Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Das virtuelle Klassenzimmer

Obwohl ich meine Sinnkrise noch nicht überwunden habe, tröstet mich allein die Aussicht auf baldige Antwort. Auf einmal habe ich Lust, im virtuellen Klassenzimmer vorbei zu schauen und meine erste Unterrichtsstunde zu besuchen. Wie an jeder Schule gibt es auch in der Internet-Zauberschule Hausaufgaben, die man entweder macht – oder eben sein lässt. Doch wer nicht fleißig ist, der bekommt keine Hauspunkte und die sind, neben der Versetzung am Jahresende, das Ziel der Zauberschüler. Wer die Harry Potter-Bücher gelesen hat, der weiß, dass am Ende des Jahres der Schulpokal vergeben wird und auch im Internet werden Hauspunkte gezählt. Hausaufgaben sind ein Weg sie zu bekommen.

Schulunterricht kann spannend sein - wenn's bei Harry Potter zauberhaft wird.

Unter der Rubrik "Unterricht" sind die verschiedenen Fächer nach Klassen aufgelistet. Es gibt acht Jahrgänge im Internet-Hogwarts und je nach Stufe unterschiedliche Fächer. Kräuterkunde, Verwandlung oder Arithmantik besuchen auch Harry und seine Schulkameraden in den Büchern, andere Schulfächer sind nur im virtuellen Hogwarts belegbar, zum Beispiel Eulenkunde oder Zauberhomepages.

Obwohl ich mich für eine Harry Potter-Expertin halte - dank des Hörbuchs kann ich vor allem Band sechs fast auswendig mitsprechen - fange ich wie jeder Neuling in Klasse eins an. Bevor ich in die zweite Klasse komme, muss ich einen Versetzungstest bestehen, den ich erst im August absolvieren kann. Bis dahin darf ich zwar in den Unterricht höherer Klassen hineinschnuppern, aber die Lektionen meiner Stufe sind Pflicht und auf die will ich mich erst einmal beschränken. Meine Eltern und meine große Schwester haben mich schon als Kind davor gewarnt vorzulernen. Als ich sie in der ersten Klasse dazu überreden wollte, mir mehr Buchstaben beizubringen, obwohl wir noch beim "m" und "n" waren, sagten sie: "Nein, dann passt du nicht mehr auf, wenn es drauf ankommt, weil du denkst, dass du schon alles weißt." An diesen Rat halte ich mich auch noch 17 Jahre später.

Meine Lehrerin, die Hexe

Der Stoff meiner ersten Unterrichtsstunde: Gut und Böse.

Das Fach ganz oben in der Liste heißt "Harry Potter Allgemein I" und wird von drei Lehrern gemeinsam unterrichtet: Prof. Artemis Thistle, Prof. Nyaeve Kyeema und Prof. Rose Wallaby. Um mehr über sie herauszufinden, klicke ich ihr Profil an. Prof. Kyeema ist laut Profil eine Hexe aus Australien und wurde 1870 geboren. Prof. Rose Wallaby ist noch ein wenig jünger, ihr Geburtsjahr ist 1922. Außerhalb von Hogwarts könnten meine Lehrer aber viel jünger sein als ich– das ist ein sonderbares Gefühl. Ich nehme mir vor, zu einem späteren Zeitpunkt persönlich Kontakt zu ihnen aufzunehmen, um herauszufinden, wer sie wirklich sind und warum sie als Zauberlehrer arbeiten. Aber für den Moment bleibe ich lieber Tita Skeeter, die ganz normale Erstklässerin, denn ich will ja keine Sonderbehandlung.

Ausgerechnet das Thema "Gut und Böse" ist der Stoff meiner ersten Unterrichtsstunde. Als ob ich mich mit dieser Frage nicht schon genug beschäftige, seit der Hut mich zu einer Slytherin gemacht hat. Aber ich schiebe dieses Problem beiseite und beginne Lektion eins zu lesen. Nach einer Begrüßung der Lehrer und ein paar Tipps zum richtigen Lernen geht es los. "Stärke und Schwäche, Unbedachtsamkeit, Geschicklichkeit, Vorsicht und Ungeschick - sie alle sind Teil eines Netzes, das über Leben und Tod entscheidet", steht zum Beispiel dort. Es geht um die Definitionen von Moral und Tugend oder um das Prinzip des Ying und Yang.

