Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

"Dann arbeitet man die Nacht hindurch"

Journalisten im Straßburger Europaparlament.

Zeitdruck, zweifelhafte Lobbyisten und überfüllte E-Mail-Postfächer: EU-Korrespondenten müssen täglich gegen Widerstände ankämpfen. Die deutsche AFP-Mitarbeiterin Stephanie Lob hat sich an den Stress gewöhnt. Im Interview spricht sie über die Eigenarten des Brüsseler Nachrichtenbetriebs. Vor der Kamera berichten außerdem Medienexperten über den Stellenwert der EU in ihren Heimatländern.

Medien Monitor: Es ist jetzt 16 Uhr. Mit welchen EU-Themen haben Sie sich heute bereits beschäftigt?

Stephanie Lob: Der Tag heute war nicht besonders nachrichtenreich. Ich habe mehrere kleinere Geschichten gemacht: Im Zusammenhang mit der Europawahlen habe ich mir ein paar Wahlwerbespots angesehen, mit denen vor allem junge Wähler angesprochen werden sollen und die etwas kurios gestaltet sind. Da gibt es zum Beispiel einen etwas merkwürdigen Spot, in dem eine Blondine zu sehen ist, die vor einem maskierten Axtmörder flüchtet und vorher noch kurz zur Europawahl geht.

Dann habe ich etwas Kurzes geschrieben über den Antrittsbesuch des neuen tschechischen Ministerpräsidenten in Brüssel. Bis gerade habe ich etwas über EU-Hilfen für Bulgarien gemacht, die nach Korruptionsvorwürfen wieder freigegeben worden sind.

Zur Person

Stephanie Lob hat Geschichte und Anglistik in Köln, Berlin und Dublin studiert und ihren Master of Journalism in London gemacht. Nach der Ausbildung an der Journalistenschule in München ging sie im Jahr 2000 zur Nachrichtenagentur Agence France-Presse (AFP) nach Berlin. Seit 2006 arbeitet sie als fest angestellte AFP-Korrespondentin in Brüssel. Dort teilt sie sich das Büro mit zehn Franzosen, drei englischsprachigen Kollegen und einer Spanierin.

Als Korrespondentin einer Nachrichtenagentur wählen Sie maßgeblich die Themen aus, die später von anderen Korrespondenten und den Heimatredaktionen aufgegriffen werden. Wie muss ein Thema beschaffen sein, damit es für eine AFP-Meldung reicht?

Lob: Als deutsche Korrespondentin liefere ich Themen aus Brüssel vor allem als eine Art verlängerte Innenpolitik. Die erste Frage ist immer, inwiefern ein Thema für Deutschland relevant ist, denn in Brüssel werden viele Gesetze auf EU-Ebene beschlossen, die später im nationalen Recht landen. Das Hauptkriterium ist also: Wie schlägt sich das Thema direkt auf deutsche Bürger nieder? Wir haben einen starken Schwerpunkt auf Verbraucherthemen und erklären den Verbrauchern zum Beispiel, wie sich eine Richtlinie zu giftigem Spielzeug auf Deutschland auswirkt.

Die andere Perspektive: Italien

Auch Renzo Brizzi erwähnt die Innenpolitik, wenn er von der EU-Berichterstattung in seinem Heimatland erzählt. Anfang Mai hat er an einer Podiumsdiskussion zu den Europawahlen in Dortmund teilgenommen, ausgerichtet vom Institut für politische Bildung.


Brizzi war 24 Jahre lang Redakteur beim WDR und hat unter anderem am Aufbau von "Funkhaus Europa" mitgewirkt, dessen italienische Redaktion er fünf Jahre lang leitete.

Die Europawahlen stehen an. Spüren Sie einen Anstieg der Nachfrage nach EU-Themen?

Lob: In vielen Medien wird jetzt sehr ausführlich über Europa berichtet. AFP hat gerade ein großes Themenpaket zu den Wahlen auf Draht gegeben. Dabei geht es unter anderem um die vielen Kompetenzen des Europaparlaments, kuriose Kandidaten und die befürchtete Rekord-Enthaltung. Mit Hilfe der neuen Medien will die Volksvertretung verhindern, dass die Wahlbeteiligung noch weiter unter 50 Prozent sinkt: Das Parlament versucht etwa, junge Wähler über Twitter oder Facebook zu erreichen.
Man darf aber auch nicht vergessen, dass im Juni bereits wieder ein EU-Gipfel stattfindet, auf dem die Mitgliedstaaten strittige Fragen zum Lissabon-Vertrag klären wollen – auch das ist für uns ein wichtiges Schwerpunkt-Thema.

