Big in Japan
"Japan ist nicht nur geografisch weit von Deutschland entfernt, auch kulturell liegen Meilen zwischen diesen beiden Ländern", konstatiert der Medienjournalist Ralf Siepmann. Die Unterschiede im medialen System und in der journalistischen Kultur sind in der Tat frappierend: Verlieren die deutschen Printprodukte stetig an Lesern, so sitzen in Japan die fünf auflagenstärksten Zeitungen der Welt. Wo deutsche Journalisten kritisch hinterfragen, unterwerfen sich ihre japanischen Kollegen einer Art Selbstzensur. Ein Rundgang über den japanischen Zeitungs- und Meinungsmarkt.
Tokio. Japan gilt als johoka shakai, als "informationalisierte Gesellschaft". Seit den 70er Jahren ist der Faktor Information im hochentwickelten und technologisch fortschrittlichen Japan eine wichtige politische und technologische Ressource. Neben der gesamten Bandbreite moderner Kommunikationsmedien wie Rundfunk und Internet sind es aber in erster Linie die Zeitungen, die eine herausragende Stellung im japanischen Mediensystem innehaben und die Meinung der Bevölkerung entscheidend prägen. Die Hightech-Nation Japan ist daher in erster Linie ein Zeitungsland – ein Zeitungsland der Superlative.
Der stärkste Zeitungsmarkt der Welt
Die fünf auflagenstärksten Zeitungen der Welt erscheinen hier. Allein die Morgenausgabe des Marktführers Yomiuri Shimbun hat eine tägliche Auflage von mehr als zehn Millionen und kommt damit auf mehr als die zehn größten deutschen oder US-amerikanischen Zeitungen zusammen. Doch auch nach den "Big Five", den großen fünf japanischen Zeitungen, boomt der Markt für Printprodukte: 120 Tageszeitungen mit regionaler oder lokaler Ausprägungen zählt das Auswärtige Amt in Japan. Die Gesamtauflage der Shimbun (Tageszeitungen) betrug 2008 laut der Medienorganisation World Association of Newspapers mehr als 70 Millionen verkaufte Zeitungen – täglich wohlgemerkt. Damit kommen auf 1000 Japaner 644 Zeitungen (zum Vergleich Deutschland: 313, Großbritannien: 352 und USA: 233). Umso erstaunlicher: Obwohl die japanische Bevölkerung lediglich eineinhalbmal so groß ist wie die deutsche, verkaufen die japanischen Verlage dreimal mehr Zeitungen als die deutschen Zeitungshäuser.
1. Yomiuri Shimbun (ca. 14 Millionen)
2. Asahi Shimbun (ca. 11, 7 Millionen)
3. Mainichi Shimbun (5,5 Millionen)
4. Nihon Keizai Shimbun (4,6 Millionen)
5. Chunichi Shimbun (4,5 Millionen)
Die Zahlen in den Klammern beziehen sich auf die Tagesauflage der jeweiligen Zeitung, wobei die Morgen- und Abendausgabe zusammengerechnet wird. Die Daten basieren auf den Länderinformationen für Japan des Auswärtigen Amtes.
Folgt man den Ausführungen des Medienjournalisten Ralf Siepmann im Fachmagazin Journalist (3/2006), werden diese – aus europäischer Sicht – unglaublichen Zahlen durch verschiedene Faktoren begünstigt: Zunächst erscheinen die meisten japanischen Tageszeitungen in einer Morgen- und einer Abendausgabe. Dieses "Set-Sytem" trägt zur hohen Gesamtauflage bei, genauso wie ein umfangreicher und nahezu lückenloser Zustellservice, der die Zeitungen zuverlässig selbst bis in entlegene Bergdörfer ausliefert. Es ist nicht verwunderlich, dass 95 Prozent der Zeitungen in Japan per Abonnement vertrieben werden. Ein Vorteil, der die Verlage nicht in den direkten Konkurrenzkampf am Kiosk führt. Da die überwiegende Mehrheit der japanischen Leser ihre Zeitung als Abo bezieht, müssen die Zeitungen nicht mit den Mitteln des Boulevards um die Köpfe ihrer Kunden kämpfen. Knallige Überschriften, bunte Geschichten und die ständigen Skandalisierungen – übrigens Markenzeichen der deutschen und britischen Marktführer Bild und Sun – finden seltener als in Europa und den USA den Weg auf die Titelseiten.
