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Ganz großes Kino in der Bild

::Von Barbara Wege

am 28.08.2010 um 14:11 Uhr

Passender hätte das Titelfoto für die erste 3D-Ausgabe der Bild an diesem Samstag kaum sein können: Politstar Karl-Theodor zu Guttenberg im Ganzkörperanzug vor einem Eurofighter, fertig zum Aufbruch zur Mission "Weltrettung mit Zwischenstopp Kanzleramt". Ganz großes Kino in der Bild.

Eine Zeitung voller Fotos, die das bloße Auge nicht erkennt. Samstägliche Morgenlektüre mit einer blau-roten Papierbrille auf der Nase, die zu allem Überfluss dort nicht allein sitzen bleibt, sondern mit zwei Händen gestützt werden muss. Das ist komisch. Und klar, das ist Spielerei. Aber die Spielerei funktioniert. Denn wenn die Bild etwas macht, dann macht sie es richtig.

Der Eurofighter auf der Eins fliegt dem Leser quasi entgegen, genauso wie Wladimir Klitschkos Faust im Sport. Merkels Büro auf der Zwei wirkt plastisch. Es ist, als mache man auf der Reise in die Zunkunft der Zeitung in der Tat kurz Halt bei der Kanzlerin. Nächste Station: Eine römische Poollandschaft. Michelle Hunziger plaudert am Beckenrand balancierend über ihr Liebesleben. Ob es an der 3D-Brille liegt, dass plötzlich der Gedanke aufkommt, die schöne Schweizerin könnte das Gleichgewicht verlieren und ins Becken plumpsen? (Nicht auszudenken. Dann wäre Schluss mit dem Superhalt auf dem Haupt. Trotz Volume-Collagen-Shampoo von Elvital). Schließlich auf der letzten Seite noch ein Absacker in Wolfgang Joops Villa "Wunderkind". Dalmatiner "Gretchen" und Redgeback-Hündin "Lottchen" warten schon.

Der 3D-Effekt funktioniert nicht mit jedem Bild gleich gut. Das Foto vom Maul der Giraffe "Rosi" auf Seite sieben zum Beispiel bleibt trotz Brille auf der Nase etwas unscharf. Es säuft eben mal was ab auf Zeitungspapier. Aber die Bild-Macher haben es einmal mehr verstanden, fast immer die richtigen Fotos auszuwählen. Bilder von Stahlkochern wie die auf Seite sechs kommen schon zweidimensional ziemlich gut. Aber dreidimensional gewinnen sie eine neue Qualität. Im Sport nähern sich die 3D-Fotos an das Bewegtbild an. Die stärkste Aufnahme der Ausgabe schließlich: "Ground Zero", aufgenommen aus der Vogelperspektive.

Klotzen statt Kleckern. Die Bild ist sich treu geblieben. Fast jedenfalls: Dass sie vor lauter Dreidimensionalität den 3D-Themenabend von arte groß ankündigt, das, äh, fällt etwas aus dem Rahmen. Das arte-Logo prangt sogar auf der Papierbrille, neben Bild und VW. Bild, VW und arte - Partner fürs Leben? Naja.

Die gute Nachricht: Auch die Habseligkeiten von Bild-Girl Silvana kommen in dieser Ausgabe noch stärker zur Geltung als die ihrer zweidimensionalen Kolleginnen. Vielleicht spart sich die 24-Jährige nach dem Blick durch die 3D-Brille ja die geplante Vergrößerung in Doppel-D. Frei nach dem Motto: Schluss mit der verdammten Eindimensionalität da draußen.

Echte Liebe in der Sportschau

::Von Barbara Wege

am 23.08.2010 um 12:20 Uhr

Echte Liebe - das Erste der Gefühle: Unter diesem Motto ist am vergangenen Wochenende die Sportschau in die neue Bundesliga-Saison gestartet. Wochenenlang lief der Spot mit dem behornten Fan auf dem Stadionzaun in der ARD rauf und runter. Dazu an jeder Ecke das Echte-Liebe-Plakat im Retro-Look, das uns sagen will: Die Sportschau, das ist das Original, das ist Tradition, Identifikationsmodell, Emotion; die Sportschau gehört zur Bundesliga wie der BVB zu Dortmund und die Bayern zum Titelkampf. Und ja: Genau so ist das. Diese Kampagne trifft den Nagel auf den Kopf.

