Adé, du schöne Aufmerksamkeit
::Von Martin Meuthen
am 03.02.2010 um 00:00 Uhr
Da saß sie also: Deutschlands Lokaljournalismuselite. 150 Chefredakteure, Verleger, Medienwissenschaftler und sogenannte Experten trafen sich Ende Januar in Dortmund zum "Forum Lokaljournalismus". Dieser hat es zur Zeit bekanntlich nicht ganz leicht. Werbeeinnahmen brechen weg, die Auflagen vieler Titel sind rückläufig und das Internet ist ja auch noch da.
Wie zu erwarten teilte sich die journalistische Gemeinde - am Gesichtsausdruck relativ gut erkennbar - in zwei Lager: Die Ausprobierer und die Bewarer. "Wir müssen die Chancen nutzen, die uns das Internet bietet!", hieß es da aus der einen Ecke. "Wir arbeiten jetzt schon am Anschlag!", konterte es aus der anderen. Entsprechend schnell stieß die Veranstaltung an ihre Grenzen. Wie gut, dass es für solch großes Langeweilepotential ein nicht mehr ganz so neues Spielzeug gibt: Twitter.
Schon bei der Eröffnungsrede wieß NRWs Ministerpräsident Jürgen Rüttgers auf den Mikrobloggingdienst hin:"Hat man über Sie schon mal getwittert? Über mich wird so einiges getwittert." Dieser Satz machte einige Teilnehmer der versammelten Lokaljournalistengemeinde scheinbar so nervös, dass sie augenblicklich ihre Laptops zwischen Blumengesteck und Sektglas hochfuhren - inklusive Windows-Fanfare.
Wie bei den bisher üblichen Web-2.0-Spielerein bilden auch bei Twitter vor allem Eitelkeit und ein bestimmtes Maß an Klugscheißerei den kommunikativen Treibstoff. Zumeist leicht erkennbar an den gewollt taffen Accountbildchen. Podiumsdiskussionen eignen sich besonders gut, um die subsubsublokale Wirkung dieses Mediums auszutesten.
Viele Veranstalter machen den Twitterfreunden leichtes Spiel. Sie dekorieren den Ort des Geschehens mit dutzenden Flachbildschirmen, damit der Rest der versammelten Journalistengemeinde das Rennen um die schnellsten Tweets in Echtzeit mitverfolgen kann. Adé, du schöne Aufmerksamkeit.
Die Rolle des Mikros für Zwischenmeldungen übernimmt nun der virtuelle Zwitschervogel, wobei das Ziel der Mission weitaus trivialer ist: Ein Stück zu erhaschen von eben jener Aufmerksamkeit. Für den Twitterer, seinen Kanal und das vielfach heillose Unterfangen, in 140 Zeichen einen vollständigen Satz samt der üblichen Twitter-Hyroglyphen hineinzuferchen.
Bei soviel Drang zur Selbstdarstellung gerät der bisherige Höhepunkt solcher Kongresse arg ins Abseits: Das Buffet. Viele Teilnehmer beluden dank Twitter und Co ihre Teller nicht mehr mit XXXXXXL-Portionen. Keine Zeit. Stattdessen noch schnell ein ReTweet schreiben. Zumindest in diesem Punkt birgt das Web-2.0-Spielzeug realistische Chancen, die teils zu Recht desolate Reputation dieses Berufsstandes wieder gerade zu biegen.
Der Apfel zeigt wieder Biss
::Von Alexander Bauer
am 21.01.2010 um 22:20 UhrAmazon will seinen "Kindle" zu einer mobilen Multimedia-Plattform aufrüsten, das die Medien Buch, Computerspiel, Internet und vielleicht auch irgendwann Musik vereint. Eine Art iPhone mit XXL-Display und ohne Telefoniefunktion.
Genau das soll der IT-Designer Apple nächste Woche in San Francisco mit einer fast schon mystisch erwarteten Präsentation vorstellen. Ein Tablet-PC, der die geschmeidige Eleganz des Jahrhunderthandy iPhone mit den Funktionen des Porsche unter den Computern, des iMac, verbindet. Harte Konkurrenz für den digitalen Gemischtwarenladen aus Seattle. Der Konkurrenz im Zeichen des Apfels ist durchaus zuzutrauen, ein neues Zaubergerät auf den Markt zu werfen, dem die anderen Hersteller wieder die nächsten Jahre hinterherhecheln können.
Als Apple das iPhone vor drei Jahren vorstellte, behauptete CEO Steve Jobs, man habe das Telefon neu erfunden. Man sei der Konkurrenz um fünf Jahre voraus. Er sollte Recht behalten. Noch immer hat weder einer der alten Riesen Nokia, Sony Ericsson oder Motorola noch ein asiatischen Tiger wie Samsung, LG oder HTC es geschafft, ein Telefon zu designen, das die schlichte Eleganz, die elegante Bedienung und die spielerische Funktionalität des Apple-Meilensteins erreichte. Das "Time-Magazin" wählte das Gerät zur "Die Erfindung des Jahres". Das iPhone wurde zum Schrittmacher des mobilen Internets für jedermann, der Wegbereiter für künftige Milliardengewinne der Telekommunikationskonzerne. Mit seinem ersten Handy stellte Apple den Handymarkt völlig auf den Kopf.
