Nur Gewinner!
::Von Martin Meuthen
am 10.03.2010 um 17:00 UhrEs gibt Tage im Medienjournalismus, die sind einfach nur der Horror. Dazu gehören ganz besonders zwei Termine: Die Bekanntgabe der neuesten Hörerzahlen durch die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (ag.ma). Anfang März mit der MA I und im Juli mit der MA II. Dann läuft das Fax heiß und das Emailpostfach voll. Jeder noch so kleine Popelssender in Deutschland möchte dann allen und vor allem sich selber immer wieder aufs Neue sagen: Wir haben gewonnen!
Es ist ein bißchen wie bei der Elefantenrunde zur Bundestagswahl. Da reden auch die Vertreter der unterschiedlichen politischen Lager - und so kann man das im Hörfunk durchaus betrachten - ihre jeweiligen Ergebnisse schön. Die einen, weil sie müssen. Die anderen, weil sie nicht genug kriegen können. Heute war es also wieder soweit. Von "nicht abreißenden Jubelschreien", "eindrucksvollen Reichweitensiegen" und der immer wieder gerne genommenen "Marktführerschaft" war da die Rede.
"Hossa!", mag der ein oder andere denken. Doch am heutigen Tag driftete nicht nur die schleimige Penetranz dutzender Pressemitteilungen in neue Sphären, sondern auch die Media-Analyse selbst. Was bei den meisten Mitteilungen erst in den hinteren Absätzen erwähnt wurde war ein Fakt, der die gesamte MA in einem neuen Licht erscheinen lässt. Die Grundgesamtheit ist diesmal eine völlig andere.
Mit 73,7 Millionen bilden diese etwa 5,4 Prozent mehr Menschen als noch in der MA 2009/II. Das alleine macht noch nicht den großen Unterschied. Erstmals wurden in die Untersuchung auch sogenannte deutschsprachige Nicht-EU-Ausländer mit aufgenommen. Hinter dem furchtbaren Duktus verbergen sich beispielsweise türkische Mitbürger, die in Deutschland leben und einen türkischen Pass haben.
Jene Menschen leben vor allem in den großen Ballungsräumen wie Berlin und dem Ruhrgebiet - eine zweite und weitaus interessantere Verzerrung der MA-Ergebnisse. Was heißt das denn jetzt, wenn ein junger Radiosender in Berlin auf einmal fünf Prozent Reichweitenzuwachs meldet? Und was heißt es, wenn ein Wald- und Wiesensender auf der Schwäbischen Alb auf einmal einen Verlust von drei Prozent aufweist? Eben.
Im Prinzip ist es dasselbe wie mit großen Medienkonzernen, die seit einigen Jahren ihre Quartalsmeldungen nur noch als "EBITDA" bekannt geben - earnings before interest, taxes, depreciation and amortization. Würde man diese kryptische Bezeichnung weglassen, es stünde vor den Zahlen vermutlich ein dickes rotes Minus. Aber Journalisten haben ja keine Ahnung von Zahlen und außerdem klingt das so verdammt seriös.
Ebenso machen es in gewisser Weise Radiosender und Rundfunkanstalten. Der eine gibt die Tagesreichweite von "Montag bis Freitag", der andere von "Montag bis Sonntag" an. Die einen sprechen von "Hördauer", die anderen von "Verweildauer". Ein himmelweiter Unterschied, blickt man auf die Zahlen. Und so ist man, nimmt man die Sache mit der Berichterstattung ernst, gut und gerne den halben Tag damit beschäftigt, die unterschiedlichen Angaben auf eine Linie zu kriegen. Höchststrafe. Angesichts personeller Ausdünnung in Redaktionen aber fast schon eine Luxusbeschäftigung.
Alle lieb(t)en "Herzblatt"
::Von Nadine Maaz
am 09.03.2010 um 09:57 Uhr
Erinnert ihr euch noch an "Herzblatt" und "Flitterabend"? Ach, was war das schön! Das war noch großes (Gefühls-)Kino bei den Öffentlich-Rechtlichen.
Ob Oma und Opa, Tante und Onkel, Mama und Papa - an "Herzblatt" mit Kult-Moderator Rudi Carrell hatten einfach alle Spaß. Witzig und frech, aber auch ein wenig konservativ, so präsentierte sich die Mutter aller Kuppelshows. Dass die Fragen und Antworten der Kandidaten im Voraus abgesprochen waren, tat dem Erfolg der Sendung keinen Abbruch.
Für den Zuschauer war es wohl der "Wissensvorsprung" - bekannt aus dem klassischen Theater -, der den Reiz der Fernsehflirterei ausmachte. Immerhin wusste, beziehungsweise sah man als Zuschauer immer mehr als die Teilnehmer. Herrlich! Und Susis charmante Zusammenfassungen erst - da wurde selbst der schlimmste Kandidat zum potentiellen Traummann, zumindest solange er noch hinter der Trennwand saß. Lustig und irgendwie Kult war auch die "getrennte Befragung" der Kandidaten im Anschluss an die obligatorische Reise im Herzblatthubschrauber in irgendein Örtchen im Alpenvorland. Wenn Er den romantischen Ausflug super spannend und seine Partnerin ganz toll fand und Sie die Reise einfach nur langweilig und Ihn ebenso - was ein Spaß!