Qualität statt Boulevard
Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass es sich bei den auflagenstärksten Zeitungen in Japan nicht um Boulevardblätter, sondern um Qualitätspresse mit hohen Ansprüchen handelt. Diese "Quality Papers" mit dem Fokus auf hochwertige politische und wirtschaftliche Nachrichten stehen in der Gunst der Leser merklich höher als die boulevardesken "Popular Papers", die ihren Schwerpunkt auf die Unterhaltung setzen. Letztere liegen mit einer durchschnittlichen Auflage von unter zwei Millionen deutlich unter den Tageszeitungen mit Qualitätsanspruch.
Der japanische Zeitungsmarkt ist nicht nur auflagenstark – er ist auch außerordentlich stabil. Trotz sinkender Werbeerlöse blieben die Auflagen nahezu konstant. Der Medienwissenschaftler Ralf Siepmann erklärte 2006 im Journalist: "In den vergangenen fünf Jahren ist das Werbeaufkommen auf Grund der wirtschaftlichen Stagnation um 13 Prozent geschmolzen. Die Gesamtauflage der Tageszeitungen ging im selben Zeitraum um 1,4 Prozent zurück." Um sich in Krisenzeiten gegen wirtschaftliche Rückschläge zu versichern, betreiben die "Big Five" seit Jahren erfolgreich ökonomische Aktivitäten neben ihrem Kerngeschäft. Siepmann: "Sie organisieren Veranstaltungen, betreiben Vergnügungsparks und verkaufen Versicherungen."
Die konstant hohen japanischen Zeitungsauflagen unterstreichen den Stellenwert der Presse im nationalen Mediensystem: Die Zeitung gilt mit großem Abstand vor dem Fernsehen als glaubwürdigstes Medium und wird entsprechend stark rezipiert. Dazu erklärt der japanische Medienwissenschaftler Hiroko Nojiki in seinem Überblickswerk "Medien in Japan" die hohen Auflagen der Qualitätszeitungen mit dem Fehlen einer klaren Abgrenzung zwischen Managern und Angestellten und dem wenig ausgeprägten Klassenbewusstsein der Japaner – alle lesen dasselbe. Eine oft auch intellektuelle Unterscheidung – wie sie in Deutschland bei den sogenannten "Entscheider-Zeitungen" im Gegensatz zu den Boulevardblättern des "kleinen Mannes" teilweise vorgenommen wird – ist in Japan demnach weitgehend unbekannt. Nojiki führt darüber hinaus noch nationaltypische Eigenschaften seiner Landsleute für die auflagenstarke, weit verbreitete und regelmäßig rezipierte Qualitätspresse an: Die Japaner seien "ein homogenes Volk mit einer gemeinsamen Sprache" und stark ausgeprägten Eigenschaften wie "Neugier, Informationssammelwut und Konkurrenzverhalten."
Presseclubs und Pressefreiheit
Die Frage nach der Quantität der japanischen Zeitungen wäre damit wohl hinreichend beantwortet. Doch wie steht es um ihre Qualität? Berichten japanische Medien wirklich frei, unabhängig und kritisch? Werden sie ihrer Aufgabe als "Watch-Dog" der Gesellschaft gerecht? Die Fragen sind aus der eurozentrierten Perspektive heraus gestellt und treffen nicht im Kern. Soll heißen: Was in den USA und Europa als qualitativ hochwertiger Journalismus definiert ist, kann in Japan ganz anders gesehen werden. Was im Westen als kritischer Journalismus gefeiert wird, sehen japanische Journalisten oft als Verletzung von Höflichkeit, Sitte und Anstand. Investigative Recherche hat in Japan keine Kultur – es dominiert eine konsensorientierte Kommunikationskultur, die nach festen Spielregeln abläuft. "Japanische Medien ticken anders", schreibt Jochen Legewie, Chef der deutschen Kommunikationsberatung CNC Japan in Tokio.
Die weltweite Journalistenorganisation "Reporter ohne Grenzen" erstellt jedes Jahr ein internationales Ranking, in dem die Pressefreiheit aller Länder verglichen wird: "In Japan bedrohen zunehmend Nationalismus und das System der exklusiven Presseclubs die demokratischen Standards. Die Zeitung Nihon Keizai wurde mit einer Brandbombe attackiert und mehrere Journalisten von rechten Gewalttätern angegriffen." Das war vor vier Jahren, als Japan auf den 51. Platz im Ranking der Pressefreiheit gefallen war – hinter Länder wie Ghana, Mali und Bosnien-Herzegowina. Aktuell steht Japan wieder auf Rang 29 (zum Vergleich: Deutschland liegt auf Platz 20). In den Erklärungen zum asiatischen Kontinent heißt es: "At the other end of the spectrum, Japan - a country where democracy is deeply anchored – is back in the top 30."
