Interview
"Der Trend geht zur täglichen Wochenzeitung"
Die Neugestaltung der Aachener Zeitung war sein erstes Projekt. Seitdem hat Norbert Küpper etwa 100 Zeitungen und Zeitschriften beraten. Medien Monitor sprach mit ihm über Trends in der Zeitungslandschaft, den Einfluss des iPads und neue Chancen für die gedruckte Zeitung.
Medien Monitor: Herr Küpper, vor einem Jahr haben Sie in einem Interview gesagt, "Krisenzeit ist aber immer auch Veränderungszeit. Möglicherweise nehmen einige Verlage die Krise als Anlass, auf kleinere Formate umzustellen." Ist Ihre Vermutung eingetreten?
Norbert Küpper: Die Welt am Sonntag probiert derzeit ein Tabloid-Format für junge Leser im Raum Köln aus und der Südkurier hat vom Rheinischen Format aufs Berliner Format verkleinert. Das Handelsblatt hat vom Nordischen Format aufs Tabloid-Format gewechselt und versteht sich mehr als tägliches Magazin. Die neue Zeitung I - Informaçao aus Portugal erscheint im Tabloid-Format. Meine Voraussage ist also eingetroffen. Die größten Veränderungen macht zweifellos das Handelsblatt durch. Es wird völlig neu aufgestellt und es wird voraussichtlich Probleme mit den vorhandenen Abonnenten geben, die zum großen Teil an das Nordische Format gewöhnt waren. Große Veränderungen verursachen meist große Probleme mit den vorhandenen Abonnenten.
Häufig wird gerade Regionalzeitungen vorgeworfen, dass sie sich nicht genug Mühe geben bei ihrem Layout. Wie müssten sich diese Zeitungen verändern, um aktuell zu bleiben und sich auch in den kommenden Jahren zu behaupten?
Deutsche Zeitungen haben traditionell keine Layoutabteilungen. Darum sind sie relativ schnörkellos gestaltet. In Zukunft müssen Zeitungen definieren, welche Informationen online, auf dem iPad und in der gedruckten Fassung stehen sollen. Derzeit geht der Trend eher zu einer täglichen Wochenzeitung, also zu mehr Hintergrund und Analyse in der Printausgabe. Die Aktualität liegt eher im Online-Bereich. Artikel in den Tageszeitungen werden darum derzeit tendenziell eher länger, hintergründiger. Ein großes Feld für Tageszeitungen bleibt der Lokalteil, bei dem Zeitungen in ganz Europa führende Informations-Anbieter sind.
Norbert Küpper hat eine Ausbildung als Schriftsetzer absolviert und anschließend visuelle Kommunikation an der FH Düsseldorf studiert. Seit 1984 arbeitet er als Zeitungsdesigner. Sein erster Auftrag war die Neugestaltung der Aachener Zeitung, die er seitdem noch zwei Mal überarbeitet hat. 1999 gründete er den European Newspaper Award. Die Idee dazu ist entstanden, weil er "schon in den achtziger Jahren Zeitungen aus aller Welt analysiert" und bemerkt hat, "dass der Austausch von Ideen im internationalen Rahmen sehr fruchtbar und erhellend ist." Bisher hat er etwa 100 Zeitungen und Zeitschriften designt bzw. beraten. Vorwiegend arbeitet er dabei in Deutschland, hat aber auch schon Zeitungen in Polen, Tschechien, der Slowakei, Österreich, der Schweiz, Italien, den Niederlanden und den Vereinigten Arabischen Emiraten neu gestaltet. Seine Aufträge erhält er in erster Linie von den Redaktionen der Zeitungs- und Zeitschriftenverlage.
Das iPad wird von vielen Verlagen sehr bejubelt. Um damit allerdings erfolgreich und innovativ arbeiten zu können, wird eigentlich pro Redakteur ein Grafiker bzw. Techniker benötigt. Was halten Sie von dieser Euphorie? Ist sie auch eine Chance für die gedruckte Zeitung?
Redaktionen arbeiten heute ja schon medienkonvergent. Das bedeutet, dass die Nachrichten in verschiedenen Medien und in verschiedenen Kanälen präsentiert werden sollen. Das iPad ist nach Online und iPhone-Applikationen ein weiterer Kanal, der mit Nachrichten versorgt werden muss. Hier ist eine neue Chance für das Bewegtbild. Das iPad ist für Zeitungen eine Chance, Text, Bild und Bewegtbild - also Film - in innovativer Weise zu kombinieren. Man braucht auch dafür keine Grafiker sondern die technischen Voraussetzungen, all diese neuen Nachrichtenkanäle mit Informationen bedienen zu können.
