Die Geburt (m)eines Helden
Meinen ersten Kontakt mit World of Warcraft hatte ich über einen Freund. Der hatte zur gleichen Zeit wie ich sein Studium begonnen, musste dann aber feststellen, dass BWL und er einfach nicht zusammen passten. Und so gingen sie getrennte Wege: BWL blieb in der Uni, er blieb zu Hause. Und entdeckte die Welt von Azeroth für sich. Das Spiel war noch neu, die Welt war jung, groß und unerforscht. Und ebenso groß war seine und meine Faszination. 2004 war das.
Ich entschied mich damals bewusst gegen das Spiel. Aus Vorsicht. Das hatte zwei Gründe. Erstens: Ich hatte schon immer einen Faible für Fantasy. Meine Regale standen voller Bücher von Tolkien, Pratchett und McCaffrey, zusammen mit Freunden hatte ich unzählige Abende mit Pen & Paper Rollenspielen verbracht, in meinem Zimmer hing eine Vitrine vollgestopft mit Tabletop-Figuren. Zweitens: Ich war (und bin) leidenschaftlicher Computerspieler. Angefangen bei C64 und Gameboy hatte ich mit allem gespielt was der Markt zu bieten hatte, hatte LAN-Parties organisiert und spielte fast täglich im Internet.
Ich war die perfekte Petrischale für den WoW-Virus. Also versuchte ich alles, um eine Ansteckung zu vermeiden. Ich wollte mich auf mein Studium konzentrieren, auf mein neues Leben in Dortmund.
Der Virus schlägt zu
Geholfen hat es nichts. Schon im ersten Semester war mir klar, dass ich mich dem Sog des Spiels nicht entziehen konnte. Ich gab mir selbst ein Versprechen: Ich würde das Spiel kaufen, aber erst nach der Klausurphase zum Ende des Semesters. Drei Wochen vor der letzten Klausur habe ich dieses Versprechen gebrochen. Am selben Tag wurde Tenarion geboren.
In der Welt von Azeroth herrscht ein permanenter Konflikt zwischen der Horde und der Allianz, zwei mächtigen Völkerbündnissen, die seit jeher im Krieg miteinander liegen. Spieler, die unterschiedlichen Fraktionen angehören, können sich untereinander nicht verständigen, auf einigen Servern befinden sie sich sogar im permanenten Kriegszustand. Da mein Freund sich auf die Seite der Allianz geschlagen hatte und sich mittlerweile sehr gut auskannte, wollte ich ihm folgen. Ich hatte mich entschlossen, einen Schurken zu spielen. Einen Nahkämpfer, der unsichtbar für seine Gegner aus dem Hinterhalt zuschlägt. Doch welchem Volk sollte er angehören?
Wer will ich sein?
Den Menschen? Menschen gibt es komischerweise in fast allen Fantasy-Welten. Und irgendwie haben sie es immer zur dominanten Spezies gebracht. Obwohl Riesen, Drachen und Dämonen direkt nebenan wohnen. Menschen sind immer die Normalos: Sie können alles, aber irgendwie nichts richtig gut. Ein Mensch zu sein ist sicher, unkompliziert – und langweilig. Nichts für mich!
Den Zwergen? Ein weiterer Evergreen aus der Fantasy-Familie. Zwerge sind gewissermaßen die kleinen Brüder der Menschen, leben mit Vorliebe unter Tage und trinken starke alkoholische Getränke, wovon sie dicke Bäuche bekommen. Und so einer soll aus dem Hinterhalt jemanden meucheln? Kommt nicht in Frage!
Den Nachtelfen? Ein uraltes, geheimnisvolles Volk, grazil und tödlich. Einst beherrschten die Elfen die Welt von Azeroth, doch dann ging bei magischen Experimenten so einiges schief, das führte zu Zank untereinander und aus war's mit der Weltherrschaft. Gut, Nachtelfen haben komische Ohren und ein paar von ihnen verwandeln sich in Tiere und haben Bäume lieber als es dem Rest recht sein kann, aber ich war gewillt, darüber hinwegzusehen. Nachtelf also!
Nomen est Omen
Nun fehlte meinem Avatar in World of Warcraft noch das wichtigste Erkennungszeichen: Ein Name. Namen in WoW sind einzigartig und können auf jedem Server nur ein Mal vergeben werden. Die guten sind schnell vergriffen. Also gibt es drei Möglichkeiten:
Erstens: Einen Namen wählen den es schon gibt und ihn mit Accents und Sonderzeichen verunzieren biss er einzigartig ist und vom Server akzeptiert wird. So zum Beispiel: Pérsêphønè. Schwer zu merken und umständlich zu schreiben.
Zweitens: Den Namen eines beliebigen Gebrauchsgegenstandes aus der wirklichen Welt zweckentfremden. Schinkenbrot, Wandschrank, Bauzaun, alles schon gesehen. Irgendwie geht dabei aber die Ernsthaftigkeit flöten.
Drittens: Einen eigenen Namen kreieren. Einen, der zum Volk und der Klasse des Charakters passt. Einen Namen mit Identifikationspotential. Meinen Namen. Aus einem Bauchgefühl heraus entschied ich mich nach einigem hin- und herüberlegen für den Namen "Tenarion". Ein harter Einstieg und ein fast ätherisches, geheimnisvolles Ende. Perfekt für meinen jungen Nachtelfen.
Später fand ich heraus, dass ich keineswegs der einzige war, der diesem Gedankengang gefolgt ist. Allein auf den europäischen WoW-Servern gibt es 27 Charaktere die Tenarion heißen, krude Schreibweisen nicht mit eingerechnet. Doch dieser war meiner, und in seiner kleinen Welt, auf seinem Server, war und ist er einzigartig. Ein weiteres "Problem" entstand später durch die viel praktizierte Abkürzungswut der WoW-Spieler, wodurch der ätherische Teil des Namens einfach wegfiel und mein Charakter auf den Namen einer Damenbinde reduziert wurde. Und trotzdem höre ich inzwischen auch im richtigen Leben auf den Namen meines virtuellen alter ego. Wenn jemand "Tenarion" sagt, dann sage ich "Hier!".