Das klassische Fernsehen kann vieles schlechter als das Bewegtbild im Internet. Individell sein, zum Beispiel. Wer linear fernsieht, muss nehmen, was kommt, und das ist oft nicht schön. Samstags um 18 Uhr ist das aber ganz wunderbar, geradezu unschlagbar: Dann nämlich kommt die Sportschau in der ARD. Pünktlich, verlässlich, erwartbar. Samstags um 18 Uhr müssen wir nicht telefonieren, wir müssen nicht mailen, wir müssen keine Youtube-Videos verschicken. Wir schauen einfach die Sportschau, weil wir uns sicher sind, dass das jetzt das Richtige ist. Und warum wissen wir das? Weil die anderen es auch tun.

Die Menschen dürsten nach Emotion. Sie mögen Bewegtbild, weil es den Eindruck eines Erlebnisses vermittelt. Und sie mögen kollektive Ereignisse. Wer im Juni wieder die sonst Weißweinschorle trinkenden Mädels ungelenk mit Bier in sehr großen, unkaputtbaren Plastikbechern herumhantieren sah - die mit den schwarz-rot-goldenen Fahnen auf den berougten Wängchen und den taillierten Damen-Trikots - der weiß, dass Menschen wieder das Gemeinsame suchen, auch wenn es manchmal schwer zu finden ist. Die Öffentlich-Rechtlichen tun entsprechend gut daran, ihr Bewegtbild als emotionales, kollektives Erlebnis zu verkaufen. Das ZDF versucht das, indem es in seinem Sommerkino-Spot leicht bekleidete Menschen über einen Strand laufen lässt, die das Ziel verbindet, dort sitzend gemeinsam einen Film zu sehen. Beim Thema Leibesübungen arbeitet es mit einer verwandten Story: Junge, gut gelaunte Menschen treffen sich auf gemütlichen Sofas und schauen Sport.

Es ist ja nicht einmal so, dass sich die Menschen treffen müssen, um Fernsehen kollektiv zu erleben. Es reicht das Gefühl, zu wissen, dass die anderen es auch sehen. Wie die Sportschau, die man alleine sieht. Wie einst Sabine Christiansen, die alle sonntags nach dem Tatort (noch so ein kollektives Ereignis) schauten, um sich montags darüber aufregen zu können, dass wieder nichts gesagt wurde. Um sich zu versichern, das nie wieder zu gucken, aber am nächsten Sonntag doch wieder dranzubleiben nach dem Tatort-Abspann.

Das alles heißt nicht, dass sich die Öffentlich-Rechtlichen ausruhen sollten. Im Gegenteil: Nicht jedes kollektive Ereignis bleibt von selbst. Wetten dass..? hat sich überlebt. Die Tagesschau werden künftig nur noch wenige junge Menschen sehen. 20 Uhr ist nicht mehr Primetime, die puren Nachrichten des Tages haben andere zu diesem Zeitpunkt längst verkauft. Aber das heute-Journal und die Tagesthemen zeigen, wie darauf zu reagieren ist. Und manchmal leben sogar totgesagte kollektive Ereignisse im Fernsehen wieder auf, weil man Tradition mit einem modernen Konzept gepaart hat und eine Lena daraus wurde.

Klar, auch über Youtube-Videos kann man sich austauschen. Über gestohlene Blumenkübel. Aber die Menschen dürsten nach etwas, das bleibt. Die Sportschau gibt es seit 1961. Woher wir das wissen? Vom Echte-Liebe-Plakat natürlich.

Die neuen Minimalisten

::Von Christina Hahn

am 20.08.2010 um 13:11 Uhr

Mal Hand auf´s Herz: Was würden Sie schnell greifen, wenn´s brennt?

Meine Mitbewohnerin würde ihre Schuhsammlung aus dem Fenster werfen, aber nur auf die Gartenwiese. Damit nichts kaputt geht. Andere hängen an Kinderfotos oder teurem Schmuck - Dinge, die man nicht wieder bekommt. Ich würde meinen Laptop und mein Handy einpacken. Das sind die Dinge - eher Daten - die ich nicht wieder bekomme.

Haben Sie eine Adresse? Dumme Frage, natürlich haben Sie eine Adresse - ein Zuhause, in dem immer jemand auf Sie wartet. Und sei es nur der Abwasch in der Küche. Vielleicht haben Sie auch eine eigene Homepage? Natürlich haben Sie irgendwo eine virtuelles Zuhause, sie sind schließlich im Web 2.0-Zeitalter angekommen.

