaren - Karriere und Familie?
Ich habe meine Mutter vor Ort, einen netten Mann, der viel mithilft und eine gute Krippe. Und ich glaube fest daran, dass Kinder nicht 24 Stunden am Tag ihre Eltern um sich brauchen.
Die Magazin-Branche ist zurzeit sicher kein einfaches Pflaster, fast täglich sterben Print-Publikationen. Was macht das Erfolgsrezept von NEON und Nido aus?
Wir versuchen einfach sehr, sehr gute Hefte zu machen und sind dabei ganz schön streng mit uns, vor allem auch was die Themenauswahl angeht. Deshalb funktioniert der "Lebensgefühljournalismus" bei NEON und Nido gut - weil wir schon früh über einen bestimmten Dreh, bestimmte Erfahrungen und Sichtweisen sprechen, die in ein zunächst plakativ klingendes Thema hineinspielen. Die Themenfindung an sich ist, glaube ich, die größte Herausforderung für jemanden, der hier arbeitet.
Wie wichtig ist es, ein gutes Team zu haben?
Ich finde es wahnsinnig wichtig. Ich gehe jeden Tag gern zur Arbeit und es macht Spaß. Ich bin froh, dass mein Leben nicht mehr aus Praktika besteht, bei denen ich jeden Morgen Bauchschmerzen hatte, hinzugehen.
Was für Praktika waren das? Ausbeute oder Kaffee kochen?
Prinzipiell ist man ja, wenn man ein Praktikum macht, meistens noch klein, schüchtern und unerfahren, was per se ja schon unangenehm ist. Und dann gibt es natürlich die Situationen, in denen man als Praktikant relativ überflüssig ist und sich ständig behaupten muss. Dieses Selbstbewusstsein muss man erst einmal haben, und ich hatte das sicherlich nicht immer. Deshalb gab es durchaus Praktika, bei denen ich mich unwohl gefühlt habe. Aber das ist wahrscheinlich auch okay so, daraus lernt man ja.

- Das Elternmagazin "Nido" erscheint inzwischen monatlich.
Gibt es denn Geschichten, auf die Sie selbst besonders stolz sind, vielleicht gerade weil sie in einer schwierigen Zeit entstanden sind oder die bei Ihnen Zuhause am Kühlschrank hängen?
Am Kühlschrank hängt nichts. Aber ich habe schon Geschichten gemacht, die schwierig waren. Schwierig finde ich es zum Beispiel, bei Geschichten aus dem sozialen Bereich mit Protagonisten wirklich fair umzugehen. Denn je medienunerfahrener ein Mensch ist, umso mehr kann man ihn für seine Geschichte instrumentalisieren, das passiert oft nicht einmal bewusst oder vorsätzlich. Der Protagonist kann mit dem Text am Ende vollends einverstanden sein - und trotzdem kann man ihm schaden. Darauf Rücksicht zu nehmen und trotzdem die eigene Geschichte im Auge zu behalten - das finde ich schwierig. Aber wenn es gelingt, sind das dann auch meine Lieblingstexte.
Dass es auch schief gehen kann, hat man Anfang des Jahres bei dem gefälschten Interview gesehen, das in NEON veröffentlicht wurde. Glauben Sie, NEON hat einen Imageschaden davon getragen?
Das glaube ich nicht, weil wir sofort aktiv das Thema öffentlich gemacht haben und damit versichern konnten, dass wir so etwas innerhalb unseres Titels nicht dulden.
Es gab zu dieser Sache unglaublich viel Feedback von den Lesern. Wie wichtig ist euch der Dialog mit dem Leser?
Sehr wichtig, wir haben bei NEON eine gute Print-Online-Anbindung und klicken auch regelmäßig auf die Blattkritik und Facebook, um zu sehen, was Leser zu den jeweiligen Themen zu sagen haben. Das ist sehr wichtig und hilft, Themen einzuordnen.
