Das Problem mit der Wahrheit
Der Krieg ist ein Ausnahmezustand – auch für Journalisten. Zensur und Propaganda bestimmen häufig die Berichterstattung. Auch der ARD-Krisenreporter Christoph Maria Fröhder kennt diese Schwierigkeiten und erzählt in einem Interview von geschmuggeltem Filmmaterial und dem "embeddded journalism" als Form der modernen Zensur.
Medien Monitor: Herr Fröhder, Sie berichten seit vielen Jahren aus zahlreichen Krisengebieten weltweit. Warum haben Sie sich dazu entschieden, Krisenberichterstatter zu werden?
Christoph Maria Fröhder: Bei meiner ersten Auslandsreportage wurde ich in Biafra mit einem ungeheuren Elend konfrontiert. Gleichzeitig stellte ich fest, wie intensiv wir als Gutmenschen bereit waren, erkennbare Manipulationen gegen eine saubere Berichterstattung zu tolerieren. Als ich feststellte, dass selbst halbverhungerte Menschen noch gnadenlos für Propagandazwecke missbraucht wurden, sah ich dort eine wichtige Aufgabe.
Gab es für Sie eine einschneidende Erfahrung, die Sie an der Glaubwürdigkeit der Krisenberichterstattung zweifeln ließ?
Fröhder: Ja. Je mehr die Zensurbestrebungen durch befreundete Staaten wachsen, desto leichter wird man in eine Sonderrolle gedrängt, wenn man jene noch hinterfragt. Zum Beispiel wies die Bundeswehr kürzlich ihre Kommandos in Afghanistan an, uns keine Fragen zu beantworten, weil ich mich weigerte, einen Presseoffizier bei den Dreharbeiten mit einzubeziehen.
Ich wollte dieses Sprachverbot und das fehlende Vertrauen in den Staatsbürger in Uniform deutlich herausstellen. Doch die Redaktion war strikt dagegen. Kernargumente waren: "Das ist doch immer so" und "Wen interessiert das schon".
Eine weitere Erfahrung ist inzwischen, dass insbesondere das Pentagon Anfragen zu kritischen Sachverhalten, z.B. zur Ermordung eines Kollegen oder zum Sinn eines Luftkriegs, praktisch nicht mehr beantwortet. Das verhindert den Dialog und reduziert das Verständnis für die Position der anderen Seite.
Christoph Maria Fröhder ist ein deutscher Journalist und Auslandsberichterstatter. 1942 wurde er in Fulda geboren und arbeitet seit den 80er Jahren für die ARD (u.a. Tagesschau, Tagesthemen und politische Magazine). 1969 berichtete er das erste Mal aus einem Krisengebiet. Dabei ging es um die Rettung von Kindern aus Biafra, dem heutigen Nigeria. Daraufhin berichtete er als "Krisenreporter" – wie er sich selbst nennt – unter anderem aus Vietnam, Afghanistan und dem Irak. 1975 blieb er als einziger Fernsehkorrespondent beim Einmarsch der Roten Khmer in Pnom Phen. Das gedrehte Filmmaterial schmuggelte er in einem falschen Gipsarm aus Kambodscha heraus.
Durch seine investigativen Sendungen konnte er Menschenrechtsverletzungen anprangern, staatliche Desinformation aufdecken und Zensurversuche durchkreuzen. Heute ist er Vorstandsmitglied des Netzwerk Recherche, einem Zusammenschluss investigativ arbeitender Reporter, und lebt in Frankfurt. Für seine Arbeit wurde Christoph Maria Fröhder bereits mit dem Deutschen Kritikerpreis (1996) und dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis (1997) ausgezeichnet.
Publikation:
Ein Bild vom Krieg – Meine Tage in Bagdad, Hoffmann und Campe, 2003
Sie waren sowohl im Irak-Krieg 2003 als auch im Golfkrieg 1991 als Reporter unterwegs. Inwieweit hat sich die Krisenberichterstattung während dieser Zeit im Hinblick auf Falschdarstellungen verändert?
Fröhder: Es ist heute wesentlich schwieriger geworden, alltägliche Fakten gegenzurecherchieren. Ich könnte ganze Filme aus Interviews produzieren, in denen die so genannten Press and Information Officers in endlosen Tiraden nichts sagen. Ganz verpönt sind bilanzierende Fragen wie: "Hat die Besetzung des Irak den Terrorismus wirklich eingedämmt?" Dann wird das Interview häufig abgebrochen. Die Frage sei zu politisch und falle deswegen nicht in den Aufgabenbereich der Militärs, ist eine der Standardantworten.
