Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Medien-Satire

Das bewegt uns 2012

Medien Monitor weiß schon jetzt, was 2012 im TV passiert.

ProSieben startet die Doku "Die Baby-Million - Dead Or Alive". Das ZDF sucht via Casting einen Nachfolger von Gottschalk - und Markus Lanz widmet sich dem "Tabuthema Tierliebe". Was sonst noch 2012 passiert, lesen Sie in der Jahresvorschau 2012 mit dem Schwerpunkt TV. Achtung: Satire!

Januar 2012

Sprücheklopfer: Dirk Bach und Sonja Zietlow.

Wieder haben bis zu zehn Millionen Menschen das "Dschungelcamp" auf RTL gesehen. Obwohl das niemand zugibt. Wer guckt schon Ekel-Fernsehen, wenn Arte zeitgleich eine Geo-Reportage sendet? Wie dem auch sei: Am Ende siegt Karsten Speck, einem Millionenpublikum aus der ZDF-Familienserie mit dem Seehund Robbie ("Hallo Robbie") bekannt. Er ist der neue "Dschungelkönig". Im Laufe des Jahres darf er eine neue Staffel "Hallo Robbie" drehen und bei "Let's Dance" mittanzen.

Zuvor hatte Speck am Dschungel-Lagerfeuer, dem Lieblingsort der C-Promis, berichtet, wie er seine Privatinsolvenz gemeistert hat - und wie er Drogen in die JVA Hakenfelde schmuggelte. Auch ein kurzer, freilich inszenierter hemmungsloser Regenwald-Quickie mit Dschungel-Kollegin Kim Gloss (muss man nicht kennen) bescherte ihm viel Anerkennung und Spott der TV-Nation.

Februar 2012

Gottschalk ist befreit.

Top-Bilanz nach einem Monat der neuen Show "Gottschalk Live" (ARD). Thomas Gottschalk quasselt befreit drauf los, skypt mit seiner Ehefrau, plaudert mit Stars wie Hape Kerkeling, Harald Schmidt und Günther Jauch über Gott und die Welt. Er fühlt sich pudelwohl, macht Late-Night am Vorabend. Vier Millionen Zuschauer sind dabei. Medienjournalisten hingegen kritisieren die Sendung als "belangloses Fernsehen ohne Charme" (Spiegel), als "90er-Jahre-Nostalgie" (Süddeutsche Zeitung). Bild fordert "HD-Schminke" und einen "Crash-Kurs Social Media für einen alternden TV-Dino". Bild am Sonntag startet die Kampagne "Thommy, bitte geh' in Rente".

März 2012

RTL verfilmt "Parade des Grauens".

RTL gibt bekannt, die Loveparade-Katastrophe in Duisburg als Event-Mehrteiler zu verfilmen. Arbeitstitel: "Parade des Grauens - der Techno-Tanz der Todesmutigen". Heino Ferch soll Rainer Schaller, den Veranstalter und Sponsor der Loveparade, spielen. Veronica Ferres mimt eine besorgte Mutter, die ihre beiden Sprösslinge, den schwulen und HIV-infizierten Timo (gespielt von Robert Stadlober) und die Speed-süchtige Petra (Yvonne Catterfeld), vermisst. Eine junge Polizistin (Jeanette Biedermann) verliebt sich im zunehmenden Chaos in einen Ordnungshüter.

Dietmar Bär war als Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland im Gespräch. Er lehnte aber wegen ethischer Bedenken ab, das Drama so kurz nach der Tragödie, noch dazu zum Teil an Originalschauplätzen, zu verfilmen. Auch Axel Prahl lehnte ab. RTL zeigt nun Sauerland nur von hinten. "Ein dramaturgischer Kniff", heißt es in der Pressemitteilung.

Bloggt wieder: Kai Diekmann.

