Medien Monitor - Online-Magazin für den aktuellen Medienjournalismus

Tagung

Berührungsängste: fehl am Platz

Es geht dem Journalismus an den Kragen. Der Angreifer: das Internet. Mit neuen Geschäftsmodellen übertrumpfen Einzelkämpfer, Netzwerke und Firmen die Medienhäuser. Wer dagegen halten will, muss sich mehr einfallen lassen, als Artikel eins zu eins ins Netz zu verfrachten. Über Möglichkeiten und Bedrohungen für Lokalzeitungen sprach Medienberaterin Katja Riefler auf der Dortmunder Tagung zum Lokaljournalismus.

Als Redakteur twittern oder nicht twittern? Die ewige Diskussion...

Dortmund. Das Internet ist die große Konkurrenz der Lokalmedien. Das wurde im Laufe des 18. Forums Lokaljournalismus in Dortmund wohl auch dem Letzten klar. Da wollte die Erkenntnis, dass der Bedeutungszuwachs des Webs immens sein und der Durchschnittsbürger bald zwei Drittel seiner Mediennutzungsdauer online verbringen würde, irgendwie niemanden mehr so recht überraschen. Dennoch versuchte Katja Riefler, Medienberaterin bei Risolutions, noch einmal, die Journalistenmeute - vorwiegend aus dem Print-Bereich - wachzurütteln. "Man kann sich der Digitalisierug nicht mehr entziehen. Im Jahr 2020 werden 80 Prozent der Medien digitalisiert sein", lautet ihre Prognose. Es sei nicht nur wichtig, die Augen offen zu halten - für das, was sich im Internet tut. Es komme auch darauf an, sich selbst auszuprobieren.

In dieser Hinsicht sieht Alexander Houben sein Medium, den Trierischen Volksfreund, schon ganz weit vorne. "Wir haben zum Beispiel ein Edelprofil bei StudiVZ. Auch mittels Facebook und Twitter erhöhen wir unsere Reichweite. Unsere Strategie ist: Wir wollen in alle Nischen rein und auf allen Kanälen präsent sein." Die Reichweite scheint in Sachen Online das entscheidende Stichwort zu sein. Denn ein Patentrezept, wie sich mit dem eigenem Internet-Auftritt auch Geld verdienen lässt, hat bisher keiner gefunden. "Es wird wohl auf eine reine Reichweitenvermarktung hinauslaufen", sagte Houben.

Mehr als nur Zeitung im Netz

StudiVZ ist erst der Anfang in Sachen "Social Web".

Dass das Web mehr sein muss als einfach nur ins Netz kopierte Zeitungsartikel, scheint klar. "Dazu muss der Change-Prozess in den Köpfen der Menschen anfangen", sagt Lutz Feierabend, stellvertretender Chefredakteur des Kölner Stadt-Anzeigers. Und mit Menschen meint er in diesem Fall wohl die Journalisten. Denn das sei es, was oft passiere, "wenn man Printler zu Onlinern macht" - das gedruckte Medium wird einfach eins zu eins ins Internet übertragen. Um das zu verhindern, müsse man vor allem Experimentieren, sagte Riefler. Berührungsängste seien dabei laut Houben fehl am Platz. "Man muss auch den Mut haben, etwas wieder einzustampfen, was nicht funktioniert", sagt er.

Doch auch wenn das ein oder andere Printmedium wie der Trierische Volksfreund schon feißig experimentiert, ist mit Facebook, StudiVZ und Twitter das Ende der Fahnenstange längst nicht erreicht. Welche anderen innovativen Konzepte und Bedrohungen sich bereits auf dem Markt befinden, machte Katja Riefler anhand eines Blickes auf verschiedene Modelle im In- und Ausland klar.

Nase Adresa - frischer Wind aus Tschechien
Nase Adresa (übersetzt "Unsere Adresse"), ein Unternehmen von PPF Media, publiziert ausschließlich Ausgaben für Orte, die nicht mehr als 30.000 Einwohner haben. In Verbindung dazu entsteht jeweils eine hyperlokale Website. Das Besondere an dem Prager Projekt: Die lokalen Reporterteams arbeiten in "Nachrichten-Cafés" oder Internet-Bistros. "Dabei handelt sich um richtige Cafés - so wie Starbucks zum Beispiel", erklärt Katja Riefler. Sinn und Zweck ist es, an diesen Orten mit Lesern und potenziellen Informanten bei einem Kaffee ins Gespräch zu kommen. Alle sieben Ausgaben von Nase Adresa sind rasch zu den meistverkauften Zeitungen in den betreffenden Märkten avanciert. Ziel des Unternehmens ist es, in den nächsten drei Jahren 200 verschiedene "hyperlokale" Wochenzeitungen in der Tschechischen Republik auf den Markt zu bringen.

