Propaganda im Briefkasten
::Von Agnes Absalon
am 08.05.2010 um 12:07 Uhr
Kürzlich habe ich ein paar Freunde in Köln besucht. Als wir uns gemütlich auf die Couch gepflanzt hatten, entdeckte ich eine schmale Zeitung auf dem Tisch. "Jetzt reicht’s!" prangte auf der Titelseite. Eine weiße Faust auf rotem Hintergrund. Direkt daneben fiel mir auch schon der Herausgeber ins Auge: NPD - Die Nationalen. Die Titelgeschichte: "Verdrängt uns der Islam? Die NPD ist dagegen - unterstützen Sie uns!" "Dieser Mist lag heute Morgen bei uns im Briefkasten", sagte Paul. Den Impuls, sofort die Streichhölzer aus der Handtasche zu holen und ein kleines Feuer auf dem Balkon zu entfachen, unterdrückte ich erfolgreich. Das war Propaganda pur. Das musste ich mir genauer ansehen.
Und tatsächlich. Was sich mir da auf vier Seiten bot, war einfach unglaublich: Vereinfachung und Verzerrung von Fakten unter dem Deckmantel des Journalismus - und das gar nicht schlecht gemacht. Denn das Layout des Wahlkampf-Blättchens ist durchaus ansprechend, große Fotos prägen die Seiten, die Beiträge sind dagegen sehr kurz. Jede Seite besteht aus mehreren Elementen: Aufmacher, Aufsetzer, Meldungen und immer wieder der Aufruf "Am 9. Mai NPD wählen!". Auf der Seite 1 werden professionell die Themen angerissen: "Spitzenkandidat: Claus Cremer im Gespräch über Alternativen für NRW", "Afghanistan: Holt unsere Jungs zurück!", "Gesundheits-‚Reform‘: Benachteiligung mit System", "Skandal: Bundesagentur für ‚Arbeit‘ will Kindergelderhöhung von Hartz-IV-Empfängern zurück" und "Unsere Kinder in Gefahr: Todesstrafe für Kindermörder!".
Bereits hier fallen zwei Dinge auf: Die NPD greift aktuelle kontroverse Themen wie Kindesmissbrauch und Afghanistaneinsatz auf und hat eine große Affinität zu Anführungszeichen. Damit distanziert sie sich von den medienüblichen Begriffen und positioniert sich gleichzeitig eindeutig. Denn für eine Partei, die sich zum Beispiel gegen "die Überfremdung bzw. Islamisierung unseres Landes" einsetzt, sind Begriffe wie Integration und Migrationshintergrund Pfui-Wöter, die man sich nicht zu eigen machen will.
Beim Lesen war ich zwischen Abscheu, Fassungslosigkeit und Belustigung hin und her gerissen. Jeder einzelne Artikel (ich bin wirklich versucht, das Wort in Anführungszeichen zu setzen) ist ein Beispiel für hemmungslose Faktenmanipulation durch Vereinfachung, Pauschalisierung und Übertreibung. Im Aufmacher auf Seite 1 zum Thema "Verdrängt uns der Islam?" werden "für sich sprechende Fakten" zitiert: Namenlose Sozialwissenschaftler und Islam-Experten wüssten, was Deutschland in den kommenden Jahren drohe: "Aus heute noch deutschen Mehrheiten werden dann deutsche Minderheiten." Und: "Der Islam ist eine intolerante, aggressive Religion. Einmal zur Macht gelangt, können Unterworfene froh sein, wenn sie mit dem Leben davonkommen." Aber zum Glück haben wir die NPD: Denn nur sie "steht dafür ein, daß Deutschland auch in Zukunft deutsch bleibt und der Islam nicht demnächst zur Staatsreligion wird." Wie sie dafür sorgen will, lässt sie an dieser Stelle offen. Sie stellt aber klar: "Das hat nichts mit ‚Rassismus‘ oder ‚Ausländerfeindlichkeit‘ zu tun". Wahrscheinlich gilt das auch für die von ihr geforderten "ethnisch getrennten Schulklassen" und den Stopp des "Moschee-Irrsinns".
Zu den inhaltlichen Schwerpunkten äußert sich Spitzenkandidat Claus Cremer im Interview auf Seite 2. "Die NPD positioniert sich da, wo sie sich schon seit ihrer Gründung positioniert hat: An der Seite des Volkes bzw. als Anwalt der schweigenden Mehrheit", sagt er pathetisch und findet, dass das Landtagswahlprogramm für NRW "eine wunderbare Handlungsanleitung" biete, wie der ",Karren Deutschland‘ noch einmal aus dem Dreck gezogen werden kann". Die weiteren Beiträge präzisieren die Positionen noch einmal: Zum Thema "Gender Mainstreaming", einem "Wortungetüm", das besagt, dass Jungen und Mädchen "umprogrammiert" werden sollen - "Jungen verstärkt zu Sozialarbeitern", "junge Frauen dagegen zu Bauarbeitern" - kommt die rechte Partei zu dem mehr als einfachen Schluss: "Nichts gegen Gleichberechtigung. Wir meinen aber: Männer sollen auch künftig Männer und Frauen Frauen bleiben."
