Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Die Mondlandung, ein reines Spektakel?

Was sich am 20. Juli 1969 im Weltraum abgespielt hat, konnten Millionen auf der Erde live verfolgen. Die Astronauten selbst sagten nach ihrer Rückkehr, dass sie alles verpasst hätten. Damit spielen sie auf den Hype um das historische Ereignis an. Zu dieser und weiteren Mondreisen: Kulturwissenschaftler Daniel Grinsted im Interview.

Medien Monitor: Herr Grinsted, lassen Sie uns ein Gedankenexperiment machen: Gehen wir zurück ins Jahr 1969. Nehmen Sie an, Sie hätten eine Rolle rund um das Ereignis der Mondlandung gespielt, welche wäre das gewesen?

Daniel Grinsted: Ich glaube, ich wäre am liebsten in der Kapsel gewesen. Obwohl – wenn ich das ganze Risiko bedenke, hätte ich schon auch ein wenig Angst bekommen. Aber einen besseren Platz gibt es wahrscheinlich nicht.

Zur Person

Daniel Grinsted wurde 1977 in Darmstadt geboren und studierte an der Humboldt- Universität zu Berlin Kulturwissenschaft und Anglistik/Amerikanistik. Der Logos-Verlag hat 2009 seine Magisterarbeit unter dem Titel "Die Reise zum Mond. Zur Faszinationsgeschichte eines medienkulturellen Phänomens zwischen Realität und Fiktion" veröffentlicht.

Wobei Sie ja in Ihrem Buch schreiben, die Lunonauten hätten das Ganze verpasst. Einer von ihnen sagte selbst: "Neil, we missed the whole thing!"

Dieses Zitat äußerte Buzz Aldrin nach der Rückkehr auf die Erde. Es spielt zum einen auf diesen ganzen Hype an, auf diese Massenbegeisterung, die auf der Erde stattfand. Die haben sie natürlich verpasst, weil sie diese acht Tage lang unterwegs waren. Über die Berichterstattung wurden die Lunonauten von der Bodenstation informiert. Hinzu kommt, dass sie die Kamera aus der Kapsel auf die Erde gerichtet hatten. Diese Fenster waren aber so klein, dass nur die Kamera hineinpasste. Daher konnten sie den Blick auf die Erde nicht genießen. Interessant ist, dass die NASA bei früheren Flügen gar keine Fenster eingebaut hatte. Sie hatte den Blick aus der Kapsel gar nicht vorgesehen. Die Astronauten waren nur als Teil der Maschine gesehen worden und nicht als Touristen, die gerne diesen Blick genießen möchten.

An einer Stelle vergleichen Sie die Lunonauten mit "Embedded Journalists". Sie mussten die Kamera selbst bedienen, außerdem kommentierten sie die Bilder. Sind sie der Journalistenrolle gerecht geworden?

Daniel Grinsted verweist auf das Lob der Bodenstation (mp3, 36 Sek.)

Ansteckende Begeisterung

Hier trifft Phantasie auf Wirklichkeit.

Waren die Lunonauten denn gleichzeitig auch Touristen? Sie haben diese Zuschreibung ja selbst zuvor benutzt.

Vor allem auf der Mondoberfläche erinnerte ihr Verhalten schon an jenes von Touristen. Da ist Neil Armstrong ein gutes Beispiel. Nachdem er die Leiter hinuntergegangen war und auf der Mondoberfläche stand, wurde diese Kamera heruntergelassen, die ein Fotoapparat war. Er fing dann gleich an, verschiedene Fotoserien zu machen. Er war die ganze Zeit am Knipsen. Dabei hätte er das laut Ablaufplan noch gar nicht machen dürfen. Er hätte die Notfallprobe nehmen müssen für den Fall, dass die Mondfähre nach ein paar Minuten gleich wieder hätte starten müssen. Das hat er in dieser Begeisterung komplett vernachlässigt oder sogar vergessen.