Ähnliches gilt für die Erfolgsgeschichte des iPod. Wie die Hunnen einst nach Europa preschte Apple in das angestammte Revier alter Platzhirsche wie Sony, Erfinder des legendären "Walkman". Binnen weniger Jahre schafften es die Appleianer ihren iPod als alleinigen Gott im Olymp der mp3-Player zu etablieren. Der iPod ist zum Synonym für das Wort "mobiles Musikabspielgerät" geworden wie einst in den Achtzigern Sonys "Walkman". Die Japaner beherrschten zwanzig Jahre den Markt für mobile Musikplayer. Doch während Sony um die Jahrtausendwende herum den Trend, das Musik zunehmend weniger an Datenträger gebunden sein wird, glatt verschlief, witterte Apple seine Chance und brachte einen Musikplayer heraus, der die längst bekannte mp3-Technologie mit einer leichten Bedienung und einem wertigen Äußeren kombinierte. Man ging sogar noch weiter und schuf - und das Wort ist wörtlich zu nehmen - einen legalen und profitablen Markt für Musik aus dem Internet. Heute hat Apples virtueller Musikladen iTunes etwa 70 Prozent Marktanteil an legalen Musikdownloads im Web. Ein Milliardengeschäft, das praktisch kaum Kosten kennt, da Apple außer Bandbreite und Vertriebsinfrastruktur nichts weiter benötigt, um die gesamten Musikmarkt der Welt zu erreichen. Von 99 Cent, die ein iTunes-Song üblicherweise kostet, fließen ein knappes Drittel in Richtung Cubertino, Silicon Valley. Für einen Zwischenhändler, der weder Künstler castet, produziert noch promotet, ist das gar nicht mal schlecht. iTunes ist der Zuhälter im Apple-"All Star Team", dessen Kernprodukt iMac im Glanze der kleinen Brüder iPhone und iPod ebenfalls ein grandioses Comeback feierte und die auch im wesentlich hitziger umkämpften Computermarkt derzeit Maßstäbe definieren.
In den Märkten Computer, Telefone, Musikplayer und Musikvertrieb sind Apples Produkte derzeit der state of the art. Ergo: Wenn derzeit überhaupt einem Unternehmen die Übernahme eines eigentlich branchenfernen Markt zuzutrauen ist, dann ist es Apple.
Warum sollten die Kalifornier nicht auch den E-Reader-Markt aus dem Nichts überrollen? Wird in fünf Jahren sich vielleicht niemand mehr an Amazons "Kindle" erinnern? Werden wir dann unsere Bücher über den iSlate wie Apples jüngstes Kind Gerüchten nach heißen soll, lesen? Unsere Lektüre vielleicht bei iBooks kaufen? Für 9,95 Euro in den ersten 90 Tagen nach Erscheinen und 5,95 Euro danach? Werden wir unseren Kindern vielleicht mal im hellen Schein unseres E-Readers "Hänsel & Gretel" vorlesen, den wir dann schon ganz selbstverständlich iSlate oder so ähnlich nennen werden? Angeblich kann das Gerät auch als mobile Schreibmaschine benutzt werden. Zusammen mit der Lektüre-Funktion wäre das doch auch ideal für schulische Zwecke. Statt schwerer Schulranzen mit teuren, gedruckten Schulbüchern und regenwaldvernichtenden Schreibblöcken, hätten unsere Kleinen dann nur noch ihren iSlate, der in einer kindgerechten Version mit deaktiviertem Internet und Farben im Windows XP-Look dann vielleicht MySlate heißen wird.
Kind, hast du schon deine iSlates für morgen gemacht? - Ja, Mama, ich schick sie gleich dem Lehrer. - Gut. Und vergiss nicht deine Festplatte aufzuräumen! Das nächste Mal kannst du selber mit dem Virenscanner durchgehen... - Ja, Mama, ich mach den Desktop sauber."
Gut möglich, dass wir solche Sätze mal zu unseren Kindern sagen werden.
Noch interessanter dürften das neue Spielzeuge aber werden, wenn Apple wie spekuliert mit Buch-, Zeitschriften-, und Tageszeitungsverlagen zusammenarbeiten wird. Der zu erwartende Umsatz könnte alle anderen Apple-Geschäftsfelder noch in den Schatten stellen. Bücher, Zeitschriften und Zeitungen könnten wie heute Musik über eine von Apple betriebene Plattform vertrieben werden. Immer samstags um 0 Uhr würde dann das Spiegel-Abo auf unseren Reader flattern. Jeden morgen um fünf Uhr läge die Süddeutsche Zeitung vor unserer digitalen Haustür.
Zeitschriften- und Tageszeitungsverlage könnten über ein mobiles, elegant zu bedienendes Gerät ihre Abonnements verkaufen. Endlich würde die sehenden Auges in ihr Unglück gerannte Printbranche Geld mit ihren im Internet verramschten Texten verdienen. Steve Jobs könnte zum Moses der sich in der Wüste Sinai verirrten Verlage werden und sie nach Hause führen ins Land in dem Milch und Honig fließen, ins Land der Gewinne und Profite wie zu besten Printtagen. Vermutlich hätte Steve "Moses" Jobs nicht mal zehn, sondern nur ein einziges Gebot: Du sollst mir zahlen ein Drittel deines Erlöses!