Die Meldung zum Thema "Überwachungsstaat" endet mit dem rührenden Geständnis: "Vielleicht sind wir altmodisch. Aber wir halten das Briefgeheimnis, das Fernmeldegeheimnis und sogar das Bankgeheimnis für eine gute Sache. Rundum-Bespitzelung dagegen nicht. Wir meinen es ernst mit dem Rechtsstaat." Das lässt sich bezweifeln, wenn man einen anderen Beitrag liest. Dort fordert die NPD ein Ende "der weltweit einzigartigen Samthandschuhpolitik" in der Justiz: "Andere Länder machen es vor: Zwangskastrationen für Pädophile und für den Wiederholungsfall die Wiedereinführung der Todesstrafe für Kindermörder!" Da ist es wohl egal, dass das "schlicht und einfach grundgesetzwidrig" ist, wie die NPD es den Auslandseinsätzen der Bundeswehr fälschlicherweise attestiert (siehe Fachhochschule für Rechtspflege).
Neben den Merchandise-Artikeln zum Minarettverbot hat mich aber besonders der Comic auf Seite 3 umgehauen. "Felix - Oder: Eine ganz normale Schule in NRW": Ein Lehrer steht in seiner Klasse und lobt einen Schüler, der an der Tafel steht: "Toll Mustafa… Fast alles richtig…" Mustafa hat geschrieben: "ISCH GÄ IN WALT". Die Wände sind beschmiert mit Sprüchen wie "Muslim Power" und "Lehrer = Wixa". Eine Türkei-Flagge ist aufgehängt, eine Türkei-Landkarte ebenfalls. Ein langhaariger und bärtiger Mann kommt rein. "Guten Tag, Kinder! Ich bin Herr Zottel, der Beauftragte für Ausländerintegration!" Der blonde Felix, umringt von schwarzhaarigen, hakennasigen Gestalten, die ihn böse ansehen, meldet sich: "Herr Müller! Ich weiß, wie man das schreibt!" Herr Zottel ist wütend: "Verdammt! Dieses deutsche Kind weiß immer alles und meldet sich ständig! Damit stört es die ausländischen Kinder beim Lernen!" Felix wird ermahnt: "Sei bitte nicht so ausländerfeindlich!" Oh Mann, harter Tobak.
Nach der Schund-Lektüre war mir eine Sache ganz klar: Es gibt bestimmt genug Leute, die diesen schwarz auf weiß gedruckten Schwachsinn glauben. Und deshalb ist es umso wichtiger, dass alle, die es besser wissen, zur Wahl gehen - mögen sie auch noch so politikverdrossen sein. Es ist auch egal, wo sie ihr Kreuzchen machen. Hauptsache nicht bei der NPD.
Die Retter des Journalismus
::Von Tobias Jochheim
am 05.05.2010 um 22:02 Uhr
Die erste halbe Mai-Woche 2010 ist Geschichte, und völlig unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit haben sich verblüffende Akteure um die Rettung des Journalismus verdient gemacht.
Wie gut, dass es trotzdem noch Konstanten gibt: Der große Verlierer unter den Medienbetrieben ist nämlich die Bild, die Casting-Sternchen Lena Meyer-Landrut per Titelseite-Tittenfoto und 28-teiliger Online-Fotostrecke längst bekannte, barbusige Komparsen-Auftritte vorwarf. Die Botschaft: Das passiert, wenn man sich Bild-Intimfeind Stefan Raab als Mentor sucht - man wird unwiderstehlich in den Bild-Aufzug nach unten gedrängt, auch wenn man eben nicht damit nach oben gefahren ist. Auf die seit Jahren überfällige Komplettierung des Paternoster-Zyklus von Franz Josef Wagner warten wir derweil vergeblich. Die Wege des Herrn Diekmann sind eben unergründlich.
In Sachen Meyer-Landrut zog übrigens stern.de mit selten dreister Doppelmoral nach, verzichtete aber zumindest auf den Populismus-Wellenritt des Blatts mit den vier Buchstaben, in dem es Saures für Google Street View wegen Fotos von Dritten gibt. Eine (nicht) löbliche Erwähnung in der Loser-Kategorie hat sich das ZDF verdient, das bei einem Interview mit dem "Mohammed-Karikaturisten" Kurt Westergaard zunächst den Schwanz einzog und nun wortreich Erklärungsversuche unternimmt.
Fleißpunkte für Bemühungen um die Rettung des Journalismus verdienen sich dagegen zwei Häuser, die man damit eher selten in Verbindung bringt: Die Deutsche Post bringt mit dieser Übersicht etwas Licht ins dunkle Dickicht der mehr oder weniger wichtigen E-Paper. Und der Focus kündigte gleich zwei Maßnahmen zur Qualitätssteigerung (/-sicherung/-schaffung) an: erstens wird das Heft ab 22. Mai 3,50 statt wie bisher 3,20 Euro am Kiosk kosten. Und zweitens räumt der unkaputtbare Helmut Markwort seinen Chefsessel zwar wie vereinbart erst zum 1. Oktober; sein Nachfolger Wolfram Weimer aber wird nun im Juli statt wie bisher geplant im September dazustoßen und so das Spitzen-Triumvirat mit Markwort und Uli Baur vervollständigen.
