Interview
Botschafter vom anderen Oder-Neiße-Ufer
Seine Vorgänger mussten ihre Beiträge in Butterbrotdosen aus dem Land schmuggeln. Die Grenzen sind inzwischen offen, die Missverständnisse aber noch da. Ein Gespräch mit Ulrich Adrian, Warschau-Korrespondent der ARD, über gute Auslandsberichterstattung, die Mentalität der Polen und warum er der richtige Mann für den Job ist.
Herr Adrian, vor einer Woche haben Sie und Ihr Team 50 Jahre ARD-Studio Warschau gefeiert. 1961 berichtete der erste Radio-Korrespondent aus Polen, seit 1971 gibt es das Fernsehstudio. Wieso ist dieses Jubiläum überhaupt erwähnenswert?
Das 50. Jubiläum finde ich deswegen erwähnenswert, weil es viele gibt, die sagen: Wenn es die Deutschen damals nicht gegeben hätte, die die ersten Filme über die Gewerkschaft Solidarnosc gemacht haben, die Beitragsbänder in der Butterbrotdose nach Deutschland gebracht haben, damit sie gesendet werden konnten, dann wäre die demokratische Bewegung gar nicht so schnell so erfolgreich gewesen. Auf einmal machten sich die Leute klar: Da gibt es Widerstand, da passiert was in Polen, da haben die Menschen sich was getraut.
Fühlen Sie sich da einer Tradition verpflichtet? Treten Sie in die Fußstapfen der Korrespondenten vor Ihnen?
Ich bin der elfte Studioleiter Fernsehen und natürlich bin ich stolz darauf in einem Atemzug genannt zu werden mit einem Mann wie Klaus Bednarz, der das Fernsehstudio 1971 gegründet hat, oder Peter Gatter, der hier in einer Zeit war, wo es für ihn sicher nicht einfach gewesen ist, der dann auch ausgewiesen wurde, als 1981 das Kriegsrecht ausgerufen wurde in Polen. Auf der anderen Seite spüre ich hier aber auch, anders als in anderen Staaten, eine ganz besondere Verantwortung. Ich überlege mir sehr genau, was ich sage, wie ich kommentiere. Und das heißt nicht, dass ich unkritisch gegenüber Polen bin, überhaupt nicht. Ich finde viele Entwicklungen hier überhaupt nicht gut. Ich habe zum Beispiel gerade einen sehr kritischen Beitrag für die Sportschau gemacht während der Auslosung zur Europameisterschaft, über den Korruptionsskandal im polnischen Fußball. Es gilt: Ganz genau hingucken und sich dann auch überlegen, was man davon berichten kann und darf.
Sie waren sieben Monate im Amt, da stürzte die Maschine mit dem polnischen Staatspräsidenten über Smolensk ab. Für Polen war das eine nationale Katastrophe. Kann man über solch ein Ereignis wirklich objektiv und kritisch berichten?
Kritisch über eine Tragödie berichten, muss man, glaube ich, nicht. Da war so viel Trauer in den ersten Tagen, dass ich zunächst einmal nur das Lebensgefühl der Polen rüberbringen musste. Das geschah eigentlich allein durch die Bilder. Dann war klar, dass dieses ganze Land trauert. Kritisch wurde es erst nach ungefähr einer Woche, als klar war, dass Lech Kaczynski auf der Wawel-Burg in Krakau beerdigt werden sollte neben den polnischen Königen und Nationalhelden. Und Lech Kaczynski war bestimmt kein Nationalheld. Da gab es plötzlich Demonstrationen in Polen, es gab Aufrufe in den Zeitungen dagegen, es haben Persönlichkeiten wie der polnische Regisseur und Oscar-Preisträger Andrzej Wajda offen dagegen protestiert. Da musste man auch als Journalist kritisch werden. Aber in den ersten Tagen nach dem Unglück war das, glaube ich, unmöglich.
Senden gegen Missverständnisse
Sind Sie in solchen Momenten eigentlich noch Journalist oder mehr eine Art Botschafter, ein Vermittler zwischen zwei Kulturen?
Ich verstehe mich in Polen immer als beides. Journalist bin ich sowieso, das ist der Job. Aber ich bin auch immer so eine Art Botschafter. Meine Aufgabe ist es, das Lebensgefühl der Polen so rüberzubringen, dass die Deutschen das überhaupt verstehen können. Viele Dinge hier kann ich nur verstehen, wenn ich hier lebe, wenn ich täglich Kontakt mit Polen habe. Und das muss ich den Zuschauern in Deutschland erklären, sonst versteht der Deutsche diese Dinge einfach nicht oder er missversteht sie, was ja noch schlechter ist. Ich bin nicht der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, der immer neutral bleiben muss, sondern der Botschafter, der das erklärt und übersetzt, was hier eigentlich geschieht und warum es geschieht.