Noch frontaler dürfte Apples Angriff auf die einzige Medienbranche werden, an der das Kelch der Digitalisierung bislang noch vorbeigegangen ist: den Buchverlagen, den guten, alten Riesen, die bislang das fast exklusive Privileg besassen, das Wissen der Menschheit zu drucken, zu bewerben und Geld dafür zu verlangen. Von diesem Markt werden sich Apple oder Amazon ein gutes Stück einverleiben wollen und den Verlagen möglicherweise ein ähnliches Schicksal bescheren wie der iTunes Store den einst so stolzen Plattenfirmen. Sie werden zu Abhängigen, zu Verzweifelten, die jeden Krumen aufheben, den Apple oder Amazon beim Verzehr des Musikmarktes fallen lassen.
Verlage werden für den Vertrieb vielleicht noch überflüssiger werden als es heute schon die Plattenfirmen sind. Die Dienste beschränkten sich auf Casting talentierter Autoren, Lektorat ihrer Texte und ein bißchen Promo drumrum. Vielleicht müssten Schriftsteller gar keinen Verlag mehr von sich überzeugen, um Ihre Erstlinge zu veröffentlichen. Ihr Verlag wäre der IT-Konzern Apple, ihr Verleger hieße Steve Jobs. Da der digitale Vertrieb keine Material,-Personal oder Ladenmietkosten kennt, ist das Risiko unbekannte, aber talentierte Autoren zu verlegen praktisch Null. Was MySpace für Musiker, Flickr für Fotographen, Youtube für Selbstdarsteller und Blogs für Autoren, könnte iBooks oder wie auch immer für Schriftsteller werden: Ein demokratisches Konstrukt, in dem Karrieren vom Tagebuchschreiber zum gefeierten Bestsellerautor möglich wären. Bücher könnten außerdem nur noch einen Bruchteil kosten.
Und dass bei mehr Komfort und Multimedia-Eigenschaften...
Würde man beispielsweise einen Bildband über Indien kaufen, so wären die Farbbilder ruckelfrei zoombar, mit einem Fingerstreich á la iPhone würde man die Seiten umblättern. Lesen im Dunkeln? Kein Problem dank des hellen Bildschirms! Bilder und Texte könnten mit Videos garniert werden, die den Leser in Ich-Perspektive über einen Markt in Bombay schlendern lassen, während indische Musik die Lektüre der Bilder und Texte dezent begleitet wie sie bei Krimis an bestimmten Stellen für Spannung sorgen könnte. Die Bilder unseres Indienbuches könnten wir gebündelt als Slightshow anzeigen lassen, passend mit Musik untermalt und über einen passenden Anschluss auch für den 50 Zoll-Fernseher im Wohnzimmer geeignet. Vielleicht wird auch noch ein Bollywoodfilm als Zugabe beigelegt, denn selbstredend wäre das Display brilliant genug, um auch DVDs oder gar Blue Rays abspielen zu können. Und bei allem würde Apple kräftig die Hand aufhalten.
Wir werden den guten, alten Büchern nicht hinterher trauern müsssen, den sie werden wohl weiter existieren. Die Digitalisierung wird schleichend voran gehen. Step by Step. Google Books wäre ihr Katalysator. Und in dreissig Jahren werden wir gedruckte Bücher vielleicht nur noch zu bestimmten Anlässen kaufen. Zu besonderen Anlässen wie Weihnachten. Dann könnte es heißen:
Wow! Du hast mir ein gedrucktes Buch geschenkt! Wo hat du dass denn her? - Ach, hab' ich in einem Antiquitätenladen gekauft.
(aba)
In eigener Sache: Winter vorbei
::Von Tobias Jochheim
am 20.01.2010 um 16:14 Uhr
Ein Kollege aus dem Privatradio hat die beneidenswerte Fähigkeit, zwei oder mehr vollkommen voneinander unabhängige Themenfelder mit einem simplen "Und da sind wir auch schon beim Thema..." miteinander zu verbinden, ach was, zu verweben und verquicken, dass es eine wahre Freude ist.
Dieser Mann hat die Zeichen der Zeit erkannt. In dieser Kreativität liegt die Zukunft des Journalismus, diese Transferleistungen sind es doch, die uns von stupiden Nachrichtenaggregatoren unterscheiden. Zudem gilt: Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen. Anders gesagt: Wer nicht immer noch einen Pfeil im Köcher hat, kriegt die Kuh nicht vom Eis und kann sich schon gar nicht ruhigen Gewissens gut aufgestellt sehen. Daher möchte ich mich entsprechend weiterbilden und erkläre hiermit den Zusammenhang zwischen österreichischen Schafen, dem vorübergehenden Update-Mangel auf unserer Seite und den neuen Ressortnamen. Im Web 2.0, vor den kritischen Augen aller - frei nach dem Motto: If you can't take the heat, stay out of the kitchen.
