Die Ermittlungbereitschaft in Deutschland
Hans Leyendecker hat es vorgemacht - und nur sehr wenige sind ihm gefolgt. Der investigative Journalismus in Deutschland weist Studien zufolge noch starken Nachholbedarf auf. Doch welche Faktoren begünstigen diese Entwicklung? Was hebt diese Journalismusform hervor? Und welche Hoffnung gibt es für die Zukunft?
Dortmund. "Der investigativ arbeitende Journalist sammelt mehr, er ist ergebnisoffen, er hat viele Quellen, er sucht Unterlagen, die öffentlich nicht zugänglich sind. Er arbeitet länger". Diese Charakterisierung von Hans Leyendecker erscheint wenig verlockend. Jedoch ist der nötige Mehraufwand an Arbeit, nicht der einzige Grund, weshalb diese Berufsgruppe kaum entwickelt ist. Annahmen zufolge gibt es bundesweit weniger als 50 Journalisten, die an der "rostigen Schraube Aufklärung" drehen, wie "Monitor"-Chefin Sonia Mikich den investigativen Journalismus umschreibt. Die genaue Zahl ist unbekannt. "Wir befinden uns im internationalen Vergleich im unteren Mittelfeld", schätzt Ingmar Cario, Journalistik-Absolvent der TU Dortmund, der sich in seiner Diplomarbeit "Die Deutschland-Ermittler" mit dieser Form des Journalismus beschäftigt hat. Die angelsächsischen Länder sind der Bundesrepublik hier weit voraus.
Für seine Diplomarbeit hat Ingmar Cario, ehemaliger Journalistik-Student an der TU Dortmund, im November 2005 elf investigative Journalisten interviewt. Dabei legte er Wert darauf, dass sie in verschiedenen Medienbereichen tätig sind – bei Tageszeitungen, Wochenmagazinen, im Agenturbereich und im Fernsehen. Befragt wurden Thomas Leif, Simone Wendler, Ingolf Gritschneder, Holger Stark, Hans Leyendecker, Olaf Jahn, Volker Lilienthal, Freddie Röckenhaus, Hans-Martin Tillack, Jürgen Schreiber und Volker Steinhoff.
Arbeitsteilung vs. Allround-Journalisten
Dem könnten die unterschiedlichen Berufsmodelle zugrunde liegen. Denn dort herrscht innerhalb der Redaktionen eine strenge Arbeitsteilung zwischen der Funktion als "reporter", der Recherche betreibt und schreibt, dem "editor", der redaktionelle Aufgaben innehat und redigiert und dem "editorial writer", der die Kommentare verfasst. Dagegen sind Redakteure in Deutschland "Allround-Journalisten, die unter anderem auch recherchieren – sofern Zeit bleibt", unterscheidet Kommunikationswissenschaftler Frank Esser.
Recherchejournalisten sind "exotische Außenseiter"
Auch die Studie "Bedingt ermittlungsbereit. Investigativer Journalismus in Deutschland und in den USA", die sechs Fallbeispiele amerikanischer und deutscher Tageszeitungen untersucht, kommt zu dem Ergebnis, dass Recherchejournalisten bei deutschen Tageszeitungen im Gegensatz zu ihren amerikanischen Kollegen "exotische Außenseiter" sind.
Die Studie von Lars-Marten Nagel ist in der Reihe "Recherche-Journalismus und kritische Medienpolitik" des Netzwerk Recherche 2007 herausgegeben worden. Sechs Beispiele deutscher sowie amerikanischer Tageszeitungen wurden auf investigative Berichterstattung hin untersucht. Zudem besuchte der Autor die Zeitungen Washington Post, St. Louis Post-Dispatch, Kansas City Star, Süddeutsche Zeitung, Berliner Zeitung und Sächsische Zeitung um den Mitarbeitern über die Schulter zu schauen. Des Weiteren wurden mit 35 Reportern, Redakteuren und Chefredakteuren Interviews geführt.
Davon abgesehen kann jeder anhand der aktuellen Medienberichterstattung erkennen, dass die Zahl der in Deutschland "ermittlungsbereiten" Journalisten nicht untertrieben und die Förderung dieser Berufsgruppe dringend notwendig ist. Denn statt Aufdeckungsberichten über die deutsche Politik, Gesellschaft oder Wirtschaft "boomt das Banale. Superstars und Dschungelcamp-Insassen trällern sich durchs RTL-Programm, die Bild spendiert ihren Lesern eine Gute-Laune-Ausgabe, in der es nur positive Nachrichten gibt und dank des ,modernen Nachrichtenmagazins’ Focus weiß die ,Infoelite’ endlich, welches Haustier zu ihr passt", resümiert Henryk Hielscher in der Einleitung der Studie "Investigativer Journalismus in Deutschland". Nach einer Befragung von 75 Mitgliedern der Journalisten-Vereinigung Netzwerk Recherche kommt er zu dem Schluss, dass der investigative Journalismus in Deutschland besonders vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen betrieben wird, da rund die Hälfte der Journalisten in diesem Medium und lediglich ein Drittel der Befragten bei einem Printmedium arbeitete.
