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Die Faszination um die Marke

Das Apple-Gefühl

Über Apple wurde schon viel geschrieben. Über den Erfolg und über den exzentrischen Chef Steve Jobs. Doch die Technik allein ist nicht das Erfolgsrezept des Unternehmens. Apple ist eine Religion, Steve Jobs ein Gott. Und Apple hat keine Kunden, Apple hat Fans.

Der Hype um die Marke Apple findet kein Ende. Das iPad ist der Maßstab für alles, was sich Tablet nennen will und das neue iPhone stellt wieder neue Rekorde auf. Wirtschaftskrise? Kennen die nicht: Apple boomt mehr als je zuvor. Im Mai 2010 überholte das Unternehmen den PC-Riesen Microsoft an der Börse. Von eingefleischten PC-Fans belächelt, überhört ein Apple-Jünger gern die Kritik in Sachen fehlendes USB-Port oder Flash. Steve Jobs gibt den Ton an, die Massen singen mit.

Und das fängt beim simplen MP3-Player an: Kauft man sich einen iPod, muss man iTunes installieren, um die Mediathek verwalten zu können. Das iPad hat keinen USB-Port, um Hardware anzuschließen? Egal, es sieht ja gut aus und ist in der Basis-Version für unglaubliche 499 Euro zu haben. Das iPhone ist an T-Mobile gebunden? Auch egal, dann wechselt man eben den Provider. Oder bleibt bei E-Plus, O2 und Co., muss aber so an die 1.000 Euro für das Gerät hinlegen. 1.000 Euro für ein Telefon. Und manchmal kann man mit dem iPhone 4 nicht einmal telefonieren, weil der Empfang so schlecht ist. Das kommt aber nur vermehrt bei Linkshändern vor. Dumm nur, dass genau diese oft auch die Kreativen sind, weil bei ihnen die rechte, also die kreative, Gehirnhälfte ausgeprägter ist. Kreative, wie eben Grafiker, Architekten oder auch Journalisten. Kreative wie Apples Jünger. Hinzu kommt, dass der Mensch gezwungen wird, multitaskingfähig zu sein. Auch wenn ich Rechtshänder bin, telefoniere ich sehr wahrscheinlich mit der Linken, weil ich mir währenddessen etwas aufschreibe oder etwas anderes erledige. Soll heißen: Das iPhone hat Probleme mit dem Telefonieren, egal welche Hirnhälfte nun besonders fleißig arbeitet.

So sehr das neue iPhone mit seinem Retina-Display glänzt, bekommt die Marke erste Kratzer ab. Es gibt Probleme bei der Herstellung des iPhone in weiß. Apple verkündet, es sei unklar, wann das weiße Modell erhältlich sei. Vielleicht Ende des Jahres. "Die Verfügbarkeit des beliebteren Modells in schwarz ist davon nicht betroffen", heißt es auf der Unternehmensseite. Nur: auch wer momentan das iPhone in schwarz bestellt, muss mit neun Wochen Lieferzeit rechnen. So lange wartet mancher auf einen Neuwagen. Apple-Fans warten so lange auf ein Telefon.

"Apple hat Ecken und Kanten"

Um ein Trend zu werden, braucht ein Produkt mehr als gute Technik. Was Steve Jobs richtig macht und warum Apple-Fans die Firmenpolitik von Apple hinnehmen, weiß Andreas Steinle vom Zukunftsinstitut. Mehr...

Apple als PR-Agentur?

"Apple? Das ist doch diese PR-Agentur mit angeschlossener Merchandising-Abteilung.", twitterte Blogger Sascha Lobo. Und auch die großen Medien haben den Merchandiser längst als Thema entdeckt. Der SPIEGEL macht das Unternehmen zum Titelthema und beleuchtet auf zwölf Seiten die Faszination Apple. Der Stern gibt einen Einblick in das Reich des iGod und im Internet findet sich eine große Auswahl der Darstellungen von Steve Jobs als Jesus. Er bringt Heil über unsere geschundenen Seelen und macht die Arbeit wieder amazing. Apple hat alles, was es für einen guten Artikel braucht: topaktuell, ambivalent und interessant. Dabei ist das Unternehmen Apple oft genau so alt wie seine Kunden. Eine Marke wurde Apple jedoch erst in den letzten Jahren.