Kai Diekmann bloggt wieder 100 Tage. Diesmal deckt der Bild-Chefredakteur im Alleingang neue Geflechte der Niedersachsen-Connection um Bundespräsident Christian Wulff und Ex-Kanzler Gerhard Schröder auf. Diekmann berichtet zudem, warum er Karl-Theodor zu Guttenberg beraten hat, Haar-Gel beim Comeback-Versuch wegzulassen: "Das schmierige Zeug steht nur mir."

In einem Video kündigt Diekmann eine ntv-Sendung an. In "Diekmann 360 Grad" werde er eine "schonungslose Abrechnung mit der Medienbranche" liefern. Zeitungen des Springer-Verlags werden darin nicht vorkommen.

April 2012

Künftig gibt's ein "Best Of".

Das ARD-Talkshow-Karussell mit Günther Jauch, Frank Plasberg ("Hart aber fair"), Sandra Maischberger, Anne Will und Reinhold Beckmann dreht sich weiter. Obwohl Beckmann mittlerweile nur noch 10.200 Zuschauer am Donnerstagabend-Sendeplatz einschläfern kann, entscheidet ARD-Programmdirektor Volker Herres: "Für uns sind die gehaltvollen Talkshows, pardon, politischen Gesprächssendungen, eine Informationsoffensive. Unsere Zuschauer wissen das. Nun bieten wir den politisch Interessierten mit "Fünf Tage, fünf Köpfe" nochmals die Höhepunkte der ARD-Polit-Shows der Vortage als Best-Of, kommentiert und eingeordnet von einem Branchenkenner."

"Fünf Tage, fünf Köpfe" läuft am Sonntagabend nach den "Tagesthemen" um 23.05 Uhr. Focus-Mitherausgeber Helmut Markwort wird die Schnippsel, zuvor sorgsam ausgesucht von der 23-köpfigen "Fünf Tage, fünf Köpfe"-Redaktion, an- und abmoderieren. Eine Sendeminute kostet nach ARD-Angaben 2232,23 Euro. Billig, könnte man meinen. Blöd nur, dass "Fünf Tage, fünf Köpfe" eine Überlänge von 130 Minuten hat. "TTT" (Titel, Thesen, Temperamente) wird ersatzlos gestrichen. Für die ARD-Vorsitzende Monika Piel ist die Best-Of-Sendung ein "Beweis für innovatives, sehr gut gemachtes deutsches Fernsehen".

Mai 2012

... ist mehr "Vor Ort".

Der Ereignissender Phoenix hat nach dem großen Quotenerfolg der Schlichtung im Streit um "Stuttgart 21" entschieden, künftig noch mehr "Vor Ort" zu sein. Zu den neuen Live-Übertragungen im April gehört eine Pressekonferenz des Rassegeflügelzuchtvereins und ein "Vor Ort Gesundheitsspezial" mit Vertretern der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe über die Gefahren von Implantaten bei der Beckenboden-Chirurgie.

Die Deutschen lieben die "Vor Ort"-Offensive, treffen sich zum Rudelgucken. "Wir liefern noch mehr Hintergrund für mündige Bürger in schnellebigen Zeiten, in denen der Meinungsbildungsprozess durch kurze Online-Schlagzeilen unterlaufen wird", sagte Phoenix-Programm-Geschäftsführer Christoph Minhoff.

Juni 2012

Mag angeblich Tier-Sex: Charlotte Roche.

Charlotte Roche gibt dem Magazin stern ein Interview mit folgenden, bemerkenswerten Sätzen: "Ich hätte gerne Sex mit Pferden. Nun ja, nicht immer. Aber halt einmal irgendwie. Wir Menschen sind ja auch Tiere, oder? Pferdesex ist bestimmt geil. Bloß mit der Verhütung wird's schwierig." Wochenlang hält sich Roche mit dieser Aussage in den Schlagzeilen, obwohl die Süddeutsche Zeitung zwischendurch offenlegte, dass Roche die Aussage überhaupt nicht ernst meinte, sondern nachträglich als Gag in das Wortlaut-Interview reinredigiert hatte. Den Medien ist's egal: Markus Lanz ändert sein Thema in "Tabuthema Tierliebe", Spiegel TV zeigt mit dem Roche-Aufhänger eine ausführliche Doku über einen Mann, der Kühe und Schlangen liebt.