Ob es daran liegt, dass in Washington kein Focus-Pendant verlegt wird, darüber kann man streiten, unzweifelhaft aber kriselt es weiter im amerikanischen Journalismus. Damit das auch ja niemandem entfällt, ließ es sich US-Präsident Barack Obama nicht nehmen, beim jährlichen Gala-Dinner mit der Journaille fleißig Salz in die Wunde zu reiben: "Of course I may not have the star power that I once had - but, in my defense: Neither have you." Die ganze Rede als Video findet sich hier.

Wer auch total medienkritsch unterwegs ist, aber die deutsche Sprache und den deutschen Bezug schätzt, der wende sich vertrauensvoll an medienkritik.tv. Folge 46 des Video-Formats auf den Spuren von Oliver Kalkofe hat es in sich - mit schwächerem Kommentar, aber ebenso erschreckenden Beispielen aus den real existierenden Redaktionen der einschlägigen Privatsender vom "Hartz-IV-Boot" bis zum DSDS-Beschiss. Absolutes Highlight sind dabei die Top 10 der miesesten "Dokus" von n-tv und N24, die sich laut Moderator Holger Kreymeier "nur den Dreck unter den Fingernägeln" der Doku-Welt leisten. Von Kröten-Invasionen über Katastrophen-Dauerschleifen bis hin zu Technik-Reißern aus dem Standardbaukasten (siehe Screenshot) ist alles vertreten, was zum Fremdschämen zwingt. Im O-Ton:
Platz 5: "Das geile US-Militär. Kritische Töne sind hier natürlich nicht zu hören, denn Dokus wie diese entstehen ja mit Segen und Geldern des amerikanischen Verteidigungsministeriums."
Platz 3: "Action an der Columbine High School. Hier wird uns nochmal genüsslich gezeigt, wie das damals eigentlich war an der Columbine High School im beschaulichen Littleton in Colorado. 13 Menschen wurden von zwei jugendlichen Amokläufern hingerichtet; um das Ganze auch dem Publikumsgeschmack anzupassen, wurde eine "Echtzeit-Doku" entwickelt. Man kennt das ja aus der Serie "24". Der kleine Unterschied, dass es sich hierbei um die Nachstellung eines echten Massakers handelt, soll hier keine weitere Rolle spielen. Columbine dient sozusagen nur als Alibi, um auch bei einem angeblich seriösen Nachrichtensender ordentlich die Wände wackeln zu lassen. Garniert wird dies zwischendurch mit realen Aufnahmen, damit der Begriff "Dokumentation" seine Berechtigung haben soll."
Platz 1: "Hitler und die Ufos. Noch beliebter als Kirchen sind bei Autoren von Sinnlos-Dokus die Nazis."
Ich für meinen Teil habe die Vision einer Taskforce aus Goldkehlchen Lena Meyer-Landrut, Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard, Focus-Drittel-Chefredakteur Helmut Markwort und Comedy-Talent Barack Obama, die ihre geballte Medienmacht nutzen, um solche Sauereien zu verbieten. Und die Post druckt das zugehörige E-Paper aus und verteilt es an alle Haushalte.
Knastbilder als Attraktion
::Von Fabian Schwane
am 15.03.2010 um 11:56 Uhr
Man stellt sich bei vielen Dingen und Gestalten auf diesem Planeten die Frage: Ticken die überhaupt noch sauber? Geht es um "Mugshots", dann habe ich die Befürchtung, dass tatsächlich kaum noch jemand auf diesem Planeten sauber tickt: Kriminelle meist sowieso nicht. Und Verleger und Journalisten - zumindest einige in den Vereinigten Staaten - nun auch nicht mehr. Sie haben gerade keine Ahnung, worum es geht? Dann der Reihe nach.
Klären wir zunächst die Frage, was überhaupt ein "Mugshot" ist? "A mugshot is a photographic portrait taken after one is arrested" - verrät die allwissende Wikipedia. Aufschluss gibt auch Leo's Wörterbuch. Wer jetzt immer noch unsicher ist, der wirft einen Blick auf einen sehr bekannten "Mugshot". So, damit hätten wir die Basis geschaffen. Jetzt bleibt die Frage, was Journalisten und Verleger mit den pixeligen Bildern aus der Polizei-Digicam zu schaffen haben?
Auch diese Frage lässt sich ziemlich zügig klären: Bis vor kurzem war es allein die Klatschpresse, welche die exklusiven Portraitaufnahmen der Reichen und Schönen nach ihrem Rosenkrieg, ihrer Trunkenheitsfahrt, ihrem Drogen-Trip oder dem Besuch der Herzensdame der Öffentlichkeit präsentierte. Dem aufgeschlossenen US-Bürger ging das nicht weit genug. Warum nur Promis, wenn in der direkten Nachbarschaft mit Sicherheit auch der ein oder andere Ganove sein Unwesen treibt? Damit man diesen beim nächsten Einkauf im Supermarkt zweifelsfrei identifizieren kann, schmücken "Mugshots" nun die Internetstartseiten und Seiten zahlreicher Tageszeitungen.