Versucht man zu verstehen, was die Faszination Apple ausmacht, sollte man da ansetzen, wo Apple unabkömmlich geworden ist: in der Branche der Kreativen. Egal, ob Werbetexter oder Grafiker - Apple ist in den Werbeagenturen der Nation omnipräsent. Die führende Riege der Werbetreibenden ist von Apple überzeugt. Scholz and Friends setzt ausschließlich auf den Apfel, genau wie Jung von Matt: "Die Arbeitsoberfläche eignet sich besonders für Kreative, weil sie intuitiv benutzt wird. Und seit OS X auf dem Markt ist, habe ich aus IT-fachlicher Sicht auch nichts gegen Apple einzuwenden.", sagt Frank Wilhelm, Leiter der IT bei Jung von Matt. Mit Einschränkungen muss der Apple-User dann wohl einfach leben: "Wenn man so an Apple orientiert ist wie wir, ist man daran gebunden, was Herr Jobs sich ausdenkt. Als das iPad rauskam, gab es bei uns die Idee, jemanden extra in die Staaten zu schicken und das Ding zu kaufen. Liegt auch daran, dass wir ziemlich viele Apple-Jünger bei uns haben."

Style vs. Technik

Agenturen wie "Scholz and Friends" oder "Jung von Matt" haben eine Aufgabe: Sie machen Werbung, die Emotionen weckt. Werbung, die im Ohr bleibt und den Kaufwunsch erst erschafft. Sie kennen die Trends und kreieren selbst Trends. Werber haben Apple erst zur Marke gemacht. Vor wenigen Jahren war Macintosh in Deutschland so unbekannt wie das Betriebssystem Linux. Etwas für Nerds, die immer abseits stehen. Dadurch war es etwas besonderes, eine Rarität.

Und obwohl Apple betont, dass sie einfach nur die besten Computer verkaufen, liegt das Geheimnis nicht in der Technik. Apple ist gut, keine Frage. Die Bedienung ist intuitiv, das Betriebssystem stabiler als andere. Immer wieder habe ich von Apple-Nutzern gehört, der Workflow sei einfach besser. Doch Apple hat vor allem Style. Ein Mac stürzt sogar stylish ab: Es hängt sich langsam ein grauer Vorhang über den Bildschirm, der dem Benutzer sagt, dass er den Computer neu starten muss. Kein blauer Bildschirm, der durch die DOS-Optik wie eine Reise in die Vergangenheit anmutet. Jedes Mal, wenn eine E-Mail vom iPhone verschickt wird, bekommt der Empfänger das natürlich mitgeteilt: "Von meinem iPhone gesendet" steht dezent als Fußnote.

Vielleicht ist das Apple-Gefühl weniger ein Resultat der guten Technik (die es zweifelsfrei bietet), sondern vielmehr ein Stück Prenzlauer Berg für jeden: Ein bisschen heruntergekommen, jung, sehr kreativ aber vor allem stylish. Es ist der Ausdruck einer ganzen Generation, die Blogs schreibt, Podcasts online stellt und Möbel vom Sperrmüll gut findet. Apple ist die Marke der Generation Online, die mittlerweile eigene Kinder bekommt, Apple ist in Form des iPad der Hoffnungsträger von Verlegern und Journalisten. Man hofft, für das geschriebene Wort nun endlich Geld verlangen zu können. Betrachtet man die Entwicklung von iTunes, sind diese Hoffnungen berechtigt, denn Musik und Videos legal im Internet zu kaufen, ist für viele Nutzer selbstverständlich: Über 10 Milliarden Songs wurden seit der Gründung des Online-Stores 2003 verkauft.

Zwischen Hipstern und Nerds

"Das ändert alles. Wieder einmal." ist der Slogan zum aktuellen Apfel-Handy. Um den Erfolg von Apple zu verstehen, muss man nicht Steve Jobs sein. Man muss nur genau beobachten, was im Umfeld passiert. Nehmen wir eine Party in Köln, Hamburg oder Berlin. Vielleicht auch irgendwo in einer Kleinstadt. Der Dresscode ist klar: Karohemd, Hornbrille und ein iPhone in der Hand. Beruflich machen mehr oder weniger alle was mit Medien. Besitz äußert sich in dieser Generation nicht durch einen schicken Wagen. Man braucht auch keine teuren Möbel, um wer zu sein. Die Kreativen betrachten sich gerne als Individualisten, die materiellen Besitz nicht als ausschlaggebend betrachten. Wichtig ist das kreative Potenzial, das in jedem von ihnen steckt. Die Ironie ist, dass die Hipster in ihrem modischen Jutebeutel Geräte von mehreren tausend Euro mit sich tragen. Der Apfel ist das Statussymbol der Kreativen. Schade ist, dass die vermeintlichen Individualisten nicht erkennen, wie Mainstream sie mit ihrem Apple wirken.

