"Das Wesentliche wird nicht lange verborgen bleiben"
"Second Life macht zuviel Spaß, um es ernst zu nehmen, aber man sollte es trotzdem wichtig nehmen", sagt kjs Yip. In seinem virtuellen Labor forscht er zum Thema Licht und macht sich auf die Suche nach Orten, an denen sich die Realitäten vermischen. Diese Vermischung gilt auch für die Bewohner, denn kjs ist überzeugt: Auch wenn viele Teilnehmer mit ihren Avataren eine Illusion aufrecht erhalten wollen, wird ihre eigentliche Identität nicht lange verborgen bleiben.
Martin Gehr: kjs Yip, dein Name klingt wie ein Codewort. Was steckt dahinter?
kjs Yip: Meine Präsenz im Internet war schon immer mit dem Kürzel kjs verbunden. Also war es auch in Second Life (SL) nahe liegend; den Nachnamen des SL-Avatars wählt man aus einer Liste hinzu. Es ist der Klang, der mir gefällt. Und die Einsilbigkeit habe ich gewählt, weil ich sonst eher geschwätzig bin. Inzwischen bin ich kjs Yip.
Dein Avatar ist noch auf andere Weise auffällig: Viele Bewohner in SL entsprechen äußerlich dem gängigen Typ des Katalogmodels. Dein Avatar springt aus der Masse heraus, hat er doch eine ausgeprägte Individualität und Persönlichkeit. Warum hast du dich für diesen Charakter entschieden?
"Entwicklung führt zur Identität", so könnte man es umschreiben. Eine Anekdote: Am zweiten Tag meiner SL-Existenz erzählte mir jemand "Du hast Löcher in den Haaren." Das Ergebnis: Du schraubst an deinem Avatar herum: eine Glatze, einen Bart (aber einen gepflegten, nicht die Drei-Tage-Variante) und um die Glatze zu bedecken, braucht man einen Hut. Bei einem Tanzwettbewerb habe ich ein Outfit aus einem Laden der besseren SL-Ausstatter gewonnen - und dann kam der Bruch: der Übergang zwischen Möglichkeiten und Identität, das Nachdenken über sich selbst. Im Real Life (RL) nennt man das Erwachsenwerden; da ich aber erwachsen war, entstand der Wunsch der Unverwechselbarkeit.
Und da die Erscheinung des Avatars das Haupt-Marketingtool in SL ist, war das eine greifbare Entwicklung: Es kamen gediegene Anzugelemente hinzu, aber auch Loslösungen, zum Beispiel fingerlose Punkerhandschuhe und eine Lederjacke, die ich seit 20 Jahren auch im RL trage. Und trotzdem - das ist das Wichtigste - möchte ich immer erkennbar bleiben. Das bekomme ich immer mal wieder von anderen bestätigt.
Dein Avatar erinnert mich ein wenig an den Wilden Westen. Hat es etwas damit zu tun?
Nein, obwohl einer meiner inzwischen fünf Hüte ein Stetson ist.
Avatare werfen keine Schatten
Der Charakter deiner Figur ist sicher nicht nur auf die Äußerlichkeit begrenzt. Wie lebst du diesen Charakter in SL? Und welche Orte suchst du dabei am häufigsten auf?
Mein Verhältnis zu SL ist ambivalent: Zum Einen ist es eine Plattform mit guten und sinnvollen Möglichkeiten - ein Zukunftsmodell für neue Formen der Kommunikation, Präsentation und Dienstleistung. Zum Anderen kann ich SL, was das Arbeiten und Geld verdienen angeht, noch nicht richtig ernst nehmen. Also habe ich nach einem augenzwinkernden Thema gesucht, ein Fleckchen Land gekauft und ein "Studio & Labor" namens alpha-pics gebaut. Dort mache ich grundlegende Experimente zum Thema Licht. Denn mir ist aufgefallen, dass Avatare keine Schatten werfen. Also bastle ich so lange herum, bis ich vom Avatar ein Bild mit Schattenringen unter den Augen habe. Oder ich lerne scripten, um steuerbare Leuchtgloben zu bauen, die etwa auf Knopfdruck ihre Farbe wechseln. Veröffentlicht habe ich das zum Teil in einem Forum bei SLinside, und manch einer nimmt es dort sogar ernster, als ich es selbst tue.
Wie nutzt du SL, wenn du nicht in deinem Labor arbeitest - quasi nach Feierabend?
In meiner "SL-Freizeit" habe ich ein Hobby: Ich suche Orte auf, an denen sich RL und SL begegnen, zum Beispiel historische Nachbauten. Noch viel lieber aber besuche ich Veranstaltungen, bei denen sich RL und SL vermischen.
Kannst du ein paar Beispiele nennen?
Beeindruckend fand ich ein Konzert des chinesichen Pianisten Lang Lang im Mai. Wenn man ehrlich ist, war es ein toller Marketing-Event seiner Plattenfirma. Lang Lang hat einige Stücke eingespielt, er bekam einen Avatar, der ihm ähnlich sah, eine gute Klavieranimation und dann seinen Auftritt. Der wiederum wurde von einem SL-TV-Sender ("Life 4 U") an ein halbes Dutzend Orte übertragen. Gleichzeitig wurde von diesen Orten berichtet und das ganze Event auf diverse Webseiten gestreamt. Die Veranstalter behaupteten, dass 20.000 Menschen das Konzert gesehen haben.
