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Der Spiegel-Bericht

flicr.com/asvensson

Nach dem Krieg galt der Reichstagsbrand zunächst als Inszenierung der Nationalsozialisten – denn sie hatten ja von dem Brand profitiert. Allerdings gab es dafür keine eindeutigen Belege und vor allem keine systematische Forschung.

In dieser Gemängelage verständlich, dass eine elfteilige Spiegel-Serie mit dem Titel "’Stehen Sie auf, van der Lubbe!’ Der Reichstagsbrand 1933 – Geschichte einer Legende" (Heft 43, 1959 – Heft 1-2 1960), die sich auf ein Manuskript des Hobbyhistorikers und Verfassungsschützers Fritz Tobias stützte, großes Aufsehen erregte. Der Spiegel präsentierte den Kriminalkommissar Dr. Walter Zirpins, der 1933 ermittelt und den polizeilichen Abschlussbericht verfasst hatte. Das Nachrichtenmagazin schrieb, Zirpins und seine Ermittlerkollegen hätten 1933 vor dem Reichsgericht zum Unwillen der Nationalsozialisten die Alleintäterschaft van der Lubbes bezeugt.

Hans Mommsen bestätigt Alleintätertheorie

Im Jahr 1962 legte Fritz Tobias ein Buch vor, welches die in der Spiegel-Geschichte präsentierte Argumentation vertiefte und systematisierte. Tobias wertete neues Material aus und deckte nach Einschätzung zahlreicher Historiker einige Fehler bisheriger Interpretationen auf. Den "Segen" der Geschichtswissenschaft erhielt die Alleintäterthese durch ein Gutachten von Hans Mommsen, welches im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) erstellt und 1964 in der Institutszeitschrift Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte publiziert wurde. Mommsen bestätigte in dem Gutachten die Interpretation von Tobias und die Übereinstimmung mit den Quellen, insbesondere den stenografischen Protokollen des Reichsgerichtsprozesses.

Gegen die Arbeit von Tobias und das Gutachten von Mommsen positionierten sich vor allem Mitglieder des so genannten Luxemburger Komitees - ein Komitee zur wissenschaftlichen Erforschung der Ursachen und Folgen von Gewaltherrschaft. Auf diese Kritik reagierten unter anderem Fritz Tobias, Hans Mommsen, der Zeit-Redakteur Karl-Heinz Janssen und der Politikwissenschaftler Eckhard Jesse in einem umfangreichen Sammelband aus dem Jahr 1986. Gleichwohl blieben Zweifel.

Experten gegen Spiegel-These

flickr.com/tschaut
Im ehemaligen Reichsgericht in Leipzig urteilen heute die Richter des Bundesverwaltungsgerichts.

Seit dem Jahr 2000 hat es eine Reihe von Fachpublikationen und auch Äußerungen aus dem Institut für Zeitgeschichte gegeben, die der Alleintäterthese des Spiegel widersprechen. Hersch Fischler setzte sich in einem Beitrag für den Ende 2005 von Dieter Deiseroth herausgegebenen Band zum Reichstagsbrand mit den Aussagen von Zirpins und Kollegen vor dem Reichsgericht auseinander. Nach seinen Recherchen hatten die Kriminalbeamten vor dem Reichsgericht nicht eine Alleintäterschaft bezeugt, sondern im Gegenteil auf weitere, entkommene Täter verwiesen. Konkret listete Fischler auf, dass Zirpins aufgrund von Zeitmangel bei seinen Ermittlungen die Frage nach Mittätern offen ließ und dass Kriminalkommissar Walter Bunge, der einige Tage nach dem Brand die Ermittlungen von Ziprins übernahm, vor dem Gericht auf eine unerkannt entkommene, der Mittäterschaft verdächtige Person hinwies.

Mit der Legende der Alleintäterschaft, so die Ableitung von Fischler, wollten sich die Kriminalbeamten nach dem Ende des Dritten Reiches vor Ermittlungen wegen Strafvereitelung zugunsten von NS-Tätern und Mitwirkung am Justizmord an van der Lubbe schützen. Außerdem legt eine von der Vereinigung deutscher Wissenschaftler herausgegebene Dokumentation nahe, dass bereits 1960 ein Prüfauftrag des Instituts an den Historiker Hans Schneider erging und dieser seine Ergebnisse – welche die Alleintäterthese torpedierten – nicht veröffentlichen durfte.

Die Kritik an der Spiegel-Enthüllungsgeschichte erreichte einen weiteren Höhepunkt mit dem Widerstand gegen die Verleihung des "Börnepreises für aufklärerischen Journalismus" an Rudolf Augstein. Nachdem der Sponsor des Preises, der Baseler Bankier Michael A. Gotthelf, öffentlich um die Klärung einiger Unstimmigkeiten ersuchte, wurde die Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche zunächst ausgesetzt. Als Reaktion schrieb Klaus Wiegrefe die umfangreiche Spiegel-Geschichte "Flammendes Fanal" (9.4.2001), in der wiederum die Alleintäterthese behauptet wurde, da die Aussagen von Zirpins und Kollegen vor dem Reichsgericht existierten. Gleichwohl wurden Belege für diese Existenz nicht beigebracht.

Landes- und Zentralbibliothek Berlin: Reichstagsbrandforum

Artikel der Netzzeitung: Rudolf Augsteins Super-Coop

Text: Jörg-Uwe Nieland
Bilder: flickr.com/asvensson, flickr.com/tschaut

Veröffentlicht: 18.03.2008
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