Eben haben Sie von Begeisterung gesprochen. Die war auch an anderer Stelle sehr groß: Bei den Zuschauern auf der Erde. Aber kann man tatsächlich von globaler Aufmerksamkeit sprechen? Ich denke da beispielsweise an viele Chinesen, die abgeschottet waren.

Das stimmt. China war eine Ausnahme, die von der Bevölkerungsanzahl her aber nicht zu unterschätzen ist. Da war ein ziemlich großer Teil der Menschheit von diesem Ereignis ausgeschlossen. Ansonsten wurde die Mondlandung in Nord- und Südamerika, Afrika, Europa, im Großteil von Asien und auch in Australien live übertragen und auch verfolgt. Also war das kein rein US-amerikanisches Phänomen.

Wenn ein Theater zum Fernsehraum wird...

In Australien gab es ja dann auch diese Kuriosität, die Sie in Ihrem Buch beschreiben.

Daniel Grinsted berichtet von einem außergewöhnlichen Theaterbesuch (mp3, 47 Sek.)

In Ihrem Buch geht es auch um fiktionale Mondlandungen, die zum großen Teil der realen Mondlandung vorausgegangen waren. Hatte denn die Fiktion einen Einfluss auf das tatsächliche Ereignis? Sie erwähnen zum Beispiel Jules Verne, der im 19. Jahrhundert vieles, was sich später so zugetragen hat, schon andeutete.

Das ist richtig. Die Raumkapsel Columbia ist ja auch benannt nach der Kolumbiade, also nach der Kanone von Jules Verne. Sie schießt die Reisenden in seinem Roman in Richtung Mond. Entscheidend ist jedoch, dass bei ihm keine Mondlandung stattgefunden hat. Die Reisenden umkreisen den Mond lediglich in ihrer Kapsel. Man kann sagen, dass Jules Verne eine Fähigkeit hatte, sich Zukunftsszenarien sehr realistisch vorzustellen. In dem ersten seiner zwei Mondromane – "Von der Erde zum Mond" – stellt er wirklich Überlegungen an wie: Wo müsste ein Geschoss Richtung Mond platziert werden? Denn da gehören einige Dinge dazu. Der Breitengrad ist zum Beispiel wichtig. Das hatte Jules Verne schon bedacht und damit war er verblüffend nah an der Realität dran. Auch dass drei Reisende, beziehungsweise Astronauten, in der Kapsel sind, die dann auch im Pazifik landen, also dort wassern, hatte er vorhergesehen.

Basierend auf Vernes Vorlage entsteht 1902 Méliès' Film "Die Reise zum Mond".

Wenn die Realität irreal erscheint...

Als die Reise dann tatsächlich möglich war, konnten das viele nur schwer begreifen. "It’s just like a gigantic TV drama – it seems so unreal", sagte Joan Aldrin über ihren Mann im All. Dabei gibt es doch die Bilder, die alles belegen. Wieso wirkt also das Ereignis unwirklich und inwiefern spielt die Übertragung da mit hinein?

Georges Méliès (Die Reise zum Mond), aber auch Fritz Lang (Die Frau im Mond) und Stanley Kubrick (2001 war 15 Monate zuvor in die Kinos gekommen) haben auf ihre Weise die Mondlandung in Spiel- oder Trickfilmen bereits vorweggenommen. Das war natürlich in den Köpfen der Leute, die die Mondlandung im Fernsehen verfolgten. Das muss wirklich ein seltsames Gefühl gewesen sein. Und die Art der Übertragung – vor allem die unscharfen schwarz-weiß Bilder, die ja auch so gespenstisch oder abstrakt gewirkt haben – hat dazu beigetragen, dass dieser Anschein der Unwirklichkeit entstanden ist.

Was sichtbar war, entsprach also nicht mehr zwingend der Wahrheit – wie das im Zeitalter von Galileo Galilei noch der Fall war?