Bei dieser Studie wurden 270 Mitglieder der Vereinigung "Netzwerk Recherche e.V." im Alter zwischen 26 und 58 Jahren gebeten, einen Fragebogen auszufüllen. Aufgrund der Mitgliedschaft im Netzwerk Recherche kann davon ausgegangen werden, dass bei allen Befragten zumindest eine große Bereitschaft zur Recherche besteht. Zwischen Dezember 2003 und Januar 2004 kamen 75 Antworten zurück, was einer Rücklaufquote von 28 Prozent entspricht.
Zudem verlassen sich deutsche Journalisten bei ihrer täglichen Arbeit deutlich mehr auf Nachrichtenagenturen als ihre ausländischen Kollegen. "Die Agenturmeldung wird leicht variiert oder mit Meinung angereichert und man hat eine eigene Geschichte", kritisiert Hans Leyendecker die deutsche Agenturgläubigkeit. Die Diplomarbeit, für die Cario elf namhafte Journalisten interviewte, zeigt neben dem stetigen Rückgang an journalistischer Recherche, auch die immer größer werdende Bedeutung der Online-Recherche auf: "Das kann eine bequeme Form sein, Recherche in der Wirklichkeit zu vermeiden, und bedeutet sehr oft Recycling", kritisiert der Kommunikationswissenschaftler Siegfried Weischenberg diese Entwicklung in einem Interview anlässlich seiner Journalismusstudie im Jahr 2006.
Recherche? Kein Geld!
Ingmar Cario hält dagegen, dass nicht nur die Journalisten, sondern hauptsächlich das ökonomisch ausgerichtete Verständnis von Journalismus Schuld daran sind: "In Deutschland wird die investigative Berichterstattung dadurch behindert, dass sowohl im Print-, als auch im Rundfunkbereich immer weniger Geld für solche Recherchen zur Verfügung gestellt wird." Darin sieht auch Hans Leyendecker das Hauptproblem dieser Journalismusform: "Ich glaube, dass die stärksten Hindernisse nicht außen aufgebaut werden. Viel schlimmer als jeder durchgeknallte Politiker, der Journalisten nachstellen will, sind Verleger, die Pressefreiheit nicht möglich machen. Da werden Rücksichten auf Anzeigenkunden genommen, die Redaktionen werden ausgedünnt, für Reisen steht kein Geld zur Verfügung." Daher macht die Studie "Bedingt ermittlungsbereit" darauf aufmerksam, dass zwar bereits innovative Redaktionsstrukturen wie ein Newsdesk oder die Bildung von Rechercheteams realisiert werden, jedoch in erster Linie um Personal einzusparen, nicht um die Recherche der Zeitungen zu intensivieren.
Gesetze als Zensurmittel
Des Weiteren bilden die juristischen Voraussetzungen ein wichtiges Fundament für die Ausübung des investigativen Journalismus. Hier wirkt sich besonders der Straftatbestand der Beihilfe negativ auf die Arbeit der Redakteure aus. Denn bei der erfolglosen Suche der Staatsanwaltschaft nach einem "Geheimnisverräter" aus Behördenkreisen kann der Verdacht auf Beihilfe der rechtliche Vorwand sein, um eine Durchsuchung der Privat- sowie Redaktionsräume und Beschlagnahmung von Unterlagen des Journalisten durchzuführen. So geschehen in der Cicero-Affäre im Jahr 2005, als das Privathaus des Journalisten Bruno Schirra sowie die Redaktion des Magazins wegen Verdachts auf Geheimnisverrat durchsucht wurde. Auch durch die juristische Legitimation, Telefonverbindungsdaten auszuspähen wird die journalistische Arbeit erschwert. Ein entsprechendes Gesetz wurde bereits im März 2003 vom Bundesverfassungsgericht erlassen, vorausgesetzt es liegt eine schwere Straftat vor. Welche Folgen derartige Gesetzentwürfe haben können, konnte man im letzten Jahr an der BND-Bespitzelung der Spiegel-Redakteurin Susanne Koelbl sehen.
Generell ist jedoch die verfassungsrechtliche Ebene zur Ausübung des Investigativjournalismus in Deutschland gegeben. Dass er bisher nur in wenigen Medien betrieben wird, wie z.B. beim Spiegel, liegt daher wohl hauptsächlich an der presse- und gesellschaftshistorischen Entwicklung der Bundesrepublik.
Obrigkeitsstaatliches Selbstverständnis
"Insbesondere die lange Tradition der Zensur und Beeinflussung ist dafür verantwortlich, dass sich die Presse in Deutschland nicht als eigenständige und unabhängige Kontrollinstitution emanzipieren konnte. Die andauernden Folgen dieser obrigkeitsstaatlichen Prägung werden noch heute deutlich, betrachtet man etwa die mitunter politisch motivierte Personalpolitik der öffentlich-rechtlichen Anstalten, die verbreitete innerprofessionelle Skepsis gegenüber einem Selbstverständnis als ,Vierte Gewalt’ und die Ablehnung konfliktreicher Recherchemethoden", heißt es in der Bilanz der Studie "Investigativer Journalismus in Deutschland." (Lesen Sie weiter)





Bitte um neuest Recherchemethoden,Kroacien läst Grüßen.