Die Chance für die gedruckte Zeitung liegt im Gegen-Trend. Wenn das iPad total "in" ist, dann wird es eine Rückbesinnung auf die gedruckte Zeitung geben, die den Konsum aktueller Nachrichten übersichtlich und ohne technische Geräte ermöglicht. In den achtziger Jahren gab es einen Boom bei Uhren aus Plastik - Stichwort Swatch. Es folgte der Trend zu teuren handgefertigten Uhren aus Metall. Ein ähnlicher Gegentrend kann sich bei Zeitungen entwickeln. Das Problem ist, dass es lange dauert, bis ein Trend von einem Gegentrend gefolgt wird.
Gibt es im Moment einen bestimmten Layout-Trend in der deutschen Zeitungs-Landschaft? Und gibt es Unterschiede zwischen Lokalzeitungen und Überregionalen?
Die überregionalen Zeitungen können immer aus dem Vollen schöpfen und beispielsweise beliebig Agentur-Material und Agentur-Bilder verwenden. Die regionalen Zeitungen dagegen müssen ihre eigenen Themen finden und müssen gute Qualität aus den eigenen regionalen und lokalen Ressourcen schöpfen. Sie haben es im Vergleich zu den überregionalen schwerer, weil sie nach dem überregionalen Teil alles auf hohem inhaltlichen und gestalterischen Niveau selbst produzieren müssen. Der Haupttrend bei der Gestaltung liegt derzeit bei Eleganz und Seriosität. Es gibt keine Zeitung, die derzeit auf den Boulevard oder auf Trash setzt. Layouts von Regionalzeitungen sehen also eher aus wie bei Wochenzeitungen.
Wie sieht es in anderen Ländern aus?
Von den ca. 600 skandinavischen Zeitungen sind ca. 500 völlig lokal. Hier kann man wirklich kreative Ideen für den Lokalteil sehen.
Sie beschäftigen sich schon seit vielen Jahren mit Zeitungsdesign. Wann hat Sie das letzte Mal ein Layout wirklich überrascht?
Überraschend finde ich viele Ideen bei den Stuttgarter Nachrichten, die ich im vorigen Jahr neugestaltet habe. Die extremen Bildschnitte und Visualisierungen von Themen hat man so in Deutschland noch nicht gesehen.
Arbeiten Sie eigentlich gerade an einem Projekt? Inwieweit müssen Sie sich dabei an Vorgaben halten? Oder haben Sie freie Hand bei der Gestaltung?
Ich arbeite meist an mehreren Projekten. Derzeit sind es fünf. Es ist gut, wenn die Kunden gemeinsam mit mir Briefings erstellen, weil Zeitungen Markenartikel sind. Die kann man nicht mal eben völlig verändern, weil die vorhandenen Leser dann stark irritiert werden. Es ist auch nicht die Aufgabe des Designers, sich selbst zu verwirklichen. Er muss für vorhandene Design-Probleme Lösungen anbieten, die gut funktionieren und die Nutzer überzeugen.
Welches Zeitungsformat halten Sie für das leserfreundlichste?
Das Tabloid-Format hat den entscheidenen Nachteil, dass die Aufteilung in einzelne Sektionen verloren geht. Darum halte ich das Berliner Format für sehr zukunftsträchtig, weil es einerseits handlich ist und andererseits in Sektionen gegliedert werden kann.
Ihre eigene Internetseite ist ja eher nüchtern gestaltet. Sehen Sie da einen Gegensatz?
Die Website soll vor allem funktional sein. Ich habe mir mal Websites von Agenturen angesehen und bemerkt, dass man sehr schnell ins Suchen gerät und überrascht ist, was sich wo versteckt. "Weniger ist mehr" lautet ein Leitsatz des Architekten Ludwig Mies van der Rohe. Diesem Text sind viele Designer verpflichtet. Ich gehöre auch dazu. Sehr überrascht war ich, dass auch die ältesten Teile meiner Website auf dem iPad einwandfrei laufen. Das spricht doch für die Nüchternheit, die man auch als Klarheit definieren kann.
Interview: Birte Penshorn
Teaserfoto: exfordy / flickr.com
Fotos: Xymena Weiß-Gendera; Norbert Küpper


