Das Erwachen
Es war ein ganz normales Wohnzimmer mit einem ganz regulären Fernseher und ich saß auf einem ganz gewöhnlichen Sofa zu Hause in Kattowitz. Es war ein ganz normaler Abend. Der ganze Tag verlief ohne das kleinsten Anzeichen, dass etwas besonderes passieren würde. Ich sah fern, als es plötzlich passierte. Auf dem Bildschirm erschien das Musikvideo zu Pink Floyds Stück "Learning To Fly".
Der zuerst gewöhnlich Videoclip zog mich in diesem bestimmten Moment in seinen Bann. Damals wusste ich noch nicht, dass das mein Leben beeinflussen würde. Irgendwann in der Mitte des Videoclips sieht man einen Indianer, der an der Spitze eines Berges steht. Er blickt auf dem Raum, der sich vor ihm erstreckt. Man sieht ein schönes Tal zwischen felsigen Spitzen. In der nächsten Kameraeinstellung sieht man, wie er zwei Federn unter die Binde an seinem rechten Arm steckt. Und dann kommt das Unerwartete und Überraschende.
Der Indianer läuft. Die Kamera, die auf den Boden gerichtet ist, läuft mit ihm. Der Boden rast unter den Füßen hinweg. Dann sieht man wieder den ganzen Indianer und… er springt von dem Felsen! In der Kameraeinstellung, die auf den Boden gerichtet ist, sieht man, das der Boden endet und die Kamera zeigt den Abgrund. Aber der Indianer fällt nicht runter. Die Kamera gleitet weiter und zeigt uns die Schönheit des Tals. Wir schweben in der Luft. Wir schweben über die Spitzen der umliegenden Berge. Der Indianer hat sich in einen Adler verwandelt. Der Adler fliegt über das Tal. Aber er ist nicht der Einzige, der in der Luft schwebt. Wir, als die Beobachter, schweben auch. Wir fliegen!
Als ich dieses Video zum ersten Mal gesehen habe, war ich sehr, sehr jung. Zu jung um mich selbst daran zu erinnern, wie alt ich genau war. Und zu jung um zu verstehen, was die Wörter dieses Lied bedeuten. Aber etwas, was mir unbewusst in Erinnerung geblieben ist, war dieses Bild: der Boden endet und das herrliche Tal erstreckt sich um mich herum. Keine Angst, keine Furcht, keine Sorgen, nur ich und der grenzenlose Raum. Dieses Bild blieb die ganze Zeit in mir. Sogar wenn ich es vergessen habe, blieb es trotzdem in meinem Unterbewusstsein.
Der 26. Juli des Jahres 2007. Tatra Gebirge. Zakopane. Polen. Meine erste Reise ins Gebirge. Mein Freund und ich sind nicht mit dem ersten Hahnenschrei aufgestanden, wie es normalerweise üblich ist, wenn man ins Gebirge geht. Wir dachten, dass keine Eile bestand. Das Tatra Gebirge stand seit alters her und nichts deutete darauf hin, dass es nicht noch ein paar Stunden auf uns warten könnte. Und außerdem ist es besser, sich richtig auszuruhen und fit ins Gebirge zu gehen.
Es war ca. 9 Uhr als wir zum Tor des Tatra National Parks hinübergegangen sind. Erst hatten wir einen sehr angenehmen Spaziergang durch ein schönes und langes Tal - die letzte Möglichkeit vor der richtigen Besteigung zu entspannen. Kurz vor zehn tauchten der erste Hügel und die erste Herausforderung vor uns auf. Ich muss gestehen, dass ich die ganze Reise und die Besteigung sehr einschneidend erlebt habe. Ich habe diese Besteigung, als eine Reinigung und eine Erneuerung gesehen. Wie eine Katharsis. Ich stieg sehr konzertiert hinauf - mit der Absicht, den Gipfel zu erreichen und einer buddhistischen Erzählung im Kopf.
Nachdem der Schüler nach wochenlangen Erklärungen und Übungen immer noch nichts über das Nirvana, die Meditation und den klaren Geist verstanden hatte, sagte der resignierte Meister zu seinem Schüler: "Nimm einen Sack voll mit Steinen und geh mit ihm auf den benachbarten Hügel". Als der Schüler auf dem Gipfel des Hügels ankam, sollte er mit dem Sack wieder hinab steigen. Dann wieder nach oben gehen und wieder hinab steigen. Und noch einmal…und noch einmal bis zum Ende des Tages. Der folgsame Schüler machte sich daran, das zu tun. Nach ein paar Malen, als er wieder den Gipfel erreicht hatte, war er so müde, dass er beschloss, sich auszuruhen. Er legte den Sack ab und setzte sich an eine grüne Lichtung. Er war todmüde. Er fühlte jeden Teil seines Körpers. Aber noch schlimmer war, dass er immer noch nicht verstand, warum sein Meister ihm diese Aufgabe gegeben hatte. Er schloss seine Augen und kämpfte mit der Müdigkeit und der Bestürzung. Und während er dort so ruhig mit geschlossenen Augen saß, streifte eine leichte Brise sein Gesicht. In diesem Moment war alles weg, alle Gedanken, die ganze Müdigkeit und die Bestürzung waren verschwunden. In diesem unscheinbaren Moment, begriff er das Nirvana, bekam einen klaren Geist und verstand die Natur des Universums. Auf einmal schien alles so einfach und ersichtlich. Endlich war alles erkennbar. Der Schüler genoss diesen Moment noch einen Zeitlang und lief dann zu seinem Meister, um zu erzählen, was passiert war.
Auszug aus: "Das tibetische Buch des Leben und des Sterben" von Sogjal Rinpocze
Als wir den Gipfel erreicht hatten, wartete ich auf etwas Neues, etwas Großes, auf eine Veränderung. Leider war nichts passiert. Vielleicht waren meine Erwartungen zu groß gewesen. Vielleicht war ich nicht geduldig genug gewesen. Wir haben uns ins Gras gelegt, unsere Rucksäcke ausgepackt und ein zweites Frühstück gegessen. Danach haben wir ein bisschen geredet und die Aussicht genossen. Nach einiger Zeit sind wir wieder aufgebrochen.
Als wir den letzten Gipfel erreicht hatten, sahen wir, dass viele Leute auf etwas am Himmel zeigten. Etwas überrascht und neugierig guckten wir auch in den Himmel. Wir waren schon über 2000 Meter über dem Meer, aber 150 Meter weiter über uns sahen wir noch einen Menschen. Er war ein Paraglider. Wir waren überrascht und verblüfft. Das war unglaublich schön ihn zu sehen: diese Freiheit und diese Möglichkeiten. Der ganze Raum. Die Unabhängigkeit. Das Bild von Pink Floyds Videoclip kam unerwartet zurück. Auf einmal schien alles so einfach und ersichtlich. Endlich war alles erkennbar…"Ich möchte fliegen".

