Das Recherche-Fußvolk
Sie recherchieren wie Gott in Frankreich: mit Muße, Genuss und viel Zeit. Die Auserwählten unter den deutschen Journalisten dürfen für ihre Geschichten so lange brauchen, wie sie eben brauchen. Was der Rest der Journalistenwelt falsch macht? Sie haben die falschen Arbeitgeber, sagen die einen. Nicht doch, sagen andere, der Schurke sitzt woanders.
Hamburg. Er hat alles, was viele seiner Kollegen auf ihren journalistischen Wunschzettel schreiben würden: einen festen Vertrag, einen Arbeitgeber, der auf Qualität setzt, und viel Zeit für Recherche. Was dabei herauskommt, kann sich sehen lassen. Henning Sußebach, seit Jahren Redakteur bei der Zeit, hat mit seinen Alltagsreportagen schon mehrere Preise gewonnen – und scheinbar einen ansehnlichen Fanclub. Auf dem Jahrestreffen des Netzwerk Recherche in Hamburg muss sein Workshop in einen größeren Raum verlegt werden, weil die Tür vor lauter interessierter Journalisten nicht mehr zugeht. Sie wollen es alle erfahren, sein Geheimnis, seinen Zaubertrick, wie er aus einer normalen Reportage eine ganz besondere macht.
Und so breitet Henning Sußebach seine Welt vor ihnen aus. Wie er nach Hauptfiguren sucht, mit ihnen Gespräche führt und sich dann für eine entscheidet – man müsse seine Hauptfiguren casten, sagt er, wie bei einem Film. Wie er sich dann öfter mit ihnen trifft, teilweise über Wochen, bevor er mit dem Schreiben beginnt. Für eine Reportage braucht er schon mal drei Monate. Mit dem Arbeitsalltag des Publikums hat diese Welt wenig zu tun. Leise fragt der Bild-Nachwuchsredakteur in der ersten Reihe seine Sitznachbarin: "Und wie soll ich so eine Reportage machen, wenn ich nur zwei Tage Zeit habe?" Eine andere Zuhörerin traut sich, dieses auch den Vortragenden zu fragen. Der Dozent schaut etwas ratlos und sagt dann: "Das geht dann wohl hin und wieder in den privaten Bereich."
Vielen reicht der Journalismus nicht zum Leben
Die Jahrestagung des Netzwerk Recherche steht unter dem Motto: "Wir könn(t)en auch anders: Wenn Recherche wieder wichtig wird." Doch das scheint sie nicht zu sein. Recherche ist für viele deutsche Journalisten nicht die oberste Priorität, wenn sie täglich versuchen, alleine eine Seite zu füllen oder genug Artikel und Beiträge für ein durchschnittliches Auskommen zu verkaufen. Für besser recherchierte Geschichten gibt es nur selten mehr Geld und so fällt gute Recherche nach der Kosten-Nutzen-Rechnung oft weg.
Diese Entwicklung ist nicht neu und doch wird sie oft damit abgetan, dass Journalisten mehr recherchieren könnten, wenn sie nur wollten. Eine gerade erschienene Studie der Universität München, für die 1.600 freie Journalisten befragt wurden, zeigt aber, dass mehr als die Hälfte von ihnen unter 2.000 Euro im Monat verdient und noch einen anderen Beruf hat, weil ihnen das, was sie im Journalismus verdienen, zum Leben nicht reicht. Dabei arbeitet fast ein Fünftel der Befragten über 50 Stunden in der Woche und ein Drittel von ihnen jedes Wochenende. Viel Zeit scheint bei ihnen nicht übrig zu bleiben.