Bereits an dieser Stelle dürfen Sie für tampabay.com applaudieren! Über einen großen Button auf der Startseite laden die Seitenmacher - also die Verleger und vermeintlichen Journalisten - die Leser ein, "Leute kennenzulernen, die in den vergangenen 24 Stunden verhaftet wurden." Es folgt eine namentlich gekennzeichnete Fotogalerie, die ähnlich dem Auto-Quartett aus Kindertagen, alle wichtigen Fakten in Kürze zusammenfasst: Alter, Größe, Gewicht, Verhaftungsgrund. Mit einem weiteren Klick gelangt man direkt auf den Polizeibericht, der auch die Privatadresse, Arbeitgeber und die festgesetzte Kaution preisgibt. Auf tampabay.com bleibt kein voyeuristischer Wunsch offen. Eins mit Sternchen! Klassenbester! Große "journalistische Arbeit" der Lokalzeitung aus Florida!
Das die Abgebildeten zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht verurteilt sind, ist nur einer kleinen Fußnote zu entnehmen. Aber wen interessierst es schon? Die Öffentlichkeit sicher nicht, die haben ihr Urteil lange über die Person gefällt. Da stellt sich mir die Frage, warum die US-Medien nicht gleich im Anschluss auch die standrechtliche Hinrichtung - dem ihre "Mugshot"-Galerie durchaus gleicht - im Live-Stream übertragen? Die Leute schalten bestimmt ein.
Dabei ist das Thema in den USA keinesfalls neu. Polizeiberichte werden seit jeher in amerikanischen Zeitungen veröffentlicht. Mit den "Mugshots" nimmt es aber eine neue Qualität an. tampabay.com ist dabei kein Einzelfall. Seit Jahren schießen Magazine wie "Mugshot Magazines", "Busted" oder "Cellmates" wie Pilze aus dem Boden, um die öffentliche Skandalgeilheit zu befriedigen. Das jetzt auch "seriöse" Tageszeitungsmacher mitziehen, damit offenbart sich der wirkliche Skandal. Ihr Ansatz: Wen interessieren schon spröde Aufzählungen von Verbrechen, wenn es viel unterhaltsamere Polizeifotos mit ruinierten Frisuren, verdrehten Augen, blutigen Lippen und von Drogen ausgemergelten Gesichtern gibt? Dass die Abgebildeten in den meisten Fällen tatsächlich alles andere als Musterknaben und Pastorentöchter sind, keine Frage. Die Veröffentlichung ihrer Bilder und Informationen ist ethisch aber äußerst bedenklich. Trotzdem blenden die "Journalisten" diesen Aspekt einfach aus. Ihre läppische Antwort: Die Galerien seien nur die zeitgemäße Form des altehrwürdigen Polizeiberichts. Bei der "St. Petersburg Times" macht der Websiteverkehr auf der hauseigenen "Mugshot"-Seite nach eigenen Angaben bereits ein Siebtel der gesamten Besucherzahlen aus. Mich wundert es nicht, dass die scharfe Kritik vieler Medienexperten an den Außenwänden der Redaktionsgebäude abprallt. Dass Ryan Chief, Herausgeber des Magazines "Busted", was übersetzt soviel wie "Hochgenommen" bedeutet, sein Heft als "öffentliche Dienstleistung" im Sinne der Kriminalitätsbekämpfung begreift, ist nur noch zynisch. Da fehlen mir die Worte, oder sollte ich an dieser Stelle einmal mehr feststellen: Da tickt wieder einer nicht ganz sauber!
Bleibt eine letzte Frage: Erleben wir diese abartige Hexenjagd des 21. Jahrhunderts bald auch hierzulande? Zum Glück lässt sie sich ziemlich zügig klären. Nein - das deutsche Datenschutzgesetz (trotz viel Kritik in den vergangenen Wochen und Monaten) verhindert eine solche Hetzjagd. Für die Zeitungsverleger und Journalisten lege ich lieber keine Hand ins Feuer. Wer weiß schon, wie die ticken.
Nur Gewinner!
::Von Martin Meuthen
am 10.03.2010 um 17:00 UhrEs gibt Tage im Medienjournalismus, die sind einfach nur der Horror. Dazu gehören ganz besonders zwei Termine: Die Bekanntgabe der neuesten Radiohörerzahlen durch die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (ag.ma). Meistens im März mit der MA I und irgendwann im Sommer mit der MA II. Dann läuft das Fax heiß und das Emailpostfach voll. Jeder noch so kleine Wald- und Wiesensender in Deutschland möchte dann allen und vor allem sich selber immer wieder aufs Neue sagen: Wir haben gewonnen!
Es ist ein bißchen wie bei der Elefantenrunde zur Bundestagswahl. Da reden auch die Vertreter der unterschiedlichen politischen Lager - und so kann man das im Hörfunk durchaus betrachten - ihre jeweiligen Ergebnisse schön. Die einen, weil sie müssen. Die anderen, weil sie nicht genug kriegen können. Heute war es also wieder soweit. Von "nicht abreißenden Jubelschreien", "eindrucksvollen Reichweitensiegen" und der immer wieder gerne genommenen "Marktführerschaft" war da die Rede.
Am heutigen Tag driftete jedoch nicht nur die Penetranz dutzender Pressemitteilungen in neue Sphären, sondern auch die Media-Analyse selbst. Was bei den meisten Mitteilungen erst in den hinteren Absätzen erwähnt wurde war ein Fakt, der die gesamte MA in einem neuen Licht erscheinen lässt. Die Grundgesamtheit ist diesmal eine völlig andere.
