Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Wirtschaft

Die Finanzkrise in den Medien

Kaum eine Geschichte hat die Medien im letzten Jahr weltweit so beschäftigt wie die Wirtschaftskrise. Nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers haben Journalisten über Ursachen und Folgen diskutiert, gar ein Ende des Kapitalismus prophezeit. Ein Rückblick auf die Berichterstattung in den Vereinigten Staaten und Deutschland.

Den Absturz der Wirtschaft haben die Medien nicht vorhergesehen.

Washington D.C. "9/15" - wollte man ein Datum für den Beginn der Berichterstattung über die Finanzkrise setzen, wäre es die spektakuläre Pleite der US-Bank Lehman Brothers am 15. September 2008. Zwar haben Medien wie die Zeitschrift Finanz Test, die Wirtschaftswoche, Focus und einige andere bereits früher über Krisenanzeichen auf dem US-Immobilienmarkt berichtet, aber erst ab "9/15" wurde den Wirtschaftsmedien in Deutschland das tatsächliche Ausmaß der globalen Finanzverflechtungen richtig bewusst. Eine massenhafte Krisenberichterstattung setzte ein.

"Der Journalismus, speziell der Wirtschaftsjournalismus, ist als Frühwarnsystem weitestgehend ausgefallen", kritisiert Siegfried Weischenberg, Professor für Journalistik an der Universität Hamburg, die deutschen Medien. Auch in den Vereinigten Staaten, dem Ursprungsland der Krise, wird kräftig Medienschelte betrieben. Die Menschen seien nicht gewarnt worden, die Journalisten hätten versagt.

Presseversagen in den Vereinigten Staaten

Dean Starkman spricht über die Finanzkrise in amerikanischen Medien.

Dean Starkman, ein amerikanischer Wirtschaftsreporter, hat für die Columbia Journalism Review die Wirtschaftsberichterstattung der amerikanischen Presse zwischen 2000 und 2007 erforscht - in der Zeit also, als Journalisten Indikatoren für die Finanzkrise hätten aufspüren müssen. Die neun wichtigsten Wirtschaftspublikationen der USA hat Starkman unter der Fragestellung untersucht, ob sie ihre Leser ausreichend gewarnt hätten. Seine Antwort ist eindeutig: "No!" Lediglich in den Jahren zwischen 2000 und 2003 hätten Journalisten investigative Geschichten über die Wall Street gebracht, in den entscheidenden Jahren, zwischen 2004 und 2006, seien aber hauptsächlich - "useful-but-not-sufficient" - konsumorientierte Artikel erschienen. Geschichten über Praktiken der bis dato noch mächtigen Finanzinstitutionen hätten gefehlt, so Starkman. Nur sporadisch hätten einzelne Journalisten auf Gefahren hingewiesen.

Dean Starkman

Dean Starkman leitet und schreibt für The Audit, eine Kritikwebsite, die zur Columbia Journalism Review gehört und von der Columbia University Graduate School of Journalism publiziert wird. Vorher war Starkman acht Jahre lang investigativer Reporter beim Wall Street Journal. Er hat als Chefredakteur des Providence Journal den Pulitzer-Preis für investigativen Journalismus gewonnen. Hier spricht er auf der Konferenz "Covering the Crisis", die im November vergangen Jahres in Brüssel stattfand, über seine Studie:
Viele Leser konnten mit der Krise nicht rechnen.

Die Gründe für die fehlende investigative Berichterstattung sind vielfältig. "Es ist wichtig zu verstehen, dass die Krise die größte seit über 70 Jahren war. Sie ist für unsere Generation einmalig und deswegen sehr schwer vorauszusagen gewesen", so Barry Bosworth vom Brookings Institute in Washington D.C. In Deutschland hätten viele Redaktionen erste Anzeichen der Krise bereits 2006 wahrgenommen, so die Medienjournalisten Christian Meier und Stefan Winterbauer in ihrem Dossier "Die Finanzkrise und die Medien: Nagelprobe für den Wirtschafts- und Finanzjournalismus", für das sie die deutsche Krisenberichterstattung untersucht haben. Doch die Wirtschaftsjournalisten hätten die Kapitalblase im amerikanischen Immobiliensektor als ein rein amerikanisches Problem interpretiert. Und als die amerikanische Investmentbank Bear Stearns im Frühjahr 2008 in große Finanzschwierigkeiten geraten ist und mit Hilfe der US-Notenbank Federal Reserve gerettet wurde, hätten die Wirtschaftsberichterstatter gedacht, die amerikanischen Banken seien "too big to fail", so die Medienjournalisten. Erst nach der spektakulären Lehman-Pleite und ihren Auswirkungen auf das weltweite Finanzsystem haben alle Wirtschaftsjournalisten verstanden, wie stark die weltweite Wirtschaft verflochten ist.

Ein institutionelles Problem

Dean Starkman gibt die Schuld an der defensiven Wirtschaftsberichterstattung in den USA vor der Krise nicht einzelnen Journalisten, die die Krise nicht hätten kommen sehen. Seiner Meinung nach hätten vor allem die Chefredakteure versagt: "Senior editorial leaders and news executives are in the dock here, as is an entire media subculture. Leaders had the power; they set the tone; they set the frames, not this reporter or that one."

Das "Wall Street Journal" hat wenige investigative Geschichten gebracht.

