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Der Raid

Anders als Aarni Kuoppamäcki, mein Vorgänger auf dieser Seite, versuche ich nicht, World of Warcraft als Rollenspiel zu erforschen. Das Spiel lässt jedem Spieler die Wahl, in welches Azeroth er eintauchen möchte. Es gibt Welten für Rollenspieler, Welten in denen die Spieler der unterschiedlichen Fraktionen sich jederzeit angreifen können und solche, in denen das Bezwingen der mächtigsten Gegner im Vordergrund steht. Rollenspielserver sind eine Art geschützter Raum, in dem die Interaktion mit den Mitspielern und das Erforschen der gigantischen und komplexen Welt die Hauptziele der Spieler sind. Auf den andern beiden Servertypen ist das Spiel deutlich leistungsorientierter. Und auch weniger magisch: Auf solchen Servern unterhalten sich Orks und Elfen über die Fußball-Europameisterschaft, BigBrother und den neuesten Internet-Hype. Die Charaktere sind einfach Platzhalter ihrer Spieler, und kaum jemand macht sich die Mühe, seiner Figur ein eigenes Leben einzuhauchen. Viele Spieler haben keinerlei Erfahrung mit klassischen Rollenspielen. Tenarion ist auf einem solchen Server zu Hause. Wie wohl der Großteil aller WoW-Charaktere.

Mehr als 9 Millionen WoW-Spieler gibt es inzwischen weltweit. Nur etwa fünf Prozent von ihnen haben den Olymp des Spiels erreicht. Sie besiegen die gefährlichsten Gegner und haben die beste Ausrüstung im der Welt von Azeroth. Tenarion ist einer von ihnen. Doch das geht nicht allein. Kein Held in WoW kann auf Dauer als Einzelkämpfer bestehen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man nur noch gemeinsam weiterkommt. Als Raid.

Was es bedeutet, zu raiden

Auch wenn es möglich ist, alleine oder nur zu zweit zu spielen: Nur wenn 25 Charaktere zusammenarbeiten, lassen sich die gefährlichsten Prüfungen bestehen. Nur wenn sie sich blind aufeinander verlassen können, kann der Schlachtzug Erfolg haben. Das erfordert viel Zeit, Können und Organisation. 25 Charaktere bedeutet auch: 25 Menschen aus Fleisch und Blut, die sich Abend für Abend Zeit nehmen um gemeinsam zu spielen. Diese Regelmäßigkeit ist wichtig, denn das Besiegen von Raidbossen ist kein einmaliges Ereignis. Die Instanzen bauen aufeinander auf, wie eine Pyramide. Wer bis zur Spitze vordringen will, muss jede Stufe einzeln nehmen. Das bedeutet: Um die schwierigsten Bosse zu besiegen, müssen zuerst alle Spieler über mächtige Waffen und Rüstungen verfügen. Und diese lassen sich nur von den vorgeschalteten Bossen erbeuten. Und: Jeder Boss hinterlässt bei seinem Ableben nur einige wenige, zufällig ermittelte Ausrüstungsgegenstände. Bevor alle Spieler gut genug ausgestattet sind um gemeinsam die nächste Stufe zu erklimmen, müssen sie einen Boss mehrmals besiegen. Woche für Woche, immer wieder.

Zum Besiegen aller Bosse in einer Instanz gibt es ein Zeitfenster von genau sieben Tagen. Danach erwachen alle schon besiegten Gegner auf wundersame Weise wieder zum Leben und müssen erneut bezwungen werden. Diese Mechanik ist gleichzeitig Fluch und Segen für die Spieler. Einerseits sind sie gezwungen, dieselben Gegner wieder und wieder zu bekämpfen um voranzukommen, andererseits verbessert sich von Woche zu Woche ihre Ausrüstung, ihr Verständnis des jeweiligen Kampfes und ihre Routine im Umgang mit unvorhergesehenen Situationen. Kämpfe, die früher ganze Abende und unzählige Tode der Spielercharaktere forderten, sind irgendwann schnell erledigtes Pflichtprogramm. Instanzen, die sich Raids wochenlang hart erarbeitet haben werden schließlich an nur einem Abend abgefarmt. Weiter im Text, auf zur nächsten Herausforderung.

Bis es aber so weit ist, müssen die Spieler viele Abende gemeinsam vor dem Rechner verbringen. Bosskämpfe in der World of Warcraft sind wie Puzzles oder Geschicklichkeitsspiele. Nur das sie eben nicht von einer einzigen Person gelöst werden können. 25 Spieler müssen die Herausforderung begreifen, ihre Handlungen aufeinander abstimmen und schließlich wie eine einzige Person reibungslos zusammenarbeiten. Jeder Kampf erfordert eine andere Herangehensweise. Mal ist Bewegung gefragt, mal Überleben; mal bedingungsloser Angriff und mal feine Abstimmung. Oft auch alles gleichzeitig. Ein guter Raid entwickelt mit der Zeit eine eigene Choreographie für jeden Kampf, einen Tanz, in dem jeder Tänzer zum Gelingen beiträgt. Am Ende kennt jeder seine eigenen Schritte und die seiner Tanzpartner wie im Schlaf, Hände greifen ineinander, Füße bewegen sich mit traumwandlerischer Sicherheit. Doch gerät nur einer aus dem Tritt oder stolpert, liegen schnell alle am Boden. Aufstehen, von vorn beginnen.

Teile: 1 | 2 | 3

Veröffentlicht: 19.06.2008
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