Der Grund für meine Fragen ist ein Trend: In Amerika - dem Land, das uns bekanntlich um einiges voraus ist - brauchen die neuen Minimalisten keinen Besitz. Nur ihr iPhone, ihr MacBook und was man als digitaler Internetmensch sonst so hat. Die "21st Century Minimalists" verzichten auf Möbel, auf Luxus und manchmal auch auf ein Zuhause: Chris Yurista aus Washington hat seine Wohnung gekündigt. "Es ist immer schön ein Zuhause zu haben, aber das Internet hat einfach mein Bedürfnis nach einer Adresse ersetzt.", sagt der DJ gegenüber der BBC. Er lebt aus einem Rucksack, da passt alles rein, was er braucht. Und was er hat.

Die geliebte Plattensammlung ist längst Geschichte, wozu gibt es sonst iTunes? Gebrauchsgegenstände haben einen Verschleiß. Platten und CD´s bekommen Kratzer. Die MP3 ist beständig. Und auch wenn es im Großen und Ganzen ein bisschen absurd scheint, aber irgendwie haben die digitalen Vagabunden Recht. Wer hätte noch vor zehn Jahren gedacht, dass die komplette Musiksammlung auf eine Festplatte passt, die so groß ist wie eine einzige CD? Und der Sache mit den DVD´s wollte auch keiner so recht trauen. Bücher? Es gibt doch den Kindle. Oder die neue Wunderwaffe iPad. Egal, wie angesagt retro gerade ist - das digitale Leben ist unkompliziert. Aber ersetzt das Internet wirklich das eigene Bett?

Ein Bett hat dieser Mann zwar noch, sonst aber nicht viel mehr: Kelly Sutton hat cultofless.com gegründet und sich von seinem Besitz getrennt. Auf alles will er nicht verzichten, aber sein Leben passt in zwei Taschen und zwei Kartons. Minimalistisch eben.

Anders Sandberg von der Oxford University kann darüber vielleicht nur schmunzeln. Er treibt den materiellen Verzicht auf die Spitze und predigt ein neues Leben: Er träumt davon komplett digital zu leben. Der analoge Körper ist so out, dass er sich selbst gern digitalisieren würde. "Mind uploading" ist quasi das, was wir mit unseren CD´s machen: wir speichern sie als MP3-Dateien, weil wir wissen, dass sie nicht verkratzen oder kaputtgehen. So träumt Sandberg auch davon, sein Leben zu verpacken, zu komprimieren. Denn auch wir werden älter und langsamer. Bekommen Falten und erste Wehwehchen. Wäre ein Upgrade nicht toll?

Dabei ist die Idee der digitalen Vagabunden nicht wirklich neu. Ich denke an einen Typen, der in einer Tonne lebte und nur einen Becher hatte. Diogenes hielt auch nicht viel von Privatsphäre - wurde ihm doch vorgeworfen, öffentlich auf einem Marktplatz masturbiert zu haben. Eine Mischung aus Facebook und Youporn und das vor 2000 Jahren. Irgendwie würde er ziemlich gut in unser Zeitalter passen. Askese 2.0 quasi.

Ich für meinen Teil halte ja viel von Haptik. Nicht nur beim Touchscreen, sondern generell. Haptik ist eine Emotion. Skype erleichtert Fernbeziehungen, aber es ersetzt nicht die persönliche Begegnung. Genauso spart ein Kindle zwar Platz, ersetzt aber nicht den Geruch von neuen Büchern. Vielleicht bin ja prüde, aber ich werde nie ein digitaler Vagabund sein. Ich brauche meine Möbel vom Schweden und meinen Kleiderschrank voller Klamotten von einem anderen Schweden. Trotzdem ist es gruselig, dass ich meine E-Mail-Adresse oder meine Domain nicht hergeben würde. Oder dass ich in den letzten fünf Jahren fünf Mal umgezogen bin, die E-Mail-Adresse aber immer aktuell bleibt.

Vielleicht irre ich aber auch, wenn ich sage, dass wir analogen Besitz brauchen. Genau wie der Typ, der sagte "ich glaube nicht, dass sich dieses Internet durchsetzen wird".

"RTL 2 - it's fasten"

::Von Michael Prieler

am 12.08.2010 um 14:39 Uhr

Seit gut einem Jahr präsentiert sich der Münchner Sender RTL 2 mit neuem Logo und Slogan. "RTL 2 - it's fun" haben sich die verantwortlichen Texter ausgedacht. Klingt frisch, jung, spaßig eben - genau das Richtige für die begehrte Zielgruppe der 14 bis 49-Jährigen.