Als Beispiel für schlechte Krisenberichterstattung nennt Starkman seinen früheren Arbeitgeber: The Wall Street Journal, "once the dominant force in financial news, is failing, and failing badly." Das seit August 2007 zur NewsCorp. von Medienmogul Rupert Murdoch gehörende Magazin habe es von Anfang an versäumt, die Ereignisse der Medienkrise richtig zu erklären und einzuordnen. Murdoch und sein Chefredakteur Robert Thomson hätten ihre Mitarbeiter auf die Jagd nach Nachrichten geschickt "like so many hamsters on a wheel", so Starkman. Zu selten habe das Wall Street Journal durch eigene Recherchen die Nachrichtenagenda bestimmt und sei zu oft der Berichterstattung anderer Zeitungen wie der New York Times gefolgt.

Wall Street Journal

The Wall Street Journal wurde 1889 gegründet. Die gemeinsame Print- und Online-Auflage des Journal in den USA beträgt 2.024.269 Exemplare. Im August 2007 hat Rupert Murdoch die Zeitung für fünf Milliarden Dollar gekauft. Richtungsweisend wurde das Journal unter seinem Verleger Barney Kilgore, der die Zeitung von 1941 bis 1967 leitete und die Auflage von 33.000 auf 1,1 Millionen erhöhte. Seine wichtigste Innovation war die Ausrichtung auf ein breites Publikum. Vor allem wurde die Zeitung für ihre Wirtschaftsanalysen geschätzt. Murdoch dagegen hat sie eher auf Nachrichten ausgerichtet.

USA: Eigenrecherche eher bei weichen Themen

Wenig investigative Berichterstattung bei harten Wirtschaftsthemen.

Haben Journalisten es versäumt vor der Finanzkrise zu warnen, so waren die amerikanischen Medien während der Krise durchaus recherchefreudig - zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des "Pew Research Center’s Project for Excellence in Journalism". Demnach gehen 23 Prozent aller Geschichten auf Recherchen von Journalisten zurück. (49 Prozent wurden durch politische Ereignisse ausgelöst, 21 Prozent durch Ereignisse in der Wirtschaftswelt.) Die Initiative der Journalisten divergiert jedoch stark nach Berichterstattungsthema. Bei harten Wirtschaftsthemen, wie Problemen im Bankensektor und Notverkäufen von Banken, initiierten Journalisten nur 20 Prozent der Geschichten (siehe Statistik). Bei eher weichen Themen lösten Eigenrecherchen mehr Berichterstattung aus, bei der Krise auf dem Wohnungsmarkt 23 Prozent, bei der Berichterstattung über Arbeitslosigkeit 35 Prozent, bei der Beschreibung der Folgen für den einfachen Bürger 54 Prozent.

Besonders bei Zeitungen in den Vereinigten Staaten sei der Anteil der selbst recherchierten Geschichten hoch gewesen - zu diesem Ergebnis kommt eine weitere Untersuchung des "Project for Excellence in Journalism". Mehr als ein Drittel (35 Prozent) aller Zeitungsartikel seien demnach durch eigene Recherche ausgelöst worden, beim Fernsehen waren es nur 20 Prozent, 13 Prozent bei Online-Medien, 10 Prozent im Radio. Auch hätten Zeitungen im Vergleich zu anderen Medien mehr Quellen benutzt, so die Studie. Und doch: Kein Beitrag über die Krise hat den Pulitzer-Preis gewonnen.

Deutschland: Kaum Ursachenforschung

In Deutschland wurden nach dem Hereinbrechen der Krise - "die kein Journalist hat treffgenau vorhersagen können" - zuerst durch Geschichten wie "Wie sicher ist mein Geld?" "die primären Bedürfnisse der Leser befriedigt", so Christian Meier und Stefan Winterbauer in ihrem Dossier. Statt einer tiefen Ursachenforschung wurden personalisierte Geschichten mit "human touch" lanciert. Danach, bevor sich der Wirtschaftsjournalismus wieder auf einen "Kurs des Business-as-Usual" begeben hat, ist die Rolle des Staates diskutiert worden.

Während der Krise haben die meisten Redaktionen Task-Forces gebildet, die sich fortan mit dem Thema Finanzkrise auseinander gesetzt haben, denn kaum jemals war das Interesse der Menschen an Wirtschaftsthemen so groß. Doch die Krise hat die Medien, eigentlich Beobachter der Ereignisse, nicht unberührt gelassen und in eine paradoxe Lage gebracht: Während das Interesse der Menschen an Wirtschaft wächst, sinken die Erlöse aus dem Anzeigengeschäft, weil ganze Industrien wie die Autoindustrie in der Krise stecken und keine Anzeigen schalten.

Konsequenzen aus der Krise

Auch die Medien bleiben von der Finanzkrise nicht verschont.

In ihrem Dossier diskutieren Christian Meier und Stefan Winterbauer die Konsequenzen für die Wirtschaftspresse. Der Kostendruck durch fallende Werbeumsätze werde für weitere "Konzentrationen, Marktbereinigungen und Preiserhöhungen für die so genannten Leitmedien" sorgen. Wegen wegbrechender Anzeigenumsätze würden mehr Journalisten entlassen werden. Konkrete Anlagetipps würden zurückgehen. Die Wirtschaftsmedien würden sich in qualitativ hochwertige Leitmedien und einen breiten Mainstream teilen.

Diese theoretischen Konsequenzen sind bereits jetzt teilweise Realität geworden. Gruner + Jahr hat seine Wirtschaftstitel im März 2009 gebündelt, Financial Times Deutschland (FTD), Capital, Impulse und Börse Online werden in einer Zentralredaktion am Standort Hamburg produziert, die Financial Times Deutschland hat ihre Wochenendbeilage Weekend abgeschafft. Auch die Medien leiden unter der Finanzkrise.

Text: Evgenij Haperskij
Zeichnungen: Evgenij Haperskij
Timeline: Evgenij Haperskij
Bild: ejcnet, flickr.com
Video: coveringthecrisis.eu

Veröffentlicht: 17.02.2010
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