Haben Sie das Gefühl, dass Polen in Deutschland vernachlässigt wird? Es heißt immer: Die Deutschen schauen lieber gen Westen, nehmen die Polen als kleineren und unbedeutenderen Partner kaum wahr.
Ich will mal nur eine Zahl nennen: 68 Prozent der Deutschen waren noch nie in ihrem Leben in Polen. Das sind mehr als zwei Drittel aller Deutschen, da ist Nachholbedarf. Viele Deutsche denken immer noch, dass Polen ein dunkles, sozialistisches Land ist, viele trauen sich nicht über die Grenze, obwohl die ja gar nicht mehr existiert, man kann ja einfach durchfahren. Und wieso? Weil sie sich zwei Kilometer hinter der Grenze nicht mehr verständigen können. Weil sie schon beim Tanken nicht mehr wissen, wie viel sie bezahlen sollen, und weil derjenige, den sie da treffen, kein Englisch kann. Deswegen haben die Deutschen mehr oder weniger Berührungsängste.
Offensichtlich haben die Deutschen zwei Sachen nicht kapiert. Erstens, dass Polen ein wunderschönes Urlaubsland ist, wo sie sogar relativ billig bei dem derzeitigen Zloty-Kurs Urlaub machen können. Und es gibt wunderschöne Ecken in diesem Land. Und das zweite ist, dass Polen die modernsten Einkaufszentren Mitteleuropas hat. Hier in Warschau gibt es riesige Glaspaläste und da kann man genauso einkaufen wie in Berlin oder in Paris. Aber das müssen die Deutschen erst mal kapieren und auch das ist Bestandteil meiner Berichterstattung.
Wie war denn Ihr Polen-Bild, bevor Sie hierhergezogen sind? Sie waren Korrespondent in Washington und, bevor sie nach Warschau kamen, Korrespondent in New York.
Mein Polen-Bild war relativ klar, weil ich sehr oft in Polen war. Ich habe Papst Johannes Paul II. des Öfteren auf seinen Reisen nach Polen begleitet, ich hatte schon viele Jahre, bevor ich hierhergezogen bin, Krakau zur schönsten Stadt Europas erklärt. Ich wusste, was mich hier erwartet, ich hatte schon Studiovertretungen in Warschau gemacht, wusste wie Warschau ist. Insofern war mein Polen-Bild relativ klar. Ich kannte mich natürlich nicht so detailliert und so gut aus wie ich das jetzt tue, nach zwei ein halb Jahren. Aber ich hatte keine Lebensmittelpakete mitgebracht, weil ich dachte: Hier gibt's ja nichts.
Vom "Radio Andorra"-Reporter zum gefragten Experten
Wo liegt der Unterschied zu Ihrer Arbeit in den USA? Gibt es überhaupt Unterschiede?
Ich war Korrespondent unter Bill Clinton für die ARD in Washington, ich war Korrespondent in New York, der zuständig war für die Wall Street und für die UNO, und das auch noch zu einem Zeitpunkt, als die Lehmann Brothers Pleite gingen und die ganze Wirtschaftskrise eigentlich begann. Ich hatte also sehr viel zu tun. Trotzdem kam ich mir von der Wichtigkeit her immer so vor, als würde ich für Radio Andorra arbeiten. Den Amerikanern sind die Deutschen und vor allem auch die deutschen Journalisten völlig egal. Wir sind unwichtiger als der letzte Lokalsender und das bekam man immer wieder zu spüren. Das war schwierig. Die Amerikaner haben ja traditionsgemäß kein besonders wichtiges Bild von anderen Nationen, die sind sehr auf sich selber fixiert und das zeigt sich natürlich auch beim Journalisten. Es war in Washington unmöglich, einen Senator zu interviewen, oder es war unmöglich, ein Mitglied des Repräsentantenhauses zu interviewen. Die hatten einfach keine Zeit für uns, weil wir nicht der Lokalsender aus North Carolina waren, wo man bei der Wahl hätte was reißen können, sondern deutsches Fernsehen. Und das nützt denen nichts.
Und wie ist das in Warschau?
Völlig anders. Der Korrespondent des deutschen Fernsehens wird hier sehr wohl wahrgenommen. Ich bin vor Kurzem noch zusammen mit den Chefredakteuren der ARD von Staatspräsident Bronislaw Komorowski empfangen worden. Der Mann hat sich 75 Minuten Zeit genommen, um mit uns zu plaudern, über die deutsch-polnischen Beziehungen. Das wäre in Amerika undenkbar gewesen.