Dabei hilft, dass redaktionsintern explizit die Parole ausgegeben wurde, auf niedrigerem Niveau zu bloggen, damit der Sozialdarwinismus nicht zum völligen Verwaisen des Blogs führt. Schließlich käme irgendwann unweigerlich der Tag, an dem der beste MeMo-Schreiber die Tiefe, Länge, Süffigkeit und Klasse seines letzten Blogposts nicht mehr übertreffen kann. Dann könnten wir uns nur noch von Frank Schirrmacher feiern lassen dafür, dass wir angenehme Stille verbreiten. (Anm. d. Red.: Hier steht absichtlich kein Link. Wer "Payback" nicht kennt, gehört nun wirklich nicht in unsere werberelevante Zielgruppe. Sorry.)
Schließlich sind wir ja nicht im Sportjournalismus, wo man gern mal so festen Regeln folgt, dass eine mit den relevanten Daten gefütterte Software ohne menschliches Zutun Artikel schreibt. Dass die Ergebnisse dieses Projekts New York Times-Kolumnist David Carr zumindest gewissen Respekt abnötigen, gibt meiner Theorie im übrigen den letzten existenzialistischen Touch: Wer Journalist sein will und nicht so hanebüchene Zusammenhänge konstruieren kann, dass keine Software der Welt ein System dahinter entdecken kann, dessen Job-Aussichten tendieren gegen null.
Als - wenn auch engagierter - Anfänger auf diesem Gebiet kann ich zu den ereignisarmen Wintermonaten und der neuen Ressortstruktur unserer Seite leider nur mit einer sehr kurzen Ereigniskette aufwarten, der noch dazu eine geradezu bestechend offensichtliche Kausalität innewohnt:
1. Ein meinem laienhaften Verständnis nach sinniges Experiment, das die Versorgung von Lawinenopfern verbessern helfen sollte, wird am 14. Januar abgebrochen. Zugegeben: Das österreichische Schwein an sich kann sich sicher schöneres vorstellen, als ganz oder bis im Kopf eingegraben im Schnee zu erfrieren. Meinem Werteverständnis nach ist der Tod (narkotisierter) Schweine, um den Tod (nicht narkotisierter) Menschen verhindern zu helfen, allerdings ein Preis, den man ruhigen Gewissens zahlen kann, wenn nicht zahlen sollte. "Skandalös", wie es aus dem Blätterwald schallt, ist meiner Ansicht nach weniger das Experiment als vielmehr sein medial befeuerter Abbruch. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden. Weiter in der Ereigniskette:
2. Am Abend des 16. Januar motte ich mein Snowboard ein. Dass meine Angst vor Lawinen dabei keine Rolle gespielt hat, ist nicht zu verifzieren. Dabei fällt mir auf, dass es unlogisch ist, weiter im Winterschlaf zu verharren, wenn der Winter ohnehin vorüber ist. In der nächsten Redaktionskonferenz stößt dieser Vorstoß auf breite Zustimmung: Die neuesten Artikel auf der Seite müssen nicht von Oktober und November sein. Und das beste: Wir selbst können etwas daran ändern! (Minimalkonsens: Spätestens im Frühling, denn nach etwa 6 Monaten ohne Updates, so wird gemunkelt, würde uns der Untertitel "Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus" behördlich entzogen.)
Den Vorwurf, unsere Projekt-Redaktion hätte seit Semesterbeginn Mitte Oktober nichts geleistet, weise ich hiermit nichtsdestotrotz entschieden zurück. Eines der Ergebnisse der frühmorgendlichen Konferenzen ist aufgrund seiner physischen Manifestierung sogar zweifelsfrei nachweisbar: MeMo hat eine neue Ressort-Einteilung. Statt feuilletonistischer Vielfalt von der "Meta-Ebene" über die "Vogelperspektive" bis zur "Innenansicht" regiert die neue Nüchternheit:
Köpfe & Karrieren. Trends & Technik. Kritik & Kurioses. Mit Kaufmanns-Und. Die Zeiten sind hart. An dieser Stelle wäre ein "Und da sind wir auch schon beim Thema..." fraglos angebracht, aber hierzu kann nun wirklich jede Software etwas Brauchbares zusammenstricken, selbst solche aus der "Goldenen Serie" im Wühlregal. Verdammt, sogar die Amerikaner jammern über die harten Zeiten! Relevante Schlagwörter zum Abstract "Harte Zeiten in der Medienbranche" sind: Internet, Kleinanzeigen, Leserschwund und - allgemein zu wenig beachtet - fachfremde Verleger und Unternehmensberatungen. Viel Spaß beim Basteln!
Wer sich trotzdem weiter für Medienjournalismus interessiert, der lese weiter fleißig bei Niggemeier, Jeff Jarvis und Co. nach. Und ab jetzt auch wieder hier.
Mit Diätplan gegen den Magerwahn
::Von Barbara Wege
am 04.01.2010 um 12:07 Uhr
Da ist sie nun also, die angekündigte Revolution auf dem Zeitschriftenmarkt: Die erste Brigitte ohne Models. Natürliche Schönheiten von der Straße statt Hungerhaken vom Laufsteg - das ist wirklich eine hübsche Idee. Die Umsetzung dieses charmanten Gedankens auf dem Premieren-Cover allerdings, die ist, sagen wir: diskussionswürdig.
