Das Fast-überall-Fernsehen
Am Anfang klang alles ganz einfach: Set-Top-Box kaufen, Kabel einstöpseln und Vorteile nutzen. Heute, vier Jahre nachdem DVB-T an- und die analoge Antenne abgeschaltet wurde, erklären die Verantwortlichen die Einführung als erfolgreich abgeschlossen. Flächendeckend sei das so genannte Überall-Fernsehen nun in NRW verfügbar. In ganz NRW? Nein. In einem Kölner Wohnzimmer kämpft ein Mann seit vier Jahren mit der neuen Technik – und wünscht sich manchmal seine alte Antenne zurück.
Köln. "Unterm Strich bin ich von dem ganzen enttäuscht", sagt Manfred Rosenthal heute, "es hält nicht das, was es versprochen hat." Vier Jahre lang hadert er nun schon mit dem digitalen Antennenfernsehen, Digital Video Broadcasting Terrestrial, oder kurz DVB-T. Es sollte so viele Vorteile bringen: 24 statt der sonst teilweise nur noch drei verfügbaren Programme und eine bessere Bildqualität versprachen die Ankündigungen. Mit Spannung erwartet hat er DVB-T aber trotzdem nicht. Schließlich guckt er sie sowieso nicht, die ganzen privaten Sender. Aber dass er heute gerade mal zehn Programme empfangen kann und nicht mal mehr Das Erste, das hat er dann doch nicht gedacht. Schließlich wohnt er in Köln, einem Ballungsgebiet und ganz in der Nähe vom WDR.
Organisatoren feierten reibungslose Umstellung
Von den Verantwortlichen wurde DVB-T von Anfang an überschwänglich gefeiert. Die Rundfunkbetreiber, die Landesmedienanstalt, der Handel und die Verbraucherzentralen begingen die Abschaltung des analogen Antennensignals in der Region Köln/Bonn am 24. Mai 2004 feierlich. Es lag Zukunft in der Luft, denn ohne digitalen Antennenempfang würde die Antenne bald von Satellit und Kabel überholt werden und im wahrsten Sinne des Wortes zum alten Eisen gehören, so fürchtete man. Noch im selben Jahr kam auch die Region Düsseldorf/Ruhrgebiet in den Genuss der digitalen Antenne und schon nach einem Jahr verkündete der Leiter des DVB-T Projektbüros Joachim Bareiß: "Die Umstellung hat weitgehend reibungslos funktioniert."

- Rolf Dahlmann, Verbraucherzentrale NRW
Die Beteiligten gaben sich große Mühe, alle Fragen zur neuen Technik zu beantworten. Sie richteten eine Hotline ein, veröffentlichten Broschüren und die Verbraucherzentralen boten Beratungen vor Ort an. "Unsere Botschaft dabei war immer: Wer vor der DVB-T-Einführung über eine Dachantenne analoge Programme empfangen hat, der kann mit sehr großer Sicherheit auch alle digital ausgestrahlten Sender empfangen", sagt Rolf Dahlmann, der bei der Verbraucherzentrale NRW für digitales Fernsehen zuständig ist.
"Das Ergebnis war gleich null"
Das hätte für Manfred Rosenthal eine gute Nachricht sein müssen, schließlich hatte er eine Dachantenne, mit der er bis dahin gut zurechtgekommen war. Er kaufte sich also eine so genannte Set-Top-Box, die das digitale Signal für den Fernseher übersetzt, schloss sie zuhause an – und hatte nur zehn Sender. Im Fernsehen hatte jemand in einer Fragestunde zum Thema DVB-T das gleiche Problem, als Lösung wurde ein Antennenverstärker vorgeschlagen. Manfred Rosenthal rief daraufhin einen Fachmann an, der ihm von einem Antennenverstärker ab- und zum Kauf einer Zimmerantenne zuriet. "Dann habe ich mir hintereinander zwei Zimmerantennen gekauft", erzählt Manfred Rosenthal, "und das Ergebnis war gleich null, ich bekam nicht mehr Sender."