Zum Abschluss der Lektion gibt die Lehrerin den Rat: "Jeder muss sich selbst der Aufgabe stellen, die Kategorien "gut" und "böse" für sein eigenes Leben festzulegen. Doch kann diese Aufgabe viel Zeit in Anspruch nehmen. Sie wird jedem Kopfzerbrechen bereiten und nie zur idealen Lösung führen, doch trotzdem glaube ich, dass sie es wert ist, sich ihr zu stellen." Und dann kommen die Hausaufgaben: Der erste Teil ist ein sehr leichter Lückentext, mit dem geprüft wird, ob ich auch alles genau gelesen habe. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich muss auch ein paar Mal wieder nach oben scrollen, weil ich den genauen Wortlaut vergessen habe.

Wer ist gut, wer böse?

Draco gehört zu den Bösen ... das ist jawohl ein klarer Fall.

Ein bisschen zeitintensiver ist die zweite Aufgabe: Ich soll das Gelernte anwenden und anhand von Personen aus dem Harry Potter-Universum beschreiben, was Merkmale des Guten und Bösen sind – für jede Eigenschaft sind zwei Personen gefordert. Zunächst schreibe ich über den Schulleiter Dumbledore als Beispiel für einen Menschen mit guten Eigenschaften.

Weiter mache ich erst einmal mit den beiden als böse geltenden Charakteren, denn ich weiß noch nicht, welchen Charakter ich als zweites gutes Beispiel wähle werde. Bei den Bösen ist die Sache klar: Ich entschließe mich, Prof. Snape und Draco Malfoy, Harrys Erzfeinde aus dem Hause Slytherin, auszuwählen. Beschmutze ich damit mein eigenes Nest, frage ich mich zwar für einen Moment. Aber ich kann beim besten Willen nicht abstreiten, dass sie diese schlechten Züge haben. Und so tippe ich - ohne dabei weiter an meine Hauszugehörigkeit zu denken - die Antworten zu Draco Malfoy und Professor Snape.

Als ich dann ein weiteres Beispiel für eine Person mit guten Eigenschaften finden soll, habe ich eigentlich schon keine Lust mehr, meine Hausaufgaben zu machen. Aber ich will diese erste Hausaufgabe vollständig abgeben und entscheide mich über Hermine Granger, Harrys beste Freundin, zu schreiben.

Nach rund 30 Minuten bin ich fertig, aber nicht besonders zufrieden mit meiner Leistung. Bestimmt habe ich viele Rechtschreib- und Kommafehler gemacht. Aber ich habe genug von diesem Hausaufgaben-Kram und will die Eulmail endlich loswerden. Oben auf das Text-Dokument kommt noch mein User-Name, meine Klasse, meine Schüler-ID und die Lektionsnummer, dann schicke ich es per Eulenpost an Prof. Rose Wallaby – mit einem leicht unguten Gefühl.

Hier lesen Sie wie viele Punkte ich für meine Hausaufgaben bekommen habe und wie es weiterging im virtuellen Hogwarts.

Nachtrag vom 29. Juni 2007:

Bis vor kurzem hatte ich einen Link zu meinen Hausaufgaben-Texten gesetzt, aber dann bekam ich eine Eule von Prof. Wallaby, in der sie mich darum bat, die Texte bis zum Schuljahressende zu entfernen. Daran, dass sie eine perfekte Vorlage zum Abschreiben sein könnten, hatte ich gar nicht gedacht. Am Schuljahresende sind meine Hausaufgaben hier wieder einsehbar. Übriges hat Prof. Wallaby mir geschrieben, dass sie auch im richtigen Leben älter ist als ich - die Frage wäre also geklärt.

Text: Mareike Aden; Fotos: hp-fc., Warner Bros., The real Princess Mensis/flickr.com

Veröffentlicht: 14.06.2007
Bitte gib hier die rechts gezeigte Zahl ein. Dies dient zur Abwehr automatisierter Einträge. CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn du die Zahl nicht lesen kannst, hier klicken.
Hinweis: Kommentare werden moderiert.


Köpfe & Karrieren | Trends & Technik | Kritik & Kurioses | Spezial | News | Blog
 Suche | Newsfeeds | Redaktion | Impressum