Der Chronist von Andoria
Sascha Heßeling studiert an der Uni Bochum Geschichte und Anglistik. Manchmal doziert er auch im Fach "Cultural Studies" - und zwar über die Kultur und Geschichte der Völker in Star-Trek. Er studiert aber nicht nur die Geschichte echter und fiktiver Kulturen - Sascha schreibt Geschichte, genau gesagt: die Geschichte der Andorianer. Mit viel Fantasie und liebe zum Detail gestaltet er deren Welt.
Bochum. In einem Seminarraum an der Uni Bochum. Sascha schichtet Stapel von Papier vor sich auf. Die Seiten sind dicht und eng beschrieben. Die Schrift hat so viele verschiedene Farben wie Sascha Stifte verbraucht hat, um dieses Werk zu schreiben: die Geschichte der Andorianer, oder besser des "Andorian Empire". Die sauber geordneten Seiten sind ein System von Stichworten, das eine Welt festhält, die aus Saschas Kopf stammt - und in seinem Kopf lebendig ist. Im Interview wird er erzählen, worin für ihn die Faszination an den Andorianern besteht.
Sebastian Quillmann: Woher kommt Dein Interesse für die Andorianer?
Sascha Heßeling: Allein schon der Aspekt, dass sie auf einem Eisplaneten leben, ist ganz interessant. Ich bin nämlich auch ein Freund des kalten Klimas. Außerdem interessiere ich mich für die Biologie der Andorianer. Ich habe zu Hause ein Bild vom Aufbau andorianischer Haut - und wie die blaue Pigmentierung zustande kommt. Das hat mir ein Freund aus einem Rollenspiel gemacht. Die Sinnesleitung der Fühler ist interessant: Man kann sich überlegen, wie ihre andere Wahrnehmung die Entwicklung der Technologie bei den Andorianern beeinflusst hat.

- Andorianer tragen Fühler am Kopf, mit denen sie Infrarot sehen können.
Kannst Du das näher erläutern?
Die Fühler sind in der Lage, Infrarot wahrzunehmen. Was auf einem Eisplaneten Sinn hat. Man muss das Evolutionsgeschichtlich betrachten - so sieht man die Wärmesignaturen von Raubtieren. Aber allein, wenn man mit Infrarotsicht einen Nachthimmel betrachtet, sieht man ganz andere Dinge, als der Mensch während seiner Frühentwicklung im Nachthimmel gesehen hat. So entwickelt sich ein ganz anderes Weltbild.
Wie hat sich denn das Weltbild der Andorianer entwickelt?
Man war sich auf Andoria ziemlich schnell bewusst, dass ein geozentrisches Weltbild nicht zu halten war. Andoria ist eigentlich kein Planet, sondern ein Mond, der um einen Gasriesen ähnlich unserem Jupiter kreist. Diese Kreisbewegung konnte man natürlich sehen. Außerdem konnte man die Drehung von Planeten besser beobachten. Mit Infrarotsicht kann man ja auch die dunkle Seite eines Planeten sehen: Sie strahlt die Energie ab, die sie zuvor vom Sonnenlicht absorbiert hat. So konnte auf Andoria kosmologisch viel schneller Wissen angesammelt werden.
Mit einem Stammbaum fing es an
Wie kommt man dazu, die Geschichte eines fiktiven Volkes zu schreiben?
Das war ein Zufall. Mein Laptop war kaputt, mit dem ich sonst in den Vorlesungen mitschreibe. Weil ich aber immer etwas haben muss, um meine Finger zu beschäftigen, wenn ich mich konzentrieren will, habe ich angefangen, einen Stammbaum zu zeichnen für die Familie meines andorianischen Charakters aus einem Rollenspiel. Dann habe ich angefangen, die Familiengeschichte zu schreiben für die letzten fünf Generationen, die in dem Stammbaum vorkamen.

