Im Netz verheddert

100 Millionen Stunden verbringen die Amerikaner jedes Wochenende allein damit, sich die Werbespots im Fernsehen anzuschauen. Das ist eine ziemlich große Zahl. Errechnet hat sie Clay Shirky, amerikanischer Internetexperte und glühender Fürsprecher der zahlreichen Beteiligungsmöglichkeiten, die das Internet so bietet. Shirky wollte mit dieser Zahl natürlich nicht sagen, die Amerikaner seien ein Volk sinnlos in die Röhre starrender Sesselpupser (Überhaupt sollten alle, die jetzt hämisch grinsen, überlegen, wie viel Lebenszeit sie selbst damit verbracht haben, den Klitschkos beim Milchschnitte-Essen zuzuschauen).
Seine Kernaussage war, dass dieser enorme Fernsehkonsum im Grunde riesige geistige Überkapazitäten verberge, die im Hirn jedes Fernsehzuschauers vorhanden seien. Die Gesellschaft, so vermutete Shirky, werde im Laufe der Zeit lernen, diese Überkapazitäten sinnvoll zu nutzen. Das Internet biete die Möglichkeiten dazu. Wenn jeder täglich den Fernseher nur wenige Minuten früher ausschalte, könne er mehr Zeit darauf verwenden, an Wikipedia mitzuschreiben, ein Blog zu führen oder auch nur Fotos von niedlichen Katzen ins Netz zu stellen. Shirkys Motto: Etwas zu tun ist immer besser als nichts zu tun (und Fernsehen zu gucken).
Ignorieren wir für einen Moment die Tatsache, dass dies natürlich eine üble Pauschalisierung ist. Eigentlich schien mir Shirkys Gedankengang logisch. Bis ich begann darüber nachzudenken, was ich mit meinen eigenen geistigen Überkapazitäten anfange, die eigentlich vorhanden sein müssten, seit ich keinen Fernseher mehr habe.
Die traurige Wahrheit ist: Ich vergeude sie im Netz. Dort konsumiere ich das, was Leute in der Zeit produzieren, in der sie "Desperate Housewives" oder die "Sportschau" gucken könnten. Gern würde ich behaupten, mich dabei über das Weltgeschehen zu informieren oder philosophische Diskussionen zu verfolgen. Aber tatsächlich hole ich mir im Netz, was früher das Fernsehen geliefert hat: Unterhaltung.
Jetzt gibt es jedoch einen tragischen Unterschied zwischen dem Fernsehen und dem Internet. Früher schaute ich mir nachmittags eine Stunde lang Dating-Shows auf MTV an, um jede einzelne meiner Gehirnzellen nachhaltig zu entspannen (Ihr habt schon richtig gelesen. Mut zum Niedrig – Niveau – Outing). Wenn die Stunde vorbei war, schaltete ich den Fernseher ab und mein Gehirn wieder an.
Das Internet dagegen schaltet man nicht so einfach ab. Stattdessen verfranst man sich darin. Wenn ich mir im Failblog schon Schnappschüsse menschlichen Versagens angucke, warum nicht auch noch die Kommentare dazu lesen? Die sind manchmal auch ganz witzig. Und wenn jemand dort den Link zu seinem Blog postet, kann man es sich auch mal eben anschauen. Und so weiter, und so fort. Und schwupps – schon sind wieder ein paar Stunden Lebenszeit futsch.
Das passiert mir ständig, selbst wenn ich eigentlich nur schnell was für die Uni recherchieren wollte. Allein mir den Vortrag von Clay Shirky anzuschauen (zweimal), hat mich bereits eine halbe Stunde Lebenszeit gekostet. Und du, lieber Leser, hast gerade ein paar Minuten damit verplempert, diesen Blogeintrag zu lesen. Vielleicht klickst du gleich noch eben die Links an, und schon hat der Zeitfresser Internet dich in sein großes dunkles Maul gesogen… Meine Kernaussage ist: Das Netz bietet nicht nur mehr Möglichkeiten, Zeit zu nutzen. Es bietet vor allem mehr Möglichkeiten, sie zu verschwenden. Erstellen Sie mir dazu mal eine Hochrechnung, Mr. Shirky?