Die andere Perspektive: Ungarn

György Dalos sieht das größte Problem in der inländischen Auseinandersetzung. Er findet, dass Unsachlichkeit die Debatte beherrscht:


Dalos, geboren 1943 in Budapest, studierte an der Moskauer Universität und arbeitete später an der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen. Von 1987 bis 1995 war er unter anderem für deutsche Rundfunkanstalten und Zeitungen tätig. Von 1995 bis 1999 leitete er das Ungarische Kulturinstitut in Berlin.

Die Europäische Union gewinnt zwar an Bedeutung. Aber der Platz, den die Medien den verschiedenen EU-Themen einräumen, ist weiterhin recht begrenzt. Viele Korrespondenten sagen, das liege am mangelnden Verständnis der Heimatredaktionen für diese Themen. Stimmt das?

Lob: Zunächst einmal finde ich die Feststellung falsch, das Interesse an EU-Themen sei zu gering. Wenn man die deutsche Presse und besonders auch Fernsehen und Radio mit ausländischen Medien vergleicht, stellt man fest: In Deutschland wird sehr viel über die EU berichtet. Die EU hat hier eine viel höhere Einschaltquote.
Es stimmt aber, dass die EU sehr kompliziert ist und daher immer wieder erklärt werden muss. Das Brüsseler Gesetzgebungsverfahren ist langwierig und zieht sich oft über Jahre, so dass bestimmte Themen schwer vermittelbar sind und sich immer wiederholen. Das Kernproblem scheint mir aber nicht zu sein, dass die Heimatredaktionen kein Verständnis für EU-Themen haben. Eher gibt es hier in Brüssel so etwas wie eine "Berichterstattungs-Blase", und nach einiger Zeit fällt es den Korrespondenten schwer, immer den Rückbezug zur Heimat zu finden.

Stephanie Lob erklärt am Telefon mit einem einfachen Beispiel, wie sich Nähe zum Leser herstellen lässt (52 Sekunden, 616 KB):

Ständiges E-Mail-Bombardement

Pressekonferenz im Europäischen Parlament.

Täglich bekommen Sie hunderte E-Mails. Ihre Kollegen klagen laut einer Studie der EU-Kommission zunehmend über einen "Information Overload". Wie gehen Sie mit der Brüsseler Informationsflut um?

Lob: Wichtig ist der eigene Kriterienfilter, den man für sich selbst baut. Ich schaue immer: Was ist für mich wirklich relevant, und was ist nur scheinbar wichtig? Gerade die EU-Kommission ist sehr geschickt darin, die Korrespondenten täglich mit 20 bis 30 Pressemitteilungen zu bombardieren – von denen sind aber höchstens eine oder zwei wichtig für den deutschen Bürger. Erstes Kriterium ist für mich, ob es um einen konkreten Gesetzgebungsvorgang geht oder nur um irgendwelche Appelle und Absichtserklärungen, die schnell wieder verpuffen.

Die Agentur-Journalistin erzählt von belanglosem Papierkram aus dem Parlament (34 Sekunden, 408 KB):

Bleibt neben dem Filtern und Prüfen überhaupt noch Zeit für echte Recherche?

Lob: Investigative Recherchen in Brüssel sind ein Problem. Wegen der Flut tagesaktueller Berichte habe ich als Agenturjournalistin nur wenig Zeit, Missständen wie Korruption auf den Grund zu gehen. Der Europäische Rechnungshof gibt jährlich einen Bericht zum Missbrauch von EU-Geldern heraus, ohne darin wirklich ins Detail zu gehen. Da müsste man natürlich ansetzen und mit der Recherche beginnen. Das muss ich als Einzelkämpferin für den deutschen AFP-Dienst den größeren Zeitungen und Sendern überlassen, die hier teilweise mit fünf deutschen Korrespondenten vor Ort sind.

Die andere Perspektive: Großbritannien

Etwas mehr Recherche bei EU-Themen könnte der britischen Presse gut tun, findet Ingrid Sharp. Die Europäische Union genießt auf der Insel einen zweifelhaften Ruf:


Sharp ist außerordentliche Professorin am Institut für Germanistik an der Universität Leeds. Dort beschäftigt sie sich unter anderem mit Geschlechterrollen in Europa.

Die Komplexität ist auch von Vorteil

EU-Kommission: Vielzahl von Quellen.

Ihr Kollege Michael Stabenow (FAZ), der seit Jahrzehnten aus Brüssel berichtet, hält investigative Recherche sogar für praktisch unmöglich und bemängelt die zunehmende Verschlossenheit der EU-Institutionen. Ist es schwieriger geworden, hinter die Kulissen der EU-Politik zu schauen?

Lob: Da sehe ich keinen großen Unterschied zu den bundesdeutschen Institutionen. Die Größe und Komplexität der EU-Institutionen sind da schon eher ein Problem. In Brüssel ist es gleichzeitig umso einfacher, Tatsachenbehauptungen zu verifizieren oder zu falsifizieren, weil es viel mehr Quellen gibt.