Mit 73,7 Millionen bilden diese etwa 5,4 Prozent mehr Menschen als noch in der MA 2009/II. Das alleine macht noch nicht den großen Unterschied. Erstmals wurden in die Untersuchung auch sogenannte deutschsprachige Nicht-EU-Ausländer mit aufgenommen. Hinter dem furchtbaren Duktus verbergen sich beispielsweise türkische Mitbürger, die in Deutschland leben und einen türkischen Pass haben.
Jene Menschen leben vor allem in den großen Ballungsräumen wie Berlin und dem Ruhrgebiet - eine weitaus interessantere Verzerrung. Was heißt das denn jetzt, wenn ein junger Radiosender in Berlin auf einmal fünf Prozent Reichweitenzuwachs meldet? Und was heißt es, wenn ein Funkhaus mitten im Ruhrpott einen konstanten Wert aufweist? Eben.
Drittens: Die telefonische Befragung. Sie bezieht sich ausschließlich auf per Zufall ausgewählte Festnetzanschlüsse. Die meisten Jugendlichen dürften wohl kaum über Derartiges verfügen. Dass vor diesem Hintergrund die Zielgruppe der 30- bis 59-Jährigen besonders intensiv Radio - und ganz besonders intensiv die ARD-Wellen - zu hören scheint, klingt mehr als plausibel.
Zum Umgang mit diesem heillosen Unterfangen gibt die federführende ARD-Werbung Sales & Services GmbH in ihrem Methodensteckbrief einen Hinweis, der den Sendern wie ein gemeiner Spielverderber vorkommen muss: "Aufgrund der unterschiedlichen Grundgesamtheiten bei Erhebung und Hochrechnung lassen Reichweitenveränderungen keine direkten Rückschlüsse auf Hörergewinne oder -verluste zu." Privatsender und öffentlich-rechtliche Radios ziehen dennoch unverdrossen reichlich Rückschlüsse.
Da wird die Tagesreichweite montags bis freitags von 5 bis 24 Uhr einfach mal mit der Bruttoreichweite montags bis samstags von 6 bis 18 Uhr vermengt. Die einen sprechen von "Hördauer", die anderen von "Verweildauer" - ein himmelweiter Unterschied, blickt man auf die Zahlen. Und so ist man, nimmt man die Sache mit der Berichterstattung ernst, gut und gerne den halben Tag damit beschäftigt, die unterschiedlichen Angaben auf eine Linie zu kriegen. Angesichts personeller Ausdünnung in Redaktionen fast schon eine Luxusbeschäftigung.
Alle lieb(t)en "Herzblatt"
::Von Nadine Maaz
am 09.03.2010 um 09:57 Uhr
Erinnert ihr euch noch an "Herzblatt" und "Flitterabend"? Ach, was war das schön! Das war noch großes (Gefühls-)Kino bei den Öffentlich-Rechtlichen.
Ob Oma und Opa, Tante und Onkel, Mama und Papa - an "Herzblatt" mit Kult-Moderator Rudi Carrell hatten einfach alle Spaß. Witzig und frech, aber auch ein wenig konservativ, so präsentierte sich die Mutter aller Kuppelshows. Dass die Fragen und Antworten der Kandidaten im Voraus abgesprochen waren, tat dem Erfolg der Sendung keinen Abbruch.
Für den Zuschauer war es wohl der "Wissensvorsprung" - bekannt aus dem klassischen Theater -, der den Reiz der Fernsehflirterei ausmachte. Immerhin wusste, beziehungsweise sah man als Zuschauer immer mehr als die Teilnehmer. Herrlich! Und Susis charmante Zusammenfassungen erst - da wurde selbst der schlimmste Kandidat zum potentiellen Traummann, zumindest solange er noch hinter der Trennwand saß. Lustig und irgendwie Kult war auch die "getrennte Befragung" der Kandidaten im Anschluss an die obligatorische Reise im Herzblatthubschrauber in irgendein Örtchen im Alpenvorland. Wenn Er den romantischen Ausflug super spannend und seine Partnerin ganz toll fand und Sie die Reise einfach nur langweilig und Ihn ebenso - was ein Spaß!
Und auf "Herzblatt" folgte (sozusagen thematisch) der "Flitterabend" mit Michael Schanze. Denn bei Schanze durften frisch Vermählte um eine Hochzeitsreise kämpfen. Dramatischer Höhe- und Schlusspunkt jeder Sendung: der Flug von Wolke 7 in einen Berg aus Kissen, hui! Immerhin geschätzte drei Meter ging es in die Tiefe und das in Smoking und schickem Brautkleid.
Die ARD ist ihrem Unterhaltungsauftrag, den es neben dem Informations- und Bildungsauftrag eben auch noch gibt, mit "Herzblatt" und "Flitterabend" definitiv nachgekommen und hat zumindest mit "Herzblatt" ganz nebenbei eine wahre Kultsendung hervor gebracht. Oder kennt etwa irgendjemand, der in den 90ern im fernsehfähigen Alter war, diese Sendung nicht?! Na also.
