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Dezentrale Netzwerke

Der Luxus der Wahl

Torsten Grote hat ein klares Bild davon, wie die Zukunft der sozialen Netzwerke aussehen soll: Jeder muss mit jedem reden können, ohne dabei von einem bestimmten Anbieter abhängig zu sein. Der studierte Philosoph und Informatiker setzt sich für die Entwicklung und Verbreitung von freier Software ein. Im Medien-Monitor-Interview zeichnet er das Bild eines demokratischeren Netzwerks.

Torsten Grote

Sie wollten dieses Interview nicht per Skype mit mir führen. Warum nicht?

Torsten Grote: Skype ist proprietäre, also unfreie Software. Das heißt, die Hersteller von Skype entscheiden darüber, was man damit tun kann und was nicht. Das gibt ihnen eine ungeheure Macht, quasi komplette Kontrolle: Das ganze Kommunikationsverhalten kann ausgewertet und analysiert werden. Bei Skype ist das ähnlich wie bei Facebook: Die Kommunikationsplattform unterliegt alleiniger und zentraler Kontrolle einer Firma, die sich gegen Wettbewerb komplett abschottet.

Wie sollte Kommunikation denn Ihrer Meinung nach aussehen?

Torsten Grote: Im Moment ist es so: Wenn ich mit Ihnen per Skype telefonieren will, dann brauche ich einen Skype-Account. Und wenn ich die Statusmeldungen eines Facebook-Mitglieds sehen will, dann brauche ich einen Facebook-Account. Das ist so, als könnte ich mit einer web.de-E-Mail-Adresse nur Post von anderen web.de-Adressen bekommen. Normalerweise funktioniert Technologie aber anders, nämlich so, dass es offene Standards gibt, dass ich mir das Programm, das Betriebssystem und den Anbieter selber aussuchen kann.

Was genau sind "offene Standards" und was würde es bringen, wenn es sie gäbe?

Torsten Grote: Diese Standards sind so etwas wie eine DIN-Norm, die besagt, auf welche Art Programme miteinander reden. Für Chatprogramme gibt es zum Beispiel einen offenen Standard, der sich XMPP nennt. Der ist technisch so gut und so verbreitet, dass sich Google ebenfalls entschieden hat, ihn zu verwenden. So können auch Leute, die bei GMX sind oder einen eigenen Server haben, mit Leuten chatten, die bei Google sind. Facebook und MSN Live Manager benutzen diesen Standard auch, aber sie schotten sich nach außen hin ab. Sie müssten nur einen Schalter umlegen und schon könnte man auch mit den dortigen Nutzern chatten.

Könnte es so etwas auch ganz generell für soziale Netzwerke geben? Wäre es möglich, dass zum Beispiel Xing-Nutzer mit Facebook-Nutzern befreundet sind?

Torsten Grote: Ja, natürlich. Da sollte es meiner Meinung nach hingehen und hier sollte auch der Gesetzgeber tätig werden. Ein offener Standard für soziale Netzwerke sollte verpflichtend sein, so wie es zum Beispiel auch für Schrauben eine bindende DIN-Norm gibt. Denn nur dann können alle Leute mit allen reden, ohne von irgendwem abhängig zu sein.

Gibt es schon Netzwerke, bei denen das funktioniert?

Torsten Grote: Ja, es gibt zum Beispiel die dezentralen Netzwerke Diaspora und Friendica. Die beiden sind in unterschiedlichen Programmiersprachen geschrieben und sehen ganz unterschiedlich aus. Ich kann als Diaspora-Nutzer aber mit Leuten bei Friendica befreundet sein und sehen was die schreiben.

Was ist ein dezentrales Netzwerk?

Torsten Grote: Zum einen werden die Daten der Nutzer dezentral gespeichert, zum anderen aber auch der Programmcode selbst. Ich kann also nicht nur über ein Portal oder eine Seite in dieses Netzwerk reingehen, sondern ich kann mir die Netzwerk-Software auf meinem eigenen Server installieren, also meine eigene Kopie aufsetzen. Klar, die Daten werden dann bei mir gespeichert, aber diese Kopie ist auch in gewisser Weise autark.

Und welche Vorteile hätte das?

Torsten Grote: Selbst wenn ein anderer Server wie zum Beispiel joindiaspora.com gerade nicht mehr online ist oder es gekauft wurde oder etwas Böse tut, dann können die Leute auf meinem Server trotzdem noch alle miteinander reden, Fotos und Statusnachrichten austauschen und so weiter.

