"Da darf's ruhig bunt sein"
Interview mit Ralf Isau, Schriftsteller (Seite1)
"Der Mensch hat einen Durst nach Wundern", sagt Ralf Isau. Der 51-jährige mag Romane aus dem Genre "Phantastik" – und schreibt vor allem selbst solche. Er hat 23 Bücher in 15 Sprachen veröffentlicht. Zuletzt erschien "Minik – An den Quellen der Nacht". Isaus Romane richten sich oft an Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen. Jetzt war der Autor zu Gast in der "Westhoffschen Buchhandlung Platzer" in Essen-Steele. Dort hat er aus seinem neuen Roman "Minik" gelesen. Vorher sprach er mit mir über Fantasy, Eskapismus und das Leben des Schriftstellers in zwei Welten.
Sie haben bisher 22 phantastische Romane veröffentlicht. Lesen Sie selbst Phantastik, oder schreiben Sie nur?
In letzter Zeit lese ich weniger phantastische Literatur, weil ich ein wenig Angst habe, dass ich in anderen Büchern auf Ideen stoße, die ich selbst habe. Und dann habe ich das Gefühl, ich sei ein Plagiator. Aber ab und zu lese ich noch phantastische Literatur. Ich war selbst von frühen Kindesbeinen an fantasiebegabt. Das stand schon in meinem Zeugnis der ersten Klasse: "Ralf zeigt beim bildnerischen Gestalten phantasiereiche Einfälle." Ich hab gern so ein bisschen "rumgesponnen", wie ich immer sage. Fantasiert, kleine Geschichtchen erzählt. Das hat sich später in meiner Lektüre durchgeschlagen. Ich habe gern Fantasy, und phantastische Literatur überhaupt, gelesen. Zum Beispiel Michael Ende. Oder Tolkien eben. Und David Eddings, das ist ein amerikanischer Fantasy-Autor. Als dann irgendwann bei mir die Idee reifte, selbst ein Buch zu schreiben, da war für mich ganz klar, dass das auch eine phantastische Geschichte sein muss.
Welche Art von Phantastik mögen Sie nicht?
Generell habe ich weniger die Neigung zu der Dark Fantasy, die sehr dunkel, sehr mystisch ist, teilweise ins Okkulte reingeht. Mir gefällt es auch nicht, wenn eine Geschichte sehr blutig ist – wenn die Spannung daraus geschöpft wird, dass möglichst viele Köpfe rollen. Ich mag mehr das Bezaubernde, oder dass die Spannung daraus erwächst, dass der Held in schwierige Situationen hineingebracht wird. Natürlich ist das ein ganz subjektives Empfinden – andere sehen das wieder ganz anders.
Was ist für Sie das Besondere an der Phantastik?
Ich glaube, man kann das Lesen von phantastischer Literatur mit unseren Träumen vergleichen. Die Träume sind ja auch wichtig für unser Wachsein, weil wir da zum Beispiel gewisse Dinge verarbeiten. Und die phantastische Literatur kann etwas Ähnliches leisten. Sie erlaubt uns, dass wir mal auf ganz anderen Gedankenwegen wandeln. In der realen Welt müsste ich an meinem Geisteszustand zweifeln, wenn ich etwas tun oder denken würde, das an und für sich unmöglich ist. Aber in der phantastischen Literatur ist das erlaubt. Ich kann mir einen Blick auf mein Hier und Jetzt aus einer ganz anderen Perspektive erlauben. Für mich ist ein gutes phantastisches Buch auch eins, das den Kontakt zur Realität behält. Das zum Beispiel einen Zerrspiegel enthält, in dem ich meine eigene Welt wiedererkenne. Ich kann als Schriftsteller – ganz mutig – bestimmte Dinge herausstellen. Phantastische Literatur polarisiert ja stark: Gut und Böse. So kann der Autor das, was er in unserer Welt als gut und böse empfindet, besonders hervorheben. Und man wagt vielleicht manche Dinge zu hinterfragen, die man ansonsten in einer realitätsgebundenen Betrachtung nicht kritisieren würde. In der Realität hinterfragt man eine Sache vielleicht gar nicht, weil sie nach unserem Empfinden einfach so ist, wie sie ist.
Ralf Isau: Die phantastische Literatur als Urlaub (38 Sek, 1030 KB)
Das sagt der Autor Ralf Isau. Was gefällt dem Leser Ralf Isau an der Phantastik?
Wir leben heute in einer Welt, die sehr stark von den Naturwissenschaften geprägt ist. Das künstlerisch-musische gerät eher ins Hintertreffen. In dieser Welt meint man alles erklären zu können; so wird es zumindest teilweise suggeriert. Aber die Menschen erleben in ihrem Alltag trotzdem viele Dinge, die sie nicht einfach so erklären können. Wenn der Opa stirbt zum Beispiel fragt man sich: Was ist jetzt mit dem? Zerfällt der jetzt wirklich nur zu Staub oder passiert da mehr? Ich glaube, der Mensch hat einen gewissen Durst nach Wundern, nach dem Wundersamen im Leben. Warum hat sonst die esoterische Schiene soviel Zulauf? Dieser Wunsch nach Wundern ist da und ich denke, auch bei den Lesern der Phantastik drückt sich das zum Teil aus. Das ist nicht bei allen so. Aber viele möchten einfach einmal aus dem Alltag heraussteigen. Und da darf’s dann eben ruhig bunt sein, also phantastisch, fremde Wesen und so weiter. Und das ist die Form des Eskapismus, die ich durchaus gut finde. Weiter


