Der Apfel zeigt wieder Biss
Amazon will seinen "Kindle" zu einer mobilen Multimedia-Plattform aufrüsten, das die Medien Buch, Computerspiel, Internet und vielleicht auch irgendwann Musik vereint. Eine Art iPhone mit XXL-Display und ohne Telefoniefunktion.
Genau das soll der IT-Designer Apple nächste Woche in San Francisco mit einer fast schon mystisch erwarteten Präsentation vorstellen. Ein Tablet-PC, der die geschmeidige Eleganz des Jahrhunderthandy iPhone mit den Funktionen des Porsche unter den Computern, des iMac, verbindet. Harte Konkurrenz für den digitalen Gemischtwarenladen aus Seattle. Der Konkurrenz im Zeichen des Apfels ist durchaus zuzutrauen, ein neues Zaubergerät auf den Markt zu werfen, dem die anderen Hersteller wieder die nächsten Jahre hinterherhecheln können.
Als Apple das iPhone vor drei Jahren vorstellte, behauptete CEO Steve Jobs, man habe das Telefon neu erfunden. Man sei der Konkurrenz um fünf Jahre voraus. Er sollte Recht behalten. Noch immer hat weder einer der alten Riesen Nokia, Sony Ericsson oder Motorola noch ein asiatischen Tiger wie Samsung, LG oder HTC es geschafft, ein Telefon zu designen, das die schlichte Eleganz, die elegante Bedienung und die spielerische Funktionalität des Apple-Meilensteins erreichte. Das "Time-Magazin" wählte das Gerät zur "Die Erfindung des Jahres". Das iPhone wurde zum Schrittmacher des mobilen Internets für jedermann, der Wegbereiter für künftige Milliardengewinne der Telekommunikationskonzerne. Mit seinem ersten Handy stellte Apple den Handymarkt völlig auf den Kopf.
Ähnliches gilt für die Erfolgsgeschichte des iPod. Wie die Hunnen einst nach Europa preschte Apple in das angestammte Revier alter Platzhirsche wie Sony, Erfinder des legendären "Walkman". Binnen weniger Jahre schafften es die Appleianer ihren iPod als alleinigen Gott im Olymp der mp3-Player zu etablieren. Der iPod ist zum Synonym für das Wort "mobiles Musikabspielgerät" geworden wie einst in den Achtzigern Sonys "Walkman". Die Japaner beherrschten zwanzig Jahre den Markt für mobile Musikplayer. Doch während Sony um die Jahrtausendwende herum den Trend, das Musik zunehmend weniger an Datenträger gebunden sein wird, glatt verschlief, witterte Apple seine Chance und brachte einen Musikplayer heraus, der die längst bekannte mp3-Technologie mit einer leichten Bedienung und einem wertigen Äußeren kombinierte. Man ging sogar noch weiter und schuf - und das Wort ist wörtlich zu nehmen - einen legalen und profitablen Markt für Musik aus dem Internet. Heute hat Apples virtueller Musikladen iTunes etwa 70 Prozent Marktanteil an legalen Musikdownloads im Web. Ein Milliardengeschäft, das praktisch kaum Kosten kennt, da Apple außer Bandbreite und Vertriebsinfrastruktur nichts weiter benötigt, um die gesamten Musikmarkt der Welt zu erreichen. Von 99 Cent, die ein iTunes-Song üblicherweise kostet, fließen ein knappes Drittel in Richtung Cubertino, Silicon Valley. Für einen Zwischenhändler, der weder Künstler castet, produziert noch promotet, ist das gar nicht mal schlecht. iTunes ist der Zuhälter im Apple-"All Star Team", dessen Kernprodukt iMac im Glanze der kleinen Brüder iPhone und iPod ebenfalls ein grandioses Comeback feierte und die auch im wesentlich hitziger umkämpften Computermarkt derzeit Maßstäbe definieren.
In den Märkten Computer, Telefone, Musikplayer und Musikvertrieb sind Apples Produkte derzeit der state of the art. Ergo: Wenn derzeit überhaupt einem Unternehmen die Übernahme eines eigentlich branchenfernen Markt zuzutrauen ist, dann ist es Apple.
Warum sollten die Kalifornier nicht auch den E-Reader-Markt aus dem Nichts überrollen? Wird in fünf Jahren sich vielleicht niemand mehr an Amazons "Kindle" erinnern? Werden wir dann unsere Bücher über den iSlate wie Apples jüngstes Kind Gerüchten nach heißen soll, lesen? Unsere Lektüre vielleicht bei iBooks kaufen? Für 9,95 Euro in den ersten 90 Tagen nach Erscheinen und 5,95 Euro danach? Werden wir unseren Kindern vielleicht mal im hellen Schein unseres E-Readers "Hänsel & Gretel" vorlesen, den wir dann schon ganz selbstverständlich iSlate oder so ähnlich nennen werden? Angeblich kann das Gerät auch als mobile Schreibmaschine benutzt werden. Zusammen mit der Lektüre-Funktion wäre das doch auch ideal für schulische Zwecke. Statt schwerer Schulranzen mit teuren, gedruckten Schulbüchern und regenwaldvernichtenden Schreibblöcken, hätten unsere Kleinen dann nur noch ihren iSlate, der in einer kindgerechten Version mit deaktiviertem Internet und Farben im Windows XP-Look dann vielleicht MySlate heißen wird.