Veranstaltungen, bei denen RL und SL aufeinandertreffen, können aber auch ganz simple Aktionen sein, wie sie etwa die Gründer der Simulation "New Berlin" machen. Da heißt es dann "Wir treffen uns auf dem Alexanderplatz." - "In SL oder RL?" - "Ist egal." Und das passiert dann wirklich, dann sitzen Leute mit dem Laptop auf dem realen Alexanderplatz in Berlin, Avatare auf der virtuellen Nachbildung des Platzes in SL und schauen auf einer "Leinwand" denen auf dem echten Alex zu.
Wo du gerade die Nachbauten ansprichst: Welche Gebäude in SL faszinieren dich besonders?
Für einen Wettbewerb in SL hat Goldie LeSuere das Brandenburger Tor im Maßstab 1:1 nachgebaut. Er ist ein wirklich toller Builder und auch am beachtlichen Projekt "Dresdner Zwinger" beteiligt. Ich fand den Besuch dort so spannend wie den Besuch in der realen Galerie.
"Die Trennung der Realitäten ist Unsinn"
Vielen Teilnehmern von SL ist es wichtig, die Illusion ihres Avatars aufrecht zu erhalten. Hast du auch Anonymisierungsängste?
Nein, die fehlen mir.
Warum ist das so? Kann man daraus schließen, dass du keine Schwierigkeiten damit hast, dein virtuelles Ich mit deiner wirklichen Person zu verknüpfen?
Viele Teilnehmer glauben, es gäbe einen Unterschied zwischen dem "Gott" (dem Erschaffer) und dem "Heruntergekommenen". Mythologisch ist der "Heruntergekommene", also der Avatar, auch immer der "Gott", nur in anderer Gestalt, eben wie in SL. Nicht zufällig sprichst du von Illusion. Jede virtuelle Präsenz ist nur eine andere Abbildung der wirklichen Person. Im Gegensatz zu SL laufe ich im RL selten im Anzug herum, sondern meist in Jeans und Hemd. Aber in SL trägt - dank Digitalfotografie und Photoshop - der Avatar die gleiche Lederjacke wie ich. Die Trennung zwischen RL und SL ist daher in meinen Augen Unsinn. Life is life.
Das ist eine sehr tiefe Aussage. Kannst du sie noch etwas näher erläutern?
Zunächst ist es nur ein Spiel mit der Etymologie, der Grundbedeutung des Begriffs "Avatar", aber mit einem realen Hintergrund: "avatara" aus dem Sanskrit, der alten indischen Sprache, steht wörtlich für "Herabgestiegener", also die Erscheinungsform eines Gottes auf der Erde. Im europäischen Kulturkreis ist die Trennung zwischen Wesen und Erscheinung, als Folge der Wissenschaftsgeschichte, eine zweischneidige Tradition: Sie ist wichtig für die "Erkenntnis", aber traurig fürs "Sein". Andere Kulturen kennen diese Trennung nicht.
Ich sitze in SL - wenn es die Zeit erlaubt - viel rum, wie im RL übrigens auch (ich liebe Straßencafés). Und ich schaue und höre den Wesen um mich herum gerne zu. Wenn man etwas länger einem Avatar zuschaut, ein wenig mit ihm plaudert, ihn mitunter noch in anderen Formen trifft, etwa in Foren oder im Chat, erkennt man das "Wesen"tliche. Bilder des RL-Wesens, seine Telefonnummer und solche Dinge werden nur Attribute des RL-Avatars, also auch nur einer Erscheinungsform. Der indische Gott Vishnu hatte neun Avatare, und in SL treiben sich auch viele mit mehreren Avataren herum. Das wirklich Wesentliche wird aber nicht lange verborgen bleiben. Und genau wie in der indischen Mythologie ist die Erscheinungsform, die man für den Avatar schafft (egal ob RL oder SL) auch wieder nur aufschlussreich für das Wesen des "Gottes", also des Erschaffers.
Wie empfindest du die Tatsache, dass SL zwar das Leben abbilden soll, aber nur für Menschen mit hohen Hardwarevoraussetzungen zugänglich ist und zudem alle Mitglieder von den LindenLab-Servern abhängig sind? Wenn es einen großen Crash gibt, ist es vorbei mit dem zweiten Leben. Würde dich das schmerzen? Eine Avatarin hat mal geschrieben, ihre größte Sorge sei, dass dann ihr ganzes Inventar verschwunden sein wird. Und für andere Teilnehmer ist SL ein Arbeitsplatz geworden.
Hast du schonmal eine Bank pleite gehen sehen oder den Arbeitgeber? Bei all den Dingen, die im Leben passieren - ob in SL oder im RL - sind die Ängste ähnlich. Und was die Hardware angeht: Wenn ich anständig kochen will, brauche ich auch einen anständigen Topf.
Das virtuelle Klavierkonzert von Lang Lang gibt es als Video beim ersten TV-Magazin in SL, "Life 4 U"
Die Macher von "newBerlin" haben ein großes Ziel: Sie wollen die Hauptstadt 1:1 in SL nachbauen.
Das Second Life Portal "SL inworld" zeigt, wie man in SL durch die Weltgeschichte reisen kann - von der alt-ägyptischen Kultur über das antike Rom, das viktorianische Zeitalter in England bis zum Paris um das Jahr 1900.
Ein Interview mit Gestalter Goldie LeSuere, der mit dem Nachbau des Brandenburger Tors in SL den Bauwettbewerb der deutschen Community gewann. (PDF-Dokument)
Interview: Martin Gehr; Fotos: kjs Yip, Martin Gehr/Second Life





