Das ist wie fliegen. Du bist über allem.
Ein Genussbergsteiger über Vorfreude und Gipfelglück
Ein "Spätzünder" war Bernard Vidalenche als er mit 25 Jahren mit dem Bergsteigen begonnen hat. Schon während des Studiums für seinen heutigen Beruf als Berufsschullehrer für Deutsch und Französisch, hat er sich für Berge interessiert. Das war bei ihm immer so. "Als Kind war es mein Traum, über den Mont Blanc zu fliegen, um alle Berge dort zu sehen", sagt Vidalenche. Irgendwann in den Jahren 1977-79 ergab sich dann die Möglichkeit zu einer Bergwanderung. "Und das war es dann. Es gab alles. Die Landschaft war wunderschön und es gab auch ein kleines Gipfelglück. Dann hat es bei mir KLICK gemacht." Er fing an Berg-bücher zu kaufen und wusste, dass es das ist, was er machen möchte. Er wusste nur noch nicht, wie. Da kam ihm der Zufall zu Hilfe, indem ein damaliger Freund ihm von seinen Plänen bergzusteigen erzählte. Im nächsten Jahr ging es los im VW-Käfer des Freundes. "Vier Tage später waren wir auf unserem ersten 4000er. Ohne Training. Bekloppt. Aber es hat ja geklappt."
Bergsteigen und Trekking
Es war damals seine Welt. Und das ist sie eigentlich noch immer. Obwohl Vidalenche inzwischen vom Bergsteigen zum Bergwandern, dem so genannten Trekking, übergegangen ist, dreht sich alles um Berge. Sei es die Planung einer Exkursion, das eigentliche Erleben oder das spätere Nachbereiten etwa der geschossenen Fotos. Mit zunehmendem Alter nehmen die physischen Kräfte ab, und die Freunde verlieren sich. Für das Bergwandern kann man einfacher Leute begeistern. Als Bergsteiger ist man sowieso immer auch Bergwanderer. Wenn man selbst eher Genussbergsteiger ist, wie Vidalenche, sind die beiden sehr verwandt. "Jetzt hätte ich keine Lust mehr bergzusteigen. Wenn mir allerdings jemand sagen würde, er möchte gern einen bestimmten Berg machen und mich fragen würde, ob ich mitkomme, würd’ ich es tun. Also doch!" Vidalenche lacht. Einer echten Leidenschaft kann man eben nicht entkommen.
Was für's Auge

Gelernt hat Vidalenche das Bergsteigen eigentlich nicht so richtig. Die technischen Fertigkeiten beziehen sich auch auf den Schwierigkeitsgrad des Vorhabens. Beim Klettern in der Steilwand gibt es natürlich viel mehr zu wissen als bei der einfachen Erklimmung eines Berges. Seine Routen enthalten nur kleine Kletterpassagen und kurze Schneehänge. "Ich will Spaß haben. Ich will mich da nicht umbringen", ist sein Motto. Dennoch gibt es immer harte Stellen und sogar Vidalenche ist hinterher froh, sie bewältigt zu haben. Wichtig ist ihm aber vor allem ein schöner Anstieg, der nicht zu langweilig ist sondern Abwechslung bietet. Außerdem ist Schnee immer unverzichtbar. Auch die Gegend drum herum muss ansprechend sein. Dazu gehören auch die Hütte und das Dorf des Startpunktes. Wenn die Hütte schon überfüllt ist, macht die ganze Exkursion keinen Spaß mehr.
Trotzdem geht es um mehr als NUR Spaß. Es geht um eine Flucht vor dem Alltag, darum den Menschen zu entfliehen. Abgeschiedenheit ist ihm sehr wichtig. Oben soll schon etwas anderes sein als unten. "Ich hab keine Lust, mir den Gipfel mit 50 Menschen gleichzeitig zu teilen." Deshalb war er auch niemals am Matterhorn oder auf dem Mont Blanc. Dort seien einfach zu viele Menschen. Vidalenche möchte nicht-alltägliche Dinge erleben. Und obwohl er sich keine extremen Ziele setzt, wie es Extrembergsteiger im Hymalaya tun, ist er durchaus stolz auf seine Erfolge.
Ziele und Grenzen
Es geht darum, seine Grenzen auszutesten. Nicht in der Form, als das kaum erreichbare Ziele gesetzt werden. Aber man muss sich überwinden, persönliche Grenzen überwinden, um seine Ziele zu erreichen. Es funktioniert nicht, zwischendurch plötzlich einfach keine Lust mehr zu haben. Es geht immer weiter. Als Bergsteiger läuft man länger und weiter als jemals zuvor. Es gibt Situationen, in denen man nur noch nach Atem ringt und sich fragt, was soll das eigentlich hier. Und dennoch geht es weiter. "Man wächst unterwegs über sich hinaus", teilt Vidalenche mit.
"Es geht mir um die Erfahrung." Eine Expedition ist in seinen Augen fast asketisch. Sie ist die Flucht in eine Welt voller Entbehrungen. Es geht einzig und allein darum, ob es kalt oder warm ist, darum, den Hunger zu stillen, nicht zu erfrieren, zu überleben. "Es ist eine Expedition zu den Urdingen. Wenn du zurückkommst, bist du völlig im Lot. Du setzt dich auf so einer Tour mit dir selbst auseinander. Und zwar auf primitivster Ebene." Was zählt ist die kleine Anhebung, die dir den Schlaf raubt. Sie ist das Hauptthema des nächsten Tages. Andere Themen sind Essen, Trinken, Schlafen, Wetter. "Neandertalerthemen".
Fliegen
Es spielt auf jeden Fall auch eine Rolle, den Gipfel zu erreichen. Aber dieser Erfolg steht im Prinzip ebenso als eine Parabel für ein Ziel, das man sich selbst gesetzt hat. Schön sind die Vorfreude und die Gipfelfreude. Das Ganze zusammen macht die Erfahrung aus. Und trotz-dem ist ein großer Teil dieser Erfahrung, die Welt von oben zu sehen. "Ich hab Erinnerungen von Gipfeln…Das ist wie fliegen. Du bist über allem." Der Blick von oben nach unten ist wesentlich beeindruckender als der von unten nach oben. "Du siehst die Dinge, wie du sie sonst nie siehst." Es ist eine völlig andere Art der Wahrnehmung. Dieses Gefühl von Er-schöpfung, Müdigkeit und gleichzeitig diesem totalen Glück, es geschafft zu haben, sei un-beschreiblich. "Da möchte man nicht mehr weg. Diese Momente da oben, kann man mit Geld nicht bezahlen. Das ist eine spezielle Welt für sich."
Text: Katrin Obenauf
Fotos: Bernard Vidalenche