Christina Richter, 21, aus Kiel ist auffallend schön. Die blau-weiße Bluse lässig über das Triangel-Top geworfen und das hellbraune Haar zum ganz und gar unakkuraten Zopf zusammengefasst, lehnt das Covermädchen an der Wand, und lächelt unaufgeregt in die Kamera. Großartig, ein Person gewordener Kontrapunkt zum Magerwahn, möchte man meinen. Wäre die junge Dame auf der Titelseite der Januar-Brigitte nur nicht von gleich zwei Seiten vom Wort Diät eingekesselt. Ja, da lohnt es, zweimal hinschauen, auf dass man es glaubt: Die Brigitte hat für ihre erste Ausgabe ohne Models das Abnehmen zum Titelthema gemacht. Und da reicht es natürlich nicht, wenn auf Christinas Dekolleté das Wort Diät prangt. Nein, auf der oberen Seitenhälfte findet auch noch der Hinweis auf die "Große Kalorien-, Fett- und Energiedichte-Tabelle" ihren Platz.
Die Redaktion hat das Thema Abnehmen in dieser Ausgabe selbstverständlich ganz bewusst gesetzt, erfährt Leserin im Editorial: Die Brigitte-Diät habe ja mitnichten etwas mit Schlankheitswahn zu tun. Nein, nein, nein: Ein paar überflüssige Pfunde loszuwerden, diene vielmehr der Gesundheit.
Naja. Natürlich ist die durchschnittliche Dame auf Brigitte-Diät nicht magersüchtig, sondern kämpft gegen den Weihnachtsspeck. Ein Geschmäckle hat das Ganze trotzdem. Eine Brigitte ohne Models verkörpert den ehrenhaften Aufruf an Frauen, ihren Alltag nicht mehr vom Wunsch nach einem perfekten Körper dominieren zu lassen - und dann gibt es im gleichen Heft die "Große Kalorien-, Fett- und Energiedichte-Tabelle" für die Handtasche. Frau flaniert also heute selbstbewusst mit ihrem überaus normalen Körper durch die Gassen. Aber die Kalorientabelle hat sie schon immer griffbereit.
Genug damit. Das Heftinhalt macht viel wieder gut: Eine Modestrecke mit Gastronomin Franca aus Sankt Pauli, der faltig-markanten Schriftstellerin Didda aus Reykjavik und Lehrerin Sibylle aus Hamburg. Das sind nicht nur schöne Bilder - auch die typischen Modestreckentexte, die sonst oft etwas ungelenk um die Klamottenbeschreibungen flattern, werden hier aufgewertet. Wir erfahren, was den Alltag von Sibylle und Franca ausmacht, was die Tattoos auf Diddas Armen bedeuten. Das schafft Authentizität und Identifikation. Wunderbar in diesem Kontext auch: Eine Fotostrecke mit Frauen, die ihre Hände nicht nur zeigen, sondern auch erklären.
Wer in der Brigitte allerdings wirklich kräftige Frauen sehen wollte, der wird enttäuscht. Die molligsten sind noch in der Dove-Werbestrecke auf den ersten Seiten zu finden. Die Brigitte-Laien-Models sind alle eher schlank - aber nicht frei von kleinen Problemzonen. Guiseppa, die Rezeptionistin von Seite 57 zum Beispiel, überzeugt mit ihrem anmutigen Gesicht, aber auch mit ihrem Bäuchlein, das sich schüchtern auf dem roten Kleid abzeichnet.
Karl Lagerfeld kann also ganz beruhigt sein. Der Modezar hatte die Diskussion um Magermodels im Focus unlängst als "absurd" deklariert und sich über "dicke Muttis" echauffiert, die mit Chipstüte vorm Fernseher säßen und auf dünne Models schimpften. Wahrscheinlich fürchtete er schon, ihm sprängen in der neuen Brigitte eine Horde moppeliger Mädels im Hausanzug "Kuschel-Wuschel" entgegen. Mitnichten: Das Heft animiert höchstens die ein oder andere, sich mal ein wenig zu entspannen - vorausgesetzt es gelingt in einem Akt der Selbstbestimmtheit, die Kalorientabelle zum Herausnehmen nicht herauszunehmen. Die Revolution mit Paukenschlag sieht anders aus. Aber ein Schritt in die richtige Richtung, das ist die neue Brigitte. Ich freue mich, auf die nächste Ausgabe.
Schöngeist sucht nach Fakten
::Von Barbara Wege
am 25.12.2009 um 11:08 Uhr
Ein Jahr geht zu Ende und das Personalkarusell in deutschen Medienhäusern dreht sich auf wundersam spannende Weise. Lange schon ist bekannt, dass Journalisten, sind sie einmal in den Olymp der Chefredakteurs-Riege aufgestiegen, zu Allroundern avancieren: Die heutige Leiterin eines Modeblatts kann morgen an der Spitze einer Bauzeitschrift stehen und der amtierende Chef einer Computerzeitschrift schon bald ein entzückendes Editorial über Hochzeitskleider zu Papier bringen. Und dennoch: Die Personalien Naumann, Reitz und Weimer dürfen überraschen.
