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Jahreskonferenz netzwerk recherche

Das Transparenzprojekt Wikileaks

Der Guantanamo-Bericht aus dem Jahr 2003

Mit ihrem Video "Collateral Murder" war die Organisation Wikileaks im Frühjahr in aller Munde. Die Internetplattform hat nach eigenen Angaben schon über 1,2 Millionen geheime Dokumente veröffentlicht. Der Medien Monitor stellt das Projekt Wikileaks vor.

Hamburg. Zu Gast auf der Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche war auch Daniel Schmitt, Sprecher von Wikileaks in Deutschland. Schmitt, der eigentlich anders heißt, ist das Gesicht des ansonsten anonymen Internetportals. Wikileaks macht es Menschen möglich, komplett anonym und ohne Bindung an ein bestimmtes Medium zu Whistleblowern zu werden, also geheime Dokumente an die Öffentlichkeit zu geben. Das Wikileaks-Team um Julian Assange überprüft die Dokumente mit Hilfe von nach eigenen Angaben etwa 1000 ehrenamtlich arbeitenden Technikern, Kryptografen oder Journalisten. In den vergangenen Jahren hat das Projekt nach eigenen Angaben weltweit 1,2 Millionen Dokumente veröffentlicht. Die ausführliche Analyse bleibt dann Aufgabe der klassischen Medien. Finanziert haben die wenigen festen Mitarbeiter das Projekt bisher aus privaten Mitteln und Spendengeldern, welche die Wau Holland Stiftung verwaltet.

Die berühmteste Veröffentlichung war bisher das Video "Collateral Murder", ein geheimes Video des US-Militärs, das Wikileaks aus einer anonymen Quelle erhalten hatte und Anfang April veröffentlichte. Das Video zeigt, wie US-Soldaten im Irak aus einem Hubschrauber mehr als ein Dutzend offenbar unbeteiligte Menschen töten, darunter zwei Mitarbeiter der Presseagentur Reuters. "Das Video hat 3500 Schlagzeilen und 4,5 Millionen Zugriffe auf youtube in nur 72 Stunden produziert", sagt Daniel Schmitt. Zuvor habe Reuters zwei Jahre lang vergeblich versucht, das Video über das Informationsfreiheitsgesetz der USA zu bekommen. Mittlerweile behauptet in den USA der 22-jährige Bradley Manning, die Quelle des Videos zu sein. "Wir versuchen jetzt zu überprüfen, ob das tatsächlich stimmt", sagt Daniel Schmitt. "Schließlich kennen wir unsere Quellen selbst nicht."

Das Irak-Video ist das bislang bekannteste Dokument, vorangegangen sind aber zahlreiche andere Veröffentlichungen. So veröffentlichte Wikileaks geheime Berichte über die Zustände im Camp Delta auf Guantanamo in den Jahren 2003 und 2004 oder die deutschen Toll-Collect-Verträge. Auf Dauer möchte Wikileaks die restriktive Informationspolitik der Medien brechen. So hätten die Bild-Zeitung und der Spiegel den Kunduz-Feldjägerbericht über Wochen ausgeschlachtet und Stückchen für Stückchen veröffentlicht. Viel wirksamer wäre es laut Schmitt, würden Medien nach einem ersten großen Scoop ihre Dokumente allen Bürgern öffentlich zugänglich machen, so dass weitere Medien darüber berichten können und eine transparente, öffentliche Diskussion entsteht. Informationen, so Schmitt, dürften in einer Informationsgesellschaft kein künstlich verknapptes Gut sein. "Quelldokumente sind die Grundlage für saubere Recherchen, eine historische Aufzeichnung und für eine gesunde gesellschaftliche Entwicklung", sagt Schmitt. Die Grundlage seiner Arbeit sollte jeder Journalist möglichst transparent machen.

Engere Zusammenarbeit mit Medien?

Außerdem wolle jeder Whistleblower immer maximale Veränderung. Wer sich schon dazu durchringt, geheime Dokumente nach außen zu geben, sei auf größtmögliche Effekte aus. Umso wichtiger sei die nicht auf ein Medium beschränkte Veröffentlichung. Durch die große Wirkung der Wikileaks-Veröffentlichungen würden auch mögliche andere Quellen den Mut finden, sich an Wikileaks zu wenden. Für die Zukunft könnte sich Schmitt auch eine engere Zusammenarbeit mit den Medien vorstellen. Eine Idee: Bürger könnten über die Internetseiten einzelner Medien ihre Dokumente anonym an Wikileaks geben. Das jeweilige Medium würde dann dadurch profitieren, dass Wikileaks die geprüften Dokumente zuerst dem Medium zur Verfügung stellt und erst einige Tage später für alle veröffentlicht.

Das Team von Wikileaks um Daniel Schmitt und Julian Assange veröffentlicht im Grunde alles, was es als echt verifizieren kann. Um den klassischen Datenschutz macht sich das Projekt weniger Sorgen, als es traditionelle Medien tun. Derzeit bereitet Wikileaks 37.000 Mails der NPD vor, die es veröffentlichen will. Was nun, wenn unbeteiligte Personen in den NPD-Mails erwähnt sind, die mit der Rechtsextremen nichts zu tun haben und trotzdem in Verdacht geraten? Schmitt glaubt, dass sich diese Unschuld dann auch aus den Mails herauslesen lasse. Transparenz geht vor.

Text und Screenshot: Daniel Drepper

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Die Rede zur Lage des Journalismus
Veröffentlicht: 17.07.2010
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