Und auf "Herzblatt" folgte (sozusagen thematisch) der "Flitterabend" mit Michael Schanze. Denn bei Schanze durften frisch Vermählte um eine Hochzeitsreise kämpfen. Dramatischer Höhe- und Schlusspunkt jeder Sendung: der Flug von Wolke 7 in einen Berg aus Kissen, hui! Immerhin geschätzte drei Meter ging es in die Tiefe und das in Smoking und schickem Brautkleid.
Die ARD ist ihrem Unterhaltungsauftrag, den es neben dem Informations- und Bildungsauftrag eben auch noch gibt, mit "Herzblatt" und "Flitterabend" definitiv nachgekommen und hat zumindest mit "Herzblatt" ganz nebenbei eine wahre Kultsendung hervor gebracht. Oder kennt etwa irgendjemand, der in den 90ern im fernsehfähigen Alter war, diese Sendung nicht?! Na also.
Und was bietet uns das Fernsehen in Sachen Liebe heute? Für so genannte Unterhaltungs- und Liebsshows sind jetzt die Privaten zuständig. Doch was dort gezeigt wird, ist nicht romantisch und witzig, sondern eher erschreckend und bedenklich. Bei "Nur die Liebe zählt" blamieren sich weinende Männer mit mehr oder weniger selbst getexteten Liebessongs, die nicht nur stimmlich auf unterstem Niveau sind, Paare offenbaren ihre zahlreichen Seitensprünge und so weiter und so fort. Furchtbar! Da kann Schwiegermutters Liebling Kai Pflaume noch so seriös daher kommen. Und dann gibt es da noch die Realityshows wie "Bauer sucht Frau" oder "Schwiegertochter gesucht" - oje, oje. Auf amüsante Romantik und witzige Gespräche wartet der Zuschauer die meiste Zeit vergeblich. Stattdessen: peinliche Gedichte (wahrscheinlich nicht mal vom Kandidaten selbst, sondern von irgendeinem Redakteur geschrieben) und noch peinlichere Gestalten, bei denen man sich fragt, wer um Himmels Willen die zu so einem Auftritt überredet hat.
Eine Kommilitonin hat an dieser Stelle einmal gefordert: Bring back the soft porn. Mir bleibt nur zu sagen: Bring back "Herzblatt"!
Wobei eine Neuauflage vermutlich floppen würde; schon die Carrell-Nachfolger hatten es allesamt schwer, bis die Sendung schließlich ganz abgesetzt wurde. Aber wie wäre es denn zum Beispiel mit Wiederholungen der alten Folgen? Ich würde einschalten und meine Oma sicher auch, und mein Opa, und meine Tante - und ein Bekannter ebenfalls, da bin ich mir sicher.
Denn nicht, dass nun jemand auf die Idee kommt, ich wäre als Frau "automatisch" ein Fan solcher Shows. Nein, nein. Eigentlich war es ein Bekannter, der sich zuerst über den Verlust von "Herzblatt" und "Flitterabend" ausgelassen hat. "Das waren noch Zeiten!", schwärmte er regelrecht und ich finde, er hat Recht. Wer braucht schon "Nur die Liebe zählt", wenn es doch "Herzblatt" gibt - beziehungsweise gab.
Wann wird Harald Schmidt endlich wieder lustig?
::Von Jonas Knoop
am 02.03.2010 um 16:15 Uhr
"Früher war alles besser!" - Eine Phrase, welche die ältere Generation dankend benutzt, wenn sie davon ablenken will, dass sie mit dem "Hier und Jetzt" nicht zurechtkommt. Mit meinen 25 Lenzen bin ich davon hoffentlich noch weit genug entfernt, ständig auf der "ach so guten Vergangenheit" herumzureiten. Doch in der Gegenwart, immer donnerstags um 23 Uhr, wird mir urplötzlich klar, wie viel Wahrheit in diesem kleinen abgedroschenen Satz meiner Eltern und Großeltern steckt.
Dann zeigen die Öffentlich-Rechtlichen einen grauhaarigen Mann namens Harald Schmidt, der mitunter unlustige Sprüche von einem Papp-Plakat abliest. Die Studio-Zuschauer lachen und klatschen - weil sie irgendwie müssen. (Jeder, der schon einmal in so einer Sendung war, weiß was ich meine.) Eine abgehalfterte Alt-Herren-Band sorgt unter Leitung von Helmut Zerlet für musikalische Abwechslung. Schade nur, dass sie mittlerweile das Niveau einer Schüler-Band unterbieten.
Aber jetzt der Reihe nach: Nach dem ersten Stand-Up werden ein paar Clips gezeigt. Der Inhalt: Unsere "doofen" deutschen Politiker. Habe ich "TV Total" eingeschaltet? Bin ich schon wieder im Privatfernsehen gelandet? Alles ein wenig auf Politik-Satire getrimmt, aber sonst eindeutig Pro7-Niveau. Zwischen den Einspielern bringt Harald Schmidt den einen oder anderen Spruch - er versucht es und leider gelingt es ihm nur selten. Als Zuschauer spürt man bereits jetzt, dass sich der Altmeister quält. Wo ist seine Spontaneität, seine Fähigkeit aus "Wenig" "Viel" zu machen? Alles das, was Harald Schmidt jahrelang von der Masse der deutschen Entertainer kilometerweit absetzte? Es scheint fast so, als würde er seine Karriere bis zum wohlverdienten Ruhestand absitzen.