Sendungen wie Big Brother, Frauentausch, Die Mädchen Gang oder Der Trödeltrupp verharren zwar meist bei mäßigen Einschaltquoten - es wäre ein Wunder, da gerade die sage und schreibe zehnte Staffel der Container-Überwachung über den Bildschirm gerieselt ist. Zum Image des RTL-Ablegers als Spaßsender tragen die Formate allerdings maßgeblich bei.

Doch die Münchner können auch anders: Seitdem am 10. August im islamischen Kalender der Fastenmonat Ramadan begonnen hat, weist RTL 2 jeweils zu Sonnenaufgang beziehungsweise -untergang auf Beginn und Ende des Fastentages hin. Einen Monat lang wird aus: "RTL 2 - it's fun" also "RTL 2 - it's fasten".

Auf den Ursprung für die neu entdeckte Vorliebe für Integration angesprochen, beruft sich RTL 2-Marketingdirektor, Carsten Molis, auf den Grundsatz der Gleichberechtigung, der in seinem Sender höchsten Stellenwert genieße. "So wie wir in jedem Jahr das Weihnachts- und Osterfest im Programm bedenken, so möchten wir im Ramadan unsere Zuschauer mit muslimischem Glauben würdigen", sagte er gegenüber der dpa. Man könne viel über Integration theoretisieren, doch RTL 2 wollte einfach einmal ein klares Signal senden.

Die Resonanz aus der islamischen Welt auf die Aktion ist überaus positiv. "RTL 2 zeigt damit gesellschaftliche Verantwortung, was wir ausdrücklich begrüßen", lobt der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek. Glaubt man der Münsteraner Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor gewinne der Ramadan derzeit generell an Popularität: "Nur 20 bis 30 Prozent der jungen Muslime halten die Gebetszeiten, aber 80 Prozent sagen, dass sie das Fastengebot im Ramadan beachten", zitiert sie die SZ. Man darf gespannt sein, ob RTL 2 nun auch die restlichen 20 Prozent zu den Entsagungen motivieren kann.

Überhaupt hat das vermeintliche Signal zur Integration einen eher faden Beigeschmack: Während in der Boulevardpresse noch darüber diskutiert wird, was sich während der zehnten Staffel im Big Brother-Haus, genauer gesagt in den Schlafgemächern, wirklich zugetragen hat, weist RTL 2 auf den Beginn des Fastentages hin, der nicht nur den Verzicht auf Essen und Trinken, sondern auch sexuelle Enthaltsamkeit umfasst.

Dazu beinhaltet das Programm des Spaßsenders gleich sechs verschiedene Kochsendungen. Ganz schön unfair, den gläubigen Muslim zuerst auf das traditionelle Fasten hinzuweisen und ihm später den Mund wässrig zu machen. Denn im Idealfall bleibt er RTL 2 ja von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang treu.

Interessant dürfte sich auch der 20. August gestalten. Da sich die Sonne in unseren Breitengraden derzeit etwa gegen halb neun Uhr vom Himmel verabschiedet, müsste RTL 2 das rote Laufband, das am oberen Bildrand auf eben dieses Naturschauspiel und damit das Ende des Fastentages hinweist, genau während der Teenager-Komödie "American Pie III" einblenden. Ein Hollywood-Streifen, der sich bekanntlich vorwiegend um die Tätigkeit dreht, die junge Menschen in der modernen westlichen Welt besonders umtreibt - nämlich Sex - und dazu der Verweis von RTL 2, dass gläubige Muslime einen weiteren Tag Enthaltsamkeit überstanden haben - eine nette Vorstellung.

Welt-Online drückt das in einer Glosse so aus: "Dass dieses Signal [der Integration] ausgerechnet von RTL 2 kommt und nicht von Arte oder der ARD, ist eine schöne Pointe - denn schließlich verkörpert der Sender über weite Programmstrecken genau jene westliche Dekadenz, gegen die konservative Kulturkritiker genauso ankämpfen wie Islamisten."

Mehr bleibt mir dazu nicht zu sagen - außer, vielleicht noch einen weiteren Programmhinweis zu geben: 31. August, 20.15 Uhr: "Generation Ahnungslos". Inhaltsangabe des Senders: "Bruno ist 21 und liebt Geschlechtsverkehr im Freien. Ob Schwimmbad, U-Bahn-Haltestelle oder Telefonzelle - der Kick, dabei erwischt werden zu können, macht den Mathe- und Physikstudent erst richtig an..."