Michael Naumann steht künftig an der Spitze des "Cicero". Das Politmagazin bekommt damit einen sozialdemokratischen Chef. Der bisherige Herausgeber der Zeit will das Heft "pluralistischer machen". Das klingt wunderbar, könnte das Magazin doch so im Kreise sozialliberaler Poltikinteressierter Leser hinzugewinnen. Doch dabei darf nicht in den Hintergrund rücken: Der Cicero ist konservativ und elitär. Wer ihn liest und die Inhalte versteht, gewinnnt das Gefühl dazuzugehören. Dieses Erfolgrezept hat dem Magazin in den vergangenen Jahren steigende Abozahlen beschert. Öffnung für neue Leserschaften bei gleichzeitiger Beibehaltung der charakteristischen konservativen Prägung - eine Aufgabe, die Fingerspitzengefühl verlangt.
Naumanns Vorgänger beim Cicero, Wolfram Weimer, führt künftig den Focus. Damit erreicht der einstige Welt-Chefredakteur bald wieder eine breitere Leserschaft. Und dennoch, ein mächtiger Schritt: Von der tiefschürfenden politischen Analyse in geschliffenster Sprache für einen elitären, konservativen Leserkreis hin zu "Fakten, Fakten, Fakten". Wenn es aber Weimer gelingt eine Synthese aus beidem im Burda-Haus zu etablieren, könnte das dem Focus nach seinem Relaunch zu neuem Glanz verhelfen. Ist einem dieser Coup zuzutrauen, dann Weimer.
Und schließlich: Ulrich Reitz. Der Chefredakteur der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung und Leiter des Essener Content Desks steht nun auch an der Spitze des Internetauftritts der WAZ-Mediengruppe derwesten.de. Dem 49-Jährigen wird wenig Netzaffinität nachgesagt. Schon mehren sich die Befürchtungen, Reitz könnte einen neuen Weg einschlagen, weg vom Web-2.0.-Portal, das die einstige Chefredakteurin Katharina Borchert geprägt hat. In der Tat wäre eine solche Kehrtwende wohl wenig ratsam ob all der Ressourcen, die derWesten in den vergangenen Jahren in den Aufbau und die Pflege einer Community im Netz gesteckt hat. Doch womöglich gelingt es gerade Reitz als gleichzeitigem WAZ-Chefredakteur, die Identität von derWesten zu erhalten und die Zeitungstitel besser an das Internetportal anzubinden. Es bleibt spannend. Auf ein gutes Medienjahr 2010.
Der Niedergang des Fernsehens
::Von Agnes Absalon
am 16.12.2009 um 16:56 Uhr
Winterzeit ist Erkältungszeit - und es gibt kaum einen Menschen, der in den nächsten Wochen und Monaten von den umherfliegenden Viren und Bakterien verschont bleibt. Jetzt hat es auch mich erwischt. Ich liege darnieder zu Hause auf meiner Couch, mein Kopf schmerzt, meine Glieder auch, und meine Nase läuft ununterbrochen. Eigentlich würde ich gerne ein gutes Buch lesen, aber es geht nicht. Die Buchstaben verschwimmen vor meine Augen. Deshalb bin ich auf Gedeih und Verderb dem Fernseher ausgeliefert, um mich zumindest ein bisschen bespaßen zu lassen.
Doch der Fernseher ist zum Folterinstrument verkommen. Nach dem Morgenmagazin von ZDF und ARD gibt es nichts, aber auch wirklich gar nichts, was sich ein einigermaßen anspruchsvoller Mensch anschauen kann. Das musste ich die letzten Tage erschrocken feststellen. Natürlich habe auch ich vom sogenannten Unterschichtenfernsehen gehört, aber das Ausmaß des Niedergangs war mir vorher nicht bewusst. Von morgens bis abends dominieren billig produzierte, völlig dämliche Formate das Programm.
Die früher so heiß diskutierten Soaps und Telenovelas haben sich auf den privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern fest etabliert und scheinen gesellschaftsfähig geworden zu sein. "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" und "Unter Uns" begleiten die Deutschen ja bereits seit gefühlten 10.000 Folgen, sie haben aber im Laufe der Jahre noch Gesellschaft bekommen: "Rote Rosen", "Sturm der Liebe" (ARD), "Alisa - Folge deinem Herzen" (ZDF), "Alles, was zählt" (RTL), "Eine wie keine" und "Anna und die Liebe" (Sat1) sind nur einige gruselige Beispiele. Viele Stunden am Tag kann der TV-Dauer-Konsument die kitschigen Irrungen und Wirrungen im Leben der Soap-Figuren verfolgen, die auch nach jahrelangem Dasein in ihrer heilen Welt kein bisschen an Tiefe dazugewonnen haben.
Die Talk-Show scheint dagegen so langsam ausgestorben zu sein. Nur Britt sponsert auf Sat1 ihren Gästen weiterhin kostenlose Vaterschafts- und Lügendetektortests. Und immer geht es darum, wer mit wem wo Geschlechtsverkehr hatte. Die Titel der einzelnen Sendungen, die um 13 Uhr ausgestrahlt werden - einer Zeit, zu der Grundschulkinder nach Hause kommen - verbergen das nicht: "Sextourist - in welchen Betten warst Du noch?", "Britt deckt auf: Dreiste Liebesdiebe" oder "Anzügliche Sexspuren: Heute wirst Du überführt!" sind Beispiele nur einer Woche.