Ein weiterer großer Mangel ist, dass viele Darstellungen gar nicht mehr von hauptberuflichen Journalisten stammen, sondern von so genannten "Stringern" oder "Fixern". Aus deren praktisch nicht zu überprüfendem Rohmaterial werden dann ganze Artikel, Audio- und Filmreportagen produziert.
Stringer gehören zwar zum festen Ritual der Auslands- und Krisenberichterstattung, dennoch beschleicht mich ein ungutes Gefühl, wenn ich sehe, welchen Einfluss sie mittlerweile haben. Wir ignorieren einfach zu oft, wie abhängig sie von ihrem Heimatland und der dort herrschenden Struktur sind. Oft müssen sie ganze Familien ernähren und geraten dadurch in die Zwangslage, immer neue Geschichten anbieten zu müssen.
Der zweigeteilte Journalismus
"String" ist das englische Wort für "Verbindung". Ein Stringer ist ein freiberuflicher Journalist, der fortlaufend Beiträge für ein Nachrichtenmedium erstellt, dabei aber pro veröffentlichtem oder ausgestrahltem Beitrag bezahlt wird. Stringer erhalten demnach kein geregeltes Gehalt und entscheiden üblicherweise selbst, wie viel sie arbeiten und welche Beitragsform sie wählen. Im Unterschied zum freien Journalisten fungieren sie für ausländische Journalisten auch als Kontaktmann vor Ort, der häufig die nötigen Verbindungen zur journalistischen Recherche herstellt.
Größere Medienunternehmen sind oft auf sie angewiesen, um eine schnelle Vor-Ort-Berichterstattung und Zitate wichtiger Ereignisse anbieten zu können, die für fest angestellte Journalisten nur schwer zugänglich wären. In Amerika und England werden sie als Fixer bezeichnet.
Wie sieht für Sie die ideale Krisenberichterstattung aus?
Fröhder: Im Idealfall muss der Krisenreporter neben der Alltagsberichterstattung intensiv über die Entstehung des Konflikts, seine Hintermänner und Akteure berichten. Die rein aktuelle Berichterstattung sollte dann ein Kollege übernehmen. Diese Aufteilung gibt es nur bei wenigen Medien.
Der Krisenreporter sollte die Geschichte des Konflikts genau kennen. Häufig werden solche Hintergrundkenntnisse aber bewusst in der aktuellen Berichterstattung ausgespart. Als ich 2002 auf umfangreiche Vernehmungen der CIA im familiären Umfeld von Saddam Hussein hinwies, die im Resultat zu dem Schluss kamen, im Irak sei die Produktion von Massenvernichtungswaffen nach 1991 eingestellt worden, erntete ich Unmut und Häme. Aber praktisch kaum jemand hatte sich die Mühe gemacht diese – mit geringem Aufwand zugänglichen Berichte – durchzuarbeiten. Heute wissen wir, wie richtig sie waren. Krisenberichterstatter müssen solche Widersprüche herausarbeiten und zeigen, wo wir Gefahr laufen, der Propaganda aufzusitzen.
Welche Eigenschaften sollten Journalisten mitbringen, um sich als möglichst objektive Berichterstatter zu etablieren?
Fröhder: Sie sollten auf vielen Gebieten – regional, landes- und bundesweit – Erfahrungen gesammelt haben. Erst ein souveräner Journalist, der die Mechanismen der Politik und der Medien versteht, kann gute Krisenberichterstattung machen. Am schlimmsten sind jene, die vom Abenteuer angezogen werden und automatisch den Pulverdampf in den Vordergrund ihrer Berichterstattung stellen. Eine wichtige Eigenschaft ist noble Distanz zu den Personen, über die berichtet wird. Kumpaneien mit Politik und Militärs grenzen unnötig die eigene Unabhängigkeit ein.
Und man muss als Krisenberichterstatter wohl auch mutig sein. Sie haben 1975 das Filmmaterial über den Einmarsch der Roten Khmer in Pnom Phen aus Kambodscha herausgeschmuggelt. Was waren die Hintergründe dafür?