Überflüssig bis nervig sind zudem die Auftritte von Katrin Bauerfeind und Co. Bauerfeind ist zwar augenscheinlich eine sehr talentierte Journalistin, sollte sich allerdings auf das beschränken, was sie tatsächlich kann - lustig sein gehört nicht dazu. Ihre Person steht symbolisch für ein Format, das von einer "Late-Night-Show" mit Lachgarantie bei Sat.1 zu einem langweilenden Sendezeit-Füller in der ARD geworden ist.
Waren das noch Zeiten, als "Harald Schmidt" noch "Harald Schmidt Show" hieß und Manuel Andrack als genialer Sidekick fungierte. Der "Manuäl", wie ihn Schmidt immer gerne nannte, der mit seinem Humor seinem "Chef" unauffällig Paroli bot. Ein TV-Klassiker jagte den nächsten, als uns Harald Schmidt "die Welt erklärte" oder die wichtigsten "Diebstahl-Verhinderungs-Tipps" verriet. Unvergessen auch der Automarken-Tipp.
Die ARD beendete die "guten alten Zeiten, wo alles besser war". Mal wieder hatten die Öffentlich-Rechtlichen andere Vorstellungen und lösten Andrack, der wie bei Sat.1 zunächst Redaktionsleiter der Show blieb, mittlerweile aber gekündigt hat, durch Oliver Pocher ab. Pocher blieb nicht lange und benutzte sein Engagement stattdessen als Sprungbrett für seine eigene Late-Night-Show bei den Privaten.
Das Ziel, junge Zuschauer für sich zu gewinnen, hatte die ARD damit verfehlt. Die Programmverantwortlichen mussten daher einen anderen Weg einschlagen. Ab sofort sollte "Harald Schmidt" zur politischen Satire auf gehobenem Niveau werden, mit Gästen, die niemand anderes dem verwöhnten Zuschauer bietet.
Ein Niveau, das nicht nur mir ZU hoch erscheint - viele Fans trauern in Internet-Foren der guten alten "Harald Schmidt Show" hinterher.
So bleibt nur die Frage: Wann wird Harald Schmidt endlich wieder lustig?
Zwischen Blüschen und Trainingsjacke
::Von Barbara Wege
am 24.02.2010 um 13:03 Uhr
Zeit Campus hat sich pünktlich zum Frühjahr einen Relaunch gegönnt. Und der ist gelungen. Ein lockeres, unaufgeregtes Layout, viel Service und mehr Platz für gute Geschichten. Das Zweimonats-Magazin wendet sich künftig neben Studenten auch stärker an Absolventen und Berufsanfänger. Jeder Ausgabe ist ab jetzt das Extraheft "Berufsbilder" beigelegt. Zum Auftakt geht es darin um den Arbeitsmarkt 2010, das nächste "Heft im Heft" beschäftigt sich mit Jobchancen für Ingenieure.
Dass Zeit Campus Alumni und Berufseinsteiger in den Fokus nimmt, ist ein schlüssiges Konzept: An vielen Unis werden gerade die ersten Bachelorstudenten fertig. Die Unsicherheit ist groß. Endlich arbeiten, ab ins Ausland oder gleich den Master dranhängen? Und wenn Master, dann welchen? All diesen Fragen wendet sich Zeit Campus nicht nur in einem "Spezial" ihrer aktuellen Ausgabe zu. Am 23. März kommt zudem ein eigener Master-Ratgeber auf den Markt. Ein ähnliches Heft ist bereits im vergangenen Herbst unter dem Titel "Berufseinstieg" erschienen.
Profitieren könnte Zeit Campus vom Aus der Jungen Karriere. Das Magazin für ambitionierte Berufseinsteiger der Verlagsgruppe Handelsblatt verschwand vor zwei Monaten vom Markt. Die einstigen Leser kann sich Zeit Campus nun sichern.
Seine Stammleser auch in den unteren Semestern will das Magazin aus dem Hamburger Zeitverlag mit seinem neuen Konzept natürlich nicht verprellen. Deshalb ist trotz Relaunch Vieles beim Alten geblieben. Die Themen sind weiter nach dem bewährten Dreiklang "Studieren. Arbeiten. Leben." sortiert. Auch auf beliebte Rubriken wie "Das erste Mal", "In der Mensa mit" und "Exmatrikulation" müssen die Studenten nicht verzichten.
Dann wäre da noch da allerdings noch so eine Sache: Das neue Outfit der Zeit Campus ist schon recht Neon-artig. Bestes Beispiel: Das Titelfoto. Der bärtige junge Mann, Typ Kunststudent, wahlweise Medienschaffender, um den sich eine Blondine rankt - ein typisches Neon-Titelgesicht. Auch die entsprechende Headline nebst Unterzeile hätte das Gruner-und-Jahr-Lifestylemagazin kaum anders formuliert: "Frauen sind besser, aber Männer kriegen die Jobs. Was nach der Uni schiefläuft und wie es anders gehen kann."
Wir wissen ja: Alle, die ein Heft für tolle Menschen zwischen 20 und 35 Jahren machen wollen, wünschen sich insgeheim, ein wenig zu werden wie die Bibel der Prenzlauer-Berg-Babyboomer (die eigentlich mittlerweile schon fleißig in der Nido schmökern sollen). Aber ob eine Anlehnung an die Neon für Zeit Campus so sinnvoll wäre, ist fraglich. Denn klar ist: Gleichzeitig Neon und Junge Karriere sein, das ist gar nicht so einfach.
