Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Den Niedergang nicht mitbeschwören

Die Zeitung von heute wird sich verändern. Dieser These widerspricht niemand mehr. In welche Richtung diese Entwicklung gehen wird, hängt dabei vor allem mit den Entwicklungen im Online-Bereich zusammen und der Frage, wie Verlage sich an die immer stärker wandelnden Bedingungen anpassen können. Durch welche Lösungen die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (DDVG) und die Axel Springer AG der "Endstation Zukunft" entkommen wollen, erzählen Matthias Linnekugel und Christian Garrels in einem Interview.

Medien Monitor: Wie lautet Ihre derzeitige Geschäftsdevise?

Matthias Linnekugel (DDVG): Wir als Holding verfolgen eine Investitionspolitik, die gerade in der jetzigen Krisenzeit unseren Unternehmen Freiräume für Investitionen in den Onlinebereich gibt. Voraussetzung ist die Entwicklung einer Online-Strategie.

Christian Garrels (Axel Springer): Axel Springer bedient unter dem Motto "online first" alle zur Verfügung stehenden Medienkanäle, von Print über Online bis Mobile. Der Ansatz "online first" gilt dabei besonders für unsere journalistischen Angebote - von Bild bis Welt: Sobald eine Geschichte da ist, wird sie auf den jeweiligen Onlineplattformen veröffentlicht und im Laufe des Tages mit immer neuen Aspekten weitergedreht. Die gedruckte Zeitung des nächsten Tages kann dann sowohl einen umfassenden Überblick über aktuelle Entwicklungen als auch Hintergründe, Zusatzinformationen und andere Mehrwerte anbieten.

Zur Person

Christian Garrels ist seit dem 1. März 2008 Leiter für Kommunikation, Digitale Medien und Internationales bei der Axel Springer AG. Zuvor arbeitete er bei der ProSiebenSat.1 AG, wo er für die Unternehmenskommunikation und -entwicklung der ProSiebenSat.1-Gruppe verantwortlich war. Die Kernaufgaben des 32-Jährigen liegen bei Springer nun in der Kommunikation und der konzernübergreifenden Digitalisierungsoffensive sowie in internationalen Aktivitäten.

In einer dpa-Meldung war zu lesen, dass die DDVG ihr "Internetgeschäft vorantreiben" möchte. Was genau ist damit gemeint?

Matthias Linnekugel: Wir wollen das Internet-Geschäft unserer Beteiligungen befördern. Zuerst geht es aus unserer Sicht darum, im Netz relevante lokale Angebote zu schaffen.

Inwieweit ist dieses Vorhaben durch die Finanzkrise hervorgerufen?

Matthias Linnekugel: Das Vorhaben startete bereits vor Einsetzen der Finanzkrise. Da die derzeitige Finanzkrise die Strukturkrise der Medien beschleunigt, fühlen wir uns bestätigt, jetzt mehr Geschwindigkeit in den Prozess bringen zu wollen.

Hat die Finanzkrise Ihren Unternehmen geschadet oder gab es Entlassungen?

Matthias Linnekugel: Das Ergebnis der DDVG ist in 2008 mit 15,5 Millionen Euro noch stabil. 2007 waren es 17,6 Millionen. Wir spüren aber seit Beginn dieses Jahres einen Umsatzrückgang, der allerdings von Verlag zu Verlag sehr unterschiedlich ausfällt, denn je höher das bisherige Aufkommen an Stellenanzeigen war, desto dramatischer ist die Lage.

Christian Garrels: Nein, wir haben uns rechtzeitig vor dem Sturm wasserfest gemacht und können nun auf personelle Maßnahmen in größerem Stil verzichten. Durch vorausschauendes unternehmerisches Handeln und eine konsequente Internationalisierung und Digitalisierung entwickelt sich Axel Springer seit Jahren von einem klassischen Verlagshaus zu einem in Europa führenden Medienunternehmen.

Christian Garrels

Erzielen Sie denn bereits Gewinne mit Ihren Websites?

Matthias Linnekugel: Das lässt sich leider noch nicht genau ermitteln, da die Werbeerlöse bislang noch nicht in einer Form erfasst werden, die zwischen einzelnen Websites und dem Print/Online-Bereich zielgenau trennt.

Christian Garrels: Aufgrund der Segmentberichterstattung weisen wir als börsennotiertes Unternehmen keine eigenen Zahlen für Online-Plattformen aus.

Welche Änderungen im Online-Bereich planen Sie auf lange Sicht?

Matthias Linnekugel: Eine "lange Sicht" halten wir im Online-Bereich für schwierig. Unsere Perspektive ist es, online jeweils zum lokalen Matchmaker zu werden. Die lokalen und regionalen Tageszeitungen verfügen über einen Schatz an Informationen und Vernetzungen, der online gehoben werden kann. Dazu müssen die Verlage die Nutzer viel stärker als bisher einbeziehen und teilhaben lassen.

