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Buchpremiere: Die Party vor der Lesestille

"Wird Harry überleben?" Diese Frage haben sich auch die Mitglieder des Harry Potter-Fanclubs (HP-FC) seit Monaten gestellt - nun halten sie den Band in den Händen. Die endlos erscheinenden Stunden bis zum Verkaufsstart des siebten und letzten Bandes "Harry Potter and the Deathly Hallows" um 1:01 Uhr Samstagnacht verbrachten rund 100 geladene Mitglieder des HP-FC gemeinsam auf dem Schloss Zitadelle in Berlin-Spandau. Es gab ein Mittelalter-Menü, eine Zaubershow, einen Lieferwagen voller Bücher – und viele Journalisten. Am Ende war Lesestille.

Eine zauberhafte Kulisse für die Premiere: Die Zitadelle in Berlin-Spandau.

"Nächster Halt: Zitadelle. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts." Es ist fast dunkel, als ich um 21:36 Uhr aus der U-Bahn-Station Zitadelle im Berliner Bezirk Spandau komme. Ich schaue mich um, erwarte, weitere Menschen in Zaubergewändern und mit großen spitzen Hüten zu sehen. Aber die wenigen Personen, die mir auf den Bürgersteigen entgegen kommen, sehen ganz und gar nicht magisch, sondern durch und durch muggelhaft aus. Auch von einem Schloss ist nichts zu sehen.

Ich hole meinen Hexenhut aus der Tasche, den ich auf der 45 Minuten dauernden Fahrt aus Berlin Mitte lieber nicht tragen wollte. Glatt streichen, entbeulen, aufsetzen – fertig ist die Hexe. Neben der U-Bahn-Station entdecke ich einen Wegweiser: noch 500 Meter bis zur Zitadelle. Als ich über den Burggraben auf das Tor zugehe, sehe ich Fackeln brennen. An einem kleinen Tisch sitzen zwei Frauen in Muggelkleidung. Ihre Namensschilder mit Firmenemblem verraten, dass sie für einen großen Online-Bücherversand arbeiten. "Stehst du auf der Gästeliste?", fragt mich eine der Frauen, den Kugelschreiber bereits gezückt. Für einen Moment habe ich Angst, dass Saskia Preissner, die Gründerin des Harry Potter Fanclubs (HP-FC), in all dem Organisations-Stress vielleicht vergessen hat, mich auf die Liste zu setzen und ich die 500 Kilometer von Dortmund nach Berlin umsonst gefahren bin.

Tausche Murmel gegen Buch

Diese Murmel ist der Schlüssel zum Buch.

Aber natürlich hat Saskia es nicht vergessen. Als Gründerin des HP-FC hat sie jahrelange Erfahrung darin, Harry-Potter-Buchpremieren zu organisieren. Nachdem die Frau meinen Namen auf der Gästeliste abgehakt hat, gibt sie mir eine kleine türkisblaue Glaskugel in die Hand. "Damit bekommst du später dein Buch", erklärt sie mir, als ich sie verdutzt anschaue. "Wahnsinn – ich bekomme das Buch geschenkt", denke ich und kann mein Glück kaum fassen. Ich gehöre nicht nur zu den wenigen, rund 100 Mitgliedern des HP-FC, die in der Zitadelle mitwarten und -fiebern dürfen, ich darf sogar ein Buch mitnehmen.

Hagrid, der Wildhüter von Hogwarts, begrüßt mich stürmisch.

Es sind immer noch keine Zauberer in Sicht, als ich durch das Burgtor gehe. Plötzlich steht Hagrid vor mir und hält mir seine Laterne mitten ins Gesicht. Ein buckeliges Männchen in Schwarz macht hinter mir ein lautes Geräusch – tatsächlich zucke ich zusammen – und hinter dem Wildhüter taucht eine große, füllige Frau auf, die in metallic-farbene Gewänder gehüllt und stark geschminkt ist. "Ich bin Valeria, Hagrids Geliebte", dröhnt ihre tiefe Stimme. Beim Anblick der perfekt kostümierten Figuren fühle ich mich in meinem eher provisorischen Kostüm ein wenig stümperhaft. Aber schließlich wird mir klar: Die drei sind wahrscheinlich im Auftrag des Onlineversandes hier. Dennoch: Sie spielen ihre Rollen gut und bringen Zauberatmosphäre nach Berlin-Spandau.

Eine Kulisse wie im Film

Wasserhexe Valeria gibt es im Buch nicht.

Hinter Hagrid und Valeria leuchten grelle Scheinwerfer. Zwei junge Hexen mit großen Hüten und Zauberumhängen werden von einem Fernsehteam gefilmt und befragt. Obwohl ich sie bisher nur auf Fotos gesehen habe, erkenne ich sofort die beiden HP-FC-Gründerinnen Saskia und Sarah Preissner. "Rein mit dir", ruft Hagrid mir zu und weist mir den Weg in ein Gemäuer. "Du bist spät." Als ich hineingehen möchte, schaut mich ein Mann mit Knopf im Ohr streng an: "Dein Stein?", fragt, ja verlangt er fast. Hektisch suche ich in meiner Tasche, finde schließlich, was ich suche und zeige dem Sicherheitsmann die blaue Glasmurmel.

