Ich spiele nicht, ich raide
Der Raid ist der Punkt, an dem das Spiel mehr wird, als nur ein Hobby. Spieler, die sich einem Raid anschließen, verpflichten sich, übernehmen Verantwortung und vereinbaren Termine. Der soziale Druck ist hoch: Wenn ein Einzelner nicht zu einem Termin erscheint, können auch die anderen 24 nicht spielen. Dann ist die Enttäuschung groß. Wer sich extra einen ganzen Abend Zeit genommen, Arbeit umgelegt und Verabredungen abgesagt hat, lässt sich nicht mit einem einfachen "dumm gelaufen" abspeisen.
Für meine virtuellen Erfolge bringe ich ganz reale Opfer: Ich habe schon Parties verpasst, meine Freundin versetzt und Abgabetermine an der Uni vergessen, alles wegen dem Spiel. Dringende Arbeiten, die unbedingt noch erledigt werden müssen, verschiebe ich auf die Zeit nach dem Raid. Wenn wir kurz vor einem Firstkill stehen, muss alles Weitere eben in einer Nachtschicht erledigt werden.
Wir raiden vier Mal in der Woche: Montag, Dienstag, Mittwoch und Sonntag, jeweils viereinhalb Stunden lang, von 19:00 bis 23 Uhr 30, manchmal sogar länger. Und liegen damit noch im unbedeutenden Mittelfeld. Weltbekannte Top-Gilden starten jeden Tag ihre Angriffe auf Azeroths gefährlichste Ungeheuer. Der derzeit schwerste und vorerst endgültige Boss im Spiel wurde als erstes von einer Gilde bezwungen, deren Mitglieder sich dafür alle 7 Tage lang ganz real Urlaub genommen hatten. Zum durchraiden. Eine Woche lang, nur unterbrochen von kurzen Schlafpausen.
Auf Außenstehende wirkt das mindestens unverständlich, wenn nicht sogar beängstigend. In der Community von World of Warcraft bringt einem eine solche Aktion, ein weltweiter Firstkill, aber lang anhaltenden Ruhm ein. Und kann sich auch ganz real auf dem Konto niederschlagen. Mit Interviews, Sponsoren und Werbeverträgen. Davon sind wir weit entfernt. Trotzdem spielen wir.
Harte Arbeit
Die Organisation des Raids lässt sich nicht allein im Spiel erledigen. Wir haben eine eigene Homepage mit Forum und Terminplaner, in dem sich jeder Spieler für die wöchentlichen Termine an und abmelden muss.Das ist Pflicht, wer dagegen verstößt, wird nicht mehr mitgenommen. Eine kleine Gruppe von Spielern kümmert sich auch außerhalb des Spiels darum, dass sich immer genug Spieler anmelden, koordiniert die Termine, pflegt die Homepage, plant und verwaltet. Wir haben unsere Handynummern ausgetauscht. Es ist nichts ungewöhnliches, das in einer Vorlesung mein Telefon klingelt und ich mit einem der anderen Organisatoren über die Aufstellung für den Abend rede. Auch, dass ich auf einen Anruf hin einspringe, wenn ein anderer Spieler nicht erschienen ist. Oder manchmal ganze Abende zu Hause in "Bereitschaft" abwarte, falls der Raid mit braucht. Neben dem Beruf oder dem Studium arbeiten wir jeden Tag für den Erfolg des Raids. Um zu siegen. Ohne solche Zugeständnisse läuft es nicht.
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