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Eine Frage der Ethik

::Von Nadine Maaz

am 16.02.2010 um 19:57 Uhr

Eine Woche lang habe ich fleißig die Bild-Zeitung gelesen. Nicht ganz freiwillig, sondern im Rahmen eines Seminars, in dem es um "Qualität, Regeln und Selbstkontrolle in der journalistischen Praxis" ging. Sprich: um den vom Deutschen Presserat formulierten Pressekodex.

Der erste Überblick war - was die Sensationsgier der Leser betrifft - ernüchternd: keine Umweltkatastrophen, keine Terroranschläge, keine Amokläufe. Und damit: keine Bilder von sterbenden Kindern, keine Bilder von blutüberströmten Bombenopfern, keine Bilder eines "Irren, der sich selbst erschoss". Nur ein bisschen "Angst, Hass, Titten und der Wetterbericht" - wie es die Ärzte in ihrem Song "Lasse reden" so treffend beschreiben.
Doch nach der genaueren Durchsicht zierten jede Bild-Zeitung gleich mehrere bunte Post-Its, die auf zumindest fragwürdige Inhalte hinwiesen und eine konkrete Prüfung verlangten.

Ein Blick auf die vom Presserat veröffentlichte Chronik der Rügen hatte zuvor gezeigt: Besonders häufig wurde von 2006 bis 2009 gegen die Ziffer 7 (Trennung von Werbung und Redaktion) verstoßen. Es folgten die Ziffern 8 (Persönlichkeitsrechte) und 2 (Sorgfalt). Dicht dahinter die Ziffern 1 (Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde) und 11 (Sensationsberichterstattung und Jugendschutz). Und in der Tat passt die Verteilung zu den von mir gemachten "Entdeckungen".

Da wird zum Beispiel der "wunderbar sparsame und komfortable VW Golf" in bester Werbesprache angepriesen und ein Banker gibt Tipps für - ganz genau - eine (!) sichere Geldanlage. Der tanzende Regenschirm der Commerzbank schafft es als "Gewinner des Tages" sogar auf die Titelseite, ein halbe Seite mit den tollsten Schnäppchen des Quelle-Ausverkaufs wird erst gar nicht als Anzeige gekennzeichnet. Wer in diesem Möchtegern-Artikel irgendeinen informativen Hintergrund sucht, der sucht lange.

Unfallopfer und Opfer von Straftaten werden mit Fotos abgebildet, die schwer danach aussehen als wären sie aus einem Gruppenfoto herausgeschnitten oder einfach aus einem Sozialen Netzwerk herauskopiert worden. Und welche Mutter oder welcher Vater möchte seinen bei einem "Horror-Crash totgefahrenen" Sohn schon in Partypose und mit Champagnerflasche in der Hand in einer Boulevard-Zeitung wieder sehen?

Besonders auffällig war auch der Umgang mit Statistiken. Da ist von zwei Dritteln der Deutschen oder der Hälfte der Jugendlichen die Rede, doch Hinweise zur Art und zum Zeitpunkt der Befragung, zur Anzahl der Befragten oder dem Auftraggeber gib es keine. Sind ein Drittel der Deutschen also 10 von 30 oder doch 1.000 von 3.000? Man weiß es nicht.

Auf die "Bestie im Gerichtssaal", den "Irren von Teheran", den "Nacktfoto-Kommisar" oder die "Hübsche Samantha", die vermisst und eigentlich nur auf ihr sexy Äußeres reduziert wird, gehe ich gar nicht erst ein. Eine vollständige und genaue Auflistung aller Verstöße gegen den Pressekodex würde den Blog sprengen - und das allein sollte einem zu denken geben.

Natürlich ist die Bild-Zeitung nicht das einzige Medium, das durch Nachlässigkeit in Sachen Ethik auf sich aufmerksam macht. Auch viele Regional- und sogar die so genannten Qualitätszeitungen tauchen in der Rügen-Chronik immer wieder auf. Auffällig ist jedenfalls, dass es oft die kleinen, aber feinen Verstöße sind, die in der Summe doch auffallen.

Also: Es muss nicht immer der Skandal à la Gladbeck sein, Kleinvieh macht auch Mist. Ob Schleichwerbung, ehrverletzende Fotos, irreführende Überschriften oder undurchsichtige Umfrageberichterstattung: Nicht nur Boulevardjournalisten sollten häufiger einen Blick in den Pressekodex werfen und an die Konsequenzen denken, die die Verstöße gegen solche Regeln mit sich bringen können. Der Daseinsberechtigung und der Glaubwürdigkeit des Journalismus würde mehr ethische Sorgfalt mit Sicherheit gut tun.

(Untersucht wurden die Ruhrgebiets-Ausgaben vom 26. bis 31. Oktober 2009)

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