Alice Schwarzer und der Fall Kachelmann

::Von Jan-Philipp Wicke

am 05.08.2010 um 16:14 Uhr

Vorverurteilung - Nicht mit mir! Immer diese Qual mit den eigenen Ansprüchen.

Für viele Frauen ist Alice Schwarzer Vorbild. Ihre Leidenschaft für die Rechte der Frauen einzutreten ist beispiellos, mit EMMA hat sie das Feministinnenmagazin Deutschlands geboren. Ihre Positionen zum Recht auf Schwangerschaftsabbruch, ihre Gegnerschaft zum Kopftuch für islamische Frauen oder ihr Eintreten gegen Pornografie werden immer wieder kontrovers diskutiert. Schwarzer mag mit ihren Forderungen nicht immer recht haben, aber Schwarzer schafft es, dass die Themen aktuell bleiben.

Letzten Sonntag saß sie dann in der Diskussionsrunde bei Anne Will in der ARD zum Thema: "Der Fall Kachelmann - Justiz-Alltag oder Promi-Pranger?". Es sollte diskutiert werden, ob Kachelmann an den Medien-Pranger gestellt wurde und wie bei Prominenten mit der Unschuldsvermutung umgegangen werden soll. In welchem Umfang ist eine Berichterstattung gerechtfertigt, haben die Justizbehörden beim Umgang mit den Medien ihre objektive Haltung gewahrt?

Für Alice Schwarzer stand fest, dass Jörg Kachelmann zu sehr als Unschuldiger dargestellt wird. Unter anderem dafür verantwortlich sei auch Gisela Friedrichsen vom Spiegel, die auch Gast der Sendung war. Besonders pikant: In der Sommer-Ausgabe der EMMA wird darüber berichtet, dass Friedrichsen ihr Buch "Im Zweifel gegen die Angeklagten - die Geschichte eines Skandals" nach einem Gerichtsurteil nicht weiter verbreiten darf. Friedrichsen wird auf EMMA online als "täterfixiert" bezeichnet. EMMA wirft ihr vor, sich häufig auf die Seite der Angeklagten zu schlagen und dass sie durch ihre Berichterstattung versuche "Urteile zu beeinflussen".

Schwarzer sah sich in ihrer Meinung wohl bestätigt, als bei Spiegel online ein Kommentar erschien, der die Freilassung Kachelmanns als längst "überfällig" bezeichnet. Verfasst, natürlich, von Gisela Friedrichsen. Ausreichend Munition für Schwarzer Friedrichsen als Kachelmann-Verteidigerin hinzustellen. Die Artikel seien zu milde mit dem Vorwurf der Vergewaltigung umgegangen. Einen wegen Vergewaltigung Angeklagten als "Luftikus" und "notorischen Fremdgänger" zu bezeichnen, beschönige die Sachlage und trage nichts zur objektiven und unabhängigen Berichterstattung bei. Den letzten Satz des Kommentars wertet Schwarzer als Plädoyer für einen Freispruch. Die Hoffnung auf ein "überfälliges Wunder", also das Kachelmann von allen Vorwürfen freigesprochen wird, ließe ja gar keinen anderen Schluss zu. Das hatte wohl gesessen. Friedrichsen konnte sich gegen dieses Feuerwerk der Argumente nicht wehren. Stattdessen legte Schwarzer noch nach: "Sie sind wirklich ein dreister Vogel".

Am Tag danach dann noch das üble Nachtreten. In ihrem eigenen Blog prangert Schwarzer Friedrichsen noch einmal an. Sie nennt es den "Fall Friedrichsen". Die Vorwürfe vom Sonntagabend werden für alle, die die Sendung nicht gesehen haben, noch mal wiederholt.

Schwarzer geht zu weit! Friedrichsens Beitrag auf Spiegel online ist deutlich als Kommentar gekennzeichnet. Zudem hat sie nicht weiter über den Fall Kachelmann im Spiegel berichtet. Vielmehr war Friedrichsen für Schwarzer das Sinnbild für die gesamte Medienlandschaft. Vielleicht wollte sie nochmal auf den Umgang mit Tätern und Opfern bei Vergewaltigungen aufmerksam machen, bevor es zu spät ist. Der Täter ist omnipräsent. Wird verurteilt und kommt früher oder später wieder auf freien Fuß. Und das Opfer? Lebt für den Rest des Lebens mit der seelischen Demütigung. Im Fall Kachelmann läuft es gut für den vermeintlichen Täter. Es mehren sich die Berichte darüber, dass die Staatsanwaltschaft Fehler bei den Ermittlungen gemacht hat. Gutachten wurde nicht abgewartet, die Aussagen des mutmaßlichen Opfers nicht kritisch genug abgewogen. Im Spiegel Nr. 31/2010 Seite 56ff. wirft Kachelmanns Anwalt Reinhard Birkenstock der Karlsruher Justiz vor, "entlastendes Material nicht oder nur sehr spät vorgebracht" zu haben.

