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Nannen-Preis-Diskussion

Der Zwang zur Reportage

Einem Spiegel-Redakteur wurde der Nannen-Preis wieder aberkannt und das Geschrei begann. Doch die Diskussion um nicht erlebte Szenen in Reportagen war nötig und muss tiefer gehen als bloße Stilkritik.

Die Jury des Nannen-Preises brachte sich selbst durch die Aberkennung des Reportage-Preises an René Pfister in die Kritik.

"Jede Reportage besteht nicht nur aus Erlebtem, sondern auch aus Erfragtem und Gelesenem." So schreibt es der Spiegel in seiner Erklärung zur Aberkennung des Nannen-Preises seines Redakteurs René Pfister. Es ist also nicht immer nötig, selbst dabei gewesen zu sein, man muss als Reporter nicht im Keller Seehofers gewesen sein, um ihn zu beschreiben. So war der nun gescholtene Autor vorgegangen. Die Jury sah das anders. Sie hatte den Preis kurzerhand wieder zurückgenommen, nachdem Pfister bei der Preisverleihung in Hamburg bekannt hatte, nicht im Keller des Porträtierten gewesen zu sein. Es folgte eine heftige Diskussion innerhalb der höchsten Journalisten-Kreise über die Regeln und Grenzen einer Reportage. Die wichtigsten Akteure der Branche äußerten sich hierzu: Mascolo, DiLorenzo, Leyendecker, Schirrmacher. Das Reporter-Forum erstellte einen ganzen Reader zu dem Thema.

Doch was bleibt festzuhalten für die Zukunft?

"Klarmachen, dass man nicht dabei war", sagt Cordt Schnibben vom Spiegel auf der Jahrestagung des Netzwerk Recherche. Das gelte auch für sein Blatt. Machen aber trotzdem nicht alle, nicht nur beim Spiegel. Warum? "Wir schreiben zu viele Reportagen. Das sind zu viele Szenen, die wir für den Leser einfangen sollen. Dieser Automatismus sollte mal überdacht werden", sagt Schnibben. Auch Ines Pohl, Chefredakteurin der taz und Jurymitglied, kritisiert diesen Zustand: "Ständig zu suggerieren, dass man am nächsten dran ist, führt zu einem Druck für andere Redaktionen, auch solche Szenen zu erfinden, solche pseudoreportagige Feature-Einstiege." Claudius Seidl, FAS, kritisierte bereits vor einem Jahr, dass in Reportagen alles passen muss, zur Not eben künstlich erschaffen. "Kitsch" würde so produziert. Dass "punktgenaue Zitate manchmal nur schwer zu glauben sind", findet auch Peter-Matthias Gaede, Chefredakteur Geo und ebenfalls Jurymitglied. Und Ines Pohl sieht den Zusammenhang mit dem zunehmend schlechten Umgang mit Quellen: "Im Falle der Inszenierung erscheint die Quelle einer Information eine andere, nämlich die eigene, als sie tatsächlich war."

Als Stilform erlaubt

Keiner der Beteiligten sträubt sich gegen das Stilmittel der szenischen Konstruktion. "Man darf sich nicht nur auf das rein Erlebte stützen. Das wäre naiv", sagt Schnibben. Er legt jedoch auch sehr deutlich die Grenzen der Rekonstruktion dar: "Wenn die eigenen Szenen nicht reichen, ist die Reportage vielleicht nicht die richtige Stilform. Für die szenische Rekonstruktion braucht man mehrere Augenzeugen, dazu Papiere, die das Gesagte unterstützen. Abschließend wird in der Rekonstruktion die Quelle angegeben. Es ist ein Mangel der Reportage, wenn dieser Hinweis nicht zeitig im Text erfolgt."

Veröffentlicht: 09.08.2011
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