Der Kampf um Aufmerksamkeit
Meine Welt: Wo beginnt und wo endet sie? Das Internet mit seinen unglaublichen technischen Möglichkeiten erlaubt es dem modernen Menschen, geographische und soziale Grenzen zu sprengen. Meine Welt: Das ist plötzlich nicht mehr nur meine Stadt oder die Menschen, die mit mir zusammen in der S-Bahn fahren. Die neue Welt erstreckt sich in der digitalen Weite der so genannten Blogosphäre und ist mit lediglich ein paar Klicks zu erreichen. Taucht man in diesen Mikrokosmos ab, eröffnet sich eine erstaunlich bunte, chaotische – und sehr menschliche Blogger-Welt.

- Jenia Wagner
Auch wenn das Wort "Blogosphäre" fremd und pathetisch anmutet, so sind die Blogger keine allmächtigen Götter, sondern nur Menschen. Wenn man aber in den digitalen Tagebüchern stöbert, wird man das Gefühl nicht los, dass viele Schreiber den Schöpfungsmythos für sich ganz neu auslegen. Sie kreieren sich selbst – einzig nach dem eigenen Idealbild – und ihre virtuelle Umgebung. Ihre Planeten haben Namen, und die meisten heißen ganz schlicht: "Marions Welt" oder "My World, my Life".

- Blogs bieten die Möglichkeit, sich neu zu entwerfen - in einem digitalen Schöpfungprozess.
Doch gerade diese simplen Bezeichnungen klingen sehr absolut. In Wirklichkeit liest sich eine "Marions Welt" zuweilen erstaunlich ähnlich wie "Die Welt der Annekatrin", obwohl die Nutzer eine gewisse Einzigartigkeit ihrer Blogs für sich beanspruchen. Niemand will als austauschbare, nicht besonders originelle, langweilige oder einfach nur als eine gewöhnliche Person gelten. Im Kampf um Klicks, die Börsenwerten eines Bloggers ähneln, sind diese Eigenschaften schlechte Helfer. Das Internet bietet die Möglichkeit, sich neu zu entwerfen und der Welt das neue exklusive Ich zu präsentieren. Mittlerweile gibt es Dienste im Netz, die den Nutzern den Schöpfungsprozess und das Vermarkten des eigenen Ichs leichter machen sollen (zum Beispiel Software Guide).
Manche Nutzer machen eine - zumindest sehenswerte - Online-Karriere und werden zu Internet-Celebrities gekürt (wie Tila Tequila). Denn Aufmerksamkeit erregt in erster Linie derjenige, der sein Publikum fasziniert. "Daraus hat das Celebrity Design die Konsequenz gezogen, das Böse und das Geschmacklose der Selbstdarstellung der Berühmtheiten dienstbar zu machen", formuliert es Kommunikations-Wissenschaftler Norbert Bolz. "Celebrities faszinieren nicht durch ihre sachliche Kompetenz, sondern durch ihren Schockwert. Man könnte das die Skandaltechnik der Publicity nennen."
Damit die Welt staunt und stillsteht
Viele Nutzer scheinen das Bedürfnis nach Anerkennung zu haben, manche leben diesen Traum extremer aus als andere. Dabei sollte man jedoch keine schnellen Urteile über die Blogger fällen. Zwar unterscheidet sich oft die Form dieser Ich-Suche, die Motive und Sehnsüchte der Blogger bleiben allerdings gleich. Medienjournalist Stefan Niggemeier, Mitgründer von BILDblog und Betreiber eines weiteren Weblogs auf seiner eigenen Internetseite, beschreibt den Vorgang als Sucht: "Für mich ist es ein unstillbarer Hunger nach Aufmerksamkeit. Oder, um es positiver und weniger egozentrisch zu sagen: nach Kommunikation."

- Der Wunsch: In einer komplexen Welt nicht in der Unbekanntheit versinken.
Es ist der Wunsch, wahrgenommen zu werden, nicht unterzugehen in dieser gigantischen komplexen Welt, die ihre Kinder oft verschlingt, ohne dass sie sich nur eine kleine Notiz von ihnen nimmt. Man möchte sich nicht mit dem Gedanken abfinden, dass man nur ein Sandkorn ist. Man versucht, ein besonders kluger, schöner, erfolgreicher Sandkorn zu werden, damit die Welt staunt und eine Weile still steht. Das tut sie aber bei nur ganz wenigen. Wir erinnern uns an wirklich große Komponisten, Schriftsteller oder Schauspieler. Die absolute Mehrheit der Bevölkerung aber versinkt in der Unbekanntheit.
Das virtuelle Spiel mit sich selbst, neue Identitäten zu schaffen und zu verwerfen, ist für manche Blogger die einzige Möglichkeit, sich dieser Vergänglichkeit zu entziehen.
Text: Jenia Wagner; Fotos: Jenia Wagner, tilahotspot.com, straightwanderer/flickr.com, foto-artiste/flickr.com

