Rudi Assauer
Die Alzheimer-Kampagne
Rudi Assauer hat Alzheimer. Sein Outing entpuppte sich schnell als ein aufwendig geplantes Spektakel, für das verschiedenste Medienkanäle zusammen an einem Strang zogen. Eine Suche nach Verantwortlichen für das ungewöhnliche Assauer-Comeback.

- Autor der Assauer-Biografie ist Patrick Strasser ("Hier ist Hoeneß!").
"Alzheimer!" Am Abend des 30.1. um 20.02 Uhr gab bild.de mit einer kurzen Meldung den Startschuss für die prägendste Debatte der darauffolgenden Tage. Die berichtenden Medien feiern sich seitdem für den Tabubruch, endlich offen über die Volkserkrankung zu berichten. Doch diskutieren wir tatsächlich erfolgreich Folgen und Umgang mit Alzheimer? Oder erleben wir ergreifend tragisches Storytelling rund um "Macho Assauers" Schicksal, das zusätzlich noch Lust aufs Buch macht?
BILD, ZDF und stern kämpfen gemeinsam gegen das Vergessen
Drei Tage in Folge machte BILD nach der ersten Meldung mit Assauer auf. Unkommentierte Auszüge aus seinem Buch folgten ebenfalls im Tagestakt ("Ich erkenne alte Freunde nicht mehr", "Ich bin doch viel zu jung für diese Krankheit", "So reagiert die Bundesliga", usw.) Claus Kleber eröffnet das "heute journal" am 31.1. mit dem Satz "Die Politik soll heute warten." Sie tut es. Erst folgt ein fünfminütiger Beitrag über Assauer. Im Anschluss lässt sich Kleber in einem Expertengespräch die Krankheit Alzheimer genauer erklären. Erst nach zehn Minuten Sendezeit und Hinweisen auf folgende Auftritte Assauers im ZDF kommt schließlich die Politik zum Zug. Zwei Tage später titelt der stern fast 41 Jahre nach dem legendären Bekenntnis "Wir haben abgetrieben" "Ich habe Alzheimer." Es ist das dritte Medium, das Assauer exklusiv begleiten durfte. stern, ZDF und BILD schienen sich einig, innerhalb von drei Tagen zusammen mit derselben Geschichte herauszukommen. Bei solch einem ungewöhnlichen Zusammenschluss stellt sich unweigerlich die Frage, wer genau die Fäden in der Hand hatte.
30.1. "ALZHEIMER!" bild.de eröffnet die Debatte am Abend mit einem Hinweis, dass in der morgigen BILD alle Details zu lesen seien. Es folgen täglich Titelgeschichten online und in der Druckausgabe
31.1. Das heute-Journal nutzt die ersten fünf Minuten für erste Auszüge aus der kommenden Reportage über Rudi Assauer
2.2. Der aktuelle stern erscheint mit dem Titel "Ich habe Alzheimer - Im stern spricht er über seinen Weg ins Vergessen"
2.2. Die Biografie "Wie ausgewechselt - Verblassende Erinnerungen an mein Leben" erscheint im riva-Verlag
3.2. Assauers erster und einziger Live-Auftritt im ZDF: Volle Kanne
7.2. "37 Grad" sendet im ZDF eine Reportage, nachdem Assauer ein Jahr lang von einer Redakteurin begleitet wurde
Vor allem Assauer selbst wollte mit seiner Krankheit endlich an die Öffentlichkeit. Das scheint verständlich und nachvollziehbar. Auch die Memory-Clinic Essen, in der Assauer seit Anfang 2010 in Behandlung ist, wünschte sich sein Outing. "Wir haben Herrn Assauer aktiv dabei unterstützt diesen Schritt in die Öffentlichkeit zu wagen," sagt Carsten Brandenberg, Psychometriker an der Memory-Clinic. "Wir alle sind uns hier einig, dass die öffentliche Diskussion der Krankheit gut tut. Auch wenn man über die jetzige Vermarktung in verschiedensten Medien sicher geteilter Meinung sein kann."

- Auf dem vorläufigen Cover ist Assauer noch nicht von Rauchschwaden umhüllt.
Es scheint unwahrscheinlich, dass Assauer selbst noch für diese Punktlandung verantwortlich ist, die dem Thema maximale Aufmerksamkeit beschert hat. Laut Focus hat er immerhin den Kontakt zu BILD hergestellt. Verleger Christian Jund vom riva-Verlag hingegen kümmerte sich wohl um den großen Rest. "Er ist unser Held, wir führen ihn nicht vor," stellt Jund gegenüber dem Fachmagazin Buchreport schon einmal vorsorglich klar. So lang wie möglich hielt der Verlag Assauers Alzheimer-Erkrankung geheim. Erst pünktlich zur Veröffentlichung konnte das Geständnis den größtmöglichen Werbeeffekt zu erzielen. So verschweigt die Frühjahrsvorschau des riva-Verlags vom Januar noch jeglichen Hinweis auf Assauers Krankheit. Das Buch wird angekündigt unter der großen Überschrift "Manager, Macher, Macho." Simpler Arbeitstitel der Autobiografie: "Mein Leben." Lediglich der Hinweis, dass das finale Cover erst unmittelbar zur Veröffentlichung präsentiert wird, lässt nun ahnen, dass da noch etwas kommen sollte.
Berichterstattung pünktlich zur Buchpublikation
In Gelsenkirchen selbst galt Rudi Assauers Demenz schon seit geraumer Zeit als offenes Geheimnis, doch auch die Medien hielten bis vor einigen Tagen dicht. Assauers langjährige Sekretärin Sabine Söldner rechtfertigt die so plötzlich geplatzte Bombe in "Volle Kanne": "Wie hätten wir den Schritt sonst anders wagen können? Mit einer Pressekonferenz die wir alle nicht unter Kontrolle haben? Oder mit diesem gezielten Gang in die Öffentlichkeit, mit Buch, der Sendung heute, der Sendung 37 Grad und zwei bis drei Medien die uns begleiten.
Doch waren alle beteiligten Medien tatsächlich gleichberechtigte Partner? Vier Wochen früher als ursprünglich geplant, legte BILD Assauers Erkrankung offen. Der Erscheinungstermin des Buches war vorher kurzfristig einen Monat vorgezogen worden. Das ZDF hatte seine Dokumentation zu jenem Zeitpunkt noch nicht fertiggestellt, sah sich aber wohl genötigt nun ebenfalls vorzuziehen. Im Schneideraum müssen nun Nachtschichten eingelegt werden. Eine Reportage, die einen prominenten Alzheimerfall dokumentieren wollte, sieht im Gesamtbild nun eher nach Werbefläche aus. Wie geplant im März zu senden - wohl keine Option.
Geschichten erzählen statt Krankheiten diskutieren