- So ähnlich dürfte Dola aussehen.
Was ist das für ein Rollenspielcharakter?
Dola chi-Trei ist eine adelige Andorianerin aus einem mächtigen Familien-Clan. Ihre Eltern sind beide hohe Militärs der "Imperial Guard". Im Alter von zehn Jahren ist sie zu ihrem Militärdienst angetreten. Laut meiner Ausarbeitung ist es so, dass die Andoriner schon als Kinder mit der militärischen Ausbildung beginnen - wohl gemerkt: Ausbildung bedeutet nicht Kriegseinsatz.
Wie sieht diese Ausbildung denn aus?
Sie umfasst militärische Taktik und Strategie, den Umgang mit Waffen, den waffenlosen Kampf, wie man Schiffe zu fliegen hat. Halt das ganze Programm, das man sonst auch durchläuft, wenn man zur Sternenflottenakademie geht. Die Ausbildung dauert sechs Jahre. Man ist danach nicht gleich Offizier, sondern hat quasi seine Schulausbildung abgeschlossen. Die Offizierausbildung auf Andoria dauert weitere vier Jahre. Das heißt, dass ein Andorianer, der seine Ausbildung abgeschlossen hat, deutlich mehr militärische und taktische Kenntnisse hat als ein Sternenflotten-Offizier.
Passt so ein militärisches Volk zu Star-Trek?
Jeder Staat muss sich selbst schützen, oder sich in einem Bündnis schützen. Die Föderation ist ein solches Bündnis. Die andorianische "Imperial Guard" schützt dieses Bündnis. Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem Bösen Nachbarn nicht gefällt. Wenn die Föderation in Friedenszeiten schwach ist, greifen ihre Gegner an. Dafür braucht sie das Militär, das die "Imperial Guard" stellt. Die hat eigene Schiffe, die schlagkräftiger sind als die üblichen Sternenflottenschiffe - allein schon deshalb, weil sie keinen Platz benötigen für Laboratorien und luxuriöse Botschafter-Quartiere.
Militär muss sein
Mit Deiner Auslegung der Andorianer bist Du, nach allem was ich in Rollenspiel-Foren gelesen habe, schon bei anderen Trekkies angeeckt. Wie stehst Du dazu?
Es gibt da teilweise Missverständnisse, dass militärische Disziplin auf Andoria mit dem verwechselt wird, was Militarismus auf der Erde zur Folge hatte. Das ist nicht mein Ziel mit Andoria. Es geht mir nicht darum, eine kriegsverherrlichende Geschichte zu schreiben. Wenn man aber nicht weiß, was ich schreibe, und nur Rollenspiel-Charaktere von mir kennt, die militärisch ausgelegt sind, dann können Missverständnisse entstehen, die sich leider auch in die Welt außerhalb des Spiels übertragen.
Ich habe vor, die Andorianer so auszuarbeiten, dass sie mit der Charta der Föderation übereinstimmen - allerdings den militärischen Zweig bilden, ohne den ein politischer Körper nicht funktionieren kann.
Pazifismus in Star-Trek, gut und schön, aber Sascha sieht dafür eine klare Grenze. (337kb, 00:21min)
Woher kommt Dein Interesse fürs Militär?
Der militärische Aspekt spielt von daher mit hinein, weil ich mich seit einigen Jahren dafür generell interessiere. Ich belege an der Uni auch Veranstaltungen zur Militärgeschichte. Da ich auch noch ein paar gute Bücher zu dem Thema gelesen habe, habe ich inzwischen ein militärisches Wissen, das ausreicht, um tatsächlich etwas wie die Geschichte Andorias zu schreiben, ohne großen Blödsinn zu verzapfen.
Wie weit bist Du schon mit Deiner Ausarbeitung der Andorianer?
Ich habe aktuell eine stichwortartige Liste der wichtigsten Ereignisse der andorianischen Geschichte. Das geht los bei den ersten Werkzeug- und Waffenfunden. Ich baue das so auf, wie man ein Überblicks-Geschichtswerk schreibt. Nicht, dass man langweilige Aufzählungen von Ereignissen hat. Ich formuliere eher so: Aus den Funden lässt sich folgendes schließen, denkbar wäre aber auch… Dieses Konstrukt von Forschung macht die Sache interessanter. Im Moment habe ich das Handschriftlich auf 99 Seiten ausgearbeitet. Aber ich bin noch nicht fertig. Ich bin im irdischen Jahr 1162. Ich möchte noch bis zum Ende des 24. Jahrhunderts weiter schreiben.
Wie groß ist Dein Anteil an der Geschichte?
95 Prozent schreibe ich mindestens, denn diese Sachen sind aus der Serie nicht bekannt. Ich nehme die grundlegenden Eckdaten, die in der Serie verfügbar sind, und baue darauf auf. Aus dem Aussehen der Andorianer in der Serie entwickele ich etwa die Physiologie. Ich nehme die grundlegenden Daten des politischen Systems "Andorian Empire". Wir haben eine Gesellschaftsstruktur, die Klan-Struktur. Solche Daten arbeite ich weiter aus und versuche, keinen Widerspruch mit der Serie zu produzieren. Worauf ich mich natürlich nicht vobereiten kann, sind die Dinge, die sich die Star-Trek-Produzenten in Zukunft ausdenken - und durch die dann doch Widersprüche zustande kommen können.
Wie geht es weiter mit Deinem Mammut-Werk?
Ich werde es wie ein Geschichtswerk zusammenstellen und stelle mir dafür auch noch einige Bilder vor: taktische Karten von Sonnensystemen, fiktive historische Dokumente, aus denen ich dann als Quelle zitiere, Bilder von Städten und Personen, die herausragend waren. Ich könnte mir gut vorstellen, das Ganze als Datenbank im Internet einzustellen. Es könnte mir aber auch als Grundlage für eine Roman-Serie dienen, wenn ich später keinen Job bekomme. Dann könnte ich so versuchen, meine Brötchen zu verdienen - es ist sozusagen eine Sicherheit.
Interview: Sebastian Quillmann; Bilder: Sebastian Quillmann, Memory Alpha, trekker670/ Flickr.com




interessanter Artikel, jedoch würde mich mal interessieren wo man die Geschichte lesen kann ...