Der Mythos
Menschen können ohne Mythen nicht leben. Denn Mythen beantworten unsere Fragen nach dem Woher und dem Wohin unseres Seins. Alle Kulturen dieser Erde sind auf Mythen und die damit verbundenen Symbole und Rituale gegründet. "Mythos" – das Wort ist heute geläufig und allgegenwärtig. Mythos...das damit Gemeinte ist unbestimmt und geheimnishaft. Es entzieht sich der industriegesellschaftlichen Rationalität mit ihrem entzauberten Vernunftzugang.
Die Verwendung des Wortes entlastet dabei von begrifflicher Schärfe und sprachlicher Präzision. Begründungen erscheinen obsolet. Die Unschärfe selbst ist die Botschaft. Das macht die Verführung aus, vom Mythos zu sprechen. Der populäre und journalistische Gebrauch von "Mythos" rückt das so bezeichnete in die Nähe der Fabel und des Irrglaubens. Etwas als Mythos zu bezeichnen, dient in exzellenter Weise dazu, die bezeichneten Sachverhalten, politischer Programmatiken, historischen Deutungen oder auch Zukunftserwartungen zu diskriminieren. Doch wird das dem Wesen des Mythos gerecht? Mythen berühren Tiefenschichten in der Kultur und im einzelnen Menschen. Sie knüpfen an die Grundfragen des Lebens an und geben der Sehnsucht des Menschen eine Sprache und einen Raum. Auf seine Weise entsteht jeder Mythos einzigartig im einzelnen Menschen und ist er für die von ihm berührten und angesprochenen Menschen wahr. In ihm ereignet sich Versöhnung mit dem Vorrationalen und Unbewuss-ten. Der Mythos schreibt nicht Geschichte auf, erklärt nicht Natur- und Weltgeschehen. Er deutet! Er präsentiert nicht Faktizität, sondern schenkt Bedeutung, daraus folgende Gewissheit und innere Heimat. Wir können drei Grundformen des Mythos unterscheiden:
Der authentische Mythos ist umfassend. Er vereinigt Umwelt-, Mitwelt-, Innenwelt- und religiöse Erfahrung des Menschen. Obwohl er einen überzeitlichen Charakter aufweist, ist er doch dynamisch und passt sich Zeitströmungen an, allerdings ohne seine Grundbedeutung zu ändern. Die Schöpfungsmythen der Religionen und Kulturen auf dieser Erde sind ein Beispiel. Im Christentum stehen Tod und Auferstehung Jesu dafür.
Der sekundäre Mythos vermag gleichfalls Menschen zu berühren, zu erschüttern und zu begeistern. Allerdings bezieht er sich immer nur auf Weltausschnitte, ist in einer bestimmten Zeit entstanden und steht auch nur für diese. Er ist eng an den Entwicklungsstand von Kulturen gebunden, entsprechend zeitlich begrenzt und kanalisiert in der Reichweite seiner Deutungstiefe. Die geläufigen industriezivilisatorischen Mythen, wie "Fortschritt", "Wachstum" und "Machbarkeit" können hier angeführt werden, aber auch Personenmythen und etwa der politische Mythos des Reichs.
Scheinmythen schließlich lassen jegliche Deutungstiefe vermissen. Sie sind rein zweckgebundene Konstruktionen, oberflächlich und flüchtig. Sie passen sich Trends und Moden an. Die von ihnen reklamierte Verbindlichkeit ist sofort als hohl identifizierbar. Scheinmythen beuten den Bilderschatz der authentischen und auch der sekundären Mythen für kurzfristige Interessen aus, für Verführung, Manipulation und Blendung. Die politische Sprache, die Sprache der Propaganda, die Werbung und unzählige weitere mediale Botschaften sind angehäuft mit Scheinmythen.
Claus Eurich