Internationalisierung und Digitalisierung

Christian Garrels: Wichtig ist für Axel Springer, unsere Marktführerposition im klassischen Kerngeschäft, also im Printgeschäft, zu halten und gleichzeitig auch weiterhin konsequent auf Internationalisierung und Digitalisierung zu setzen. Das heißt konkret: Die digitalen Entwicklungen und Angebote werden genauso ausgeweitet wie die internationalen Aktivitäten außerhalb Deutschlands. Der internationale Aspekt spielt bei uns eine besonders wichtige Rolle, insbesondere wenn es darum geht, neue Märkte zu erschließen.

Zur Person

Auch Matthias Linnekugel ist noch nicht lange bei der SPD-Medienholding Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft tätig. Am 1. Mai 2008 wurde er zum dritten Geschäftsführer neben Jens Berendsen und Gerd Walter ernannt. Der 38-Jährige war zuvor Leiter des Büros der ehemaligen SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier und arbeitete als Justiziar des SPD-Bundesvorstandes.

Aus welchem Grund möchte die DDVG besonders den "lokalen Markt" für sich erschließen?

Matthias Linnekugel: Aus dem Grund, dass dieser Markt bislang noch nicht von großen Konkurrenten, wie Google, besetzt und er der angestammte Markt der lokalen und regionalen Blätter ist.

Die DDVG investiert derzeit auch in die "redaktionelle Technik". Was genau fassen Sie unter diese Bezeichnung?

Matthias Linnekugel: Darunter fallen der Ausbau des Newsdesks bei der Frankfurter Rundschau und die Anschaffung moderner Redaktionssysteme.

Umsonst-Logik

Matthias Linnekugel

Die crossmedialen und partizipativen Inhalte im Internet nehmen immer mehr zu. Wo sehen Sie dabei die Vor- und Nachteile?

Matthias Linnekugel: Chancen bestehen darin, dass die Zeitungen eine deutlich stärkere Rückkopplung mit ihren Lesern erfahren. Das bedeutet für die Redaktionen eine andere Arbeitsweise, ebenso wie es erfordert, für Print und online anders zu schreiben und gegebenenfalls für den Podcast einen Beitrag zu sprechen oder ein Bewegtbild zu erzeugen. Eine Gefahr steckt sicherlich darin, dass der Qualitätsjournalismus unter einen erheblichen Kostendruck gerät und das Netz einer Umsonst-Logik folgt.

Christian Garrels: Multimediale Inhalte nehmen kontinuierlich zu und spielen bei unseren journalistischen Angeboten eine sehr wichtige Rolle. Auch hier nimmt Axel Springer eine führende Rolle ein: Die Welt war die erste Redaktion Deutschlands, die einen integrierten Newsroom eingerichtet hat, aus dem heraus Print, Online und Mobile realisiert werden. Inzwischen hat sich dieser Ansatz zum Standard in vielen Redaktionen entwickelt.

Glauben Sie, dass die Zeitung von heute aussterben wird?

Matthias Linnekugel: Die Zeitung hat sich immer gewandelt, die Zeitung von heute wird es morgen schon deshalb nicht mehr geben. Es wird die Zeitung auch in Zukunft als Print-Ausgabe geben. Sie wird anders aussehen. Sie wird vielleicht nicht überall täglich erscheinen und sie wird vermutlich einen recht hohen Copy-Preis haben.

Christian Garrels: Ganz klares Nein. Print lebt und wirkt auch weiterhin. Wir glauben an die gedruckte Zeitung genauso wie an digitale Kanäle und werden diese entsprechend weiterentwickeln und ausbauen. Die Kanäle ergänzen sich wesentlich mehr, als dass sie sich kannibalisieren. Daher setzen wir alles daran, die erfolgreichen Marken von Axel Springer auch künftig optimal über alle zur Verfügung stehenden Plattformen zu bedienen.

Mehr zum Thema:

Übersicht: Medien Monitor Spezial "Printjournalismus"

Interne Links:

ddvg nach FR-Verkauf gestärkt (Medien Monitor vom 06. Dezember 2006)

Springer expandiert in die Schweiz (Medien Monitor vom 19. Dezember 2006)

Springers TV-Einstieg in Polen verzögert sich (Medien Monitor vom 24. April 2007)

Medienbeteiligungen von Parteien (Medien Monitor vom 20. September 2007)

Text: Raphaela Spranz

Teaserfoto: pixelio.de/Rainer Sturm

Fotos: Axel Springer AG / Christian Garrels

Veröffentlicht: 20.10.2009
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