Aber wer hat schon einen eigenen Server oder die Kenntnisse, um einen zu betreiben?

Torsten Grote: Es gehören schon bestimmte Grundkenntnisse im Betrieb von Computern dazu. Leuten, die das nicht haben, empfehle ich, sich bei einem vertrauenswürdigen Server anzumelden.

Und woher weiß ich, welcher Server vertrauenswürdig ist?

Torsten Grote: Das weiß man erstmal nicht. Aber der Fortschritt gegenüber der jetzigen Situation ist: Man hat die Wahl. Entweder es gibt einen Freundeskreis, der sich so etwas anschafft, wo es dann vielleicht den einen IT-Begeisterten gibt, der sich darum kümmert. Oder es gibt Vereine, die sich gründen. Auch ein Unternehmen oder eine Organisation könnte eine eigene Version von Diaspora haben, so wie viele Unternehmen heute eine eigene E-Mail-Infrastruktur haben. Es gibt auch Initiativen, wie zum Beispiel FreedomBox, die versuchen handelsübliche Router zu Servern zu machen. Dann könnte man den eigenen Server fertig im Laden kaufen.

Zur Person

Torsten Grote hat Philosophie und Informatik studiert. Er lebt derzeit in Berlin und arbeitet bei einer Firma, die nur freie Software herstellt. Seit einigen Jahren arbeitet er ehrenamtlich für die Free Software Foundation Europe (FSFE), wo er mittlerweile als stellvertretender Deutschlandkoordinator aktiv ist. Für das Programm der Piratenpartei schrieb er die Position zu freier Software. Nach eigener Aussage ist es ihm wichtig, das Engagement bei den Piraten von seinen sonstigen Aktivitäten als "Freie Software"-Aktivist zu trennen.

Könnte Diaspora einem massiven Nutzer-Ansturm überhaupt Stand halten? Schließlich hat Facebook im Laufe der Zeit viele Millionen Dollar in Server investiert, um das Netzwerk am Laufen zu halten.

Torsten Grote: Es gibt ja nicht diesen einen Diaspora-Server, der überlastet ist, wenn ganz viele Leute kommen. Es gibt ganz viele verschiedene und die Leute würden sich ja dann auf diese Server aufteilen. Wenn dann die bestehenden Server nicht reichen, machen die Leute eben neue auf. Wenn nur ein Prozent technisch begabt ist und von denen macht nur die Hälfte einen eigenen Server auf, dann würde das schon reichen. Die Arbeit verteilt sich einfach über ganz viele Schultern.

Kann denn jeder auf seinem Server selbst die Regeln bestimmen?

Torsten Grote: Klar, das geht. Ich denke auch nicht, dass diese offenen Standards Geschäftsmodelle unmöglich machen würden. Es könnte immer noch Business-Netzwerke geben, die einfach bestimmte besondere Funktionen oder Sicherheitsgarantien bieten, für die die Nutzer Geld bezahlen. Und andere können natürlich auch Werbung schalten. Den Vorstellungen sind da keine Grenzen gesetzt, denn die Software ist ja veränderbar.

Wissen Sie, ob es bereits Diaspora-Versionen mit Werbung gibt?

Torsten Grote: Das weiß ich nicht. Aber ich kann Ihnen ruckzuck eine aufsetzen und dann gibt es eine.

Wie viele Nutzer hat Diaspora zur Zeit?

Torsten Grote: Bei dezentralen Netzwerken lässt sich das im Prinzip nicht feststellen. Es gibt Schätzungen und man kann bestimmte Statistiken machen, aber auch nur von den Leuten, die es wollen. Wenn ich einen Server betreibe und da sind 3 Millionen Leute drauf und ich gebe Ihnen aber keine Statistik dazu, dann wissen Sie es halt nicht.

Vor einigen Wochen haben die Diaspora-Gründer sich aus dem Projekt zurückgezogen. Ist das der Anfang vom Ende?

Torsten Grote: Ich habe keine Sorge, dass das der Anfang vom Ende ist. Die Gründer haben das Projekt an die Community übergeben und da brummt es richtig: Diaspora ist eines der aktivsten freien Software-Projekte. Das heißt, es arbeiten sehr viele Leute an diesem Programm. Es könnte sich sogar als vorteilhaft für das Projekt erweisen, dass die Gründer sich zurückziehen. Einige Stimmen sagen, sie hätten das Projekt durch ihre eigenen Vorstellungen zurück gehalten. Ich glaube, sie haben gemerkt, dass man da so ohne weiteres jetzt nicht schnell Geld verdienen kann, deshalb machen sie jetzt etwas anderes. Sie hatten zum richtigen Zeitpunkt die nötige Aufmerksamkeit, sind aber nicht nur überzeugte digitale Freiheitskämpfer.