Im Elfenbeinturm der Recherchefreiheit
Ein fast unbegrenztes Budget und Zeit für Recherche ist also in Deutschland immer noch ein Privileg von wenigen. Das weiß auch Alexander Osang, der für den Spiegel schreibt und alleine schon drei Mal den Egon Erwin Kisch-Preis verliehen bekam. Er erzählt dem Publikum von einer Situation, die auch ihn in den Elfenbeinturm der Recherchefreiheit hebt. Einmal wollte er ein Porträt schreiben, war sich aber nicht sicher, ob es wirklich etwas hergeben würde, also ging er nachschauen – in den USA. "Nicht alle sind in der Situation, einfach mal nach Los Angeles zu fliegen, um zu gucken, ob es sich lohnt", räumt er ein – und scheint sein Privileg zu genießen. Recherche sei etwas sehr Emotionales und Sinnliches. Manchmal, so sagt er, würde er gerne nur noch recherchieren und gar nicht mehr schreiben.
Oder jedenfalls ein bisschen mehr recherchieren und ein bisschen weniger schreiben, würden jetzt wohl einige seiner Kollegen einwerfen. Doch nicht jeder hat einen Freifahrschein, wie die großen Schreiber der Nation, deren Arbeitgeber fast alles finanzieren. Aber sind es wirklich die Arbeitgeber, die das Rechercheparadies verhindern? Der Medienberater Robin Meyer-Lucht und der Medienökonom Armin Rott geben auch den Zuschauern eine Verantwortung. Das Angebot auf einem funktionierenden Markt könne "nur so 'gut', 'niveauvoll' und 'vielfältig' sein, wie es die Konsumenten nachfragen."
Beispiel Internet: Recherche und wohlüberlegte Analyse hätten es hier schwer, schreiben die Autoren in einem Artikel für das Fachmagazin epd medien. Die Leser seien kaum bereit, für solche Inhalte zu zahlen, und Werbeeinnahmen könnten die Kosten nicht decken. Der Wert, den die Leser bereit seien zu zahlen, stimme nicht mit dem "gesellschaftlichen Wert dieses verantwortlichen Journalismus" überein. Was hier der Ökonom und der Berater in ihrer Sprache sagen, ist die Konsequenz für die Arbeitsweise vieler Journalisten: Wenn die Leser keine gute Recherche von den Verlagen und Sendern kaufen, kaufen diese auch keine von den Journalisten. Punkt.
Einer mischt sich unters Fußvolk
Also Ende der Debatte? Das Motto des Jahrestreffens wird vorerst in die Zukunft gerichtet bleiben: "Wir könn(t)en auch anders: Wenn Recherche wieder wichtig wird." Aber zum Ende eines langen Tages kommt dann doch noch ein Journalist, der sich immer wieder vom Elfenbeintum stürzt und unters Fußvolk mischt – obwohl er mittlerweile über Generationen hinweg ein richtiger Star ist. In unzähligen Rollen schlich sich Günther Wallraff in deutsche Unternehmen ein und deckte Missstände auf, als Hans Esser bei der Bild-Zeitung oder als Türke Ali Levent bei McDonald's, auf einer Großbaustelle und bei Thyssen.
Ein beschwerlicher Job, das räumt Wallraff ein – und kehrt doch noch einmal nach jahrelanger Abwesenheit mit über 60 Jahren in die deutschen Unternehmen zurück, um undercover zu recherchieren. Warum er plötzlich wieder da ist? Seine Antwort hat nichts mit Geld, dem Wert von Recherche und Publikumsinteressen zu tun und ist so einfach, wie sie motivierend sein kann: "Ich werde wieder gebraucht", sagt er, "es ist vieles in freiem Fall. Und es ist vieles schlimmer geworden als zu Alis Zeiten."
Nicht jeder ist mit Günther Wallraffs Undercover-Recherchen einverstanden. Hören Sie unseren Podcast.
Zum Nachhören: Henning Sußebachs Workshop im Internet
Freie Journalisten in Deutschland - die ganze Studie des Münchner Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung
"Die Mär vom Marktversagen" von Robin Meyer-Lucht und Armin Rott, erschienen in epd-Medien Nr. 13 vom 16. Februar 2008
Text: Christine Elsaeßer
Fotos: pixelio/M.S.P., Christine Elsaeßer
Teaserfoto: pixelio/M.S.P.