Fröhder: Die Roten Khmer hatten nach ihrem Einmarsch in Pnom Penh das Fotografieren und Filmen verboten. Alle zurückgebliebenen Ausländer wurden in der französischen Botschaft interniert. Nachdem auch der für mich arbeitende Khmer-Kameramann die Botschaft verlassen musste, habe ich selber mit versteckter Kamera weiter gearbeitet.
Um das so entstandene Filmmaterial aus dem Land zu schmuggeln, waren unorthodoxe Einfälle zwingend nötig. Denn die Roten Khmer hatten uns Journalisten bereits mehrfach durchsucht und angekündigt jeden zu erschießen, bei dem Filmmaterial gefunden werde. So kam ich auf die Idee, die Filmspulen mit Klebeband zusammenzuheften. Über dieses Gebilde zog eine befreundete Krankenschwester einen auffälligen Gips. Der Trick gelang. Mehrere Tage schwitzte ich unter der Konstruktion, bis wir an die thailändische Grenze gelangten.
1975 in Kambodscha, kürzlich in Afghanistan. Haben Sie dort Erfahrungen im Hinblick auf falsche Berichterstattungen gesammelt?
Fröhder: Den großen Fake gab es nicht. Aber die alltägliche Fehlinformation wuchert stärker denn je. Hauptanteil daran hat die US Army, die über alles einen Schleier legt. Das Land ist gepflastert mit Verbotsschildern. Zusätzlich werden die Bildmedien praktisch überall aufgefordert, keine Aufnahmen zu machen. Dadurch entsteht ein Klima der Gefügigkeit, in dem die Berichterstattung deutlich schwieriger geworden ist. Klares Hinterfragen ist fast unmöglich, weil es als verdächtig gilt. Als Konsequenz entsteht eine wenig abgesicherte Berichterstattung.
Der persönliche Fake
Wenn nicht in Afghanistan, was war denn dann der größte Fake, den Sie selbst miterlebt haben?
Fröhder: Das war die völlig falsche Berichterstattung über den Abzug der Amerikaner 1975 aus Saigon. Ich saß damals schon in der Gefangenschaft der Roten Khmer, als wir über ein verborgenes Radio einen angeblichen Livebericht über harte Angriffe auf die US-Botschaft in Saigon hörten. Dabei wurden – so der Reporter – Diplomaten, Militärs und uns namentlich bekannte Journalisten getötet. Die volle Wahrheit war, dass eine Agentur hier ihrer Fantasie freien Lauf gelassen hatte und ein nachlässiger Hörfunkreporter daraus seine Live-Reportage zusammenfantasiert hatte. Soweit mir bekannt, befanden sich beide zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Vietnam.
Unglaublich. Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptgründe für die Entstehung solcher Fehlinformationen in der Krisenberichterstattung?
Fröhder: Mangelnde Nähe zum Schauplatz und blindes Vertrauen in staatliche Institutionen und deren Informationspolitik. Ein häufiges Problem ist: Weil man ja über einen "gerechten Krieg" berichtet, sinkt die kritische Distanz zur "gerechten Partei" weit unter das übliche Maß.
Der beste Nährboden für klassische Fakes sind Konflikte, bei denen für Medien und Öffentlichkeit eine hohe Identifizierung mit dem angeblichen Kriegsziel vorliegt.
Wie ordnen Sie die Entwicklung der Krisenberichterstattung hin zum "embedded journalism" ein?
Fröhder: "Embedded journalism" ist eine kaum verbrämte Version der Zensur. Weil selbst Großmächte heute die Presse nicht mehr völlig kontrollieren können, war es ein logischer Schritt, sie zu integrieren. Doch die Regeln werden dann nicht mehr von den Medien, sondern ausschließlich von den Militärs bestimmt. Der mühsam erstrittene Freiraum wird aufgegeben, um scheinbar möglichst nah am Geschehen zu sein. Berichtet wird dann aus einem vorbereiteten Szenario, das nur bedingt die Wirklichkeit wiedergibt. Wer sich einmal in diesen Teufelskreis begibt, hat wenig Argumente und unterhöhlt die Pressefreiheit.
Interview mit C. M. Fröhder: "Misshandlungen im System" – tagesschau.de
Radiobeitrag: "Porträt von Christoph Maria Fröhder" – radiobremen.de/nordwestradio
Publikation: Ein Bild vom Krieg – hoffman-und-campe.de
Text: Raphaela Spranz
Fotos: flickr.com/larry wfu und ctoverwatch
Teaserfoto: Hessischer Rundfunk (www.hr-online.de)