Auflage NEON: 330.000 Nido: 150.000
Zielgruppe NEON: Junge Erwachsene zwischen 20 und 35, überdurchschnittlichen Bildungsstand, überdurchschnittliches Einkommen Nido: Vielseitig interessierte Eltern mit überdurchschnittlichem Einkommen und Kindern unter sechs Jahren
Ressorts NEON: Wilde Welt, Sehen Fühlen, Wissen, Kaufen, Freie Zeit, Immer Nido: Gesellschaft, Psychologie, Reise & Kochen, Wirtschaft & Geld, Mode & Produkte
Einzelverkaufspreis NEON: 3,50 Euro Nido: 3,90 Euro
Erscheinungsrhythmus NEON: monatlich Nido: monatlich
Bei NEON tut sich im Internet deutlich mehr als bei Nido. Spricht Nido nicht mehr die Online-Zielgruppe an?
Nein, das hat mit der Zielgruppe nichts zu tun, sondern einfach damit, dass wir im Moment erst einmal Nido als Heft etablieren wollen.
Was ist mit neuen Formen wie Twitter und Iphone Apps?
Wir beobachten das und werden im richtigen Moment etwas dazu beisteuern. Wir sind der Meinung, dass Versuche dort auch richtig gut sein müssen und wollen nicht unnötig Geld ausgeben.
Nido hat gerade erst die Testphase überstanden und erscheint jetzt auch monatlich. Ist damit das Ziel erreicht?
Jetzt muss sich das Heft etablieren. Aber eine monatliche Erscheinungsweise war immer unsere Wunschvorstellung.

- Fast 40.000 Fans tummeln sich im NEON-Profil bei Facebook und täglich werden es mehr.
Was muss man machen, um die Null-Bock-Generation, von der man immer spricht, zu begeistern? Oder welche Generation sind eure Leser?
Die Null-Bock-Generation gibt es meiner Meinung nach so gar nicht. Ich glaube eher, dass es eine Generation ist, die sich aufgrund der gestiegenen Komplexität der Welt in ihrer Haltung nicht so schnell festlegt. Es ist eine Generation, die sieht, wow, alles, jede einzelne Frage zu den Problemen dieser Erde ist wahnsinnig schwer zu beantworten. Aufgrund dieser Komplexität gibt es dann manchmal eine Art Resignation - was von außen als "Null-Bock" empfunden wird. Ich halte es eher für ein abwartendes, aber durchaus interessiertes Beobachten.
Einer der beiden Chefredakteure, Timm Klotzek, hat mal gesagt, NEON-Leser seien visionslos.
Ich glaube, er meint, dass NEON-Leser sehen, wie vielschichtig die Welt ist und deshalb keine naiven politischen Haltungen vertreten. Das führt vielleicht zu einer gewissen Visionslosigkeit, aber ich würde es eher "extrem realistisch" nennen.
Zum Abschluss fände ich ein Vervollständigungsspiel wie "ich mag / ich mag nicht" sehr spannend, wie Sie es auch in euren Profilen auf der NEON-Seite habt. Also…
Journalisten sollten: ein bisschen uneitler sein
Journalisten sollten nicht: lügen
Ich mag Schlagzeilen, wie: Wortspiele wie "Wutlos glücklich" (über die Situation junger Frauen heute) oder Ein-Wort-Treffer wie "Das Vorzeigearschloch" (Bushido-Portrait)
Ich mag keine Schlagzeilen, wie: zu oft gelesene Zitat-Titel wie "Warten auf xxx" oder "Der Mann und das Meer" (für alle möglichen Geschichten die irgendwo am Wasser spielen)
Die Medienwelt braucht: gute Inhalte
Die Medienwelt braucht nicht: Reporter, die Fußballer nach dem Spiel fragen, wie sie sich jetzt fühlen.
Vera Schroder spricht über...
...ob man als Redakteur bei Nido Kinder haben muss
...ihren Weg zu NEON
...unangenehme Praktika
...die Online-Print-Anbindung
...das Erfolgskonzept der Magazine
...die Lesergeneration
Medien-Monitor-Rezension des Gruner + Jahr Magazins Nido.
Vera Schroeders Profilseite auf Neon.de
Meedia meldet: Vera Schroeder steigt in Chefredaktion auf
Chefredakteur Timm Klotzek spricht im Interview mit Focus.de über den Interview-Skandal
Das Gespräch führte: Sarah Hinderer
Fotos: Gruner + Jahr
Screenshots: Sarah Hinderer