Für Schwarzer ist der Fall Kachelmann einfach nur Mittel zum Zweck. Sie kann für den Opferschutz werben. Dass der Angeklagte diesmal sogar noch so prominent ist, ist für ihr Vorhaben eigentlich ein Glücksfall.

Umso erstaunlicher, dass sie in ihrem Blog auch eine E-Mail Kachelmanns an sie erwähnt, die der Wettermann ihr nach dem Auftritt bei Anne Will geschickt hat. Darin erklärt er sich dazu bereit, der EMMA ein Interview zu geben und zwar darüber "wie sich vier Monate unschuldig im Knast so anfühlen". Schwarzer, in ihren Augen ist diese Bereitschaft wohl eine Dreistigkeit ohne Gleichen, kann das wohl nicht auf sich sitzen lassen und kontert. Dabei versagt sie aber an ihren eigenen Ansprüchen der objektiven Berichterstattung. Sie schließt ihren Blog mit einer Ansage an Kachelmann, die man auch als seine Verurteilung werten kann: "Vielleicht geht Ihnen aufgrund Ihrer Sexualpraktiken aber auch alles durcheinander. Vielleicht wissen Sie gar nicht, dass das kein Spielchen ist, wenn eine Frau im Ernstfall Nein sagt, sondern Ernst. Und übrigens: Auch nette Männer vergewaltigen manchmal, Kollege Kachelmann. Leider."

Die Schuldfrage bleibt ungeklärt. Es steht Aussage gegen Aussage. Das Gericht wird ab dem 6. September darüber zu entscheiden haben. Doch Schwarzers Antwort klingt verbittert. Denn im Zweifel muss das Gericht für den Angeklagten entscheiden. Das bedeutet, der mutmaßliche Vergewaltiger wäre frei und das mutmaßliche Opfer muss mit dem seelischen Schaden für immer weiterleben. So, wie es Schwarzer immer wieder anklagt.

Bravo in der Pubertät

::Von Sarah Hinderer

am 29.07.2010 um 16:00 Uhr

Schluss mit XXL-Postern: Jetzt will die Jugendzeitschrift mit Kondombeilage punkten.

Zugegeben - ich überschreite das Durchschnittsalter der Bravo-Leser inzwischen um zehn Jahre. Aber die verzweifelt wirkenden Versuche, mit denen das Kult-Heft um Aufmerksamkeit der Leser und ansprechende Verkaufsdaten buhlt, treibt mich ein gefühltes Jahrhundert vom Kauf der Zeitschrift weg.

Einst als Ratgeber-Bibel verehrt und als heißer Lesestoff unter Jugendlichen heimlich im Schwimmbad hin- und hergereicht, muss sich Bravo, die sich früher mit XXL-Postern und Poster-Serien wie den "Starschnitten" den Kiosk-Verkauf steigerten, nun wohl etwas Neues einfallen lassen, um Leser zu ködern. Die Beilage des aktuellen Hefts: ein Kondom.

Schuster bleib bei deinen Leisten - das haben sich wohl nun auch die Bravo-Macher gedacht und haben nach einem im Heft wenig prominent platzierten Interview mit Guido Westerwelle auf Seite 72 (irgendwo hinter "Eltern raus"-Poster und tätowierten Teenies) sich nun wieder ihren Kernkompetenzen zugewendet, der Sexberatung. Die Begründung zur Beigabe des besonderen Bravo-Kondoms: Dr. Sommer-Umfragen zufolge passen den Jugendlichen die viel zu großen Standard-Kondome nicht. Jedem fünften Jungen passe laut den fast 13.000 ausgewerteten Ergebnissen sogar gar kein Präservativ, das sich auf dem handelsüblichen Markt befindet, heißt es. Also gibt es nur knapp drei Monate, nach dem versucht wurde den Jugendlichen mit "Super Guido" die Politikverdrossenheit auszutreiben, ein Kondom in "extra schmal" und eine scheinbar ebenso extra schmal recherchierte Ausgabe.

