Interview
"Der Erfolg gibt dem Podcast Recht"
An der Bushaltestelle die Nachrichtenlage checken oder die verpasste Lieblingssendung nachholen: Für viele Menschen ist eine Standverbindung zum Internet dank Smartphone und dem iPad Normalität. Doch was bedeutet das für den Ausspielungskanal Podcast? Über die Podcast-Strategien sowie Chancen und Grenzen hat der Journalist Rafael Bujotzek mit dem Medien Monitor gesprochen.
Für Rafael Bujotzek ist sein iPad sein ständiger Begleiter - on- und offline. Als Redakteur und Reporter beim ZDF heute journal nutzt er das Internet, um immer aktuell informiert zu sein. Er surft auf Nachrichtenseiten, Blogs oder in sozialen Netzwerken. Doch auch, wenn er das Internet immer greifbar hat, Podcasts möchte er im Alltag nicht missen. In seiner Diplomarbeit hat sich der studierte Online-Journalist mit Podcasts beschäftigt.
Rafael, du würdest auf Podcasts nicht mehr verzichten wollen. Warum glaubst du, dass Podcasts in Zeiten des mobilen Internets kein Auslaufmodell sind?
Ich glaube, Podcasts sind inzwischen sogar noch interessanter, als sie jemals zuvor waren. Sie sind eine Möglichkeit, dieser ganzen Multitasking-Überforderung durch die dauernde Nutzung von mobilem Internet, von Flatrates auf dem Handy und Mediatheken aus dem Weg zu gehen.
Wenn ich eine Sendung sehen will, wird sie zum Beispiel einfach automatisch auf mein Gerät heruntergeladen und ich muss keine Angst haben, sie zu verpassen. So gibt es schon einmal eine Sache weniger, an die ich denken muss. Außerdem wird der Podcast dann geladen, wenn ich eine gute Internetverbindung habe. Heute haben viele Leute für unterwegs ja Flatrates, bei denen größere Downloads gar nicht möglich sind. Die Anbieter nennen sie "fair-flats". Aber von fair kann da keine Rede sein. Denn wenn man eine bestimmte Anzahl von Megabytes heruntergeladen hat, wird einfach die Geschwindigkeit gedrosselt. So sind größere Downloads wie aus Mediatheken unterwegs gar nicht möglich.
Und da setzt die Chance von Podcasts an?
Genau, denn wenn man unterwegs etwas hören oder schauen will, muss man sich das schon zu Hause herunterladen. Und dafür sind Podcasts wieder gut. Deshalb ist der Podcast auch nicht in Gefahr, weil er nicht in Konkurrenz zu etwas steht. Die Leute, die ihn brauchen, werden sich auch in Zukunft drauf verlassen und sich freuen, dass es ihn weiter gibt. Dass es Podcasts noch eine Weile geben wird, zeigt sich schon alleine dadurch, dass Podcasts auf aktuellen Geräten wie dem iPhone weiterhin verankert sind und die Podcast-Verzeichnisse ständig neue Anbieter hinzugewinnen. Aber ich denke auch, man kann nicht sagen: Podcast ist das Riesending. Das war es nie und das wird es nie werden. Ich nutze es gerne und ich kenne viele Leute, die das ebenfalls nutzen und dieser Erfolg gibt dem Podcast Recht.
Nun wurden Podcasts von Anbieterseite anfänglich eher von Laien genutzt. Die traditionellen Medien haben es sich aber nicht nehmen lassen, den Podcast auch für sich zu nutzen. Wie gehen die mit dem Thema um?
Einige Radiosender und Fernsehsender gehen sehr leichtfertig mit dem Thema um, weil sie sich nicht so wirklich Gedanken machen. Das habe ich jedenfalls durch Interviews und Analysen für meine Diplomarbeit herausgefunden.
Die Sender haben es so gemacht, wie viele Privatpersonen es machen würden: Sie haben einfach einen Podcast ins Netz gestellt, herumexperimentiert und geschaut, wie es angenommen wird - wenn sie es überhaupt reflektiert haben. Häufig wurden auf den Internetseiten der Sender auch einfache Downloads oder Mediatheken als Podcasts bezeichnet. Dabei muss ein richtiger Podcast immer einen RSS-Feed haben, der einen automatischen Abruf ermöglicht, und sollte in einem Verzeichnis wie dem iTunes-Podcast-Verzeichnis oder podcast.de zu finden sein.
Bist du bei deinen Untersuchungen auch auf Rundfunksender gestoßen, die sehr professionell mit dem Thema umgehen?
Bei den Radiosendern war es grundsätzlich so: Je kleiner der Radiosender, desto schwieriger der Umgang mit Podcasts. Bei den großen Sendern wird dagegen schon einiges gut gemacht. Da wird regelmäßig ein vielfältiges Programm angeboten. Viele der großen Fernseh- und Radiosender bieten ihr Programm in Form von Rubriken als Podcast an. Wenn das der Fall ist, ist das schon mal schön. Dann geht's ins Detail: Die Sendung muss gut beschrieben sein, damit ich sie auch gut im Podcast-Verzeichnis finde, denn wenn jede Folge immer nur "Tagesschau", "Tagesschau", "Tagesschau" heißt, dann blicke ich ja nicht mehr durch, welche von welchem Datum war. Da muss man dem Nutzer einfach helfen. Und das ist manchmal gar nicht passiert. Die simpelsten Dinge sind vergessen worden.