Als Roche merkt, dass das Interesse an ihrer vermeintlichen Tierliebe nachlässt, hat sie noch ein mediales Ass im Ärmel: Sie gibt bekannt, dass sie gemeinsam mit Til Schweiger die Schema-F-Beziehungskomödien "Keinohrhasen" und "Zweiohrküken" mit dem Film "Dreinasenmuschis" fortsetzen wird. "Die Trilogie wird derbe geil enden. Til Schweiger wird noch öfter seinen nackten Po in die Kamera halten", verspricht Roche im stern, wo sie künftig eine wöchentliche Kolumne schreibt.

Juli 2012

Zoff zwischen ARD und ZDF auf Kosten der Kinder: Die Kooperation beim Kinderkanal Ki.Ka wird hingeworfen, weil das ZDF weiterhin darauf beharrt, im "Morgenmagazin" eigene News anzubieten statt auf ein Gemeinschaftsgprogamm mit "heute"-Nachrichten und "Tagesschau" zu setzen. Das ZDF übernimmt den Ki.Ka nun in Eigenregie mit abgespecktem Rahmenprogramm - ohne "Sandmann" und "logo". Die ARD bastelt an einem neuen Digitalkanal. Er soll "Eins Kleinkind" heißen und sich an "intelligente, netzaffine Kinder von ein bis dreieinhalb Jahren richten".

August 2012

Skandal-Format: "Die Baby-Million".

ProSieben startet die Doku-Soap "Die Baby-Million - Dead or Alive" (donnerstags, 20.15 bis 22.15 Uhr). Kamerateams begleiten vier werdende Mütter zwischen 18 und 45 Jahren während ihrer Schwangerschaft. Die Frauen werden wöchentlich vor Herausforderungen gestellt. Sie müssen entweder kiffen, koksen oder saufen, ohne dass ihre ungeborenen Babys Schaden nehmen. Nur diejenigen Mütter, die nach acht Folgen im Finale ein gesundes Kind zur Welt bringen, bekommen eine Million Euro und eine wertvolle Wickelkommode.

Die Quoten sind brillant. 12 Millionen Menschen fiebern mit, voller Ekel und Entsetzen. Marktanteil: über 40 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe der 14-49-Jährigen. Doch dann kommt Folge zwei: Maria aus Magdeburg muss so viel Marihuana rauchen und MDMA schlucken, bis sie vor laufender Kamera zusammenbricht. Schnitt. Plötzlich sieht der Zuschauer in Nahaufnahme braun-rotes Fruchtwasser auf den weißen Fliesenboden tröpfeln. Schwenk über die verpixelten Geschlechtsorgane von Maria. Eine Stimme aus dem Off sagt: "Es ist der Alptraum jeder Mutter: Maria hat eine Totgeburt erlitten. Der Traum von einer Million Euro und einer wertvollen Wickelkommode, er ist vorbei."

Schnitt: Daniel Aminati, Moderator der Sendung, steht vor dem Haus von Mutter Maria und schluckt schwer: "Sachen gibt's." Er dreht sich zur zweiten Kamera. "Und weiter geht's mit sexy Sabine aus Sachsen, die im siebten Monat schwanger ist und heute in ihrer Challenge möglichst viel Wodka trinken muss."

Die Medienanstalten wollen das Vorgehen von ProSieben und der zuständigen Produktionsfirma prüfen, heißt es. "Was man hier noch prüfen muss, ist mir schleierhaft", sagt der Vorsitzende der SPD-Medienkommission, Marc Jan Eumann. Auch andere Medienpolitiker sind schockiert.

ProSieben-Geschäftsführer Jürgen Hörner tritt vor die Kameras. "War doch alles nur ein Spaß. Das war Scripted-Reality." Hörner verweist auf den Abspann. Unter dem Hinweis "Unsere Sendung wird untersützt durch Produktplatzierungen" stand in Schriftgröße eins für eine Nanosekunde lang: "Alles frei nach Drehbuch."