Wer die Junge Karriere liest, will normalerweise, genau, Karriere machen - und in seinem Heft der Wahl erfahren, wie das auf möglichst geradem Weg geht. Das will der durchschnittliche Neon-Leser nicht. Jedenfalls nicht in erster Linie. Jedenfalls würde er es nie zugeben. Der will gute Dinge tun, sich gut dabei fühlen, vor allem jung - und wenn beim gemeinsamen Projekt mit Freunden am Ende noch ganz nebenbei die dicke Kohle rauskommt, fein. Junge Karriere ist Blüschen, Neon ist Trainingsjacke.
Ich würde gar so weit gehen, zu behaupten: Es finden gar nicht alle alle alle Studenten die Neon toll. Viele, das schon. Aber es gibt auch andere. Solche, die es beispielweise befremdlich finden, dass in der Neon die Bilder stets wahnsinnig unaufgeräumt daherkommen müssen oder auch nicht selten eher Unansehnliches zeigen. Oder dass die Geschichten im Heft gern mal nicht das halten, was auf dem Titel versprochen wurde.
Was ich sagen will: Zeit Campus hat es nicht nötig, nach der Neon zu schielen. Die journalistische Qualität, die Leser der Zeit gewohnt sind, ist das Pfund, mit dem sie wuchern kann. Sie hat das Potential, etwas ganz eigenes zu sein. Irgendwo zwischen Neon und Junge Karriere. Dort, wo verdammt viele junge Menschen sind, die einfach gutes Leben leben wollen, aber zugleich wissen: Ein guter Beruf und gutes Geld sind dafür auf Dauer wichtige Zutaten.
Eine Frage der Ethik
::Von Nadine Maaz
am 16.02.2010 um 19:57 Uhr
Eine Woche lang habe ich fleißig die Bild-Zeitung gelesen. Nicht ganz freiwillig, sondern im Rahmen eines Seminars, in dem es um "Qualität, Regeln und Selbstkontrolle in der journalistischen Praxis" ging. Sprich: um den vom Deutschen Presserat formulierten Pressekodex.
Der erste Überblick war - was die Sensationsgier der Leser betrifft - ernüchternd: keine Umweltkatastrophen, keine Terroranschläge, keine Amokläufe. Und damit: keine Bilder von sterbenden Kindern, keine Bilder von blutüberströmten Bombenopfern, keine Bilder eines "Irren, der sich selbst erschoss". Nur ein bisschen "Angst, Hass, Titten und der Wetterbericht" - wie es die Ärzte in ihrem Song "Lasse reden" so treffend beschreiben.
Doch nach der genaueren Durchsicht zierten jede Bild-Zeitung gleich mehrere bunte Post-Its, die auf zumindest fragwürdige Inhalte hinwiesen und eine konkrete Prüfung verlangten.
Ein Blick auf die vom Presserat veröffentlichte Chronik der Rügen hatte zuvor gezeigt: Besonders häufig wurde von 2006 bis 2009 gegen die Ziffer 7 (Trennung von Werbung und Redaktion) verstoßen. Es folgten die Ziffern 8 (Persönlichkeitsrechte) und 2 (Sorgfalt). Dicht dahinter die Ziffern 1 (Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde) und 11 (Sensationsberichterstattung und Jugendschutz). Und in der Tat passt die Verteilung zu den von mir gemachten "Entdeckungen".
Da wird zum Beispiel der "wunderbar sparsame und komfortable VW Golf" in bester Werbesprache angepriesen und ein Banker gibt Tipps für - ganz genau - eine (!) sichere Geldanlage. Der tanzende Regenschirm der Commerzbank schafft es als "Gewinner des Tages" sogar auf die Titelseite, ein halbe Seite mit den tollsten Schnäppchen des Quelle-Ausverkaufs wird erst gar nicht als Anzeige gekennzeichnet. Wer in diesem Möchtegern-Artikel irgendeinen informativen Hintergrund sucht, der sucht lange.
Unfallopfer und Opfer von Straftaten werden mit Fotos abgebildet, die schwer danach aussehen als wären sie aus einem Gruppenfoto herausgeschnitten oder einfach aus einem Sozialen Netzwerk herauskopiert worden. Und welche Mutter oder welcher Vater möchte seinen bei einem "Horror-Crash totgefahrenen" Sohn schon in Partypose und mit Champagnerflasche in der Hand in einer Boulevard-Zeitung wieder sehen?
Besonders auffällig war auch der Umgang mit Statistiken. Da ist von zwei Dritteln der Deutschen oder der Hälfte der Jugendlichen die Rede, doch Hinweise zur Art und zum Zeitpunkt der Befragung, zur Anzahl der Befragten oder dem Auftraggeber gib es keine. Sind ein Drittel der Deutschen also 10 von 30 oder doch 1.000 von 3.000? Man weiß es nicht.
Auf die "Bestie im Gerichtssaal", den "Irren von Teheran", den "Nacktfoto-Kommisar" oder die "Hübsche Samantha", die vermisst und eigentlich nur auf ihr sexy Äußeres reduziert wird, gehe ich gar nicht erst ein. Eine vollständige und genaue Auflistung aller Verstöße gegen den Pressekodex würde den Blog sprengen - und das allein sollte einem zu denken geben.