Und was bietet uns das Fernsehen in Sachen Liebe heute? Für so genannte Unterhaltungs- und Liebsshows sind jetzt die Privaten zuständig. Doch was dort gezeigt wird, ist nicht romantisch und witzig, sondern eher erschreckend und bedenklich. Bei "Nur die Liebe zählt" blamieren sich weinende Männer mit mehr oder weniger selbst getexteten Liebessongs, die nicht nur stimmlich auf unterstem Niveau sind, Paare offenbaren ihre zahlreichen Seitensprünge und so weiter und so fort. Furchtbar! Da kann Schwiegermutters Liebling Kai Pflaume noch so seriös daher kommen. Und dann gibt es da noch die Realityshows wie "Bauer sucht Frau" oder "Schwiegertochter gesucht" - oje, oje. Auf amüsante Romantik und witzige Gespräche wartet der Zuschauer die meiste Zeit vergeblich. Stattdessen: peinliche Gedichte (wahrscheinlich nicht mal vom Kandidaten selbst, sondern von irgendeinem Redakteur geschrieben) und noch peinlichere Gestalten, bei denen man sich fragt, wer um Himmels Willen die zu so einem Auftritt überredet hat.
Eine Kommilitonin hat an dieser Stelle einmal gefordert: Bring back the soft porn. Mir bleibt nur zu sagen: Bring back "Herzblatt"!
Wobei eine Neuauflage vermutlich floppen würde; schon die Carrell-Nachfolger hatten es allesamt schwer, bis die Sendung schließlich ganz abgesetzt wurde. Aber wie wäre es denn zum Beispiel mit Wiederholungen der alten Folgen? Ich würde einschalten und meine Oma sicher auch, und mein Opa, und meine Tante - und ein Bekannter ebenfalls, da bin ich mir sicher.
Denn nicht, dass nun jemand auf die Idee kommt, ich wäre als Frau "automatisch" ein Fan solcher Shows. Nein, nein. Eigentlich war es ein Bekannter, der sich zuerst über den Verlust von "Herzblatt" und "Flitterabend" ausgelassen hat. "Das waren noch Zeiten!", schwärmte er regelrecht und ich finde, er hat Recht. Wer braucht schon "Nur die Liebe zählt", wenn es doch "Herzblatt" gibt - beziehungsweise gab.
Wann wird Harald Schmidt endlich wieder lustig?
::Von Jonas Knoop
am 02.03.2010 um 16:15 Uhr
"Früher war alles besser!" - Eine Phrase, welche die ältere Generation dankend benutzt, wenn sie davon ablenken will, dass sie mit dem "Hier und Jetzt" nicht zurechtkommt. Mit meinen 25 Lenzen bin ich davon hoffentlich noch weit genug entfernt, ständig auf der "ach so guten Vergangenheit" herumzureiten. Doch in der Gegenwart, immer donnerstags um 23 Uhr, wird mir urplötzlich klar, wie viel Wahrheit in diesem kleinen abgedroschenen Satz meiner Eltern und Großeltern steckt.
Dann zeigen die Öffentlich-Rechtlichen einen grauhaarigen Mann namens Harald Schmidt, der mitunter unlustige Sprüche von einem Papp-Plakat abliest. Die Studio-Zuschauer lachen und klatschen - weil sie irgendwie müssen. (Jeder, der schon einmal in so einer Sendung war, weiß was ich meine.) Eine abgehalfterte Alt-Herren-Band sorgt unter Leitung von Helmut Zerlet für musikalische Abwechslung. Schade nur, dass sie mittlerweile das Niveau einer Schüler-Band unterbieten.
Aber jetzt der Reihe nach: Nach dem ersten Stand-Up werden ein paar Clips gezeigt. Der Inhalt: Unsere "doofen" deutschen Politiker. Habe ich "TV Total" eingeschaltet? Bin ich schon wieder im Privatfernsehen gelandet? Alles ein wenig auf Politik-Satire getrimmt, aber sonst eindeutig Pro7-Niveau. Zwischen den Einspielern bringt Harald Schmidt den einen oder anderen Spruch - er versucht es und leider gelingt es ihm nur selten. Als Zuschauer spürt man bereits jetzt, dass sich der Altmeister quält. Wo ist seine Spontaneität, seine Fähigkeit aus "Wenig" "Viel" zu machen? Alles das, was Harald Schmidt jahrelang von der Masse der deutschen Entertainer kilometerweit absetzte? Es scheint fast so, als würde er seine Karriere bis zum wohlverdienten Ruhestand absitzen.
Überflüssig bis nervig sind zudem die Auftritte von Katrin Bauerfeind und Co. Bauerfeind ist zwar augenscheinlich eine sehr talentierte Journalistin, sollte sich allerdings auf das beschränken, was sie tatsächlich kann - lustig sein gehört nicht dazu. Ihre Person steht symbolisch für ein Format, das von einer "Late-Night-Show" mit Lachgarantie bei Sat.1 zu einem langweilenden Sendezeit-Füller in der ARD geworden ist.
Waren das noch Zeiten, als "Harald Schmidt" noch "Harald Schmidt Show" hieß und Manuel Andrack als genialer Sidekick fungierte. Der "Manuäl", wie ihn Schmidt immer gerne nannte, der mit seinem Humor seinem "Chef" unauffällig Paroli bot. Ein TV-Klassiker jagte den nächsten, als uns Harald Schmidt "die Welt erklärte" oder die wichtigsten "Diebstahl-Verhinderungs-Tipps" verriet. Unvergessen auch der Automarken-Tipp.