Wie im Film-Hogwarts: Zauberschüler warten auf ihr Essen.

Im Gewölbe des Schlosses tönt die Melodie aus den Harry-Potter-Filmen. Sie ist im Film immer dann zu hören, wenn die Kamera in der Großen Halle über die Schüler schwenkt und ihnen beim Essen zusieht. Eine ähnliche Szene in Miniaturausgabe sehe ich hier vor mir: Auf Holzbänken sitzen verkleidete Hexen und Zauberer nebeneinander, Umhang an Umhang: Die einen tragen Perücken und schrille Gewänder, andere sind in einer Hogwarts-typischen Schuluniform gekommen, aber die meisten bevorzugen das klassisch schwarze Zauberoutfit mit Hut und Umhang. Viele haben auch einen Zauberstab neben sich auf dem Tisch liegen. Zwar sitzen an den Tischen auch einige jüngere Kinder an der Seite ihrer Eltern, doch die meisten sind zwischen 16 und 26 Jahre alt, schätze ich. Kein Wunder, schließlich ist das erste Harry-Potter-Buch bereits vor zehn Jahren erschienen. Viele sind mit Harry Potter älter geworden.

Kamerateams überall

Die 11 Jahre alte Sally Preissner wird oft vor die Kamera gebeten.

Hinter einem Mauerbogen erspähe ich ein paar freie Plätze, doch mehrere Kamerateams und Fotografen versperren den Weg, schubsen und drängeln, stets auf der Suche nach dem besten Bild. Es gibt viel zu filmen, und immer wieder schwenken sie über die Kostümierten und die gedeckten Tische. Was dort steht, erinnert in der Tat an Filmkulissen und Requisiten: Gusseiserne Teller und Kelche aus Holz, Kräuterbrote, Tiegel mit Schmalz, dazwischen Bündel mit Radieschen oder Efeuzweigen. Über den Tischen hängen gigantische Kronleuchter und verbreiten ein schummeriges Licht, das allerdings immer wieder von Kamera-Scheinwerfern und Blitzen durchbrochen wird.

"Der Einbruch der Magie in die Realität"

An meinem Tisch sitzen vor allem Slytjerins - was für ein Zufall.

Am Tisch angekommen, schaue ich erst einmal um mich und höre den Gesprächen der anderen zu. Die meisten von ihnen scheinen wie ich im HP-FC zum Haus Slytherin zu gehören – und einige wissen schon ziemlich genau, was im siebten Band passieren wird. "Ich kenne schon 21 von den 39 Kapiteln, weil ich abfotografierte Seiten im Internet gefunden habe", sagt Lea. In der Nacht könne sie nun bei Kapitel 21 anfangen und das Buch bis zum Morgen durchlesen, bevor sie zur Arbeit müsse. "Ich will einfach wissen, was passiert, bevor ich es von jemand anderem höre." Sollte es sich um falsche Auszüge halten, "dann war das die beste Fanfiktion, die ich je gelesen habe".

Ein Stück Brot im Stehen - dann muss Saskia zum nächsten Interview.

Die HP-FC-Gründerin Saskia sitzt eigentlich am Nebentisch, aber vor lauter Interviews kommt sie kaum zum Essen, ständig springt sie wieder auf, weil sie sich um etwas kümmern muss oder ein Interview geben soll. "Die von den Medien stellen immer wieder die gleiche Frage: "Was ist denn so faszinierend an Harry Potter?", lästert Leas Mutter, die selbst großer Potter-Fan ist. Die Pressesprecherin vom Online-Buchversand hört das - vor unserem Tisch gibt ihr Chef gerade ein Fernsehinterview. "Was ist denn für euch das Besondere?", fragt sie uns. "Der Einbruch der Magie in die Normalität", antwortet Leas Mutter prompt. Ihre Lieblingsszene sei die erste aus Band sechs, in der der neu gewählte, englische Premierminister Besuch von seinem magischen Amtskollegen bekommt – und vor Schreck fast in Ohmacht fällt.

Die Zeit will nicht vergehen

Leonie, 11 Jahre ist perfekt verkleidet.

Es wird stickig im Kellergewölbe, immer mehr Zauberer nehmen wegen der Wärme ihre Hüte ab. Vor allem die älteren flüchten in den Burghof. Dort stehen sie in Grüppchen zusammen, rauchen oder machen kurze Anrufe bei Freunden. Hexen mit Handys - ein absurder Anblick. Nun beginnt die Zeit des Wartens, die zunächst mit einem Harry-Potter-Quiz gefüllt wird, in dem der Online-Buchversand Spiele verlost. Auch ich darf für unseren Slytherin-Tisch antreten. Meine Gegnerin ist ein weißhaariges Elfen-Mädchen. "Wie heißen die drei Zauberschulen, die es in den verschiedenen Ländern gibt?", lautet unsere Frage. "Beauxbaton und Durmstrang und, und, und…", höre ich mich stottern. Ausgerechnet das Wort "Hogwarts" bekomme ich nicht heraus. Die weiße Elfe sagt es, aber da ich die ersten beiden genannt habe, müssen wir ins Stechen. Zum Glück bringe ich am schnellsten hervor, dass Ollivander ein Zauberstabmacher ist – ich gewinne ein Harry-Potter-Spiel. Es ist erst 23:30 - noch 90 Minuten bis zu den Büchern.