Daniel Grinsted über eine Entwicklung, die Verschwörungstheoretiker oftmals nicht bedenken (mp3, 47 Sek.)

Inszeniertes Event Mondlandung?

Die Lunonauten haben sich auch einiges erlaubt. Beispielsweise hat Armstrong die Kamera auf den Kopf gedreht und damit die Welt auf den Kopf gestellt. Waren solche Elemente notwendig für die Dramaturgie dieses live übertragenen TV-Ereignisses?

Inwiefern das wirklich als Entertainment geplant war, ist schwierig zu beantworten. Wenn man die Kommentare der Bodenstation hört beziehungsweise liest, ist mir sehr schnell aufgefallen, dass etwa die Landung als "good show, great show" bezeichnet wurde. Es wurde also nicht etwa gesagt: "Ja, das habt ihr gut gemacht, super gemacht" – raumfahrttechnisch oder als Piloten. Da werden hingegen die Spannung und die Hollywooddramaturgie gelobt. Wenn Neil Armstrong die Kamera auf den Kopf dreht, ist das eigentlich Interessante daran, dass er dieses Medium für so etwas benutzt. In erster Linie war er ja Astronaut und nicht Unterhalter und er hatte auch keine Entertainment-Aufgaben. Das hat er wohl einfach spontan entschieden.

"A Small step for a man": Neil Armstrong kommentiert die Bilder von der Mondoberfläche:

Sie haben die Mondlandung als medienkulturelles Phänomen untersucht. Was ist der Mondlandung in der Reihe anderer Medienereignisse eigen, was stellt sie heraus?

Zum einen diese ungeheure Zuschauerzahl. Es waren etwa – das kann seltsamerweise niemand so genau sagen – 600 Millionen Zuschauer, was zur damaligen Zeit ein Fünftel der Weltbevölkerung darstellte. Wenn man bei heutigen Ereignissen weltweit auf eine Milliarde Zuschauer kommt – zum Beispiel bei einem Fußball-WM-Endspiel – ist man schon ganz zufrieden.

Daniel Grinsted führt einen weiteren Punkt an, der mit den Astronauten selbst zu tun hat (mp3, 33 Sek.)

Was dann wiederum den Verschwörungstheoretikern Futter gibt, weil die sagen, dass keine objektiven Reporter dabei waren. Warum sollten sie also diesen beiden Astronauten glauben, die ja mit der NASA unter einer Decke steckten?

Der Blick auf die Erde vom Mond aus.

Meine letzte Frage hätten Sie wahrscheinlich schon früher vermutet: Woher rührt ihr Interesse am Mond, an Mondreisen und im Speziellen an der Mondlandung als Medienereignis?

Ich war nie Raumfahrtfanatiker und auch kein Star Trek-Anhänger, aber mich hat schon als Kind dieser Gedanke fasziniert, dass auf diesem Himmelskörper schon Menschen standen und auf die Erde geschaut haben. Fasziniert haben mich vor allem auch die Gedanken, die den Astronauten durch den Kopf gegangen sein müssen. Nicht nur als sie auf dem Mond standen, sondern auch als sie wieder auf der Erde waren und selber nachts den Mond gesehen haben.

Herr Grinsted, vielen Dank für das Gespräch!

Text: Verena Hepperle
Teaserfoto: Georges Méliès
Fotos: Daniel Grinsted/Logos Verlag Berlin/Georges Méliès/NASA
Video: Youtube.com

Veröffentlicht: 07.07.2009
Bitte gib hier die rechts gezeigte Zahl ein. Dies dient zur Abwehr automatisierter Einträge. CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn du die Zahl nicht lesen kannst, hier klicken.
Hinweis: Kommentare werden moderiert.


Pflichtlektüre

Eldoradio

DO1 TV

Journalistik Journal

Köpfe & Karrieren | Trends & Technik | Kritik & Kurioses | Spezial | News | Blog
 Suche | Newsfeeds | Redaktion | Impressum