Was ist bloß los, bei Deutschlands Jugendzeitschrift? Zurzeit durchlebt Bravo scheinbar selbst die Pubertät und versinkt Woche um Woche zwischen Unsicherheiten und Stilbrüchen. Und das, obwohl sich die Zeitschrift schon über 50 Jahre am Markt hält und zu einer festen Größe etabliert hat.

Erst kürzlich stieg Philipp Jessen zum Chefredakteur auf, der sich nicht nur einen Namen auf den Bild-Unterhaltungsseiten gemacht und Texte der "Du bist Deutschland"-Kampagne geschrieben hat, sondern als Buchautor ("Wellenreiter", "Einarmig unter Blinden") auch schon Parolen wie "dieser scheiß von wegen Menschen kennen lernen ist doch Humbug" versucht hat in der Welt zu verbreiten. Und auch bei Bravo sorgte das im Juni veröffentlichte Thema "So rächst du dich an deiner Ex" als Mobbing-Guide für Aufsehen. Muss die legendäre Jugendzeitschrift so sehr um ihre Auflage kämpfen, die in den letzten Jahren kontinuierlich auf inzwischen unter eine halbe Million verkaufte Exemplare gefallen ist?

Die Weisheit des Hefts mag zwar verkaufsstark sein, ist im Kern jedoch wenig innovativ: Sex Sells. Punkt. Und übrigens: Guido Westerwelle begnügte sich als Jugendlicher und treuer Bravo-Leser mit Posterbeilagen für den heimischen Partykeller.

Komm schon, Sonne, komm!

::Von Barbara Wege

am 26.07.2010 um 16:14 Uhr

Die Präsentation des Wetters im ARD-Morgenmagazin war eigentlich eine runde Sache. Donald Bäcker sagte, wann die Sonne scheint, wann es regnet und wann es windet. Die Infotafeln in seinem Rücken illustrierten diese Informationen.

Dann kam der Moma-Wetter-Touchscreen. Und es kamen die Probleme. Donald Bäcker ist jetzt Mister Multitasking. Er muss sagen, wann die Sonne scheint, wann es regnet und wann es windet. Gleichzeitig muss er die kleinen Infotafeln mit Sonne, Regen und Wind auf dem Touchscreen in seinem Rücken finden. Sie im besten Fall mit einer gezielten Handbewegung auf den großen Bildschirm ziehen. Und lächeln. Und in die Kamera gucken.

Das klappt alles zusammen erstaunlich oft, aber bei weitem nicht immer. Bäcker muss die Täfelchen, die er braucht, stets aus einer längeren Liste von Bildern mit Strömungen, Hochs und Tiefs aussuchen. Das mit dem Scrollen kann schon mal dauern und zuweilen landet erstmal die falsche Karte auf dem Bildschirm. Wind statt Sonne. Das kann ja keiner wollen. Dachte sich offenbar auch die Moma-Redaktion. Denn zuletzt, so scheint es, waren die Karten hübscher vorsortiert als am Anfang. Da kann nur noch wenig schiefgehen.

Die größere Herausforderung besteht nach wie vor in jener gezielten Handbewegung, die Donald Bäcker mittlerweile gut, aber noch nicht perfekt beherrscht. Am Anfang holte der Meterologe stets mit gestrecktem Arm aus, als wolle er in Wimbleton beim Stand von 5:4 jetzt mit einer präzisen Vorhand alles klar machen. Er trug die kleine Wetterkarte gleichsam auf den großen Bildschirm, begleitete sie noch ein Stück. Dieses Vorgehen war allerdings von mäßigem Erfolg gekrönt. Gern hüpfte das Täfelchen mit den Tageshöchsttemperturen erst bei Versuch zwei oder gar drei auf den Bildschirm, wenn Bäcker eigentlich schon bei den Aussichten sein wollte. Seit einigen Wochen setzt der Wetterfrosch nun auf die Handbewegung vom Typus "kurz, klar und unheimlich beiläufig". Das klappt meist gut. Und wenn nicht, dann moderiert der Kamera-Profi Bäcker souverän darüber hinweg.

Die eigentliche Frage aber muss doch lauten: Ist mit dem Moma-Touchscreen irgendetwas besser geworden? In der Tendenz: Nein. Mit dem die individualisierte Mediennutzung illustrierenden Moma-Touchscreen verhält es sich vermutlich ein wenig wie mit dem sehr multimedialen heute-Studio oder dem sehr crossmedialen und interaktiven ZDF-Fan-Experten Dennis Wiese. Sie rufen in unser Gedächtnis, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk absolut am Puls der Zeit ist. Jung, hip, wichtig und seriös - ein bisschen wie das iPad, das sich anschickt, uns wie das Moma künftig in den Tag zu begleiten.