Doch mittlerweile hat sich eine neue Art von Format etabliert: die Doku-Soap. Wikipedia beschreibt diese Errungenschaft der Verblödungsindustrie treffend als "eine in Serie ausgestrahlte Hörfunk- bzw. Fernsehdokumentation, die durch die Verwendung von Elementen der Soap-Opera ein breiteres Publikum erreichen soll. Dabei wird nicht versucht, dem Hörer bzw. Zuschauer einen außergewöhnlichen Fakt näher zu bringen, sondern eine ihm unbekannte, aber alltägliche Situation". Es geht um Eltern, die Kinder bekommen ("Mein Baby", RTL) und sie dann nicht erziehen können ("Die Super-Nanny", RTL), um Tiere in Zoos ("Elefant, Tiger & Co.", ARD) und Polizisten, die auf Streife gehen ("Achtung Kontrolle!", Kabel Eins). Oder einfach nur um Menschen, die gar nichts tun, Probleme haben und nicht klar kommen ("Mitten im Leben", RTL).
Hat denn noch niemand erkannt, wie LANGEWEILIG, zum Sterben langweilig das Leben anderer Menschen ist? Keiner will wissen, dass Stefanie drei Männer zum Glücklich-Sein braucht oder dass Janine die Haushaltskasse aufbessert, indem sie Gogo-Tanzen geht.
TV ist endgültig tot. Das ist meine neueste Erkenntnis. Doch zum Glück gibt es die Videothek um die Ecke und Hörbücher zum Herunterladen. Sie werden mir die nächsten Tage die Zeit vertreiben. Denn auch ein kranker Mensch kann sich derartigen Blödsinn nicht antun. Er gefährdet die Genesung.
Bis(s) zum Erbrechen
::Von Maike Freund
am 08.12.2009 um 21:06 UhrWann wart ihr das letzte Mal in einer Nachmittagsvorstellung im Kino?. Bei mir ist das gefühlte zweihundertvierunddreißig Jahre her. Mindestens. Aber was soll´s. Wer sich wie ich "New Moon", den zweiten Teil der Twilight-Saga (im Deutschen "Bis(s) zur Mittagsstunde") anschaut und nicht mehr zwölfeinhalb ist, voll pubertierend und knallrot anläuft, nur weil sich zwei küssen, müsste sich eigentlich schämen. Also tue ich einfach so, als wäre mein Interesse rein beruflich, immerhin gab es in diesem Jahr keinen anderen Film, um den so viel Wirbel gemacht, dem so entgegengefiebert wurde. Nicht mal der sechste Harry Potter hat es da hin geschafft.
Also, da sitze ich nun. Und zugegeben - ich bin rot angelaufen. Allerdings vor Fremdscham. Denn gegen die Verfilmung des zweiten Teils von Bella und Edwards Liebesgeschichte, der Liebe zwischen Menschenmädchen und Vampirjunge, sind Rosamunde-Pilcher-Schinken hochliterarisch. Beispiel gefällig? Edward: "So leicht hast du mir abgenommen, dass ich dich nicht mehr liebe." Bella: "Es war so leicht zu glauben, weil ich nur ein Mensch bin, und du so perfekt." Edward: "Du bist mein Leben. Ohne dich will ich nie mehr sein." Hilfe!
Noch mehr? Kein Problem. Edward und Bella auf dem Weg zu den Volturi, den super gemeinen Ober-Vampiren, die die beiden quälen und töten wollen. Edward: "Bella, hast du Angst?" Bella: "Nein." Edward: "Ich auch nicht." Ende des Dialogs. Soll das wirklich alles sein? Der Höhepunkt des Spannungsbogens?
Bitte. Ich wollte den Film ja so wieso nicht wegen der Dialoge sehen. Sondern? Klar: wegen Edward, Schmuckelchen Robert Pattinson. Jetzt ist es also raus. Peinlich, peinlich. Und hiermit gestehe ich: Nachdem ich den Film gesehen habe, schäme ich mich wirklich. Meine Güte, was ist der Junge leidend. Immerzu schmachtet er, jammert er, legt die Stirn besorgt in Falten und trägt dabei so viel gruselige weiße Schminke im Gesicht und Lippenstift auf den Lippen, wie manche Frau. Welche Frau bitte steht auf so einen Waschlappen? Ich kann da nur sagen: nein, danke.
Immerhin bleibt noch jede Menge nackte Haut, um den Film rauszureißen. Und damit zurück zur nachmittäglichen Kinovorstellung. Ich hatte nicht mit solch einem Publikum gerechnet: Cinedom, Köln, Kino vier, knapp 600 Plätze, fast alle belegt mit pubertierenden Mädels - und mir. Und während ich noch dachte, ich müsste meiner Sitznachbarin wegen der schmalzigen Dialoge gepflegt auf den Schoß kotzen, entwickelte sich das Ganze zum Kabarett: Jacob, seines Zeichens Wehrwolf, rennt nur noch ohne T-Shirt - perfekt durchtrainiert, Mädels - diese Bauchmuskeln, einfach nur lecker! - durchs Bild, und wann immer er zu sehen ist, läuft ein Raunen durch die Zuschauerreihen: Die Mädels klatschen, kichern, seufzen, kreischen, flüstern. Da Jacob ab dem zweiten Drittel des Films nur noch oben ohne rumläuft, hört sich die Geräusch-Kulisse eher so an, als wäre ich auf einem Tokio-Hotel-Konzert gelandet und nicht im Kino. Praktischerweise läuft auch Edward (Vampir) im letzten Drittel des Filmes ohne Hemd durch den Film - allerdings ist der nicht halb so lecker. Wenigstens gibt es was zu gucken. Zwar nur für uns Mädels, aber es gibt eh keine Kerle, die sich diesen Film freiwillig anschauen würden.