Natürlich ist die Bild-Zeitung nicht das einzige Medium, das durch Nachlässigkeit in Sachen Ethik auf sich aufmerksam macht. Auch viele Regional- und sogar die so genannten Qualitätszeitungen tauchen in der Rügen-Chronik immer wieder auf. Auffällig ist jedenfalls, dass es oft die kleinen, aber feinen Verstöße sind, die in der Summe doch auffallen.
Also: Es muss nicht immer der Skandal à la Gladbeck sein, Kleinvieh macht auch Mist. Ob Schleichwerbung, ehrverletzende Fotos, irreführende Überschriften oder undurchsichtige Umfrageberichterstattung: Nicht nur Boulevardjournalisten sollten häufiger einen Blick in den Pressekodex werfen und an die Konsequenzen denken, die die Verstöße gegen solche Regeln mit sich bringen können. Der Daseinsberechtigung und der Glaubwürdigkeit des Journalismus würde mehr ethische Sorgfalt mit Sicherheit gut tun.
(Untersucht wurden die Ruhrgebiets-Ausgaben vom 26. bis 31. Oktober 2009)
Adé, du schöne Aufmerksamkeit
::Von Martin Meuthen
am 03.02.2010 um 00:00 Uhr
Da saß sie also: Deutschlands Lokaljournalismuselite. 150 Chefredakteure, Verleger, Medienwissenschaftler und sogenannte Experten trafen sich Ende Januar in Dortmund zum "Forum Lokaljournalismus". Dieser hat es zur Zeit bekanntlich nicht ganz leicht. Werbeeinnahmen brechen weg, die Auflagen vieler Titel sind rückläufig und das Internet ist ja auch noch da.
Wie zu erwarten teilte sich die journalistische Gemeinde - am Gesichtsausdruck relativ gut erkennbar - in zwei Lager: Die Ausprobierer und die Bewarer. "Wir müssen die Chancen nutzen, die uns das Internet bietet!", hieß es da aus der einen Ecke. "Wir arbeiten jetzt schon am Anschlag!", konterte es aus der anderen. Entsprechend schnell stieß die Veranstaltung an ihre Grenzen. Wie gut, dass es für solch großes Langeweilepotential ein nicht mehr ganz so neues Spielzeug gibt: Twitter.
Schon bei der Eröffnungsrede wieß NRWs Ministerpräsident Jürgen Rüttgers auf den Mikrobloggingdienst hin:"Hat man über Sie schon mal getwittert? Über mich wird so einiges getwittert." Dieser Satz machte einige Teilnehmer der versammelten Lokaljournalistengemeinde scheinbar so nervös, dass sie augenblicklich ihre Laptops zwischen Blumengesteck und Sektglas hochfuhren - inklusive Windows-Fanfare.
Wie bei den bisher üblichen Web-2.0-Spielerein bilden auch bei Twitter vor allem Eitelkeit und ein bestimmtes Maß an Klugscheißerei den kommunikativen Treibstoff. Zumeist leicht erkennbar an den gewollt taffen Accountbildchen. Podiumsdiskussionen eignen sich besonders gut, um die subsubsublokale Wirkung dieses Mediums auszutesten.
Viele Veranstalter machen den Twitterfreunden leichtes Spiel. Sie dekorieren den Ort des Geschehens mit dutzenden Flachbildschirmen, damit der Rest der versammelten Journalistengemeinde das Rennen um die schnellsten Tweets in Echtzeit mitverfolgen kann. Adé, du schöne Aufmerksamkeit.
Die Rolle des Mikros für Zwischenmeldungen übernimmt nun der virtuelle Zwitschervogel, wobei das Ziel der Mission weitaus trivialer ist: Ein Stück zu erhaschen von eben jener Aufmerksamkeit. Für den Twitterer, seinen Kanal und das vielfach heillose Unterfangen, in 140 Zeichen einen vollständigen Satz samt der üblichen Twitter-Hyroglyphen hineinzuferchen.
Bei soviel Drang zur Selbstdarstellung gerät der bisherige Höhepunkt solcher Kongresse arg ins Abseits: Das Buffet. Viele Teilnehmer beluden dank Twitter und Co ihre Teller nicht mehr mit XXXXXXL-Portionen. Keine Zeit. Stattdessen noch schnell ein ReTweet schreiben. Zumindest in diesem Punkt birgt das Web-2.0-Spielzeug realistische Chancen, die teils zu Recht desolate Reputation dieses Berufsstandes wieder gerade zu biegen.
Der Apfel zeigt wieder Biss
::Von Alexander Bauer
am 21.01.2010 um 22:20 UhrAmazon will seinen "Kindle" zu einer mobilen Multimedia-Plattform aufrüsten, das die Medien Buch, Computerspiel, Internet und vielleicht auch irgendwann Musik vereint. Eine Art iPhone mit XXL-Display und ohne Telefoniefunktion.
Genau das soll der IT-Designer Apple nächste Woche in San Francisco mit einer fast schon mystisch erwarteten Präsentation vorstellen. Ein Tablet-PC, der die geschmeidige Eleganz des Jahrhunderthandy iPhone mit den Funktionen des Porsche unter den Computern, des iMac, verbindet. Harte Konkurrenz für den digitalen Gemischtwarenladen aus Seattle. Der Konkurrenz im Zeichen des Apfels ist durchaus zuzutrauen, ein neues Zaubergerät auf den Markt zu werfen, dem die anderen Hersteller wieder die nächsten Jahre hinterherhecheln können.
