Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Qualität

Die Bedrohung von innen

Viele Journalisten sehen ihre Existenz bedroht - und zwar von außen. Durch Blogger, Twitterer und unabhängige Schreiber im Netz. Warum das eigentliche Problem gar nicht im "Laienjournalismus", sondern im Journalismus selbst begründet ist, erklärt Journalistik-Professor Claus Eurich.

Claus Eurich, Dortmunder Journalistik-Professor

Dortmund. Leser, Zuhörer und Zuschauer lesen, hören und sehen nicht mehr nur - sie schreiben, filmen und fotografieren auch selbst. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt der immer erschwinglicheren und leichter zu bedienenden Technik. Unbegrenzten Raum für die Veröffentlichung des sogenannten "Laienjournalismus" bietet das Internet. Blogs, Twitter und Facebook sind dabei nur einige der unzähligen Online-Plattformen, auf denen der User selbst zum Akteur wird. "Die Grenzen zwischen Kommunikatoren und Rezipienten sowie die zwischen Produzenten und Konsumenten verschwimmen", fasst Claus Eurich, Professor am Dortmunder Institut für Journalistik, zusammen.

Oft geht mit der zunehmenden Digitalisierung die Befürchtung einher, Journalisten könnten beliebig ersetzbar werden - durch Blogger beispielsweise. Die wirkliche Bedrohung für den Journalismus komme aber nicht von außen, sondern vielmehr von innen, findet Claus Eurich. "Wenn der Journalismus sich bedroht sieht, dann weniger durch diese zarten Blüten des Laienjournalismus, sondern vielmehr durch eine innere schleichende Selbstaufgabe durch Kommerzialisierung, der sich nur wenige Qualitätsmedien entziehen konnten."

Christian Nuernbergk von der Uni Münster

Diese These unterstützte auch Christian Nuernbergk von der Universität Münster. Demnach seien beispielsweise Blogs keine Konkurrenz, sondern vielmehr ein Ergänzungsangebot, das etablierte Medien nicht nur in ihre Recherche, sondern per Verlinkung auch in die eigenen Publikationen einbinden könnten. Außerdem habe es sich gezeigt, dass es Diensten wie Twitter zu verdanken sei, dass gewisse Themen in den Medien überhaupt aufgegriffen werden. "Bevor der Spiegel beispielsweise das umstrittene Köhler-Interview aufnahm, gab es im Netz bereits 17 Blogger beziehungsweise Twitterer, die sich mit dem Thema befassten", sagt Nuernbergk.

Christian Nuernbergk: Blogs - keine Konkurrenz, sondern Ergänzungsangebot (1:32 min)

Doch wenn die Konkurrenten aus dem Netz gar keine Konkurrenten sind, sondern nur Ergänzung, wo liegt dann das Problem? Oft habe die Ausrichtung auf Markt und Quote Vorrang - mit fatalen Auswirkungen auf journalistische Qualität und ethische Grundsätze. Im Zusammenhang dazu sieht Eurich auch die allseits beschworene und viel diskutierte Medienkrise. "Genauso wie die Wirtschaftskrise nicht wirklich eine wirtschaftliche ist, und wie die Politikkrise nicht wirklich eine politische ist, so handelt es sich auch hier im Kern um eine Glaubwürdigkeits- und Vertrauenskrise."

Grundwerte gegen die Vertrauenskrise

Um dieser Problematik entgegenzutreten, sei es daher an der Zeit, sich wieder auf einige Grundprämissen des Journalismus zu besinnen. Verschiedene Kriterien dafür seien die Liebe zur Wahrhaftigkeit, der Geist des Nichtverletzens, Empathie - also die Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz, das Zuhören und die Zurücknahme der eigenen Gedanken und Gefühle - , Kontextualität - sprich Verständlichkeit und das Darstellen von Zusammenhängen - sowie die Akzeptanz dessen, dass Wirklichkeit widersprüchlich und der eigene Standpunkt somit nie endgültig sein kann. "Diese Grundsätze haben einen überzeitlichen Charakter - sie sind also völlig unabhängig von den Veränderungen des Systems", sagt der Dortmunder Journalistik-Professor. Die Umsetzung könne dazu beitragen, Vertrauen und Glaubwürdigkeit wieder herzustellen. "Hierzu bedarf es der Selbstreflexion, aber auch der entsprechenden Ausbildung."

Text: Christin Otto
Fotos: Institut für Journalistik der TU Dortmund, Christin Otto

Veröffentlicht: 23.06.2010
Bitte gib hier die rechts gezeigte Zahl ein. Dies dient zur Abwehr automatisierter Einträge. CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn du die Zahl nicht lesen kannst, hier klicken.
Hinweis: Kommentare werden moderiert.


Pflichtlektüre

Eldoradio

DO1 TV

Journalistik Journal

Köpfe & Karrieren | Trends & Technik | Kritik & Kurioses | Spezial | News | Blog
 Suche | Newsfeeds | Redaktion | Impressum