Heddesheimblog - Konkurrenz des Mannheimer Morgen
Im Mai 2009 startete der Lokaljournalist Hardy Prothmann mit heddesheimblog.de. Sein Motto: "Bratwürste gehören auf den Grill, nicht in den Journalismus". Es handelt sich dabei um eine Art Lokalzeitung im Netz. Diese wurde für die Stadt Heddesheim in Nordbaden (11.500 Einwohner) entwickelt. Inzwischen hat Prothmanns Projekt für jede Menge Aufsehen in der Medienbranche gesorgt und macht dem lokalen Print-Anbieter, dem Mannheimer Morgen, starke Konkurrenz. Hardy Prothmann baut indessen weiter aus: Fünf weitere Lokalblogs sollen aufgebaut und drei bis vier bezahlte Mitarbeiter eingestellt werden. Für seinen Blog wurde Hardy Prothmann bereits von der Jury des Mediummagazins ausgezeichnet und auf Platz drei in der Kategorie "Regionale Autoren" gewählt.

LocalXXL - Nachrichten aus deiner Stadt
LocalXXL ist ein Web-Projekt für lokale Nachrichten. Es wird von redaktionellen Partnern und von Bürgerinnen und Bürgern mit Lokalnachrichten versorgt und bündelt somit lokale Nachrichten für verschieden Standorte in Deutschland.

Suite101.de - Vernetzte Konkurrenten
Die Konkurrenz aus dem Internet gegenüber Lokalzeitungen geht längst nicht mehr nur von Einzelkämpfern aus. Inzwischen schließen sich mehrere Schreiber zu Autorennetzwerken zusammen. Worin deren Motivation liegt? "Die meinen, sie könnten die lokale Berichterstattung besser meistern und kümmern sich engagierter um die Belange der Leser", sagt Katja Riefler. Ein deutsches Beispiel sei Suite101.de. Auch in Amerika bestehen diese Netzwerke: Examiner.com ist eines davon.

Demand Media - Inhalt auf Bestellung
Shawn Colo gründete das US-Medienunternehmen Demand Media. Die Artikel werden von freien Mitarbeitern geschrieben, die sich etwas dazuverdienen wollen. Etwa 20 Dollar gibt es pro Geschichte. Worüber berichtet werden soll, bestimmt Demand Media. Vorab wird nämlich das Internet analysiert und anhand von Suchmaschinenabfragen herausgefunden, was die Menschen lesen wollen. Gibt es zu einem Thema, das Internetnutzer bei Google suchen, keinen oder nur wenig Inhalt, dann lässt Demand Media einen Text produzieren. Inzwischen produzieren die weltweiten Zuarbeiter etwa 4.000 Texte und Videos pro Tag und liefern somit das perfekte Futter für die Suchmaschinen. Warum Firmen wie Demand Media zumeist erfolgreicher sind als Tageszeitungen, wenn es darum geht, profitable Konzepte für das Internet zu entwickeln, erklärt Katja Riefler: "Diese Unternehmen müssen von Anfang an wirtschaftlich denken und das tun sie auch, denn sie haben kein zweites Standbein wie Tageszeitungen, die ihr Geld immer noch vorrangig mit dem gedrucktem Produkt machen." Außerdem verfügten Firmen meist über die besseren Technologiekenntnisse und könnten diese besser für eine effiziente Nutzung einsetzen.

Google Wave - Kommentieren in Echtzeit
Google Wave ist ein im Mai 2009 vorgestelltes, internetbasiertes System zur Kommunikation und Zusammenarbeit in Echtzeit. Nicht nur The Seattle Times hat versucht, dieses Tool einzubinden, in dem sie Nutzer in Echtzeit in die verfassten Meldungen schreiben lässt. Auch der Redeye Daily diskutiert auf Google Wave täglich sein Top-Thema.

Text: Maike Freund, Christin Otto & Nora Weis
Fotos: Bosch Power Tools, Maike Freund, Christin Otto & Nora Weis

[Artikel Drucken]Veröffentlicht: 02.02.2010
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