September 2012

Der neue ZDF-Intendant Thomas Bellut, bereits seit März im Amt, macht auf sich aufmerksam. Das ZDF werde seine Digitalkanäle ausbauen. Die Gebühreneinahmen sprudeln, da will man gerade seinem älteren Publikum noch was gönnen, sagte Bellut. Auf ZDF hit läuft ab Herbst 2012 die "ZDF-Hitparade" in Endlosschleife, unterbrochen durch lustige Stand-Up-Comedy von Dieter Thomas Heck (Zielgruppe: 67-71-Jährige). Auf ZDF holiday gibt's ab Anfang 2013 täglich einen 20-stündigen Livestream eines Alpenpanoramas, untermalt von aktuellen Volksmusik-Hits. Abends folgt für die Zielgruppe der 72- bis 80-Jährigen eine Live-Schalte ins Wohnzimmer von Hansi Hinterseer, der die Höhepunkte seiner "Hansi Tour durch schöne Städte in der Schweiz, Österreich und Deutschland" präsentiert. Von 20 bis 22 Uhr laufen Wiederholungen vom "Traumschiff" und "Rosamunde Pilcher", die sich die Zuschauer zuvor per Fax gewünscht haben.

Oktober 2012

Müller: "Ich kann 'Wetten, dass..?'"

Trotz des großen Flops der Casting-Show "Ich kann Kanzler" im Jahr 2009 gibt das ZDF dem Format in abgewandelter Form noch mal eine Chance - diesmal mit "Ich kann 'Wetten, dass..?'". Es treten Promis an: Johannes B. Kerner, Oliver Pocher, Ina Müller ("Inas Nacht"), das flotte Team "Joko und Klaas" von ZDF neo und Entertainerin Maite Kelly.

Die Disziplinen: Einmal im Borat-Anzug in einen See springen, Hollywood-Stars interviewen und Englischkenntnisse beweisen, Weltläufigkeit beim Gang über einen roten Teppich demonstrieren und einen schlechten Witz erzählen.

Nicht das Publikum entscheidet, sondern eine Jury mit Michelle Hunziker, ZDF-Intendant Thomas Bellut, Wolfgang Lippert und Stephanie zu Guttenberg. Die Show "Ich kann 'Wetten, dass..?'" läuft zwei Mal wöchentlich von 19.20 Uhr bis 19.50 Uhr parallel zu "Gottschalk Live" in der ARD.

November 2012

Anne Will mag nicht mehr die Talk-Tante der ARD sein. Sie stellt sich neuen Herausforderungen und wechselt zum Frauensender "Sixx".

Dezember 2012

Gottschalks Nachfolgerin floppt.

Die erste "Wetten, dass..?"-Sendung nach der Ära Gottschalk wird von Ina Müller moderiert, die übernächste wird vom Zweitplatzierten der Sendung "Ich kann 'Wetten, dass..?'", Johannes B. Kerner moderiert, die dritte von dem, richtig, Drittplatzierten. Es war Oliver Pocher. Ob danach die Viertplatzierten (Joko und Klaas) moderieren oder eine neue Staffel von "Ich kann 'Wetten, dass..?'" startet, will der Sender "zeitnah" bekanntgeben, so ein Konzernsprecher. Dem Publikum ist das mittlerweile eh egal. Die Nachfolge-Debatte interessierte spätestens nach dem EM-Titel der deutschen Fußballnationalmannschaft im Sommer eigentlich niemanden mehr so richtig.

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Text: Tobias Fülbeck

Bilder: (1) Raja R/stock.xchng; (2) RTL/Stefan Menne; (3) ARD/Frank Zauritz; (4) Screenshot; (5) Axel-Springer-Verlag; (6) ARD/Marco Grob; (7) Phoenix; (8) Cuastom0305/stock.xchng; (9) Kesley Johnson/stock.xchng; (10) NDR/Morris MacMatzen; (11) ZDF

Veröffentlicht: 03.01.2012
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