Die ARD beendete die "guten alten Zeiten, wo alles besser war". Mal wieder hatten die Öffentlich-Rechtlichen andere Vorstellungen und lösten Andrack, der wie bei Sat.1 zunächst Redaktionsleiter der Show blieb, mittlerweile aber gekündigt hat, durch Oliver Pocher ab. Pocher blieb nicht lange und benutzte sein Engagement stattdessen als Sprungbrett für seine eigene Late-Night-Show bei den Privaten.
Das Ziel, junge Zuschauer für sich zu gewinnen, hatte die ARD damit verfehlt. Die Programmverantwortlichen mussten daher einen anderen Weg einschlagen. Ab sofort sollte "Harald Schmidt" zur politischen Satire auf gehobenem Niveau werden, mit Gästen, die niemand anderes dem verwöhnten Zuschauer bietet.
Ein Niveau, das nicht nur mir ZU hoch erscheint - viele Fans trauern in Internet-Foren der guten alten "Harald Schmidt Show" hinterher.
So bleibt nur die Frage: Wann wird Harald Schmidt endlich wieder lustig?
Zwischen Blüschen und Trainingsjacke
::Von Barbara Wege
am 24.02.2010 um 13:03 Uhr
Zeit Campus hat sich pünktlich zum Frühjahr einen Relaunch gegönnt. Und der ist gelungen. Ein lockeres, unaufgeregtes Layout, viel Service und mehr Platz für gute Geschichten. Das Zweimonats-Magazin wendet sich künftig neben Studenten auch stärker an Absolventen und Berufsanfänger. Jeder Ausgabe ist ab jetzt das Extraheft "Berufsbilder" beigelegt. Zum Auftakt geht es darin um den Arbeitsmarkt 2010, das nächste "Heft im Heft" beschäftigt sich mit Jobchancen für Ingenieure.
Dass Zeit Campus Alumni und Berufseinsteiger in den Fokus nimmt, ist ein schlüssiges Konzept: An vielen Unis werden gerade die ersten Bachelorstudenten fertig. Die Unsicherheit ist groß. Endlich arbeiten, ab ins Ausland oder gleich den Master dranhängen? Und wenn Master, dann welchen? All diesen Fragen wendet sich Zeit Campus nicht nur in einem "Spezial" ihrer aktuellen Ausgabe zu. Am 23. März kommt zudem ein eigener Master-Ratgeber auf den Markt. Ein ähnliches Heft ist bereits im vergangenen Herbst unter dem Titel "Berufseinstieg" erschienen.
Profitieren könnte Zeit Campus vom Aus der Jungen Karriere. Das Magazin für ambitionierte Berufseinsteiger der Verlagsgruppe Handelsblatt verschwand vor zwei Monaten vom Markt. Die einstigen Leser kann sich Zeit Campus nun sichern.
Seine Stammleser auch in den unteren Semestern will das Magazin aus dem Hamburger Zeitverlag mit seinem neuen Konzept natürlich nicht verprellen. Deshalb ist trotz Relaunch Vieles beim Alten geblieben. Die Themen sind weiter nach dem bewährten Dreiklang "Studieren. Arbeiten. Leben." sortiert. Auch auf beliebte Rubriken wie "Das erste Mal", "In der Mensa mit" und "Exmatrikulation" müssen die Studenten nicht verzichten.
Dann wäre da noch da allerdings noch so eine Sache: Das neue Outfit der Zeit Campus ist schon recht Neon-artig. Bestes Beispiel: Das Titelfoto. Der bärtige junge Mann, Typ Kunststudent, wahlweise Medienschaffender, um den sich eine Blondine rankt - ein typisches Neon-Titelgesicht. Auch die entsprechende Headline nebst Unterzeile hätte das Gruner-und-Jahr-Lifestylemagazin kaum anders formuliert: "Frauen sind besser, aber Männer kriegen die Jobs. Was nach der Uni schiefläuft und wie es anders gehen kann."
Wir wissen ja: Alle, die ein Heft für tolle Menschen zwischen 20 und 35 Jahren machen wollen, wünschen sich insgeheim, ein wenig zu werden wie die Bibel der Prenzlauer-Berg-Babyboomer (die eigentlich mittlerweile schon fleißig in der Nido schmökern sollen). Aber ob eine Anlehnung an die Neon für Zeit Campus so sinnvoll wäre, ist fraglich. Denn klar ist: Gleichzeitig Neon und Junge Karriere sein, das ist gar nicht so einfach.
Wer die Junge Karriere liest, will normalerweise, genau, Karriere machen - und in seinem Heft der Wahl erfahren, wie das auf möglichst geradem Weg geht. Das will der durchschnittliche Neon-Leser nicht. Jedenfalls nicht in erster Linie. Jedenfalls würde er es nie zugeben. Der will gute Dinge tun, sich gut dabei fühlen, vor allem jung - und wenn beim gemeinsamen Projekt mit Freunden am Ende noch ganz nebenbei die dicke Kohle rauskommt, fein. Junge Karriere ist Blüschen, Neon ist Trainingsjacke.
Ich würde gar so weit gehen, zu behaupten: Es finden gar nicht alle alle alle Studenten die Neon toll. Viele, das schon. Aber es gibt auch andere. Solche, die es beispielweise befremdlich finden, dass in der Neon die Bilder stets wahnsinnig unaufgeräumt daherkommen müssen oder auch nicht selten eher Unansehnliches zeigen. Oder dass die Geschichten im Heft gern mal nicht das halten, was auf dem Titel versprochen wurde.