Ich freue mich schon ein wenig darauf, wenn ich mir auf meinem iPad-Touchscreen irgendwann einmal Donald Bäcker auswählen kann, der dann auf seinem Moma-Touchscreen das Sonnentäfelchen auswählt und es mir frühmorgens ins Blickfeld schiebt. Kann ein Tag vielversprechender, zukunftsgewandter, multimedialer beginnen?

Rechtsaußen zwischen Stern und Spiegel

::Von Birte Penshorn

am 25.07.2010 um 19:00 Uhr

Wer viel mit der Bahn unterwegs ist, kennt das Problem: Der Zug hat mal wieder Verspätung. Was also tun? Auf in den Bahnhofsbuchhandel! Beim Überfliegen der Titel ist mir dabei neulich eine ziemlich bedenkliche Zeitschrift aufgefallen: Zuerst. Denn was sich da zwischen Spiegel, Stern und Focus einreiht, ist alles andere als ein gewöhnliches Magazin. Schon der Untertitel lässt die politische Ausrichtung vermuten: "Deutsches Nachrichtenmagazin". Die dunkelbraune Ahnung bestätigt sich, wenn man im Internet das Editorial von Chefredakteur Günther Deschner liest. Dort ärgert er sich unter anderem über den Spiegel, weil er "an der Grundierung einer kritisch verbrämten, aber letztlich doch nur moralisierenden Identität der Nachkriegsdeutschen und an der herrschenden Meinungsdiktatur der politischen Korrektheit mitgewirkt hat und mitwirkt." Ah ja. Und es wird noch schlimmer. Von "Entartung unseres politischen Systems", der "Entmündigung des Volkes" und einem "Konformitätsdruck des Meinungskartells" ist dort die Rede.

Das Magazin erscheint seit Dezember vergangenen Jahres, Herausgeber ist der Verleger Dietmar Munier. Dieser ist auch Leiter des "Arndt-Verlages" und damit beim Verfassungsschutz kein Unbekannter. Denn der Verlag zählt laut Bericht 2009 zu den vier "etablierten und im rechtsextremistischen Kundenspektrum bekanntesten". Ende des vergangenen Jahres hat Munier zudem noch den "Nation Europa-Verlag" übernommen. In diesem wurde die Zeitschrift Nation & Europa - Deutsche Monatshefte herausgegeben, die laut Verfassungsschutzbericht durch Verschwörungstheorien "im rechtsextremistischen Lager große Aufmerksamkeit" fand. Dessen ehemaliger Herausgeber Harald Neubauer ist jetzt übrigens Kolumnist bei Zuerst.

Bereits Anfang 2009 hatte Munier angekündigt, "eine neue Zeitschrift mit dem rechtsextremistischen Strategie- und Theorieorgan Nation & Europa - Deutsche Monatshefte zu vereinen, um eine Breitenwirkung gegen 'Umerziehungsmedien' wie die Magazine Der Spiegel, Focus und Stern zu erzielen", schreibt das Bundesamt für Verfassungsschutz in seinem Bericht.

Herausgekommen ist Zuerst. Und es könnte beängstigend erfolgreich werden. Nicht nur, dass es unter anderem im normalen Bahnhofsbuchhandel erhältlich ist - die Startauflage soll laut eines Beitrags des NDR-Magazins Zapp 86.000 Exemplare hoch gewesen sein. Dort erklärt auch Hans-Gerd Jaschke, Politik-Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, warum das Magazin so gefährlich ist: "Das ist ein sehr geschickter Versuch, weil die Themen selbst kommen aus dem rechtsextremen Diskurs. Vertriebene zum Beispiel, Verschwörungstheorien, Antikapitalismus, rechter Antikapitalismus, das sind Themen aus dem Rechtsextremismus, aber modern, ansprechend verpackt für ein Publikum, das offenbar unzufrieden ist."

Und auch der Journalist Toralf Staud bewertet das Magazin in diesem Beitrag als Versuch deutscher Rechter, in die bürgerliche Mitte vorzudringen und an den großen Zustrom nationalistischer Sammelbewegungen in anderen europäischen Staaten anzuknüpfen: "Es ist sozusagen der Versuch einer Popularisierung oder FPÖ-isierung des Rechtsextremismus (...). Aber es ist so ein Versuch, den es in der deutschen Publizistik oder dem deutschen Rechtsextremismus noch nicht gegeben hat."


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