Als Apple das iPhone vor drei Jahren vorstellte, behauptete CEO Steve Jobs, man habe das Telefon neu erfunden. Man sei der Konkurrenz um fünf Jahre voraus. Er sollte Recht behalten. Noch immer hat weder einer der alten Riesen Nokia, Sony Ericsson oder Motorola noch ein asiatischen Tiger wie Samsung, LG oder HTC es geschafft, ein Telefon zu designen, das die schlichte Eleganz, die elegante Bedienung und die spielerische Funktionalität des Apple-Meilensteins erreichte. Das "Time-Magazin" wählte das Gerät zur "Die Erfindung des Jahres". Das iPhone wurde zum Schrittmacher des mobilen Internets für jedermann, der Wegbereiter für künftige Milliardengewinne der Telekommunikationskonzerne. Mit seinem ersten Handy stellte Apple den Handymarkt völlig auf den Kopf.
Ähnliches gilt für die Erfolgsgeschichte des iPod. Wie die Hunnen einst nach Europa preschte Apple in das angestammte Revier alter Platzhirsche wie Sony, Erfinder des legendären "Walkman". Binnen weniger Jahre schafften es die Appleianer ihren iPod als alleinigen Gott im Olymp der mp3-Player zu etablieren. Der iPod ist zum Synonym für das Wort "mobiles Musikabspielgerät" geworden wie einst in den Achtzigern Sonys "Walkman". Die Japaner beherrschten zwanzig Jahre den Markt für mobile Musikplayer. Doch während Sony um die Jahrtausendwende herum den Trend, das Musik zunehmend weniger an Datenträger gebunden sein wird, glatt verschlief, witterte Apple seine Chance und brachte einen Musikplayer heraus, der die längst bekannte mp3-Technologie mit einer leichten Bedienung und einem wertigen Äußeren kombinierte. Man ging sogar noch weiter und schuf - und das Wort ist wörtlich zu nehmen - einen legalen und profitablen Markt für Musik aus dem Internet. Heute hat Apples virtueller Musikladen iTunes etwa 70 Prozent Marktanteil an legalen Musikdownloads im Web. Ein Milliardengeschäft, das praktisch kaum Kosten kennt, da Apple außer Bandbreite und Vertriebsinfrastruktur nichts weiter benötigt, um die gesamten Musikmarkt der Welt zu erreichen. Von 99 Cent, die ein iTunes-Song üblicherweise kostet, fließen ein knappes Drittel in Richtung Cubertino, Silicon Valley. Für einen Zwischenhändler, der weder Künstler castet, produziert noch promotet, ist das gar nicht mal schlecht. iTunes ist der Zuhälter im Apple-"All Star Team", dessen Kernprodukt iMac im Glanze der kleinen Brüder iPhone und iPod ebenfalls ein grandioses Comeback feierte und die auch im wesentlich hitziger umkämpften Computermarkt derzeit Maßstäbe definieren.
In den Märkten Computer, Telefone, Musikplayer und Musikvertrieb sind Apples Produkte derzeit der state of the art. Ergo: Wenn derzeit überhaupt einem Unternehmen die Übernahme eines eigentlich branchenfernen Markt zuzutrauen ist, dann ist es Apple.
Warum sollten die Kalifornier nicht auch den E-Reader-Markt aus dem Nichts überrollen? Wird in fünf Jahren sich vielleicht niemand mehr an Amazons "Kindle" erinnern? Werden wir dann unsere Bücher über den iSlate wie Apples jüngstes Kind Gerüchten nach heißen soll, lesen? Unsere Lektüre vielleicht bei iBooks kaufen? Für 9,95 Euro in den ersten 90 Tagen nach Erscheinen und 5,95 Euro danach? Werden wir unseren Kindern vielleicht mal im hellen Schein unseres E-Readers "Hänsel & Gretel" vorlesen, den wir dann schon ganz selbstverständlich iSlate oder so ähnlich nennen werden? Angeblich kann das Gerät auch als mobile Schreibmaschine benutzt werden. Zusammen mit der Lektüre-Funktion wäre das doch auch ideal für schulische Zwecke. Statt schwerer Schulranzen mit teuren, gedruckten Schulbüchern und regenwaldvernichtenden Schreibblöcken, hätten unsere Kleinen dann nur noch ihren iSlate, der in einer kindgerechten Version mit deaktiviertem Internet und Farben im Windows XP-Look dann vielleicht MySlate heißen wird.
Kind, hast du schon deine iSlates für morgen gemacht? - Ja, Mama, ich schick sie gleich dem Lehrer. - Gut. Und vergiss nicht deine Festplatte aufzuräumen! Das nächste Mal kannst du selber mit dem Virenscanner durchgehen... - Ja, Mama, ich mach den Desktop sauber."
Gut möglich, dass wir solche Sätze mal zu unseren Kindern sagen werden.