- Der Podcast galt ursprünglich als Revolution von Laien, das Konzept wurde jedoch schnell von Sendeanstalten adaptiert.
Werden die Chancen des Podcast denn überhaupt genutzt?
Das kann man gar nicht so klar sagen, seine ursprüngliche Idee hat der Podcast aber ein stückweit erreicht. Ursprünglich galt der Podcast als Revolution: Nie wieder Sendezeiten, nie wieder von den großen Sendern befehlen lassen, was wir zu gucken oder zu hören haben, das machen wir Nutzer jetzt alles selber - so weit sind wir aber gar nicht gekommen, weil die Sender das Konzept recht schnell aufgenommen haben. Nicht das ganze Programm wurde revolutioniert. Rückblickend muss man aber sagen: Ist doch eine tolle Sache, unabhängig von Sendezeiten sind wir jetzt auch. Insofern hat das Ganze ja funktioniert.
Dennoch gibt es Grenzen der Podcasts. Durch Gema-Rechte können Teile des Programms nicht online gestellt werden. Ganz so unabhängig sind sie also doch nicht.
Das stimmt. Nicht immer sind für die Online-Veröffentlichung auch alle Musikrechte vorhanden. Aber auch da gibt es Lösungsansätze, zum Beispiel spezielle Gema-Modelle. Aber die funktionieren noch nicht gut, weil die Radiosender bei diesen Modellen pro Klick bezahlen müssten. Das würde sich nicht lohnen und wäre nicht kalkulierbar.
Eine findige Lösung hat die Jugendwelle YOU FM vom Hessischen Rundfunk gefunden: Die wollten die Musiksendung "Fresh First" als Podcast anbieten, in der einmal die Woche neue Musik vorgestellt wird. In so einem Fall würden Juristen der Plattenfirma den Sender schnell verklagen. Der Hessische Rundfunk hat das Problem so gelöst, dass sie die Plattenfirmen angeschrieben und gefragt haben, ob sie etwas dagegen haben, wenn sie die Sendung online stellen. Sie haben den Plattenfirmen eine Frist gesetzt. Zu der hätten sie antworten müssen, falls sie nicht einverstanden wären. Mit dem Konzept hatte der Hessische Rundfunk Erfolg. Denn nur eine Plattenfirma hat den Podcast nicht erlaubt. Die wenigen Musikstücke dieser Firma werden deshalb vor dem Onlinestellen herausgeschnitten, den Rest der Sendung kann man sich herunterladen.

- Das ZDF heute journal gibt es kostenlos im Abo.
Wenn ich als Sender nun einen Podcast als RSS-Feed habe, den auch ordentlich betitele und vor Veröffentlichung alle Rechte kläre: Was kann ich sonst noch falsch machen?
Man muss den Podcast auch promoten. Man muss also dahingehen, wo die Leute sind. Das heißt, man darf den Podcast nicht nur auf der regionalen Seite des Senders anbieten, sondern muss ihn in die großen Verzeichnisse eintragen. Dann sollte man besonders auf die Metadaten achten. Das sind sozusagen Inhaltsverzeichnisse für die eigentlichen Inhalte. Die sind das vernachlässigte Kind im Internet. Darin gehört nicht nur der Titel der Sendung, sondern das, was beim Hörer hängen bleibt. Denn wenn man etwas in der Suchmaschine sucht, gibt man meistens nicht den Namen oder Titel ein, sondern beschreibt, was darin vorkommt. Die Daten vollständig zu haben, mit Inhalt, Titel, Datum und Uhrzeit, das sind die Kleinigkeiten, die es ausmachen. Wer als Anbieter davon etwas versteht, kann sich schnell über viele Podcast-Abrufe freuen.
Eine Frage zum Schluss: Hast du einen Lieblingspodcast, der nicht nur inhaltlich interessant ist, sondern auch formal gut aufbereitet?
Oh, da gibt es sehr viele. Natürlich den vom ZDF heute journal, weil ich da inzwischen arbeite. Das heißt, wenn ich mal unterwegs bin und es nicht schaffe, die Sendung live zu sehen, dann gucke ich mir das natürlich im Podcast an. Sonst höre ich sehr gerne "Wie war der Tag, Liebling?" von SWR3 mit Christian Thees und Anke Engelke. Die beiden erzählen sich übers Radio in kleinen Geschichten, was sie so den Tag über erlebt haben und das machen die so gut, dass das auch zwei Wochen später noch schön anzuhören ist - deshalb wie gemacht für einen Podcast.
Wie Laien Podcasts nutzen (Medien Monitor vom 28.12.2007)
Die Top 100 der deutschsprachigen Podcasts
Wiki zum Thema Podcasting
Interview: Naemi Goldapp; Fotos: privat (1), Naemi Goldapp (3)