"Ich erkenne für mich nur Nachteile"
"Das größte Manko für mich ist, dass ich Das Erste über dieses System einfach nicht empfangen kann", sagt er. Wenigstens über seinen Videorekorder bekommt er es manchmal in schlechter Qualität, bis eines Tages plötzlich zwanzig Sender da waren, einfach so. Aber das Glück hielt nicht lange, heute ist er wieder bei zehn, ohne Das Erste. Und dann war plötzlich auf allen Kanälen nur noch Schnee zu sehen. Also ging Manfred Rosenthal noch einmal in den Fachhandel und ließ sich beraten. Es könne daran liegen, dass er in einem Haus aus Beton wohne, in dem das Signal schlecht durch die Mauern komme, wurde ihm gesagt. "Also mir verschließen sich die Vorteile des Ganzen", sagt er heute, "ich erkenne für mich persönlich nur Nachteile."
Aber am meisten ärgert er sich eigentlich über die Werbung, die am Anfang gemacht wurde: "Da war eine alte Dame zu sehen, die ging in den Laden, holte sich den Receiver, ging nach Hause, steckte zwei Stecker ein und sagte: Mensch ist das einfach! Also ich bin noch nicht ganz 80, aber so einfach ist es wirklich nicht." Set-Top-Boxen, Zimmerantennen, Außenantennen, Dachantennen, Antennenverstärker – die Auswahl ist riesig. Da das Richtige zu finden, kann einen normalen Fernsehnutzer überfordern. Manfred Rosenthal hätte sich gewünscht, dass in der ganzen Informationskampagne auch mal über die Probleme gesprochen worden wäre: "Ich bin sicherlich kein Einzelfall. Insofern bin ich wütend, dass die Probleme und die Nachteile noch immer nicht erwähnt werden."
Eine Zimmerantenne reicht oft nicht
Rolf Dahlamm von der Verbraucherzentrale NRW sieht den Fehler woanders: "Ich glaube die Informationsarbeit in Sachen DVB-T war vorbildlich. Wenn es Pannen gab würde ich sagen, ist der Handel schuld. Wenn der Handel dem Kunden beim Kauf eine Set-Top-Box suggeriert hat: Du brauchst da nur deine kleine Stabantenne dranzufummeln, dann würde ich da eher das Problem sehen." Denn DVB-T bedeute nicht, dass man an jeder Stelle in NRW mit einer einfachen, kleinen Zimmerantenne Empfang hat. "Der Anspruch kann nicht überall eingelöst werden", so Dahlmann.
Stiftung Warentest attestiert Kinderkrankheiten
Nicht nur Manfred Rosenthal, auch die Stiftung Warentest attestiert DVB-T Kinderkrankheiten. Es gäbe zwar Vorteile, so zum Beispiel, dass man in manchen Regionen mehr Programme als vorher empfangen könne und DVB-T auf Dauer günstiger als ein Kabelanschluss sei. Aber der Ausdruck "Überall-Fernsehen" sei übertrieben, da das Signal oft schon bei Stahlbetonwänden, Hindernissen vor dem Fenster und ungünstigen Witterungsbedingungen nicht den Empfänger erreiche. So "bilden sich häufig Klötzchen im Bild, die Bewegungen bleiben stehen und springen nach einigen Sekunden weiter", heißt es auf der Homepage. Das könne an der Senderleistung liegen, aber auch an viel Banalerem, wenn zum Beispiel jemand durch den Raum laufe oder ein Handy klingele.
Offiziell ist das Thema DVB-T-Einführung aber abgeschlossen. Das DVB-T-Projektbüro NRW wurde zum 31. März dieses Jahres geschlossen. Und auch die Hotline für Zuschauerfragen gibt es seit dem 1. April nicht mehr. Wer jetzt noch Fragen hat, kann sich direkt an die Programmveranstalter oder an die Landesmedienanstalt wenden. Für Manfred Rosenthal ist seine ganz persönliche DVB-T-Odyssee aber noch nicht beendet. Wütend werde er schon, wenn er an DVB-T denke, sagt er, aber die Wut verfliege auch wieder. Denn er ist in den letzten vier Jahren bescheiden geworden. Zurzeit könne er wenigstens mal wieder WDR und NDR empfangen, erzählt er, er sei jetzt schon mit Wenigem zufrieden.
Die Homepage der Organisatoren beantwortet Fragen rund ums Thema DVB-T
Stiftung Warentest diskutiert Vor- und Nachteile von DVB-T
Die Verbraucherzentrale NRW erklärt, wie DVB-T funktioniert
Mehr zum kleinen Bruder von DVB-T, dem digitalen Radio DAB, beim Medien Monitor
Text: Christine Elsaeßer
Fotos: Ueberallfernsehen.de, Verbraucherzentrale NRW
Teaserfoto: Ueberallfernsehen.de