Vor allem das weltweit einzigartige Sytem der kisha kurabu, der Presseclubs, gilt als Charakteristikum des japanischen Mediensystems. Seine Omnipräsenz wird von zahlreichen Kritikern wie der Organisation "Reporter ohne Grenzen" als Kernproblem im japanischen Journalismus ausgemacht. Bei den Presseclubs handelt es sich um ein journalistisches Netz, das die politischen und wirtschaftlichen Fixpunkte Japans umspannt. Ursprünglich als unabhängige Interessensvertretung für Journalisten gegründet sind die exklusiven Clubs heute Informationsknotenpunkte im Nachrichtenprozess: "Jede Behörde, jedes Ministerium in Tokio und den Präfekturhauptstädten, Börsen, Banken, Verbände, sie alle haben ihren Presseclub, der sie gleich einer Nabelschnur mit den wichtigen Medien Japans verbindet und den stetigen Informationsfluss von den maßgeblichen Nachrichtenplätzen auf die Titelseiten und in die Nachrichtensendungen gewährleistet", schreibt Anja Kneisel in ihrem Essay "Interessensvertretung oder Kontrollorgan" über die Rolle der Presseclubs im japanischen Journalismus.
Zutritt nur für Mitglieder
Landesweit existieren über 800 solcher Clubs, die den jeweiligen Institutionen zugeordnet sind. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass die Journalisten direkt im Gebäude des Ministeriums, der Bank oder des Verbandes untergebracht sind. Sie werden von ihren Redaktionen quasi Vollzeit in den jeweiligen Presseclubs stationiert und liefern die Informationen direkt an ihr Mutter-Medium. Den Mitgliedern stehen nicht nur umfangreiche Kommunikationsmedien wie Internet, Telefon und Faxgeräte, sondern auch ein Arbeitsplatz mit Computer und in manchen Fällen sogar eine Schlafgelegenheit zur Verfügung. Die Institutionen versorgen "ihre" Journalisten kontinuierlich mit Pressemitteilungen und Hintergrundmaterial. Noch wichtiger für die Mitglieder sind aber die informellen Treffen nach den offiziellen Pressekonferenzen, die sogenannten kondan, und die unabhängigen Hintergrundgespräche (benkyokai). Nichtmitglieder werden so vom Informationsfluss abgeschnitten – was die Presseclubs zu einer exklusiven Gesellschaft und seine Mitglieder zu privilegierten Fischern im Meer der Informationen macht.
Fische, die kein frisches Futter finden
Doch die Informationsprivilegien bringen auch Nachteile mit sich: Journalistische "Scoops", die auf gründlicher, eigenständiger Recherche basieren, sind so gut wie ausgeschlossen – die Informationshäppchen werden den Journalisten nur noch serviert. Dieser Prozess erinnert den japanischen Journalisten Ken Takeuchi an Fische, die ständig gefüttert werden: "Sie verlernen es, ihr eigenes frisches Futter zu finden." Doch nicht nur die Fähigkeiten zur investigativen Recherche verkümmern – es dürfen auch nicht alle Informationen publiziert werden: Die extreme Nähe zu den Quellen als eine skurrile Form des "embedded journalism" führt zu einer Art Selbstzensur: Veröffentlicht wird nur, was den Regeln des Presseclubs entspricht: "Viele Skandale kommen nicht ans Licht, da gerade die Journalisten mit dem besten Hintergrundwissen diese Themen aufgrund der impliziten Beschränkungen im Insidermediensystem nicht anrühren können", beschreibt Jochen Legewie von CNC Japan das Dilemma japansicher Journalisten. Die japanischen Eliten in Wirtschaft und Politik geben zwar Informationen aus, kontrollieren aber deren Verbreitung. Mit Rücksicht auf die Informanten werden nur ausgewählte Nachrichten und Hintergründe veröffentlicht. Getreu dem Motto: Die Hand, die einen füttert, beißt man nicht. Der Medienwissenschaftler Ralf Siepmann bestätigt diese Einschätzung: "Das Detailwissen der Journalisten ist oft riesig. Doch man hält sich dann gern höflich zurück." Die ungeschriebenen Gesetze der Presseclubs führen so zu einer "Selbstbindung auf nivelliertem Niveau".