In der Zwischenzeit ist auf dem Hof alles für eine Zaubershow vorbereitet worden: Ein samtrotes Zelt, davor ein großer Kessel und ein paar Zauberutensilien. Immer mehr Fans versammeln sich im Hof, die ARD macht eine Live-Schalte und als die Zaubershow beginnt, ruft einer: "Können die Kamerateams nicht mal nach hinten gehen? Ich sehe nix." Alle lachen, aber er hat Recht. Außer ein paar Funken und einem Feuerball sehe auch ich nichts, weil ich in der letzten Reihe stehe. Viele der kleineren Kinder lehnen sich bereits müde an ihre Eltern an. Die Zeit will einfach nicht vorbei gehen.

"Wollt ihr die Bücher?"

Im gelben Lieferwagen kommt die herbeigesehnte Bücher-Fracht.

Dann ist es kurz vor ein Uhr. Der entscheidende Moment des Abends rückt näher. Die Kameraleute und Fotografen suchen nach den besten Positionen für die Ausgabe der Bücher. Ich halte meine blaue Murmel bereit. "Wollt ihr die Bücher haben?!", ruft Hagrid in die Runde. "Jaaaaaaa", schallt es zurück. "Dann folgt mir", sagt er und gibt uns ein Zeichen. Um Punkt ein Uhr biegt ein gelber Lieferwagen der Post um die Ecke. Hagrid reißt die Schiebetür auf. "Da sind sie!" Es gibt einen Knall und ein kleines Feuerwerk explodiert hinter dem Lieferwagen, Konfetti wirbelt durch die Luft.

Ein Fan nach dem anderen darf nach vorne kommen und sich sein Buch abholen. Manche halten es jubelnd in die Höhe und hüpfen freudig davon. "Ich bin einerseits sehr glücklich, das Buch endlich zu haben", sagt die elfjährige Leonie, die in ihrer Schuluniform aussieht, als sei sie soeben dem Roman entsprungen. "Aber ich bin auch traurig, denn das war das letzte Buch." Ihre Mutter, die ebenfalls verkleidet, mit ihr in die Zitadelle gekommen ist, wird ihr das Buch simultan übersetzt vorlesen.

Blättern auf die letzte Seite

Als die Bücher da sind, beginnt das große Lesen - die Party wird still.

Ich bin unter den letzten, die ein Buch bekommen, aber ich habe eh noch nicht vor, heute Nacht mit dem Lesen anzufangen. Die meisten tun allerdings genau das: Entweder sie setzen sich in eine stille Ecke im Burghof oder sie gehen zum Lesen nach Hause. Rund 20 Fans sind von dem Online-Buchversand zum Lesen in eines der Gewölbe gebeten worden, in dem sie eine Stunde lesen und danach Bewertungen und Prognosen in Fragebögen notieren sollen. Die Ergebnisse sollen als Kundenservice online gestellt werden. "Ich habe die wirklichen Kapitel im Internet gelesen", ruft Lea mir zu, als sie kurz eine Lesepause macht.

Auch ich bekomme mein Buch - und hoffe, dass ich nichts vom Ende höre, bevor ich es lese.

Eine Reporterin vom TV-Sender RBB animiert Fans, auf die letzte Seite zu schauen und ihr laut ins Mikro vorzulesen. Ich höre empört weg. Andere Fans schauen auf den letzten Seiten nach, um mit Hilfe der dort auftauchenden Namen festzustellen, wer am Leben bleibt oder schon gestorben ist. Auch davon will ich nichts wissen. Auf dem Schlosshof wird es immer ruhiger. Sobald die Bücher verteilt sind, beginnt das Abbauen. Die Lesenden lassen sich davon nicht stören. Nur Saskia Preissner hat keine Zeit, in ihr Buch zu schauen. Sie gibt immer noch geduldig Interviews – eines nach dem anderen. "Ich zähle nicht, wie viele das im Laufe des Abends waren", sagt sie. Um kurz nach zwei Uhr verlasse ich die Zitadelle. Als ich in der U-Bahn-Station warten muss, schlage ich das Buch dann doch auf und beginne zu lesen: "The two men appeared out of nowhere …" Schade, dass die Fahrt nach Hause nicht länger dauert.

Der Text ist Teil des Harry Potter-Projektes, das im Medien Monitor-Spezial "Mythen leben" erscheint.

Text und Fotos: Mareike Aden

Veröffentlicht: 22.07.2007
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