Und es kommt noch etwas anderes dazu, ich gebe Ihnen nur ein Beispiel: Am Tage der Parlamentswahlen im Oktober 2011 habe ich abends eine kurze Schalte gemacht in die Tagesthemen und habe meine Einschätzung zur Wiederwahl von Donald Tusk abgegeben. 20 Minuten später lief über die polnische Nachrichtenagentur im Wortlaut über anderthalb Seiten, was ich gesagt hatte. Mit dem Hinweis, das habe der Korrespondent der ARD gesagt, der schätzt das so und so ein. Das wäre völlig unmöglich gewesen in Amerika. Den Polen ist das wichtig. Das heißt aber auch: Wenn ich irgendeinen Unsinn erzählen würde - ich spiele jetzt vor allem auf die Bewältigung der Vergangenheit an - wenn ich irgendetwas berichten würde, was nicht angemessen wäre oder respektlos wäre angesichts dessen, was die Deutschen hier alles angerichtet haben während des Zweiten Weltkriegs, all die Nazi-Gräuel, dann würde das ebenso schnell gesehen und berichtet. Die Polen passen ganz stark darauf auf, was wir in Deutschland sagen. Und das ist vielleicht auch gut so.
Wie schaffen Sie es, den Redaktionen in Deutschland Polen schmackhaft zu machen?
Wie ich das schaffe? Steter Tropfen höhlt den Stein. Ich spreche immer wieder mit Redaktionen am Telefon, versuche Themen schmackhaft zu machen, auch kleine Themen. Ich habe jetzt grade einen Weltspiegel gemacht über ein kleines Dorf an der tschechischen Grenze, in dem man nicht mit dem Handy telefonieren kann. Werden Sie jetzt sagen: Wieso ist das ein spannendes Thema? Weil die Leute, und das ist typisch polnisch, sich zu helfen wissen. Die haben festgestellt: In ihrem Dorf gibt es keinen Handyempfang, aber auf dem Friedhof schon. Also fahren sie nachmittags immer zum Friedhof und telefonieren dort. Das ist ein bisschen schräg, aber das sagt auch was über die Polen aus. Die Lebensumstände sind manchmal schwierig, aber irgendwie findet man immer eine Lösung. Ich musste den Kollegen vom Weltspiegel natürlich davon überzeugen, dass er das jetzt Stück unbedingt braucht und nicht den Beitrag aus Japan oder China, das vom Bild her natürlich wesentlich exotischer ausgesehen hätte. Das ist ja auch mein Problem: Die Polen sehen aus wie wir und die Gegend sieht auch aus wie bei uns. Heißt, ich habe es erst mal schwieriger, wenn ich die Kamera einschalte, nicht so wie die Kollegen in Asien oder Australien, wo alles schon mal bunter, verrückter, anders aussieht als bei uns. In Europa ist das nicht so einfach. Und deshalb muss ich hier mit Argumenten glänzen und dann natürlich noch vernünftige Stücke abliefern.
Sie scheinen da ein gutes Händchen zu haben. Die Zahl der Minuten, die vom Studio Warschau produziert und innerhalb der ARD gesendet wird, hat sich, seit Sie das Studio leiten, jedenfalls verdoppelt.
Erst einmal hatte ich es ja aus traurigem Anlass einfach. Am 10. April geschah das Unglück von Smolensk, da stürzte die Maschine von Lech Kaczy ski ab. Außerdem hatten wir hier in den letzten Monaten ein Großereignis nach dem anderen. Im letzten halben Jahr hatten wir die EU-Ratspräsidentschaft Polens, dazu gab es viele Gipfel. Es gab die Krise in Weißrussland mit der Geberkonferenz, die in Warschau stattfand, wo Polen auf einmal federführend war. Vor zwei Monaten fanden Parlamentswahlen statt, kommendes Jahr richtet Polen die Fußball-EM aus. Es gab und gibt wirklich viele Anlässe. Und wenn es Anlässe gibt, muss man die Chance nutzen und machen und tun - und genau das habe ich gemacht.
Das zweite ist: Die Minutenzahlen sind mir gar nicht so wichtig, die haben sich tatsächlich verdoppelt. Viel wichtiger ist mir, dass, wenn ich nach Deutschland fahre und mit Kollegen rede und mit Freunden rede, die zu mir sagen: Polen ist wieder erkennbar, es wird regelmäßig über Polen berichtet. Das ist schon mal gut, dann ist die Botschaft sozusagen angekommen.
Pauken ist Pflicht
Wie haben Sie sich allgemein auf Ihre Zeit in Polen und Warschau vorbereitet?
Es fing damit an, dass ich mir das Buch "Viva Polonia" gekauft habe des Kabarettisten und Polenkenners Steffen Möller, das ist so die amüsante Vorbereitung gewesen. Und dann muss man sich sozusagen die Geschichte einhämmern, das ist dann das Schwarzbrot. Da muss man wirklich lernen, muss Bücher lesen, die Zusammenhänge verstehen. Man muss kapieren, dass Polen x-fach von der Landkarte verschwunden ist. Man sollte halbwegs wissen, wann das war und warum. Man sollte die handelnden Figuren kennen. Sonst ist man als Korrespondent relativ aufgeschmissen. Das habe ich dann gemacht und es ging. Ansonsten lernt man dann jeden Tag noch dazu. Aber die Vorbereitung musste sein.
