Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Die Lehre

Was lehrt uns die mediale Aufarbeitung des Reichstagsbrandes? Offenbar ist das bundesdeutsche Mediensystem in der Selbstbeobachtungsfalle verstrickt.

flickr.com/Stijn Vogels
Ausstieg aus der Live-Berichterstattung: Das konnte die ARD ihren Zuschauern nur schwer erklären.

Neben dem NDR-Magazin "Zapp" existiert kein fester Ort für kritischen Medienjournalismus im Fernsehen. Bei den Printmedien gibt es kaum Ombudsstellen. Nur selten "leisten" sich die Redaktionen eine Nachrecherche - eine Ausnahme bildet die Talksendung "Hart, aber fair".

Die Qualitätsdebatte wird recht leidenschaftslos geführt. Die Vertreter der Öffentlich-Rechtlichen ruhen sich auf dem Standard aus und verstecken sich hinter den Fehlern der Privaten. Diese Haltung könnte zum Bumerang werden. Es grüßt nicht nur der Product-Placement-Skandal bei der ARD.

Politik und Gebührenzahler wissen oftmals die Leistungen und Verpflichtungen der Öffentlich-Rechtlichen nicht zu schätzen. So hatten die RTL-Nachrichten im Frühsommer 2007 erstmals mehr Zuschauer als die ZDF-Hauptnachrichtensendung, außerdem fiel es ARD und ZDF nicht leicht, ihren Ausstieg aus der Live-Übertragung der skandalumwitterten Tour de France den Zuschauern zu erklären. Auch hat die Konkurrenz zwischen Spiegel und Focus sowie zwischen den Sonntagszeitungen nicht zur Stärkung des selbstkritischen Medienjournalismus geführt.

Wenige nutzen Weg aus der Falle

flicr.com/ring2
Wenig Selbstbeobachtung, viel Lüge? Kontrolle ist notwendig.

Auswege aus der Selbstbeobachtungsfalle weisen zwar Institutionen der Selbstkontrolle und Organisationen wie das "Netzwerk Recherche" oder die "Initiative Nachrichtenaufklärung". Aber zur Zeit werden die vorgeschlagenen Pfade kaum genutzt. Nötig wäre dies allemal. Bezogen auf den "Kriminalfall Reichstagsbrand" ist zu resümieren: Es geht zunächst darum, die Täter (vielleicht doch nur ein Täter?) zu benennen – aber die Zweifel an der Alleintäterschaft scheinen begründet und sollten daher weitere Prüfungen durch Historiker nach sich ziehen. Von Interesse ist zunächst, ob die in der Spiegel-Geschichte von 1959 aufgeführten Aussagen von Zirpins existieren und wie das Institut für Zeitgeschichte mit dem Prüfauftrag an Schneider verfahren ist.

Für die Kommunikations- und Medienwissenschaft leitet sich der Schluss ab, dass der Medienjournalismus sowie die Institutionen der Selbstkontrolle - wie der Presserat - zukünftig kritischer beobachtet und begleitet werden sollten. Damit die Medien ihre Kritik- und Kontrollfunktion erfüllen können, erscheinen zusätzliche Institutionalisierungsschritte ebenso notwendig wie eine stärkere Berücksichtigung dieses Aufgabenfeldes in der Journalistenausbildung. Angriffe auf die Demokratie bedeuten auch Angriffe auf die Medienfreiheit. Wenn von den Parteien zu recht im Grundgesetz und im Parteiengesetz innerparteiliche Demokratie verlangt wird, dann ist unbedingt zu fordern, dass dies in den Medien auch stattfindet; nur so wird der Widerstand gegen staatliche Übergriffe (Cicero-Urteil) und Heuschrecken in den Medien und in der Wissenschaft überzeugend.

Text: Jörg-Uwe Nieland
Bilder: flickr.com/Stijn Vogels, flickr.com/ring2

Veröffentlicht: 18.03.2008
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