Was ich sagen will: Zeit Campus hat es nicht nötig, nach der Neon zu schielen. Die journalistische Qualität, die Leser der Zeit gewohnt sind, ist das Pfund, mit dem sie wuchern kann. Sie hat das Potential, etwas ganz eigenes zu sein. Irgendwo zwischen Neon und Junge Karriere. Dort, wo verdammt viele junge Menschen sind, die einfach gutes Leben leben wollen, aber zugleich wissen: Ein guter Beruf und gutes Geld sind dafür auf Dauer wichtige Zutaten.
Eine Frage der Ethik
::Von Nadine Maaz
am 16.02.2010 um 19:57 Uhr
Eine Woche lang habe ich fleißig die Bild-Zeitung gelesen. Nicht ganz freiwillig, sondern im Rahmen eines Seminars, in dem es um "Qualität, Regeln und Selbstkontrolle in der journalistischen Praxis" ging. Sprich: um den vom Deutschen Presserat formulierten Pressekodex.
Der erste Überblick war - was die Sensationsgier der Leser betrifft - ernüchternd: keine Umweltkatastrophen, keine Terroranschläge, keine Amokläufe. Und damit: keine Bilder von sterbenden Kindern, keine Bilder von blutüberströmten Bombenopfern, keine Bilder eines "Irren, der sich selbst erschoss". Nur ein bisschen "Angst, Hass, Titten und der Wetterbericht" - wie es die Ärzte in ihrem Song "Lasse reden" so treffend beschreiben.
Doch nach der genaueren Durchsicht zierten jede Bild-Zeitung gleich mehrere bunte Post-Its, die auf zumindest fragwürdige Inhalte hinwiesen und eine konkrete Prüfung verlangten.
Ein Blick auf die vom Presserat veröffentlichte Chronik der Rügen hatte zuvor gezeigt: Besonders häufig wurde von 2006 bis 2009 gegen die Ziffer 7 (Trennung von Werbung und Redaktion) verstoßen. Es folgten die Ziffern 8 (Persönlichkeitsrechte) und 2 (Sorgfalt). Dicht dahinter die Ziffern 1 (Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde) und 11 (Sensationsberichterstattung und Jugendschutz). Und in der Tat passt die Verteilung zu den von mir gemachten "Entdeckungen".
Da wird zum Beispiel der "wunderbar sparsame und komfortable VW Golf" in bester Werbesprache angepriesen und ein Banker gibt Tipps für - ganz genau - eine (!) sichere Geldanlage. Der tanzende Regenschirm der Commerzbank schafft es als "Gewinner des Tages" sogar auf die Titelseite, ein halbe Seite mit den tollsten Schnäppchen des Quelle-Ausverkaufs wird erst gar nicht als Anzeige gekennzeichnet. Wer in diesem Möchtegern-Artikel irgendeinen informativen Hintergrund sucht, der sucht lange.
Unfallopfer und Opfer von Straftaten werden mit Fotos abgebildet, die schwer danach aussehen als wären sie aus einem Gruppenfoto herausgeschnitten oder einfach aus einem Sozialen Netzwerk herauskopiert worden. Und welche Mutter oder welcher Vater möchte seinen bei einem "Horror-Crash totgefahrenen" Sohn schon in Partypose und mit Champagnerflasche in der Hand in einer Boulevard-Zeitung wieder sehen?
Besonders auffällig war auch der Umgang mit Statistiken. Da ist von zwei Dritteln der Deutschen oder der Hälfte der Jugendlichen die Rede, doch Hinweise zur Art und zum Zeitpunkt der Befragung, zur Anzahl der Befragten oder dem Auftraggeber gib es keine. Sind ein Drittel der Deutschen also 10 von 30 oder doch 1.000 von 3.000? Man weiß es nicht.
Auf die "Bestie im Gerichtssaal", den "Irren von Teheran", den "Nacktfoto-Kommisar" oder die "Hübsche Samantha", die vermisst und eigentlich nur auf ihr sexy Äußeres reduziert wird, gehe ich gar nicht erst ein. Eine vollständige und genaue Auflistung aller Verstöße gegen den Pressekodex würde den Blog sprengen - und das allein sollte einem zu denken geben.
Natürlich ist die Bild-Zeitung nicht das einzige Medium, das durch Nachlässigkeit in Sachen Ethik auf sich aufmerksam macht. Auch viele Regional- und sogar die so genannten Qualitätszeitungen tauchen in der Rügen-Chronik immer wieder auf. Auffällig ist jedenfalls, dass es oft die kleinen, aber feinen Verstöße sind, die in der Summe doch auffallen.
Also: Es muss nicht immer der Skandal à la Gladbeck sein, Kleinvieh macht auch Mist. Ob Schleichwerbung, ehrverletzende Fotos, irreführende Überschriften oder undurchsichtige Umfrageberichterstattung: Nicht nur Boulevardjournalisten sollten häufiger einen Blick in den Pressekodex werfen und an die Konsequenzen denken, die die Verstöße gegen solche Regeln mit sich bringen können. Der Daseinsberechtigung und der Glaubwürdigkeit des Journalismus würde mehr ethische Sorgfalt mit Sicherheit gut tun.
(Untersucht wurden die Ruhrgebiets-Ausgaben vom 26. bis 31. Oktober 2009)