Stephanie Lob veranschaulicht, wie sie Nicolas Sarkozy Lügen straft (18 Sekunden, 222 KB):

Viele Korrespondenten haben sich in Brüssel ein eigenes Quellen-Netzwerk aufgebaut. Wie unterscheiden Sie im Quellen-Wirrwarr zwischen zuverlässigen und unzuverlässigen Informationen?

Lob: Vieles hier ist lobbygesteuert. Gerade die deutschen Medien sind Lobbyverbänden ausgesetzt, die versuchen, die Berichterstattung in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Um diesen Tendenzen vorzubeugen, darf man die Recherche nicht nur auf Brüssel beschränken, sondern sollte direkt bei den Verbänden, die bestimmte Behauptungen in die Welt setzen, nachfragen. Man sollte die Quellenvielfalt nutzen und auch mehrere Stimmen zu einem Thema einholen, um einschätzen zu können, wie vertrauenswürdig die einzelnen Informationen sind. Dabei hilft natürlich ein möglichst breites Quellen-Netzwerk.

Ausgewogenheit ist wichtig, findet die Korrespondentin aus Brüssel (15 Sekunden, 186 KB):

Vermeintliche Insider und falsche Sensationen

Pressekonferenz: Wem kann man trauen?

Ihre journalistische Konkurrenz ist riesig: Mehr als 1200 Journalisten sind momentan in Brüssel akkreditiert. Schaffen Sie es da überhaupt noch, an exklusive Informationen heranzukommen, oder gibt es nur noch Mainstream-Journalismus?

Lob: Das hängt immer davon ab, wie gut der einzelne Journalist vernetzt ist. Allerdings werden gerade den deutschen Medien vermeintliche Scoops nicht von Insidern, sondern von Interessenverbänden zugeschustert. Diese Verbände wollen natürlich ihre Themen mit einem bestimmten Dreh in die Zeitung bringen. Man muss also vorsichtig sein mit dem Begriff "exklusiv".

Wer eine Story früher haben will als die Kollegen von der Konkurrenz, sollte um die Ecke denken (54 Sekunden, 644 KB):

Spät ins Bett, früh wieder raus

Korrespondenten im Foyer des Europäischen Rates.

Fest angestellte Korrespondenten sind relativ gut bezahlt, die Arbeitsbelastung ist aber zum Teil enorm. Wann hat eine EU-Korrespondentin normalerweise Feierabend?

Lob: Das ist kein 9-bis-17-Uhr-Job, vor allem nicht bei einer Agentur. Die Arbeit ist dann zu Ende, wenn kein Ministerrat mehr tagt und alle Veranstaltungen beendet sind. Es gibt Tage, an denen man um 17 Uhr nach Hause geht – es gibt aber auch die EU-Gipfel, und dann arbeitet man die Nacht hindurch. Bei zahlreichen Ministertreffen arbeite ich bis spät in den Abend und fange morgens sehr früh wieder an, um die Minister rechtzeitig abzufangen und ein paar Eingangsstatements zu bekommen. Insofern arbeite ich nicht selten 50 Stunden pro Woche.

Wie lange möchten Sie den Job noch machen?

Lob: Ich habe einen 5-Jahres-Vertrag, wie viele meiner Kollegen hier. Den möchte ich gerne voll ausschöpfen, also noch zweieinhalb Jahre hier in Brüssel bleiben.

Fotografen in Straßburg: Die Arbeitszeiten richten sich nach der Politik.

Welche Europa-Themen stehen morgen auf Ihrem Programm?

Lob: Morgen werde ich versuchen, einen Ratgeber zur Europawahl zu schreiben, der die Grundlagen erklärt: Was ist der Unterschied zur Bundestagswahl, wo muss ich mich melden, wie kann ich mich über die Kandidaten informieren, und so weiter. Viele Bürger beklagen ja, dass sie ihre Kandidaten gar nicht kennen – da soll der Ratgeber Abhilfe schaffen.

Frau Lob, vielen Dank für das Gespräch.

Text: Nils Glück
Videos: Evgenij Haperskij
Fotos: Europäisches Parlament; Stephanie Lob; TPCOM (flickr); Downing Street (flickr)

Veröffentlicht: 05.06.2009
Bitte gib hier die rechts gezeigte Zahl ein. Dies dient zur Abwehr automatisierter Einträge. CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn du die Zahl nicht lesen kannst, hier klicken.
Hinweis: Kommentare werden moderiert.


Pflichtlektüre

Eldoradio

DO1 TV

Journalistik Journal

Köpfe & Karrieren | Trends & Technik | Kritik & Kurioses | Spezial | News | Blog
 Suche | Newsfeeds | Redaktion | Impressum