Und als am Ende - nach guter Schnulz-Manie - alles gut ausgeht und Edward und Bella sich küssen, da klatscht und johlt dieses hinreißende Publikum: Katharsis im aristotelischen Sinne. Nur irgendwie anders: "Heirate mich", letzter Satz, schwarze Leinwand, Abspann. Das ganze Vergnügen. Zu Ende. Zum Glück. Bis zum nächsten Teil.
Werbelyrik und dreiste Lügen
::Von Agnes Absalon
am 26.11.2009 um 20:33 Uhr
Ich bin leicht verführbar, ich gebe es zu. Sobald ich irgendwo ein neues Produkt entdecke, will ich es haben. Sehr experimentierfreudig bin ich bei Nahrungsmitteln - und kaufe zum Beispiel willenlos spannende Joghurt-Kreationen. Ich werde nicht immer zum Stammkunden, aber probieren muss sein. Ausgenommen sind da nur solche Grusel-Schocker wie Toasty, das Toaster-Schnitzel.
Ich falle auch häufig unbewusst auf all die süßen Versprechungen aus der Werbung herein: "Schmeckt joghurt-leicht" (Yogurette von Ferrero), "Aktiviert Abwehrkräfte" (Actimel von Danone) oder "Kochen auf die leichte Art" (Rama Cremefine von Unilever) - das spricht das Kind in mir an. Denn die Message ist klar: "Das Leben kann so einfach sein, du musst nur dieses Produkt kaufen." Aber tief in meinem Inneren wusste ich schon immer, dass ich belogen werde. Klar. Denn noch nicht einmal ich bin naiv genug zu glauben, dass es so etwas wie rechtsdrehende Bakterienkulturen gibt, die das Immunsystem auf Trab bringen. Genauso wenig gehe ich davon aus, dass lila Kühe von grünen Almen die Milch für Milka-Schokolade liefern. Und letztens wurden mir endgültig die Augen geöffnet: Ich stieß auf die Internetseite www.abgespeist.de des Vereins Foodwatch. Hier werden dreiste Werbelügen aufgedeckt. Denn ob Süßigkeiten, Getränke oder Tütensuppen - nirgends ist drin, was draufsteht. Wir werden hemmungslos angeschmiert.
Da gibt es zum Beispiel diesen besonders rührenden Spot: Tennis-Ikone Steffi Graf tischt ihren Werbe-Kindern nach einem wunderschönen Tag in der Sonne Spaghetti mit Bertolli-Pesto auf. Ob sie weiß, dass darin statt Pinienkernen und feinstem Olivenöl - wie auf der Verpackung weiß auf grün geschrieben - hauptsächlich nicht näher benanntes Pflanzenöl und Cashewnüsse verarbeitet wurden? Und dass die versprochenen Zutaten nur in Alibimengen von 2 bis 2,5 Prozent enthalten sind? Wahrscheinlich nicht, sonst würde sie das Zeug in den Mülleimer verfrachten und ihre 2,50 Euro zurückverlangen. Natürlich geht niemand davon aus, dass das Unternehmen Bertolli kleine Manufakturen in Italien unterhält, in denen echte Mammas das Pesto rühren. Aber so ein Schummel muss doch auch nicht sein.
Eine Frechheit ist auch der Corny-"Müsli"-Riegel - beworben von TV-Moderator Johannes B. Kerner: Der Lebensmittelkonzern Schwartau verspricht "das Beste aus dem Korn" und schmückt die Verpackung mit Bildern von goldenen Getreideähren, glänzendem Hönig und appetitlicher Schokolade. Der Inhalt ist allerdings eher ekelerregend: Im Schokobett liegen vor allem in Form gepresste Mehlbällchen. Das echte Getreide ist in der Minderheit - mit läppischen zehn Prozent.
Diese beiden Beispiele sind nur die Spitze des Eisbergs. Die Abgespeist-Liste ist lang und bestimmt auch noch nicht fertig. Auf der Internetseite können Verbraucher neue Produkte melden, einen Newsletter abonnieren und die Lebensmittelhersteller mit empörten - bei Bedarf vorformulierten - E-Mails bombardieren.
Es wird Zeit, dass sich etwas ändert - der Nahrungsstreik muss beginnen! Und auch eine Gesetzesänderung muss her. Der Gesetzgeber sollte solche Mogelpackungen einfach verbieten. Für die Gesundheit des deutschen Volkes.
P.S. Der Goldene Windbeutel 2009, der Preis für die dreisteste Werbelüge des Jahres, ging übrigens an Actimel von Danone... Wusste ich es doch, dass der Wetter-Kachelmann lügt.