Die großen japanischen Verlage erreichen durch die hohen Auflagen ihrer Zeitungen bereits eine große Mehrheit der Japaner. Dazu beteiligen sich die großen Zeitungshäuser auch an den nationalen Fernsehkonzernen. Trotz Beschränkungen kontrollieren die "Big Five" Schätzungen zu Folge damit mehr als 50 Prozent des nationalen Nachrichtenmarktes. Der japanische Medienwissenschaftler Hiroko Nojiki kritisiert "die außerordentliche Auflagenstärke und die Tendenz zur Konzentration und Monopolisierung". Experten, wie Jochen Legewie von CNC Japan, sprechen auch von einem "Quasikartell" japanischer Medien. Der japanische Wissenschaftsjournalist Shozo Yorozu widerspricht im Interview mit Medien Monitor: "Das japanische Mediensystem funktioniert."
Dass die meisten Journalisten konkurrierender Tageszeitungen nicht nur über einen vergleichbaren Informationsstand verfügen, sondern darüber hinaus – auch bedingt durch die räumliche Nähe in den Presseclubs – oft zusammenarbeiten, schadet der Meinungsvielfalt japanischer Medien. Ein Wettbewerb um Informationen findet de facto nicht statt. Hintergrundinformationen werden auch zwischen Konkurrenten ausgetauscht, Nachrichten und Überschriften noch vor dem Druck abgeglichen. Diese selbstoktroyierte Gleichschaltung der großen Verlagshäuser führt zu einer Konformität japanischer Zeitungen, die zwar die höchsten Auflagen haben, oft aber auch für ihren fehlenden Pluralismus als die "langweiligsten der Welt" kritisiert werden. Jochen Legewie zieht Bilanz: "Zu den Verlierern zählt dagegen die japanische Öffentlichkeit, der systembedingt viele Informationen verborgen bleiben."
Widersprüche bleiben bestehen
Die Hoffnung auf Meinungsvielfalt und kritischen Journalismus konzentriert sich daher auf die Nicht-Mitglieder von Presseclubs. Die vielseitig und heterogen organisierten "Outside-Medien" müssen zwar auf den privilegierten Zugang zu Informationen verzichten, sind dafür allerdings unabhängiger bei ihren Recherchen, deren Ergebnisse sie – im Rahmen der generellen journalistischen Kultur Japans – frei publizieren können. Eine weitere Chance auf einen pluralen Austausch von Nachrichten und Meinungen bieten die Schätzungen zu Folge mehr als fünf Millionen japanischen Blogs.
Doch aktuell dominieren die großen Medien, allen voran die auflagen- und reichweitestarken Zeitungen, den japanischen Meinungsmarkt. Die angesprochenen Privilegien und Probleme der Presseclubs lassen Japans Medien eher als "Diener des Staates" denn als einen "Wachhund der Gesellschaft erscheinen. Eine Veränderung ist nicht zu erwarten: Alle Versuche, das System aufzulösen, sind in der Vergangenheit gescheitert. Der Widerspruch zwischen starken Zeitungen und schwachen Journalisten, das Dilemma zwischen vielen Informationen und wenigen Möglichkeiten, diese hintergründig zu publizieren, bleibt bestehen. Sie sind charakteristisch für das japanische Mediensystem.
Der Medienwissenschaftler Ralf Siepmann fasst zusammen: "Yin und Yang, das Neben- und Miteinander von Tradition und Moderne, von vorzivilisatorischen Haltungen und globalen Standards – dieses Grundmuster ist auch für den Journalismus des Landes konstitutiv."
"Kritisch, aber höflich" - Ein Interview mit dem japansichen Journalisten Shozu Yorozu
Externe Links
"Das Presseclubsystem" von Jochen Legewie auf CNC - Communications
"Japans Medien - Die vierte Macht im Staat" von Jochen Legewie auf CNC Communications
Länderinformationen Japan - Das Auswärtige Amt
Text: Janis Brinkmann
Teaserbild:flickr.com/Okinawa Soba
Bilder: flickr.com/joemurphy; flickr.com/Tavallai; flickr.com/dlisbona; flickr.com/midorisyu