Glauben Sie, dass die Leute irgendwann wirklich weg wollen von Facebook? Oder bleiben sie einfach aus Bequemlichkeit dort?

Torsten Grote: Ich denke, egal was passiert, ein ganz großer Teil wird einfach da bleiben. Ich denke aber auch, dass ein großer Wechsel im Wesentlichen von zwei Faktoren abhängt: Das eine ist eine äquivalente Alternative - und ehrlich gesagt ist das Diaspora momentan noch nicht. Da fehlt technisch einfach viel zu viel. Und das andere ist ein großer Skandal, der die Leute wegtreibt. Das sind natürlich alles Menschen und die sind träge. Wenn sie sich an etwas gewöhnt haben, dann bleiben sie auch erstmal dabei. Und dann kommt natürlich noch dieser soziale Lock-In-Effekt dazu: Wenn meine Freunde alle da sind, und ich gehe jetzt alleine zu Diaspora, dann ist es da natürlich langweilig. Wir haben aber bei StudiVZ gesehen, dass es funktionieren kann.

Warum sind Sie selbst bei Facebook, wenn Sie doch so starke Kritik daran üben?

Torsten Grote: Zum einen gibt es natürlich diesen sozialen Effekt. Je nachdem in welchem Umfeld Sie sich bewegen, sind Sie - wenn Sie keinen Facebook-Account haben - sozial isoliert. Facebook macht es sehr einfach, Treffen zu organisieren, zu Parties einzuladen, und Sie kriegen es dann einfach nicht mehr mit. Der andere Punkt ist: Da ich mich politisch mit diesen Themen beschäftige, muss ich natürlich auch wissen, wie die Plattform funktioniert, was die Leute da machen, was sie daran interessiert, welche Funktionen es gibt und was sich im Laufe der Zeit ändert. Aber ich bin damit natürlich kein gutes Vorbild.

Einige Menschen sagen: "Was ist denn so schlimm an ein bisschen personalisierter Werbung?" Was denken Sie darüber?

Torsten Grote: Facebook hat durch die großen Datenmengen einfach eine unglaubliche Macht, von der ich nicht möchte, dass sie irgendwer in der Gesellschaft hat. In einer Demokratie versuchen wir ja immer, die Macht so breit wie möglich aufzuteilen und Gewaltenteilung einzuführen, so dass es eben nicht möglich ist, die zu missbrauchen. Ich denke, wenn viel Macht da ist, dann wird sie früher oder später auch missbraucht. Dafür gibt es in der Geschichte viele Beispiele.

Was könnte denn konkret passieren?

Torsten Grote: Da kann man sich beliebige Szenarien ausmalen. Wenn zum Beispiel der chinesische Staatskonzern Facebook kaufen würde - jetzt mal als blödes Beispiel - da würden sich bestimmt viele Leute auch überlegen, ob sie von Facebook weggehen. Aber so lange es keine Alternative gibt, könnte ich mir schon vorstellen, dass viele auch dableiben. Oder stellen wir uns vor, ein konservativer Hardliner gewinnt die Präsidentschaftswahl in den USA und übt dann versteckt über irgendwelche Geheimdienste Kontrolle über Facebook aus. Hinweise auf eine Zusammenarbeit von Facebook und CIA gibt es ja bereits.

Was würden Sie einem Menschen sagen, für den Facebook nur ein bisschen personalisierte Werbung bedeutet?

Torsten Grote: Wenn man es ja anders besser machen kann, warum sollen wir uns dann mit dem jetzigen zentralen System zufrieden geben? Das überzeugt jetzt wahrscheinlich den einzelnen Nutzer nicht, für den das ungeheuer bequem ist und dem man sagt "Du sollst jetzt auf deine ganzen Freunde verzichten". Aber darum geht es ja nicht. Es geht darum, dass man das Gleiche hat wie jetzt auch, aber viel demokratischer und rechtsstaatlicher organisiert.

Interview: Anna Behrend

Foto: Torsten Grote

Veröffentlicht: 19.09.2012
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