Kind, hast du schon deine iSlates für morgen gemacht? - Ja, Mama, ich schick sie gleich dem Lehrer. - Gut. Und vergiss nicht deine Festplatte aufzuräumen! Das nächste Mal kannst du selber mit dem Virenscanner durchgehen... - Ja, Mama, ich mach den Desktop sauber."
Gut möglich, dass wir solche Sätze mal zu unseren Kindern sagen werden.
Noch interessanter dürften das neue Spielzeuge aber werden, wenn Apple wie spekuliert mit Buch-, Zeitschriften-, und Tageszeitungsverlagen zusammenarbeiten wird. Der zu erwartende Umsatz könnte alle anderen Apple-Geschäftsfelder noch in den Schatten stellen. Bücher, Zeitschriften und Zeitungen könnten wie heute Musik über eine von Apple betriebene Plattform vertrieben werden. Immer samstags um 0 Uhr würde dann das Spiegel-Abo auf unseren Reader flattern. Jeden morgen um fünf Uhr läge die Süddeutsche Zeitung vor unserer digitalen Haustür.
Zeitschriften- und Tageszeitungsverlage könnten über ein mobiles, elegant zu bedienendes Gerät ihre Abonnements verkaufen. Endlich würde die sehenden Auges in ihr Unglück gerannte Printbranche Geld mit ihren im Internet verramschten Texten verdienen. Steve Jobs könnte zum Moses der sich in der Wüste Sinai verirrten Verlage werden und sie nach Hause führen ins Land in dem Milch und Honig fließen, ins Land der Gewinne und Profite wie zu besten Printtagen. Vermutlich hätte Steve "Moses" Jobs nicht mal zehn, sondern nur ein einziges Gebot: Du sollst mir zahlen ein Drittel deines Erlöses!
Noch frontaler dürfte Apples Angriff auf die einzige Medienbranche werden, an der das Kelch der Digitalisierung bislang noch vorbeigegangen ist: den Buchverlagen, den guten, alten Riesen, die bislang das fast exklusive Privileg besassen, das Wissen der Menschheit zu drucken, zu bewerben und Geld dafür zu verlangen. Von diesem Markt werden sich Apple oder Amazon ein gutes Stück einverleiben wollen und den Verlagen möglicherweise ein ähnliches Schicksal bescheren wie der iTunes Store den einst so stolzen Plattenfirmen. Sie werden zu Abhängigen, zu Verzweifelten, die jeden Krumen aufheben, den Apple oder Amazon beim Verzehr des Musikmarktes fallen lassen.
Verlage werden für den Vertrieb vielleicht noch überflüssiger werden als es heute schon die Plattenfirmen sind. Die Dienste beschränkten sich auf Casting talentierter Autoren, Lektorat ihrer Texte und ein bißchen Promo drumrum. Vielleicht müssten Schriftsteller gar keinen Verlag mehr von sich überzeugen, um Ihre Erstlinge zu veröffentlichen. Ihr Verlag wäre der IT-Konzern Apple, ihr Verleger hieße Steve Jobs. Da der digitale Vertrieb keine Material,-Personal oder Ladenmietkosten kennt, ist das Risiko unbekannte, aber talentierte Autoren zu verlegen praktisch Null. Was MySpace für Musiker, Flickr für Fotographen, Youtube für Selbstdarsteller und Blogs für Autoren, könnte iBooks oder wie auch immer für Schriftsteller werden: Ein demokratisches Konstrukt, in dem Karrieren vom Tagebuchschreiber zum gefeierten Bestsellerautor möglich wären. Bücher könnten außerdem nur noch einen Bruchteil kosten.
Und dass bei mehr Komfort und Multimedia-Eigenschaften...
Würde man beispielsweise einen Bildband über Indien kaufen, so wären die Farbbilder ruckelfrei zoombar, mit einem Fingerstreich á la iPhone würde man die Seiten umblättern. Lesen im Dunkeln? Kein Problem dank des hellen Bildschirms! Bilder und Texte könnten mit Videos garniert werden, die den Leser in Ich-Perspektive über einen Markt in Bombay schlendern lassen, während indische Musik die Lektüre der Bilder und Texte dezent begleitet wie sie bei Krimis an bestimmten Stellen für Spannung sorgen könnte. Die Bilder unseres Indienbuches könnten wir gebündelt als Slightshow anzeigen lassen, passend mit Musik untermalt und über einen passenden Anschluss auch für den 50 Zoll-Fernseher im Wohnzimmer geeignet. Vielleicht wird auch noch ein Bollywoodfilm als Zugabe beigelegt, denn selbstredend wäre das Display brilliant genug, um auch DVDs oder gar Blue Rays abspielen zu können. Und bei allem würde Apple kräftig die Hand aufhalten.
Wir werden den guten, alten Büchern nicht hinterher trauern müsssen, den sie werden wohl weiter existieren. Die Digitalisierung wird schleichend voran gehen. Step by Step. Google Books wäre ihr Katalysator. Und in dreissig Jahren werden wir gedruckte Bücher vielleicht nur noch zu bestimmten Anlässen kaufen. Zu besonderen Anlässen wie Weihnachten. Dann könnte es heißen:
Wow! Du hast mir ein gedrucktes Buch geschenkt! Wo hat du dass denn her? - Ach, hab' ich in einem Antiquitätenladen gekauft.
(aba)