Noch interessanter dürften das neue Spielzeuge aber werden, wenn Apple wie spekuliert mit Buch-, Zeitschriften-, und Tageszeitungsverlagen zusammenarbeiten wird. Der zu erwartende Umsatz könnte alle anderen Apple-Geschäftsfelder noch in den Schatten stellen. Bücher, Zeitschriften und Zeitungen könnten wie heute Musik über eine von Apple betriebene Plattform vertrieben werden. Immer samstags um 0 Uhr würde dann das Spiegel-Abo auf unseren Reader flattern. Jeden morgen um fünf Uhr läge die Süddeutsche Zeitung vor unserer digitalen Haustür.
Zeitschriften- und Tageszeitungsverlage könnten über ein mobiles, elegant zu bedienendes Gerät ihre Abonnements verkaufen. Endlich würde die sehenden Auges in ihr Unglück gerannte Printbranche Geld mit ihren im Internet verramschten Texten verdienen. Steve Jobs könnte zum Moses der sich in der Wüste Sinai verirrten Verlage werden und sie nach Hause führen ins Land in dem Milch und Honig fließen, ins Land der Gewinne und Profite wie zu besten Printtagen. Vermutlich hätte Steve "Moses" Jobs nicht mal zehn, sondern nur ein einziges Gebot: Du sollst mir zahlen ein Drittel deines Erlöses!
Noch frontaler dürfte Apples Angriff auf die einzige Medienbranche werden, an der das Kelch der Digitalisierung bislang noch vorbeigegangen ist: den Buchverlagen, den guten, alten Riesen, die bislang das fast exklusive Privileg besassen, das Wissen der Menschheit zu drucken, zu bewerben und Geld dafür zu verlangen. Von diesem Markt werden sich Apple oder Amazon ein gutes Stück einverleiben wollen und den Verlagen möglicherweise ein ähnliches Schicksal bescheren wie der iTunes Store den einst so stolzen Plattenfirmen. Sie werden zu Abhängigen, zu Verzweifelten, die jeden Krumen aufheben, den Apple oder Amazon beim Verzehr des Musikmarktes fallen lassen.
Verlage werden für den Vertrieb vielleicht noch überflüssiger werden als es heute schon die Plattenfirmen sind. Die Dienste beschränkten sich auf Casting talentierter Autoren, Lektorat ihrer Texte und ein bißchen Promo drumrum. Vielleicht müssten Schriftsteller gar keinen Verlag mehr von sich überzeugen, um Ihre Erstlinge zu veröffentlichen. Ihr Verlag wäre der IT-Konzern Apple, ihr Verleger hieße Steve Jobs. Da der digitale Vertrieb keine Material,-Personal oder Ladenmietkosten kennt, ist das Risiko unbekannte, aber talentierte Autoren zu verlegen praktisch Null. Was MySpace für Musiker, Flickr für Fotographen, Youtube für Selbstdarsteller und Blogs für Autoren, könnte iBooks oder wie auch immer für Schriftsteller werden: Ein demokratisches Konstrukt, in dem Karrieren vom Tagebuchschreiber zum gefeierten Bestsellerautor möglich wären. Bücher könnten außerdem nur noch einen Bruchteil kosten.
Und dass bei mehr Komfort und Multimedia-Eigenschaften...
Würde man beispielsweise einen Bildband über Indien kaufen, so wären die Farbbilder ruckelfrei zoombar, mit einem Fingerstreich á la iPhone würde man die Seiten umblättern. Lesen im Dunkeln? Kein Problem dank des hellen Bildschirms! Bilder und Texte könnten mit Videos garniert werden, die den Leser in Ich-Perspektive über einen Markt in Bombay schlendern lassen, während indische Musik die Lektüre der Bilder und Texte dezent begleitet wie sie bei Krimis an bestimmten Stellen für Spannung sorgen könnte. Die Bilder unseres Indienbuches könnten wir gebündelt als Slightshow anzeigen lassen, passend mit Musik untermalt und über einen passenden Anschluss auch für den 50 Zoll-Fernseher im Wohnzimmer geeignet. Vielleicht wird auch noch ein Bollywoodfilm als Zugabe beigelegt, denn selbstredend wäre das Display brilliant genug, um auch DVDs oder gar Blue Rays abspielen zu können. Und bei allem würde Apple kräftig die Hand aufhalten.
Wir werden den guten, alten Büchern nicht hinterher trauern müsssen, den sie werden wohl weiter existieren. Die Digitalisierung wird schleichend voran gehen. Step by Step. Google Books wäre ihr Katalysator. Und in dreissig Jahren werden wir gedruckte Bücher vielleicht nur noch zu bestimmten Anlässen kaufen. Zu besonderen Anlässen wie Weihnachten. Dann könnte es heißen:
Wow! Du hast mir ein gedrucktes Buch geschenkt! Wo hat du dass denn her? - Ach, hab' ich in einem Antiquitätenladen gekauft.
(aba)
In eigener Sache: Winter vorbei
::Von Tobias Jochheim
am 20.01.2010 um 16:14 Uhr
Ein Kollege aus dem Privatradio hat die beneidenswerte Fähigkeit, zwei oder mehr vollkommen voneinander unabhängige Themenfelder mit einem simplen "Und da sind wir auch schon beim Thema..." miteinander zu verbinden, ach was, zu verweben und verquicken, dass es eine wahre Freude ist.