Diese intensive Vorbereitung wäre Ihnen erspart geblieben, hätten Sie polnische Wurzeln. Sie haben weder polnische Vorfahren, noch sprechen Sie Polnisch. Sind Sie der falsche Mann für den Job? Werden Auslandskorrespondenten falsch ausgesucht?
Natürlich nicht. Ich glaube auch, dass die These so nicht stimmt. Ich glaube nicht, dass Auslandskorrespondenten falsch oder willkürlich ausgesucht werden. Ich erlebe das zumindest im Hause WDR ganz anders. Eine Voraussetzung kann aber, glaube ich, nicht gelten, nämlich, dass man immer die Sprache des Landes sprechen muss, in das man geschickt wird. Nehmen wir mal als Beispiel Asien: Natürlich spricht der China-Korrespondent kein Chinesisch, natürlich kann kaum einer der Nahost-Korrespondenten Arabisch. Ich glaube, dass man das nicht erwarten kann, ich glaube auch, dass man das in Polen nicht erwarten kann. Denn Polnisch ist nach einer Erhebung der New York Times die zweitschwierigste Sprache der Welt nach Chinesisch. Aber jetzt streiten wir uns nicht darüber, ob es auf Platz zwei oder fünf liegt, es ist sauschwer, ganz unbestritten. Natürlich wäre es einfacher, wenn ich hier fließend Polnisch sprechen könnte. Das Radio-Studio hat zurzeit einen Korrespondenten in Warschau, der polnische Wurzeln hat und Polnisch spricht. Aber ich bin mir ehrlich gesagt nicht so schlüssig, ob das gut ist oder schlecht. Polnische Wurzeln zu haben heißt ja auch, dass man viele Sachen weiß, die Mentalität kennt und gar nicht mehr darüber staunt. Wenn ich hierher komme und mir Sachen auffallen, die mir nie auffallen würden, wenn ich polnische Wurzeln hätte, dann ist das erst mal gut, weil dann kann ich darüber berichten. Was Sie natürlich von mir erwarten können ist, dass ich fleißig bin und hier möglichst viel Polnisch lerne. Ich würde ja keine Zeitung verstehen, wenn ich das nicht täte. Ich würde ja kein Radio anmachen können, kein polnisches Fernsehen gucken, wenn ich kein Wort verstünde.
Was haben Sie denn in den zwei Jahren, die Sie nun schon hier sind, von den Polen gelernt?
Was ich sehr gut finde, ist, dass sie sehr optimistisch sind und immer eine Lösung finden. Und das ist ein bisschen wie in Köln. Die Mentalität der Polen und der Kölner ist ähnlich und zwar in dem Punkt, dass sie, wenn irgendetwas schief geht, nicht sofort die Flinte ins Korn werfen, sondern dass sie sagen: Na komm, jetzt müssen wir mal nach vorne gucken. Und irgendwie geht's dann. So gehen die auch mit ihrem Leben um. Also, wenn ein Pole arbeitslos wird, und die haben hier eine sehr hohe Arbeitslosigkeit, elf Prozent im Moment, dann lässt er sich nicht hängen, sondern versucht sehr schnell wieder was anderes zu machen. Und dieser gesunde Grundoptimismus, das finde ich eigentlich sehr gut. Sie dürfen nur nie einen Polen fragen, wie es ihm geht. Er wird Ihnen immer sagen, dass es ihm ganz furchtbar geht. Das allerpositivste, was Sie hören können, ist "tak sobie", also so la la, dann hat er schon extrem gute Laune. Normalerweise ist sein Lebenszustand "okropnie", also schrecklich oder "fatalnie". Das muss man dann auch erst mal einschätzen können.
Sie sind nun schon viele Jahre Auslandskorrespondent - ist das Ihr Traumjob?
Ja, absolut! Ich bin mit Leib und Seele Korrespondent und ich wollte immer Auslandskorrespondent werden. Wobei mir anfangs ehrlich gesagt das Land fast egal war. Da denke ich jetzt anders drüber. Ich war lange Jahre in Amerika, das war eine hochinteressante Erfahrung. Jetzt bin ich in Polen, werde auch bis 2014 hier bleiben. Danach habe ich noch einen Traum, den ich mir gerne erfüllen würde. Ich würde gerne noch ARD-Korrespondent in Paris werden. Ob es klappt: Mal gucken.
Infobox
Text: Susanna Zdrzalek
Fotos: (1) WDR, (2) Susanna Zdrzalek, (3 + 4) WDR