Die Marketingstrategie des Buches wird sicher einen faden Beigeschmack hinterlassen, sobald die Debatte abgeflaut ist. Fragt sich, was bleibt. War die große Debatte über die Volkskrankheit Alzheimer in dieser Form hilfreich? Susanna Saxl von der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft freut sich grundsätzlich immer, wenn das Thema Alzheimer Öffentlichkeit bekommt. "Doch in diesem Fall war die Darstellung der Krankheit leider nicht immer ermutigend. Das Cover auf dem stern zum Beispiel empfinden wir als katastrophal", sagt Saxl. Das schwarz-weiße Porträt, auf dem Assauer mit ernstem Blick leicht an der Kamera vorbeischaut, sei laut Saxl alles andere als ermutigend. Tatsächlich setzt das Heftinnere den trüben Eindruck fort. Hier sitzt Assauer symbolisch hinter Zigarrenrauchschwaden, dort steht er allein gegenüber seinem eigenen Spiegelbild. Erst die letzte Seite offenbart einen zufriedenen Rudi Assauer, umgeben von Sekretärin und Tochter. "Uns ist es unglaublich wichtig klarzustellen, dass es durchaus auch positive Wege gibt, mit dieser Krankheit weiterzuleben. Man kann eine ganze Zeit lang glücklich sein", so Saxl. Sie, wie auch Carsten Brandenberg von der Memory-Clinic, wünschen sich, dass eine Diskussion vor allem Angehörigen hilft. Angehörige, die selbst lernen müssen mit der Krankheit zu leben, und für jeden Alzheimer-Erkrankten wichtiger sind als alle Tabletten.
bild.de selbst resümiert in einer Meldung bereits am 1. Februar wie sehr Assauers Bekenntnis - und damit die Berichterstattung von BILD - bundesweit Menschen hilft. Doch gerade BILD selbst vergisst oftmals den ursprünglichen Sinn der Diskussion. Der Mensch Assauer und seine spannende Lebensgeschichte dominieren den Boulevard in diesen Tagen. "Um Mitternacht stürzten sie mich als Schalke-Manager" hieß vor einigen Tagen eine Geschichte in BILD. Obwohl dies sicherlich ebenfalls eine tragische Episode war, hat jene Nacht wohl kaum noch etwas mit Assauers Erkrankung gemein. Mitunter wirkt es so, dass seine Alzheimer-Erkrankung die Geschichten um den Mensch Assauer schlicht noch spannender macht. Im "heute-journal" zum Beispiel sieht der Zuschauer einen nervösen Assauer, der gleich auf die Bühne steigen und reden muss. Man fiebert mit. Kriegt der ehemalige Schalke-Boss es noch mal hin? Schafft er ein paar logische Sätze, sodass niemand im Publikum Verdacht schöpft? Spannenderes Storytelling findet sich im heute-journal selten.
Journalismus als Puzzleteil in einer Werbestrategie
Assauer hat mit seinem Outing einen Schritt an die Öffentlichkeit gewagt, der Respekt verdient. Eine Reportage, die den ehemaligen "Macher" ein Jahr lang in seinem neuen Alltag begleitet, ist sicherlich eine Hilfe für viele Angehörigen von Alzheimer-Erkrankten. Doch der fade Beigeschmack bleibt ebenfalls. Immer wieder erscheint die brandneue Biografie als Leser-Service in der Nebenspalte. Sämtliche Medien richten ihre eigenen Geschichten nach einem Verkaufstermin, um eine Debatte über eine Volkskrankheit anzustoßen. Der Verlag selbst geht dem immer populärer werdenden Trend nach, außerhalb gewohnter Konsumumgebungen um Käufer zu werben. Zukünftig sollte der Journalismus das Auge dafür schärfen, wann sich eine gut gemachte Reportage plötzlich in das Puzzleteil einer klugen Werbestrategie verwandelt und sich dann hüten, Exklusivität als Tauschmittel zu verstehen.
Text: Julian Pfahl
Bilder: riva-Verlag, Stern, Bild

Tolles Bild im Stern: "Ich habe Alzheimer - und mein Hund säuft." Was für ein Geständnis.
Alzheimer ist eine Zivilisationskrankheit. Verursacht durch falsche Ernährung, toxische Medikation, Impfungen, Amalgam. Doch der Mensch akzeptiert lieber andere Ursachen, denn dann muss man sein Leben ja nicht ändern, sondern kann das Schicksal dafür verantwortlich machen.