Dieser Mann hat die Zeichen der Zeit erkannt. In dieser Kreativität liegt die Zukunft des Journalismus, diese Transferleistungen sind es doch, die uns von stupiden Nachrichtenaggregatoren unterscheiden. Zudem gilt: Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen. Anders gesagt: Wer nicht immer noch einen Pfeil im Köcher hat, kriegt die Kuh nicht vom Eis und kann sich schon gar nicht ruhigen Gewissens gut aufgestellt sehen. Daher möchte ich mich entsprechend weiterbilden und erkläre hiermit den Zusammenhang zwischen österreichischen Schafen, dem vorübergehenden Update-Mangel auf unserer Seite und den neuen Ressortnamen. Im Web 2.0, vor den kritischen Augen aller - frei nach dem Motto: If you can't take the heat, stay out of the kitchen.
Dabei hilft, dass redaktionsintern explizit die Parole ausgegeben wurde, auf niedrigerem Niveau zu bloggen, damit der Sozialdarwinismus nicht zum völligen Verwaisen des Blogs führt. Schließlich käme irgendwann unweigerlich der Tag, an dem der beste MeMo-Schreiber die Tiefe, Länge, Süffigkeit und Klasse seines letzten Blogposts nicht mehr übertreffen kann. Dann könnten wir uns nur noch von Frank Schirrmacher feiern lassen dafür, dass wir angenehme Stille verbreiten. (Anm. d. Red.: Hier steht absichtlich kein Link. Wer "Payback" nicht kennt, gehört nun wirklich nicht in unsere werberelevante Zielgruppe. Sorry.)
Schließlich sind wir ja nicht im Sportjournalismus, wo man gern mal so festen Regeln folgt, dass eine mit den relevanten Daten gefütterte Software ohne menschliches Zutun Artikel schreibt. Dass die Ergebnisse dieses Projekts New York Times-Kolumnist David Carr zumindest gewissen Respekt abnötigen, gibt meiner Theorie im übrigen den letzten existenzialistischen Touch: Wer Journalist sein will und nicht so hanebüchene Zusammenhänge konstruieren kann, dass keine Software der Welt ein System dahinter entdecken kann, dessen Job-Aussichten tendieren gegen null.
Als - wenn auch engagierter - Anfänger auf diesem Gebiet kann ich zu den ereignisarmen Wintermonaten und der neuen Ressortstruktur unserer Seite leider nur mit einer sehr kurzen Ereigniskette aufwarten, der noch dazu eine geradezu bestechend offensichtliche Kausalität innewohnt:
1. Ein meinem laienhaften Verständnis nach sinniges Experiment, das die Versorgung von Lawinenopfern verbessern helfen sollte, wird am 14. Januar abgebrochen. Zugegeben: Das österreichische Schwein an sich kann sich sicher schöneres vorstellen, als ganz oder bis im Kopf eingegraben im Schnee zu erfrieren. Meinem Werteverständnis nach ist der Tod (narkotisierter) Schweine, um den Tod (nicht narkotisierter) Menschen verhindern zu helfen, allerdings ein Preis, den man ruhigen Gewissens zahlen kann, wenn nicht zahlen sollte. "Skandalös", wie es aus dem Blätterwald schallt, ist meiner Ansicht nach weniger das Experiment als vielmehr sein medial befeuerter Abbruch. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden. Weiter in der Ereigniskette:
2. Am Abend des 16. Januar motte ich mein Snowboard ein. Dass meine Angst vor Lawinen dabei keine Rolle gespielt hat, ist nicht zu verifzieren. Dabei fällt mir auf, dass es unlogisch ist, weiter im Winterschlaf zu verharren, wenn der Winter ohnehin vorüber ist. In der nächsten Redaktionskonferenz stößt dieser Vorstoß auf breite Zustimmung: Die neuesten Artikel auf der Seite müssen nicht von Oktober und November sein. Und das beste: Wir selbst können etwas daran ändern! (Minimalkonsens: Spätestens im Frühling, denn nach etwa 6 Monaten ohne Updates, so wird gemunkelt, würde uns der Untertitel "Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus" behördlich entzogen.)
Den Vorwurf, unsere Projekt-Redaktion hätte seit Semesterbeginn Mitte Oktober nichts geleistet, weise ich hiermit nichtsdestotrotz entschieden zurück. Eines der Ergebnisse der frühmorgendlichen Konferenzen ist aufgrund seiner physischen Manifestierung sogar zweifelsfrei nachweisbar: MeMo hat eine neue Ressort-Einteilung. Statt feuilletonistischer Vielfalt von der "Meta-Ebene" über die "Vogelperspektive" bis zur "Innenansicht" regiert die neue Nüchternheit:
Köpfe & Karrieren. Trends & Technik. Kritik & Kurioses. Mit Kaufmanns-Und. Die Zeiten sind hart. An dieser Stelle wäre ein "Und da sind wir auch schon beim Thema..." fraglos angebracht, aber hierzu kann nun wirklich jede Software etwas Brauchbares zusammenstricken, selbst solche aus der "Goldenen Serie" im Wühlregal. Verdammt, sogar die Amerikaner jammern über die harten Zeiten! Relevante Schlagwörter zum Abstract "Harte Zeiten in der Medienbranche" sind: Internet, Kleinanzeigen, Leserschwund und - allgemein zu wenig beachtet - fachfremde Verleger und Unternehmensberatungen. Viel Spaß beim Basteln!
Wer sich trotzdem weiter für Medienjournalismus interessiert, der lese weiter fleißig bei Niggemeier, Jeff Jarvis und Co. nach. Und ab jetzt auch wieder hier.