Der durchschnittliche Apple-User ist ein Trendmensch. Ein Hipster. Er ist am Puls der Zeit, immer up to date. Er geht in Ausstellungen und auf Konzerte von Untergrund-Bands. Das Wichtigste aber: Der Apple-User sieht sich als die digitale Bohème. Er kann ein Familienvater um die 40 sein oder der Student, der noch bei Mama wohnt. Es gibt immer Gründe, warum sich jemand für eine Marke entscheidet. Das sind Gründe wie das Betriebssystem oder aber das Design. Bei Apple entscheidet man sich - ob man es zugibt oder nicht - für einen Lifestyle. Wie ein Popstar fesselt Apple seine Fans - oft wenden sich Fans von einer Band ab, wenn sie nicht mehr im Untergrund spielt, sondern auf MTV läuft. Apple-Kunden scheinen da anders zu sein. Und das dürfen sie, solange sie endlich einsehen, dass sie ihren Individualismus aufgeben, wenn sie einen Fan-Sticker zum Laptop geschenkt bekommen. Klar verkauft Apple gute Technik. Und auch wenn Steve Jobs das vielleicht nur ungern hört: Apple verkauft Lifestyle und nicht nur Technik - das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Und das ist doch sehr materialistisch und so gar nicht Prenzlauer Berg.

Text: Christina Hahn

Bilder: Christina Hahn, Apple, Gabriel W.

Veröffentlicht: 24.08.2010
4 Kommentare
answer #1) Matthias Rath - 24.08.2010 - 18:27

"Mehr Mainstream, bitte!"

Klar kann man Apple auch (nur oder vor allem) als Lifestyle verstehen - das gilt aber auch für andere Marken wie Mercedes, FC St. Pauli, Gerry Weber und Astra Pils. Was mich - trotz PC-Fixation von Hochschulrechenzentren - für Apple einnimmt, ist die Tatsache, dass ich schon Anfang der 1980er Jahre (ja, ja, da gab es schon Computer, Kids!) mit Apple DTP auf einem Niveau machen konnte, das MS heute noch kaum erreicht. Und das intuitiv! Klar, Aufkleber sind immer die Aufforderung, sich als Bekenner auch zum Werbeträger zu machen. Passiert mir aber häufig, z.B. mit meinen geliebten Boss-Polohemden. aber vielleicht wird so ein Schuh daraus: Alles, das gut funktioniert, kann mit etwas kreativem Marketing zum Lifestyle-Träger werden. Nur Lifestyle ist aber oft zuwenig. Hier ist der Markt langfristig erbarmungslos. Ich wünsche mir statt pseudo-elitärem Kreativen-Style vielmehr, dass Apple zumindest zum zweiten Mainstream werden möge. Mehr Mainstream, damit mehr geht als immer nur MS!

PS: Prenzlauer Berg ist schon lange nicht mehr heruntergekommen und war m.E. immer auch materialistisch.

answer #2) Verena homepage - 25.08.2010 - 14:28

Drei Dinge:

Erstens schön, die Einbindung bei Facebook. Bin nur so auf diesen Artikel gestoßen.

Zweitens: Schöne Kombi aus Lifestyle und Medienthema, das einen wahren Trend belegt.

 

Drittens: (Jetzt die Kritik) Dass alle was mit Medien machen, die Karo-Hemd und Hornbrille tragen ist schlicht und ergreifend falsch. Das ist nur die Sicht derer, die eben was mit Medien machen, sind es doch vor allem Künstler und sonstige Kreative aus East-London, die den Trend aus den USA übernommen haben. Nun hat er sich auch hierzulanden eingebürgert.

answer #3) Christina Hahn - 25.08.2010 - 20:48

Liebe Verena, ich bestreite nicht die durchaus subjektive Wahrnehmung, die diesem Artikel klar zu Grunde liegt. Sonst wäre er so nicht möglich gewesen.

Nicht jeder mit Karohemd und Hornbrille macht was mit Medien, aber doch einige. Da es keine Studien über den Trend Karohemd + iPhone gibt, kann ich nur meine eigenen Erfahrungen beschreiben.

answer #4) Alex - 24.09.2010 - 13:02

Eigentlich ein sehr schöner Text, greift die Faszination Apple ganz gut und ist (trotz vieler anderer Geschichten zu dem Thema) noch lesenswert. Aber wie mein Vorredner kann ich nur für einen Besuch im aktuellen Prenzlberg plädieren. Es hat sich was geändert, sei das Viertel vor 12 Jahren zum Szeneviertel wurde. Also passt gerade dieser Vergleich am Anfang und am Ende eher so gar nicht. (Außerdem schließt er jeden aus, der Berlin nicht kennt).

 

Trotzdem schön!

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